L’amitié franco-allemande existe-t-elle ?

Lisa und ich passen gut zusammen und wir haben uns noch nie die Frage gestellt, ob wir nicht zusammen passen könnten, weil sie Deutsche und ich Franzose bin. In Europa wird jedoch viel darüber gesprochen, ob wir alle zusammen passen, die Franzosen und die Engländer oder die Deutschen und die Griechen oder die Spanier und die Italiener oder die Iren und die Portugiesen.

Heute, an diesem denkwürdigen Tag*, wird das französisch-deutsche Verhältnis wieder besonders stark betont. In Frankreich wie auch in Deutschland gibt es viele kritische Stimmen zu unseren Beziehungen. Deutsche und Franzosen seien einfach zu verschieden, als dass man von einer Freundschaft sprechen könnte. Dafür werden stereotype Bilder bemüht, die diese Behauptung untermauern sollen: Der Franzose, ein Lebemensch par excellence, geht alles Laissez-faire an und der Deutsche ist fleissig, ernst, belehrend und allzu regeltreu – das kann ja nicht gut zusammengehen.

Dabei wird das Bild zur deutsch-französischen Freundschaft in erster Linie von der aktuellen Europa-Politik von Angela Merkel und François Hollande geprägt**. Vor einem Jahr war es noch anders, denn Angela Merkel und Nicolas Sarkozy haben in Europa stärker gemeinsam an einem Strang gezogen, als es die Kanzlerin und der jetzige französische Präsident tun. Wie wäre die mediale Einschätzung der Beziehung vor einem Jahr gewesen? Ich denke, dass sich an diesem Beispiel zeigt, dass insbesondere die persönliche Haltung der agierenden Personen maßgeblich Einfluß auf die zwischeneuropäischen Beziehungen hat.

Contre les préjugés ! Contre les stéréotypes !

* Der 22. Januar 2013 war der 50. Jahrestag des Élyséevertrags. An diesem Tag haben Bundeskanzler Konrad Adenauer und Président Charles de Gaulle den ersten gemeinsamen deutsch-französischen Vertrag nach dem Ende des zweiten Weltkriegs geschlossen.

** Mehr als ein Jahrzehnt später haben sich die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland deutlich verschlechtert – das offizielle Interesse Deutschlands an Verbindungen zu Frankreich ist gering, Frankreich dreht sich um sich selbst und Großbritannien gehört seit dem Brexit nicht mehr zur EU. EU wo gehst du hin?

Welches Bild kommt dir als erstes in den Sinn, wenn du an Deutschland denkst?

Ich denke zuerst an Beethoven. Die Musik von Beethoven, das ist Deutschland für mich. Naja, gleich danach fällt mir Bier ein. Vielleicht aber auch nur, weil ich deutsches Bier so lecker finde. { lacht }. Für die Deutschen ist die Braukunst vielleicht ähnlich wichtig wie für uns Franzosen der Wein. Das merkt man daran, wie stolz jede Region ihr eigenes Bier präsentiert. Wenn es um Eigenschaften geht, dann finde ich, dass die Deutschen oft sehr praktisch denken. Manchmal auch in Richtung „Funktion kommt vor Form“. Dazu gibt es hier eine größere Ausprägung von Individualismus. Es hat vielleicht keine echte Bedeutung, aber ich finde, dass sich der stärkere Individualismus zum Beispiel daran zeigt, dass es in Deutschland meistens zwei Decken in einem Doppelbett gibt. In Frankreich gibt es immer nur eine große Decke für zwei. { lacht }.

Grenzen zu überschreiten bedeutet auch, ein Risiko einzugehen. Es kann leicht passieren, dass man sich ausgegrenzt fühlt. Welche Erfahrungen hast du damit gemacht?

