Die Geburt

Am 23. Februar 1941 hat die deutsche Polizei in den Niederlanden die erste große Razzia durchgeführt, bei der mehr als 400 jüdische Männer in das Konzentrationslager Mauthausen bei Linz in Österreich verschleppt wurden. An diesem Tag habe ich um genau 06:54 das graue Licht der winterlichen Berliner Morgendämmerung erblickt. Die Umstände erforderten es, dass meine Mutter mich auf einem Dachboden eines Berliner Mietshauses zur Welt bringen musste. Meine Eltern konnten nicht in ein Krankenhaus gehen, da sie in ihrem Versteck bleiben mussten. Glücklicherweise habe ich bei meiner Geburt nur leise gewimmert, ganz so, als ob ich schon geahnt hätte, dass ich ganz still sein muss, damit wir nicht entdeckt werden. Auf dem Dachboden muss es ziemlich kalt gewesen sein an diesem Morgen, aber es gab keine andere Möglichkeit.

Meine Eltern lebten damals in eben jenem Mietshaus in einem kleinen Hinterzimmer, dessen Zugang von einen schweren Eichenschrank unsichtbar für Besucher versperrt war. Das Hinterzimmer gehörte zu der kleinen Wohnung einer alten Dame, die meinen Eltern Zuflucht gewährt hatte. Nachdem meine Geburt trotz aller Widrigkeiten gut gelungen war, konnten meine Eltern gemeinsam mit mir in ihren Salon zurück. So nannte mein Vater das kleine Versteck, wie ich später erfahren habe.

Die ersten Tage meines Lebens verliefen ruhig, dann wurde meine Mutter krank. Sie hatte sich einen aggressiven Grippevirus eingefangen, das Fieber stieg von Stunde zu Stunde und mein Vater verzweifelte zunehmend. Als meine Mutter schließlich in Fieberträumen halluzinierte und nicht mehr in Lage war, mir ihre Brust zu geben, hielt mein Vater es nicht mehr aus. Obwohl er wusste, dass er ein sehr großes Risiko einging, nahm er all seinen Mut zusammen und klingelte bei den Nachbarn der alten Dame. Als die Frau öffnete, sagte mein Vater: Bitte, bitte helfen Sie uns. Meine Frau und mein Kind, sie sterben. Wir brauchen Hilfe.

Gibt es die deutsch-französische Freundschaft?

Heute* ist ein bedeutender Tag in der Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen. Ein guter Grund, meine eigene Beziehung genauer zu betrachten. Vince und ich sind seit mehr als 3 Jahren zusammen. Wir passen gut zusammen und haben uns noch nie gefragt, ob unsere Herkunft auf unsere Beziehung großen Einfluss hat. Wir lieben uns und unsere Liebe kennt keine kulturellen Grenzen, die für uns unüberwindbar wären.

Ich bin manchmal deutsch und manchmal nicht. Vince ist manchmal französisch und manchmal nicht. Wir sprechen häufiger deutsch als französisch, schauen uns aber mehr französische als deutsche Filme im Kino an. Wir bevorzugen die französische Küche, aber deutsche Wurst und deutsches Bier mögen wir beide gerne. Wir hören deutsche und französische Musik, aber am häufigsten wahrscheinlich doch englischsprachigen Pop. Wir mögen deutsche Wälder und die französische Küsten, die Berge und Städte in beiden Ländern. Im Winter wären wir lieber in Frankreich, weil der Himmel dort blauer ist als hier. Im Sommer freuen wir uns über Berlin und die Seen drumherum.

Sich Vorurteilen passiv hinzugeben ist einfach. Gegen Vorurteile aktiv anzugehen bedeutet Anstrengung – allerdings eine Anstrengung, die belohnt wird.

* Der 22. Januar 2013 war der 50. Jahrestag des Élyséevertrags. An diesem Tag haben Bundeskanzler Konrad Adenauer und Président Charles de Gaulle den ersten gemeinsamen deutsch-französischen Vertrag nach dem Ende des zweiten Weltkriegs geschlossen.

L’amitié franco-allemande existe-t-elle ?

