शुभ बड़ा दिन 

Man sagt, dass Weihnachten ein Fest für die Kinder sei.

Newtown in Connecticut liegt weniger als 100 Meilen südwestlich von meiner Heimatstadt Town of Catskill. Dort sind vorgestern 20 Kinder einer Grundschule von einem jungen Mann erschossen worden. Der Täter hatte zunächst seine Mutter hingerichtet und ist dann in die Schule eingedrungen, in der er ein Massaker angerichtet hat.

Nanagahar ist eine östliche Provinz in Afghanistan. Dort sind heute 10 Mädchen zwischen 9 und 13 Jahren durch eine Landmine ums Leben gekommen. Sie wollten nur Brennholz sammeln, als eine von ihnen zufällig mit einer Axt auf eine Landmine geschlagen hat. Es wird vermutet, dass die Landmine noch aus den Zeiten des sowjetischen Afghanistan-Feldzugs in den 1980er-Jahren stammt.

Weihnachten sollte ein Fest des Friedens sein, ein Fest, bei dem Kinderaugen mit Kerzen um die Wette leuchten. Die Betonung liegt auf sollte – denn die Wirklichkeit sieht leider ganz anders aus. Gerade hat die UNICEF die Bilder des Jahres* ausgezeichnet. In diesem Jahr sind auf 9 von 12 Bildern Kinder zu sehen, wie sie von Krieg, Leid oder Elend umgeben sind. Das ist die bittere Realität, in der singende Engel und leuchtende Bäume keinen Platz haben …

* Aktualisierter Link, hinter dem sich jetzt die Nominierungen von 2025 verbergen. Auf dem ersten Platz ist ein Foto, das zeigt, dass Mädchen in Afghanistan auch 13 Jahre später nicht viel dürfen – zum Beispiel in eine weiterführende Schule gehen. Mit 10 Jahren ist Bildungsschluss.

Hyvää Joulua

Zu Ehren des Heiligen Nikolaus gibt ein Mann in jedem Jahr ein Fest. Eines Tages steht ein Pilger vor der Tür des Mannes und bittet um ein Almosen. Als der Sohn dem Pilger ein Stück Brot und einen Taler geben will, ist der Pilger plötzlich verschwunden. Das Kind sieht den Mann davoneilen und läuft ihm bis zum Kreuzweg hinterher, um ihm das Almosen zu geben. Da zeigt der Pilger sein wahres Gesicht. Es ist der Teufel, der den Jungen packt und erwürgt, um seiner Seele habhaft zu werden.

Nach einer Weile wird der Vater unruhig und geht nach dem Sohn suchen. Als er sein totes Kind auf dem Kreuzweg findet, beklagt er sich bei dem Heiligen und fragt, ob der Tod seines Sohnes der Lohn für seine Verehrung sei. Da hat der Nikolaus ein einsehen und erlöst den Jungen aus seinem viel zu frühen Tod.

Man sagt, dass Weihnachten das Fest des Friedens und der Liebe sei. Es ist kurz vor Weihnachten. Mein Land steht unter Schock. Ein Alptraum ist wahr geworden und das Böse* hat die Wirklichkeit durchdrungen**. Es gibt keinen Santa Claus, der die Toten von Newtown wieder zum Leben erwecken könnte. Wir trauern, und Barack Obama weint mit uns.

* Maybe that’s all BOB is. The evil that men do. Maybe it doesn’t matter what we call it. – Albert Rosenfield in Twin Peaks, Episode 9, 2 Season

** 13 Jahre später, ist die Welt nicht besser geworden. Krieg, Anschläge und hasserfüllte Hetze in Echtzeit und Internet bestimmen unseren Alltag. Anstatt Mitgefühl setzen die Mächtigen dieser Welt auf Häme, Verachtung und vulgäre Beschimpfungen. Was wir aber nicht vergessen sollten: Weihnachten ist ein Fest der Besinnung – und gerade deshalb sollten wir in diesen Tagen mehr denn je an all jene denken, die an jedem Tag menschengemachten Grausamkeiten ausgesetzt sind, und versuchen jene mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu schützen.

Betreff: Wann können wir uns zum Interview treffen?

An: Vincent <vincent@life-minutes.de>
Von: Emma <emma@life-minutes.de>
Datum: 20. November 2012 19:12:23 MESZ

Hallo Vincent,

ich habe mich gefreut, als Lisa mir erzählt hat, dass es deinem Vater besser geht. Ich weiß ja genau wie es sich anfühlt. Als meine Mutter mir damals gesagt hat, dass sie an Krebs erkrankt ist, dachte ich, ich würde durchdrehen. Die Nachricht hat mich tief erschüttert. Ich habe damals die Hoffnung nicht aufgegeben. Leider hat meine Mutter am Ende den Kampf gegen den Krebs verloren.

Ich habe es damals als unglaubliche Ungerechtigkeit empfunden, als Elisabeth mit nur 55 Jahren gestorben ist. Und ich habe meinem Vater bittere Vorwürfe gemacht. Ich habe geglaubt, dass er Mitschuld an dem Tod meiner Mutter hat. Weil sie doch sehr gelitten hat, als Hans ihr von Marlene erzählt hat. Ich habe damals wirklich geglaubt, dass der Kummer den Krebs in sie gepflanzt hat.