Meine Großeltern sind Algerier. Sie sind Ende 1962, kurz nach der Unabhängigkeit Algeriens, nach Frankreich gegangen. Damals war mein Vater 10 Jahre alt. Für meine Großeltern und auch für meinen Vater und seine Geschwister war es mit Sicherheit viel schwieriger sich zu integrieren, als es für mich hier in Berlin je gewesen ist. Damals hatte Algerien nach einem langen blutigen Krieg die Unabhängigkeit von Frankreich erlangt. Meine Großeltern waren für einige ihrer Verwandten Verräter, weil sie nach Frankreich gegangen sind, obwohl Algerien dann doch unabhängig war. So gab einen Bruch zwischen meinem Großvater und seinen Brüdern und sie haben bis zum Tod meines Großvaters nie wieder Kontakt. In Frankreich wiederum waren meine Großeltern, mein Vater und seine Geschwister für die Franzosen in erster Linie Algerier. Das war auch der Grund, warum mein Vater unbedingt besser Französisch sprechen wollte als alle seine Schulkameraden. Ich selbst musste mich diesem Konflikt der Kulturen nie aussetzen. Ich bin ja in Frankreich geboren, meine Eltern sind Franzosen und mein Vater hat uns die algerische Kultur nie wirklich vermitteln wollen. Auch als ich 2007 nach Berlin gekommen bin, habe ich mich nie ausgegrenzt gefühlt. Ich konnte mich hier gut auf Französisch oder Englisch verständigen, ohne dass ich dafür diskriminiert worden wäre. Ich habe dann ja auch ziemlich schnell Deutsch gelernt, einfach deshalb, weil es mir wichtig ist, die Sprache des Landes zu sprechen, in dem ich lebe. Diesen Ehrgeiz habe ich bestimmt von meinem Vater geerbt. { lacht }.

Woran hat es aus deiner Sicht gelegen, dass es für dich leichter gewesen ist, dich in einem fremden Land gleich wohl zu fühlen?

Die Ausgangssituation lässt sich meiner Meinung nach gar nicht vergleichen. Das wäre so, als ob man – wie die Deutschen so schön sagen – „Äpfel mit Birnen vergleicht.“ Auf Französisch heißt das übrigens „On ne mélange pas les torchons et les serviettes.“ Ich finde den deutschen Spruch aber schöner. { unterbricht sich }. Zurück zum eigentlichen Thema. Für mich war es wesentlich einfacher nach Deutschland zu gehen, weil ich aus freien Stücken nach Berlin gekommen bin. Meine Großeltern waren zwar per Definition keine echten Flüchtlinge, aber ihre Entscheidung damals, nach Frankreich zu gehen, war wohl nicht ganz freiwillig. Es gab sowohl politische als aus wirtschaftliche Gründe für ihre Entscheidung. Meine Entscheidung hingegen war rein persönlich motiviert. Ich wollte einfach ein anderes Land kennen lernen und Berlin erschien mir super interessant. Und da ich ein Job-Angebot in Berlin hatte, habe ich nicht lange gezögert. Gerade in Berlin ist es für junge Menschen recht einfach, Fuß zu fassen. Natürlich sind auch die rein politischen Gegebenheiten ganz andere heutzutage: Deutschland und Frankreich gehören beide zur EU, die Lebensstandards ähneln sich und unsere Länder haben schon längere Zeit keine militärischen Auseinandersetzungen mehr.

Bei der Wahl der Vornamen ging also Klang vor Schönheit?