Lisa und ich passen gut zusammen und wir haben uns noch nie die Frage gestellt, ob wir nicht zusammen passen könnten, weil sie Deutsche und ich Franzose bin. In Europa wird jedoch viel darüber gesprochen, ob wir alle zusammen passen, die Franzosen und die Engländer oder die Deutschen und die Griechen oder die Spanier und die Italiener oder die Iren und die Portugiesen.

Heute, an diesem denkwürdigen Tag*, wird das französisch-deutsche Verhältnis wieder besonders stark betont. In Frankreich wie auch in Deutschland gibt es viele kritische Stimmen zu unseren Beziehungen. Deutsche und Franzosen seien einfach zu verschieden, als dass man von einer Freundschaft sprechen könnte. Dafür werden stereotype Bilder bemüht, die diese Behauptung untermauern sollen: Der Franzose, ein Lebemensch par excellence, geht alles Laissez-faire an und der Deutsche ist fleissig, ernst, belehrend und allzu regeltreu – das kann ja nicht gut zusammengehen.

Dabei wird das Bild zur deutsch-französischen Freundschaft in erster Linie von der aktuellen Europa-Politik von Angela Merkel und François Hollande geprägt**. Vor einem Jahr war es noch anders, denn Angela Merkel und Nicolas Sarkozy haben in Europa stärker gemeinsam an einem Strang gezogen, als es die Kanzlerin und der jetzige französische Präsident tun. Wie wäre die mediale Einschätzung der Beziehung vor einem Jahr gewesen? Ich denke, dass sich an diesem Beispiel zeigt, dass insbesondere die persönliche Haltung der agierenden Personen maßgeblich Einfluß auf die zwischeneuropäischen Beziehungen hat.

Contre les préjugés ! Contre les stéréotypes !

* Der 22. Januar 2013 war der 50. Jahrestag des Élyséevertrags. An diesem Tag haben Bundeskanzler Konrad Adenauer und Président Charles de Gaulle den ersten gemeinsamen deutsch-französischen Vertrag nach dem Ende des zweiten Weltkriegs geschlossen.

** Mehr als ein Jahrzehnt später haben sich die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland deutlich verschlechtert – das offizielle Interesse Deutschlands an Verbindungen zu Frankreich ist gering, Frankreich dreht sich um sich selbst und Großbritannien gehört seit dem Brexit nicht mehr zur EU. EU wo gehst du hin?

Was könnte ich zum Thema der Kolumne machen?

Ich habe den ersten Teil meiner Reportage fertig und fühle mich leicht wie eine Feder. In den letzten Tagen bin ich immer früh aufgewacht, voller Schreibdrang – und das passiert mir nicht oft, wenn es so dunkel und kalt da draußen ist. Das Schreiben ging so gut von der Hand, dass ich eine Woche vor Abgabetermin schon fertig bin mit Teil 1. Ich kann es kaum glauben, es ist jedes Mal ein fast unwirkliches Gefühl, das mich überkommt, wenn ich eine Arbeit abgeschlossen habe. Nun ja, ganz fertig ist es natürlich noch nicht, es fehlt noch der gesamte zweite Teil. Aber trotzdem macht sich Frohsinn in meinem Kopf und in meinem Bauch breit.

Ich werde die Reportage Laurenz in der Redaktion vorbeibringen. Eigentlich könnte ich die Dateien auch über einen FTP-Server* verschicken, aber ich bin ein bisschen abergläubisch. Mir ist die Übergabe auf Papier und von Hand zu Hand sehr wichtig, weil es für mich einen symbolischen Charakter hat. Danach werde ich mir den Tag freinehmen. Ein bisschen durch den Schnee spazieren, mir ein neues Buch kaufen, irgendwo eine heiße Schokolade trinken und das Buch lesen. Das habe ich schon lange nicht mehr gemacht. Morgen kann ich mich dann der Kolumne widmen, die Laurenz auch noch von mir haben wollte. Zwischendrin mal etwas Locker-Flockiges zu schreiben entlastet meine Hirnwindungen und lässt neue Tinte in meinen Federkiel fließen.

| Die Kolumnianerin |

Es war einmal ein König, der sich bei seinem Volke großer Beliebtheit erfreute. Denn der König war lustig und den irdischen Dingen sehr zugetan. Er veranstaltete bunte Feste oder wurde zu fröhlichen Feiern geladen, auf denen er sich gerne zeigte. Auch hatte der Regent stets großartige Ideen, die den Reichtum der Stadt mehren sollten. So sollte das Schloss, das vor Jahren schon bis auf die Grundmauern zerstört worden war, wieder in altem Glanze erstrahlen. Ebenso sollten riesige silbern glänzende Vögel den Himmel durchstreifen und auf ihren Reisen die Bewohner der Stadt mitnehmen, damit sich andere Länder kennenlernen könnten.

Doch eines Tages verlauteten einzelne Stimmen, dass es der schillernden Stadt nur scheinbar gutgehe und dass in den Schatzkammern keine Goldthaler mehr klimperten sondern die Mäuse in den leeren Truhen tanzten. Der König jedoch war ein geschickter Redner und so sprach er von der Stadt, die „arm aber sexy“ sei und ersann damit ein geflügeltes Wort. Die Leute lachten über die Worte, die ihm so leicht über die Lippen gingen. Alsbald sah man an jeder Ecke und an jedem Pfosten die Worte des Königs stehen.

So gingen weitere Jahre ins Land und es gab eine große Not überall, die auch bald in der großen Stadt zu spüren war. Und obwohl die Stadt einst von einem reichen Land umgeben war, so gab es mehr und mehr Menschen hier, die hungern mussten und frieren und die ohne Arbeit und ohne Obdach waren. Doch der König und seine Minister kümmerten sich nicht um die Armut der Menschen in der Stadt, denn sie hatten mit wichtigeren Dingen zu tun. Die Arbeit an dem Schlosse hatte noch immer nicht begonnen. Auch waren die Ställe für die vielen silbernen Vögel nicht fertig geworden und jeden Tag mussten weitere Goldstücke gefunden werden, damit die Ställe vielleicht doch noch errichtet werden konnten. Und so stritten sich der König und die Minister und auch Könige und andere Minister aus anderen Ländern und sie stritten immer weiter darüber, wer hier im Recht und wer im Unrecht sei. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann streiten sie auch heute noch.**

* FTP-Server sind gewissermaßen die Vorläufer von Dropbox, Google Docs oder WeTransfer. Anfang 2013 war ein FTP noch das virtuelle Dateien-Austauschmittel der Wahl und es hat gedauert, bis alles endlich hochgeladen war …

** Emmas Kolumne bezog sich auf die großspurigen Projekte des ehemaligen Bürgermeisters Klaus Wowereit und seinem Filz, die das nicht mehr vorhandene Berliner Schloss wieder haben auferstehen lassen (zumindest von Außen) und den größten deutschen Flughafen BER bauen wollten. Beide Projekte entpuppten sich als veritable Millionengräber und sind – auch wenn beide nun eher weniger als mehr erfolgreich in Betrieb sind – größenwahnsinnige Überbleibsel einer egomanen Politik, deren finanziell desaströse Folgen noch heute zu spüren sind.

Welches Bild kommt dir als erstes in den Sinn, wenn du an Deutschland denkst?

Ich denke zuerst an Beethoven. Die Musik von Beethoven, das ist Deutschland für mich. Naja, gleich danach fällt mir Bier ein. Vielleicht aber auch nur, weil ich deutsches Bier so lecker finde. { lacht }. Für die Deutschen ist die Braukunst vielleicht ähnlich wichtig wie für uns Franzosen der Wein. Das merkt man daran, wie stolz jede Region ihr eigenes Bier präsentiert. Wenn es um Eigenschaften geht, dann finde ich, dass die Deutschen oft sehr praktisch denken. Manchmal auch in Richtung „Funktion kommt vor Form“. Dazu gibt es hier eine größere Ausprägung von Individualismus. Es hat vielleicht keine echte Bedeutung, aber ich finde, dass sich der stärkere Individualismus zum Beispiel daran zeigt, dass es in Deutschland meistens zwei Decken in einem Doppelbett gibt. In Frankreich gibt es immer nur eine große Decke für zwei. { lacht }.

Grenzen zu überschreiten bedeutet auch, ein Risiko einzugehen. Es kann leicht passieren, dass man sich ausgegrenzt fühlt. Welche Erfahrungen hast du damit gemacht?