Könnte man so sagen. Mein Vater wollte für uns unbedingt französische Vornamen. Meine Schwestern heißen Françoise, Geneviève und Hélène und mein älterer Bruder Thierry. Sicher, die Namen klingen schon französisch. Dabei haben sie sich allesamt aus Namen in anderen Sprachen entwickelt . { lacht }. Mein Name kommt zum Beispiel von dem lateinischen Vincentius und bedeutet Der Siegreiche. Thierry stammt von dem altfränkischen thiuda, was kurz und knapp für Der Reiche und Mächtige im Volke steht. Hélène wiederum leitet sich von der griechischen Fruchtbarkeitsgöttin Ἑλένη (Helénē) ab und bedeutet die Sonnenhafte, die Strahlende, die Schöne. Meine Schwester ist in der Tat sehr hübsch und hat auch schon drei Kinder. { lacht }. Ob ich aber so siegreich bin, kann ich gar nicht sagen. Ich bin nicht unzufrieden mit dem, was ich bislang erreicht habe, aber siegreich ist doch noch etwas anderes. Und mein Bruder ist weder reich noch mächtig, haha. Euh, jetzt bin ich vom Thema abgekommen. Wo war ich noch mal? { unterbricht sich }. Ach ja, die Namensherkunft. Was ich sagen will: Wir suchen unsere kulturelle Identität in unseren Namen, was ja auch naheliegend ist. Und dennoch zeigen uns gerade unsere Namen, dass unsere Kulturen sich in einer ständigen Weiterentwicklung befinden und nicht so losgelöst voneinander existieren, wie einige Menschen das gerne glauben möchten. Heute sind wir Franzosen und Deutsche, morgen sind wir Europäer, gestern waren wir Gallier und Germanen und davor viele andere Völker.

Hat dein Vater auch einen französischen Vornamen?

Naja, ich habe ja schon erzählt, dass die Eltern meines Vaters aus Algerien nach Frankreich gegangen sind, als mein Vater 10 Jahre alt gewesen ist. Kaum angekommen, hat er ziemlich schnell einen großen Ehrgeiz entwickelt, besser französisch zu sprechen als seine Klassenkameraden. Er hat das Gefühl gehabt, dass er nur dann mit Respekt behandelt wird, wenn er besser als die anderen und vor allem akzentfrei spricht. Dann hat er die französische Staatsbürgerschaft angenommen, eine Französin geheiratet und ihren Namen angenommen, was eher ungewöhnlich ist in Frankreich. Schließlich er hat fünf französische Kinder gezeugt. { lacht }. Leider hat er nie Arabisch mit uns gesprochen, was ich wirklich bedauerlich finde. Aber seinen arabischen Vornamen – er heißt Rabah –den konnte mein Vater nie ablegen. Ich glaube aber, dass er es getan hätte, wenn er die Möglichkeit dazu gehabt hätte.

Du klingst so, als ob du froh darüber bist, dass er das nicht tun konnte?

Ja, ehrlich gesagt, bin ich sehr froh darüber. Mein Vater ist ein großartiger Mensch, aber ich habe nie verstanden, warum er seine algerischen Wurzeln so komplett ausreissen wollte. Zum Glück musste er seinen schönen Vornamen behalten. Rabah heißt Gewinner. Allerdings mag ich die Bedeutung im Afghanischen lieber: Geschichtenerzähler. Mein Vater ist in der Tat ein großer Geschichtenerzähler, ich kenne niemanden, der so mitreißend erzählen kann wie er. Vielleicht ist das ja sogar eine Eigenschaft, die man dem arabischen Kulturkreis zuschreiben kann – Geschichten erzählen. Wie in Tausend und eine Nacht. { denkt nach }. Da passt der Name wieder zu dem Menschen. Ob er will oder nicht { lacht }.

Buon Natale

Le petit prince ist vielleicht die bekannteste Geschichte der Welt. Meine Großmutter hat uns an Weihnachten immer das 21. Kapitel vorgelesen, in dem der kleine Prinz von seiner Begegnung mit dem Fuchs erzählt. Deshalb ist dieses Buch für mich ein Weihnachtsbuch und ich kann es seitdem nur in der Weihnachtszeit lesen, auch wenn es keinen direkten Bezug zu diesem Fest hat.

Das Kapitel XXI erzählt von Freundschaft und Liebe. Der Fuchs wird von dem kleinen Prinzen gezähmt und als der Abschied naht, vertraut der Fuchs dem kleinen Prinzen das wohl berühmteste Geheimnis der Welt an.