Meine Großeltern sind Algerier. Sie sind Ende 1962, kurz nach der Unabhängigkeit Algeriens, nach Frankreich gegangen. Damals war mein Vater 10 Jahre alt. Für meine Großeltern und auch für meinen Vater und seine Geschwister war es mit Sicherheit viel schwieriger sich zu integrieren, als es für mich hier in Berlin je gewesen ist. Damals hatte Algerien nach einem langen blutigen Krieg die Unabhängigkeit von Frankreich erlangt. Meine Großeltern waren für einige ihrer Verwandten Verräter, weil sie nach Frankreich gegangen sind, obwohl Algerien dann doch unabhängig war. So gab einen Bruch zwischen meinem Großvater und seinen Brüdern und sie haben bis zum Tod meines Großvaters nie wieder Kontakt. In Frankreich wiederum waren meine Großeltern, mein Vater und seine Geschwister für die Franzosen in erster Linie Algerier. Das war auch der Grund, warum mein Vater unbedingt besser Französisch sprechen wollte als alle seine Schulkameraden. Ich selbst musste mich diesem Konflikt der Kulturen nie aussetzen. Ich bin ja in Frankreich geboren, meine Eltern sind Franzosen und mein Vater hat uns die algerische Kultur nie wirklich vermitteln wollen. Auch als ich 2007 nach Berlin gekommen bin, habe ich mich nie ausgegrenzt gefühlt. Ich konnte mich hier gut auf Französisch oder Englisch verständigen, ohne dass ich dafür diskriminiert worden wäre. Ich habe dann ja auch ziemlich schnell Deutsch gelernt, einfach deshalb, weil es mir wichtig ist, die Sprache des Landes zu sprechen, in dem ich lebe. Diesen Ehrgeiz habe ich bestimmt von meinem Vater geerbt. { lacht }.

Woran hat es aus deiner Sicht gelegen, dass es für dich leichter gewesen ist, dich in einem fremden Land gleich wohl zu fühlen?

Die Ausgangssituation lässt sich meiner Meinung nach gar nicht vergleichen. Das wäre so, als ob man – wie die Deutschen so schön sagen – „Äpfel mit Birnen vergleicht.“ Auf Französisch heißt das übrigens „On ne mélange pas les torchons et les serviettes.“ Ich finde den deutschen Spruch aber schöner. { unterbricht sich }. Zurück zum eigentlichen Thema. Für mich war es wesentlich einfacher nach Deutschland zu gehen, weil ich aus freien Stücken nach Berlin gekommen bin. Meine Großeltern waren zwar per Definition keine echten Flüchtlinge, aber ihre Entscheidung damals, nach Frankreich zu gehen, war wohl nicht ganz freiwillig. Es gab sowohl politische als aus wirtschaftliche Gründe für ihre Entscheidung. Meine Entscheidung hingegen war rein persönlich motiviert. Ich wollte einfach ein anderes Land kennen lernen und Berlin erschien mir super interessant. Und da ich ein Job-Angebot in Berlin hatte, habe ich nicht lange gezögert. Gerade in Berlin ist es für junge Menschen recht einfach, Fuß zu fassen. Natürlich sind auch die rein politischen Gegebenheiten ganz andere heutzutage: Deutschland und Frankreich gehören beide zur EU, die Lebensstandards ähneln sich und unsere Länder haben schon längere Zeit keine militärischen Auseinandersetzungen mehr.

Was hätte ich wohl geantwortet?

Ich war heute mit Vince bei Emma und wir haben uns noch einmal das Interview angehört. Es war irgendwie komisch die Stimme von Vince zu hören und wie er von Dingen erzählt, von denen ich teilweise noch gar nichts wußte. Aber ich finde es toll, dass Vince so offen mit Emma spricht. Die beiden haben auch viel gelacht und hatten offen hörbar viel Spaß. Das ist echt cool.

Ich habe bei einigen Fragen überlegt, was ich wohl geantwortet hätte. Als Mädchen, mit 8 oder 9 Jahren, habe ich mir selbst gerne Fragen gestellt und diese beantwortet. Die Antworten auf die Fragen waren immer anders, je nachdem welche Rolle ich mir selbst zugeschrieben habe. Ich war das bekannteste Mädchen der Welt oder die Anführerin einer Räuberbande oder eine Prinzessin aus 1.001 Nacht. Ich habe meine Interviews in ein Heft geschrieben, dass rosafarbene Blümchen auf dem Einband hatte. Das Heft habe ich immer noch. Es liegt in meiner alten Kommode in der zweiten Schublade von unten. Ich hole es heraus und lese darin, wenn ich Kummer habe. Dann erscheint mir die Welt wieder leichter und heiterer. Ich habe zwei Fragen, die Emma Vince gestellt hat, notiert. Sie sind sehr unterschiedlich und haben keinen Bezug zueinander. Aber es sind Fragen, die mich persönlich etwas angehen. Deshalb wollte ich sie für mich beantworten. Als Lisa.

Grenzen zu überschreiten bedeutet auch, ein Risiko einzugehen. Es kann leicht passieren, dass man sich ausgegrenzt fühlt. Welche Erfahrungen hast du damit gemacht?

Sich ausgegrenzt zu fühlen, hat nicht immer damit zu tun, dass man anders aussieht, aus einem anderen Land kommt, eine andere Sprache spricht oder eine andere Religion hat. Ich habe mich jahrelang ausgegrenzt gefühlt, weil meine Mutter Alkoholikerin gewesen ist. Ich habe natürlich nicht aktiv oder bewusst eine Grenze überschritten. Aber meine Mutter hat das mit ihrer Trinkerei getan. Und mich gewissermaßen einfach mitgenommen und zwar ohne mich zu fragen. Ich habe mich ausgegrenzt gefühlt, weil ich meine Klassenkameraden nicht spontan zu uns nach Hause einladen konnte. Es wäre für mich unerträglich gewesen, wenn meine Schulfreunde meine Mutter betrunken angetroffen hätten. Natürlich haben das viele meiner Freunde seltsam gefunden und haben hinter meinem Rücken darüber gelästert. Manchmal hat mich jemand gefragt, was denn bei uns los sei, weil ich nur selten jemanden mitbringen könne, dass sei ja nicht normal. Aber nie hat mich jemand gefragt, wie es mir geht damit. Auch das ist Ausgrenzung. In diesem Fall hat es für mich keine Sprache gegeben, die ich hätte lernen können, um mich besser verständlich zu machen.

Welches Bild kommt die als erstes in den Sinn, wenn du an Frankreich denkst?

Essen. In Frankreich hat das Essen einen sehr hohen Stellenwert. Jede Region in Frankreich hat ihre eigene kulinarische Spezialität, auf die sie stolz ist. Das kann das Huhn aus der Bresse oder der Camembert aus der Normandie, der Pineau aus der Charente, der Wein aus Bordeaux oder die Linsen aus Puy sein. Aus Deutschland kenne ich das nicht, dass Regionen sich über Essen und Trinken definieren. Gerade in Berlin oder Brandenburg ist das tatsächlich schwierig, denn hier gibt es einfach nichts kulinarisch Erwähnenswertes. Da fällt mir ein, dass es vielleicht nicht ganz so stimmt, was ich gerade gesagt habe. Es gibt auch in Deutschland Regionen, die sich eine kulinarische Identität erschaffen. In Hessen sind das Apfelwein, Handkäse mit Musik oder Grüne Soße. Ich hatte das fast vergessen, weil ich nur zweimal in meinem Leben in Frankfurt gewesen bin, um meine damalige Brieffreundin zu besuchen. Trotzdem glaube ich, dass der kulinarische Stolz in Frankreich stärker ausgeprägt ist als in Deutschland.

Bei der Wahl der Vornamen ging also Klang vor Schönheit?