Wir Enkelkinder haben uns fast noch mehr auf die Lesestunde mit meiner Großmutter gefreut als auf das festliche Essen oder die Geschenke am nächsten Morgen. Manchmal habe ich mich weggedreht, damit die anderes nicht sehen, dass ich Tränen in den Augen habe. Ich glaube fast, die anderen Kinder haben dasselbe getan. Es ist eine der schönsten Erinnerungen, die ich in mir trage.

Meine Großmutter lebt nun schon ein paar Jahre nicht mehr und ich habe das Buch auch schon lange nicht mehr gelesen. Dieses Weihnachtsfest verbringe ich mit Lisa in Deutschland. Vielleicht sollte ich ihr die Geschichte vorlesen?

{ Der Klick zum Hören } Le petit prince et le renard

On ne voit bien qu’avec le cœur. L’essentiel est invisible pour les yeux.

Joyeux Noël

Heute ist Nikolaus, der Tag an dem kleine und große Kinder in Deutschland ihre (geputzten) Stiefel vor die Tür stellen, die der Nikolaus nachts mit allerlei Süßigkeiten füllt. Manchmal kommt er auch in Persona in Kindergärten oder Schulen vorbei. Auf jeden Fall trifft man ihn im Dezember sehr oft in Deutschland an, meistens auf Weihnachtsmärkten oder in Einkaufszentren. In Frankreich läuft er auch gerne durch die Gegend, aber bei uns ist der Nikolaus gleichzeitig der Pere Noël, so genau lässt sich da kein Unterschied feststellen.

Aber heute ist der Gedenktag an Nikolaus von Myra, der an einem 6. Dezember im 4. Jahrhundert verstorben sein soll. Um den heiligen Mann ranken sich viele Legenden, die schönste aber wie ich finde, ist folgende:

Ein armer Mann hatte nicht die nötige Mitgift, um seine drei Töchter standesgemäß zu verheiraten. Also sah er keinen anderen Ausweg, als die Mädchen zu Prostituierten zu machen. Nikolaus, der über ein größeres Vermögen verfügte, hörte von dem Umglück des Vaters und seiner drei Töchter und schlich sich heimlich zu dem Haus der Familie. Er warf einen Goldklumpen durch das Fenster in das Zimmer der Jungfrauen und wiederholte diese Tat in den zwei folgenden Nächten. In der dritten Nacht wurde Nikolaus von dem Vater überrascht, der ihn mit Dank überschüttete, da die Mitgift für seine Töchter nun gesichert war.

Übrigens soll Nikolaus bereits als Säugling schon sehr fromm gewesen sein. So liess er sich an den Fastentagen der Woche, am Mittwoch und am Freitag, nur einmal am Tag von seiner Mutter stillen. Und als er das erste Mal gebadet werden sollte, stand er aufrecht ohne fremde Hilfe in der Wanne. So ist das mit den Heiligen – ihr Leben ist ein Mythos vom Anfang bis zum Ende. Schade, dass ich den Mythos erst in Deutschland kennengelernt habe. Katho hin, katho her – in Frankreich war der 6. Dezember immer ein ganz normaler Tag für mich.

Betreff: Lust auf ein Interview?

An: Vincent <vincent@life-minutes.de>
Von: Sevtap <sevtap@life-minutes.de>
Datum: 23. November 2012 14:14:23 MESZ

Hey Sevtap,

wie geht’s? Ich komme gerade von meinem Interview mit Lisas Schwester – hat wirklich Spaß gemacht. Emma arbeitet an einer Reportage über Grenzgänger. Sie befragt dazu Leute, deren Leben durch das Überschreiten von Grenzen erheblich beeinflusst ist. Dabei benutzt Emma reale staatliche Grenzen eher als Metaphern für die Grenzen, die wir in unseren Köpfen haben. Ich finde das Projekt echt spannend und habe sofort zugesagt, als Emma mich gefragt hat, ob ich ihr ein Interview geben mag.