Könnte man so sagen. Mein Vater wollte für uns unbedingt französische Vornamen. Meine Schwestern heißen Françoise, Geneviève und Hélène und mein älterer Bruder Thierry. Sicher, die Namen klingen schon französisch. Dabei haben sie sich allesamt aus Namen in anderen Sprachen entwickelt . { lacht }. Mein Name kommt zum Beispiel von dem lateinischen Vincentius und bedeutet Der Siegreiche. Thierry stammt von dem altfränkischen thiuda, was kurz und knapp für Der Reiche und Mächtige im Volke steht. Hélène wiederum leitet sich von der griechischen Fruchtbarkeitsgöttin Ἑλένη (Helénē) ab und bedeutet die Sonnenhafte, die Strahlende, die Schöne. Meine Schwester ist in der Tat sehr hübsch und hat auch schon drei Kinder. { lacht }. Ob ich aber so siegreich bin, kann ich gar nicht sagen. Ich bin nicht unzufrieden mit dem, was ich bislang erreicht habe, aber siegreich ist doch noch etwas anderes. Und mein Bruder ist weder reich noch mächtig, haha. Euh, jetzt bin ich vom Thema abgekommen. Wo war ich noch mal? { unterbricht sich }. Ach ja, die Namensherkunft. Was ich sagen will: Wir suchen unsere kulturelle Identität in unseren Namen, was ja auch naheliegend ist. Und dennoch zeigen uns gerade unsere Namen, dass unsere Kulturen sich in einer ständigen Weiterentwicklung befinden und nicht so losgelöst voneinander existieren, wie einige Menschen das gerne glauben möchten. Heute sind wir Franzosen und Deutsche, morgen sind wir Europäer, gestern waren wir Gallier und Germanen und davor viele andere Völker.

Hat dein Vater auch einen französischen Vornamen?

Naja, ich habe ja schon erzählt, dass die Eltern meines Vaters aus Algerien nach Frankreich gegangen sind, als mein Vater 10 Jahre alt gewesen ist. Kaum angekommen, hat er ziemlich schnell einen großen Ehrgeiz entwickelt, besser französisch zu sprechen als seine Klassenkameraden. Er hat das Gefühl gehabt, dass er nur dann mit Respekt behandelt wird, wenn er besser als die anderen und vor allem akzentfrei spricht. Dann hat er die französische Staatsbürgerschaft angenommen, eine Französin geheiratet und ihren Namen angenommen, was eher ungewöhnlich ist in Frankreich. Schließlich er hat fünf französische Kinder gezeugt. { lacht }. Leider hat er nie Arabisch mit uns gesprochen, was ich wirklich bedauerlich finde. Aber seinen arabischen Vornamen – er heißt Rabah –den konnte mein Vater nie ablegen. Ich glaube aber, dass er es getan hätte, wenn er die Möglichkeit dazu gehabt hätte.

Du klingst so, als ob du froh darüber bist, dass er das nicht tun konnte?

Ja, ehrlich gesagt, bin ich sehr froh darüber. Mein Vater ist ein großartiger Mensch, aber ich habe nie verstanden, warum er seine algerischen Wurzeln so komplett ausreissen wollte. Zum Glück musste er seinen schönen Vornamen behalten. Rabah heißt Gewinner. Allerdings mag ich die Bedeutung im Afghanischen lieber: Geschichtenerzähler. Mein Vater ist in der Tat ein großer Geschichtenerzähler, ich kenne niemanden, der so mitreißend erzählen kann wie er. Vielleicht ist das ja sogar eine Eigenschaft, die man dem arabischen Kulturkreis zuschreiben kann – Geschichten erzählen. Wie in Tausend und eine Nacht. { denkt nach }. Da passt der Name wieder zu dem Menschen. Ob er will oder nicht { lacht }.

Kann ein Jahr besser anfangen als dieses?

Weihnachten war ganz wunderbar. Ich war mit Josh bei seinen Eltern in den USA und habe ein paar Tage richtig ausspannen können. Josh war so unglaublich lieb zu mir, man könnte fast glauben, er habe ein schlechtes Gewissen. Wahrscheinlich hat er das sogar, weil er so oft unterwegs ist und vielleicht denkt, dass ich zu kurz komme. Dabei ist es für mich vollkommen in Ordnung, dass wir uns nicht ständig sehen. Sonst würden wir es vielleicht nicht so gut miteinander aushalten.

Jedenfalls war es wirklich schön mit Josh in den Catskill Mountains. Ich wollte eigentlich noch ein bisschen an der Reportage weiterarbeiten und endlich das Interview mit Vince nachbereiten, aber irgendwie hat sich die Zeit nicht der Arbeitswut beugen wollen. Selbst Josh, der normalerweise nicht einen einzigen Tag ohne sein Smartphone sein kann, war zwischen Weihnachten und Neujahr ganz und gar offline. Er hat das Telefon sogar bei seinen Eltern liegen gelassen, wenn wir Ausflüge gemacht haben, Skifahren oder Wandern gegangen sind.

Die Liebe, die frische Luft und die Ruhe haben mir wirklich gut getan. Ein paar Tage aus dem Alltag raus zu sein hilft mir immer enorm, zu neuer Form zu finden. Es ging zwar etwas müde los heute morgen – kein Wunder, der graue Berliner Himmel hat meinen morgendlichen Elan zunächst eher ausgebremst. Aber schon beim Lesen der ersten Sätze aus dem Interview mit Vince bin ich richtig wach geworden. Ich wußte ja schon, dass der Freund meiner kleinen Schwester sehr kommunikativ und charmant ist, aber dass er so lebendig erzählen kann, dass hat mich dann doch überrascht. Es ist fast schon schade, dass ich das Interview nicht als Audio aufbereitet habe. Obwohl, warum eigentlich nicht? Ich könnte wenigstens Teile des Original-Gesprächs als Podcast auf meiner Website veröffentlichen, als Querverweis oder Vorankündigung. Vince hat bestimmt nichts dagegen. Er hat einfach eine sehr angenehm klingende Sprechstimme.

Ach, ich freue mich. Die Reportage wächst und gedeiht. Ich habe jetzt schon drei ausführliche Interviews und noch zwei weitere Termine bis Ende Februar. An Material mangelt es nicht und neue Ideen tun sich auf. Und eine Anfrage für ein Folgeprojekt ist gerade per E-Mail reingekommen. 2013 verspricht in Sachen Arbeit und Liebe ein hervorragendes Jahr zu werden.

Mele Kalikimaka

Vor jedem Post gab es einen Weihnachtsgruß in einer anderen Sprache. Wer hat alle Sprachen erkannt? Die allerletzten Lösungen des allerletzten Life Minutes Weihnachtsrätsels :)

Mele Kalikimaka am vierundzwanzigsten Dezember – das war Hawaïanisch

メリークリスマス am dreiundzwanzigsten Dezember – das war Japanisch

Boldog Karácsonyt am zweiundzwanzigsten Dezember – das war Ungarisch

Wesołych Świąt am einundzwanzigsten Dezember – das war Polnisch

Buon Natale am zwanzigsten Dezember – das war Italienisch

Zalig Kerstfeest am neunzehnten Dezember – das war Niederländisch

Gleðileg Jól am achtzehnten Dezember – das war Isländisch

शुभ बड़ा दिन am siebzehnten Dezember – das war Hindi

Hyvää Joulua am sechzehnten Dezember – das war Finnisch

عيد ميلاد مجيد am fünfzehnten Dezember – das war Arabisch

С Рождеством am vierzehnten Dezember – das war Russisch

Glædelig Jul am dreizehnten Dezember – das war Dänisch

Feliz Natal am zwölften Dezember – das war Brasilianisches Portugiesisch

Gajan Kristnaskon am elften Dezember – das war Esperanto

메리 크리스마스! am zehnten Dezember – das war Koreanisch

E guëti Wiënachtä am neunten Dezember – das war Schweizerdeutsch

חג מולד שמח achten Dezember – das war Hebräisch

Rõomsaid Jõulupühi am siebten Dezember – das war Estnisch

Joyeux Noël am sechsten Dezember – das war Französisch

Noeliniz kutlu olsun am fünften Dezember – das war Türkisch

En frehlicher Grischtdaag am vierten Dezember – das war Pennsylvania Dutch

Merry Christmas am dritten Dezember – das war Englisch

 Jabbama be salla Kirismati am zweiten Dezember – das war Fulani

Frohe Weihnachten am ersten Dezember – das war Deutsch

Weihnachtsgrüße in den Sprachen der Welt wünschen Emma, Patrice, Hans, Gertrude, Lisa, Vincent, Peter, Sevtap, Jenna und Josh.

メリークリスマス

Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es dir sein, als lachten alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache. Du allein wirst Sterne haben, die lachen können.

Quand tu regarderas le ciel, la nuit, puisque j’habiterai dans l’une d’elles, puisque je rirai dans l’une d’elles, alors ce sera pour toi comme si riaient toutes les étoiles. Tu auras, toi, des étoiles qui savent rire!

Antoine de Saint-Exupéry | Le petit prince | Der kleine Prinz | XXVI