Ich habe ihr erzählt, wie meine algerischen Großeltern nach Frankreich gekommen sind und wie es für meinen Vater gewesen ist, der in Frankreich geboren und aufgewachsen ist. Er kennt Algerien nicht besser als ich, also nur durch wenige kurze Besuche. Ich habe an dich gedacht, weil wir uns vor kurzem länger über unsere Familien unterhalten haben. Deine Großeltern sind ja auch von der Türkei nach Deutschland eingewandert, allerdings sind deine Eltern noch in der Türkei geboren, dann aber in Deutschland aufgewachsen.

Emma sucht genau solche Geschichten und du hast einiges zu erzählen. Vielleicht hast du Lust, dich mit Emma zu treffen? Du kannst dich direkt mit ihr in Verbindung setzen, du kennst sie ja. Überleg es dir, Emma freut sich bestimmt.

A+
Vince

P.S. Lisa und ich gehen heute Abend ins Kino und sehen uns Cloud Atlas an. Sag Bescheid, ob du Zeit und Lust hast, mitzukommen.

Betreff: Bin noch in Frankreich

An: Peter <peter@life-minutes.de>
Von: Vincent <vincent@life-minutes.de>
Datum: 08. November 2012 10:47:23 MESZ

Hallo Peter,

es tut mir leid, aber mit Proben wird es dieses Wochenende nichts. Ich bin noch in Frankreich, aber meinem Vater geht wieder besser. Es hatte zum Glück keinen Herzinfarkt, allerdings können die Ärzte noch nicht genau sagen, was mit ihm los ist.

Es ist komisch, meinen Vater so bleich und kraftlos in einem Krankenhausbett zu sehen. Ich erkenne ihn so fast gar nicht wieder. Als ob dort ein anderer Mensch liegen würde. Vielleicht können wir darüber mal einen Song machen? Ich meine jetzt nicht über den Tod, sondern darüber, was passiert, wenn Menschen krank werden. Ist es nur das Bild, das wir von anderen Personen haben und das dann nicht mehr passt, weshalb sich der Mensch in unseren Augen verändert hat? Oder verändern wir uns selbst, wenn wir geschwächt sind? Nicht nur äußerlich, weil wir bleich oder eingefallen oder müde aussehen. Sondern auch innerlich.

Niemand möchte krank sein. Kranksein bedeutet Schwäche zu zeigen. Verändern wir uns deshalb, wenn wir krank sind, weil wir Angst haben vor den mitleidigen Blicken der Gesunden? Wir ziehen uns zurück, wir verstecken uns, wir werden wortkarg und reden am liebsten mit uns selbst.

Nun ja, du merkst, das Thema beschäftigt mich. Deshalb die Idee für einen Song. Text und Sound müssen ja gar nicht depressiv klingen. Le rire est le meilleur des remèdes. Sagt man im Deutschen glaube ich auch so. Na ja, können wir ja noch drüber reden, wenn ich wieder in Berlin bin. Ich komme übrigens am Dienstag nachmittags an. Wir könnten uns dann Mittwoch oder Donnerstag treffen, passt für dich und die Jungs?

Umarme meine liebste Lisa ganz fest, wenn du sie siehst. Gros bisous, vieux sac !

Vince

Im Moment des Zusammenkommens beginnt die Trennung

Leur séparation commence dès leur rencontre. Im Moment des Zusammenkommens beginnt die Trennung. Diese senegalesische Weisheit hat Patrice mal zitiert. Ich weiß nicht mehr, wann er mir das gesagt hat, aber ich habe oft an den Spruch denken müssen. Wie wahr er ist, dass merke ich gerade.

Meine Mutter hat heute angerufen. Mein Vater liegt im Krankenhaus. Er hatte einen Zusammenbruch und liegt auf der Intensivstation. Die Ärzte wissen noch nicht, ob es ein Herzinfarkt ist. Oder etwas anderes mit dem Herzen. Oder vielleicht auch etwas ganz anderes. Komisch, dass es meinen Vater getroffen hat. Ihn, der immer sportlich gewesen ist, nie geraucht und nur mäßig getrunken hat. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass er jemals krank gewesen wäre. Noch nicht mal ein Schnupfen oder Kopfschmerzen. Er war immer stark, gesund und voller Tatendrang. Ich kann mir absolut nicht vorstellen, wie er da in einem sterilen Zimmer liegt, einen Tropf im Arm, sein Gesicht weiß wie die Zimmerwand und mit müden Augen. Das ist nicht er.

Für meine Mutter ist es besonders schlimm. Sie hat sehr verzweifelt geklungen am Telefon. Und sie hat geweint. Als sie mir erzählt hat, dass mein Vater im Krankenhaus ist, ist mir etwas eingefallen. Ich glaube fast, dass meine Eltern seit dem Tag, an dem sie zusammen gekommen sind, keinen einzigen Tag getrennt gewesen sind. Und meine Eltern sind über 30 Jahren zusammen. Krass. Und dann habe ich an den Spruch denken müssen, den Patrice mir mal gesagt hat.

In dem Moment, wo Du auf einen Menschen triffst, den Du liebst, in diesem Augenblick ist eigentlich schon klar, dass es irgendwann eine Trennung geben muss. Kein Anfang ohne Ende. Kein Leben ohne Tod. Wir denken natürlich nicht daran. Denn würden wir ständig daran denken, an das schreckliche Gefühl, das man hat, wenn man sich trennt oder getrennt wird. Wir würden ja keine Beziehung mehr eingehen oder Kinder bekommen wollen. Dann würde die Welt sehr einsam werden.

Meine Mutter ist gerade alleine zu Hause. Sie darf nicht bei meinem Vater sein, heute zumindest nicht. Und das bricht ihr das Herz. Alleine sein und einsam sein, dass ist nicht unbedingt dasselbe. Wenn aber das Alleinsein unfreiwillig ist, dann ist die Einsamkeit da. Meine Mutter will auf gar keinen Fall ohne meinen Vater sein. Aber jetzt geht es nicht anders. Und sie fühlt sich furchtbar einsam. Es bricht mir das Herz, wenn ich an meine Mutter denke und fühle, wie sehr sie leidet. Ich sollte nach Frankreich fahren. Morgen.

Liebe hat ja nichts mit Herkunft oder Kultur zu tun

Nett ist nicht gerade ein freundliches Wort im Deutschen. Man sagt auch: „Nett ist der kleine Bruder von Sch***.“ Nach dem Spruch wird hier herzhaft gelacht. Ist das lustig? Ach, die Deutschen und ihr Humor sind manchmal schwer zu verstehen. Hier werden gerne lustige Sprüche geklopft. Wenn also nett nicht nett ist, ist dann der Kommentar auf Facebook* zu einem Profilbild „Na, heute mal wieder fotogeshopt**? Steht dir gut – du siehst wirklich viel besser aus!“ nett? Oder nicht nett? Verwirrend das alles.

Ich bin jetzt schon fünf Jahre in Deutschland, aber ich glaube, dass die Eigenheiten einer anderen Kultur am schwierigsten zu verstehen ist. Selbst wenn man lange in einem anderen Land lebt, fühlt man die kulturellen Unterschiede noch. Die Sprache zu lernen ist eines. Und dass Sprache der Schlüssel zur Integration ist, ist auch kein Geheimnis. Aber trotzdem gibt es im kulturellen Subtext einiges, was nicht verstehbar ist. So ist es auch mit Lisa. Im Allgemeinen verstehen wir uns großartig. Liebe hat ja nichts mit Herkunft oder Kultur zu tun. Aber es gibt immer wieder Situationen, in denen ich merke, wie deutsch Lisa ist und wie französisch ich bin. Das meine ich gar nicht wertend. Aber es ist einfach so.

Vor ein paar Tagen zum Bespiel: Lisa und ich sind ins Kino gegangen und haben uns Berlin – Die Sinfonie der Grosstadt angesehen. Als wir unsere Fahrräder im Hof an ein Geländer anschließen wollten, kam eine Frau aus dem Laden gegenüber rausgerannt, nur um uns darüber aufzuklären, dass es hier verboten sei, Fahrräder anzuschließen. Warum das so sein sollte, konnte ich nicht verstehen. Das ist nur ein Geländer, die Fahrräder stehen nicht Weg, wenn man sie da anschließt und sie versperren auch den Weg nicht. Ich habe dann angefangen, mit der Frau zu diskutieren und habe ihr schließlich gesagt, dass sie das ja nichts angehe, schließlich sei es nicht ihr Hof und nicht ihr Geländer. Die Frau war ziemlich sauer, dass habe ich schon gemerkt. Und Lisa auch – ihr war es sichtlich unangenehm, dass ich mit der Frau gestritten habe. Schließlich ist die Frau wütend in den Laden zurück und zischte noch, dass wir uns nicht wundern sollten, wenn die Räder nachher nicht mehr da seien. Daraufhin wollte Lisa die Fahrräder partout woanders anschließen. Wir haben uns dann ein bisschen angenervt, am Ende habe ich mein Fahrrad dort am Geländer stehen gelassen und Lisa hat sich einen anderen Platz gesucht.

In Deutschland sind die Leute daran gewöhnt, dass es für alles Vorschriften gibt und dass man sich an diese Vorschriften vorschriftsmäßig hält. Kein Wunder also, dass Deutschland das Land mit den meisten Gesetzen auf dieser Welt ist. Dazu werden die Vorschriften hier auch gerne selbst gemacht und dann ist es plötzlich verboten, dieses oder jenes zu tun. Manchmal habe ich tatsächlich das Gefühl, dass das Wort „verboten“ ein Lieblingsbegriff der Deutschen ist. Ich finde diese Regeltreue schon komisch. In Frankreich würde kein Mensch auf Idee kommen, dir zu sagen, dass du dein Fahrrad nicht an ein Geländer schließen sollst. Hier schon. Und die Leute befolgen es, als sei es gesetzlich festgeschrieben und man könnte bestraft werden, wenn man sich nicht daran hält. Das ist wirklich seltsam.

Sebastian Block und Band, live und mit neuen Songs.

Jetzt muss mich aber beeilen, bin schon wieder zu spät dran. Lisa sagt ja, dass es typisch für mich ist, dass ich immer zu spät komme. Auch so ein Kulturding … Aber los jetzt. In 20 Minuten treffe ich mit Lisa und Peter an der Noisy Stage. Jetzt ist gerade Berlin Music Week und heute spielt Sebastian Block und Band. Ist schon eine Weile her, dass ich die live gesehen habe und somit wieder an der Zeit. Macht immer wieder Spaß auf einem Konzert von Sebastian Block zu sein. Ich mag deutsche Musik, besonders wenn sie poppig-melancholisch daherkommt. Außerdem ist der Bassist Franzose und mag deutschen Pop genau gerne wie ich.

Die Playlist der Band für das heutige Konzert.

Mein Fahrrad stand übrigens noch immer da, als wir aus dem Kino gekommen sind.

Anmerkung der Autorin:

* Ja, 2012 gab es zwar schon Instagram, aber Facebook war der Social Media Place to be.

** Die Bilder wurden übrigens nicht gefiltert, sondern gefotoshopt. Das war ein Programm, richtig teuer und kompliziert zu bedienen, und es hat aber seinen Zweck erfüllt, wenn es darum ging, ein Foto aufzuhübschen.