Heute weiß ich es besser. Wir sind sterblich, aber der Abschied ist unfassbar schmerzlich, wenn der Mensch noch nicht so alt gewesen ist, wie wir es heutzutage erwarten. Deshalb brauchen wir immer einen nachvollziehbaren Grund, damit wir verstehen können, warum jemand so früh gestorben ist. Meistens ist der Grund ein anderer Mensch, der die Schuld an dem Tod des Verstorbenen auf sich nehmen muss. Deshalb habe ich meinen Vater damals angeklagt und für schuldig befunden und ich habe länger als ein Jahr nicht mehr mit ihm gesprochen.

Heute bin ich unendlich froh, dass ich meinen Vater noch habe. Ich habe verstanden, dass der nicht der Schuldige ist und ich habe mir meine unendliche Härte ihm gegenüber verziehen. Was bringt es, die wichtigsten Menschen aus seinem Leben zu verbannen, wenn sie doch leben und bei dir sein können? Meine Mutter lebt in meinem Herzen weiter, und wenn ich mal nicht weiter weiß, spreche ich in Gedanken mit ihr und sie gibt mir einen guten Rat.

Jetzt habe ich viele Worte gemacht und es klingt fast so, als wollte ich dir mein Beileid aussprechen – was ja zum Glück nicht der Fall ist. Ich wollte dir nur sagen, dass ich wirklich froh bin, dass dein Papa wieder wohlauf ist. Aber das Thema berührt mich sehr, ich hoffe, du verstehst das. Eigentlich wollte ich dich fragen, wann wir uns für das Interview treffen? Deine Familiengeschichte passt hervorragend zum Thema – also zum Thema meiner Reportage über Grenzgänger. Diese Woche sieht gut bei mir aus, sag doch einfach Bescheid, wann es bei dir am besten passt.

Lieber Gruß
Emma

Betreff: Ich denke an Dich!

An: Vincent <vincent@life-minutes.de>
Von: Lisa <lisa@life-minutes.de>
Datum: 08. November 2012 10:46:23 MESZ

Mein Mann in der Ferne,

ich habe Sehnsucht nach dir und wünschte, du wärest hier. Aber ich weiß, dass du jetzt zu Hause gebraucht wirst. Wie geht es deinem Vater heute? Und wie geht es deiner Mutter? Und dir?

Ich habe gestern Abend, als ich am Alexanderplatz auf die U2 gewartet habe, eine junge Frau gesehen, die bitterlich geweint hat. Sie hielt sich ein Taschentuch vor den Mund, das schon ganz nass von ihren Tränen gewesen ist. Ich hätte sie gerne gefragt, ob ich ihr helfen kann. Aber ich habe mich nicht getraut, sie anzusprechen.

Als ich dann schließlich in der U-Bahn saß, stellte ich mir vor, dass ich sie doch angesprochen habe. Ich habe ihr angeboten, dass sie mir ihren Kummer erzählen kann und ihr gesagt, dass es bestimmt leichter ist für sie, mir ihr Herz auszuschütten, weil ich ja doch eine Fremde für sie bin. Wir sind gemeinsam in ein Café gegangen und ich habe ihr einen Kakao spendiert und sie hat sich mir anvertraut. Worum es gegangen ist, dass weiß ich nicht mehr, allerdings waren ihre Tränen nach einer Stunde versiegt und sie fühlte sich besser. Da habe ich plötzlich gemerkt, dass ich meine Haltestelle verpasst habe. Ich Tagträumerin. Du lachst jetzt bestimmt. Gut so! Lachen hilft.

So schade, dass du nicht hier bist. Morgen gibt’s eine Geburtstagsdoppelparty von Emma und Josh, wird bestimmt exklusiv mit viel Prunk drumherum, so wie ich Josh kenne. Ist eine Überraschung für Emma, sie weiß noch von nichts. Wir werden dich vermissen – vor allem ich!

Ich liebe Dich!

Ta chérie

Im Moment des Zusammenkommens beginnt die Trennung

Leur séparation commence dès leur rencontre. Im Moment des Zusammenkommens beginnt die Trennung. Diese senegalesische Weisheit hat Patrice mal zitiert. Ich weiß nicht mehr, wann er mir das gesagt hat, aber ich habe oft an den Spruch denken müssen. Wie wahr er ist, dass merke ich gerade.

Meine Mutter hat heute angerufen. Mein Vater liegt im Krankenhaus. Er hatte einen Zusammenbruch und liegt auf der Intensivstation. Die Ärzte wissen noch nicht, ob es ein Herzinfarkt ist. Oder etwas anderes mit dem Herzen. Oder vielleicht auch etwas ganz anderes. Komisch, dass es meinen Vater getroffen hat. Ihn, der immer sportlich gewesen ist, nie geraucht und nur mäßig getrunken hat. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass er jemals krank gewesen wäre. Noch nicht mal ein Schnupfen oder Kopfschmerzen. Er war immer stark, gesund und voller Tatendrang. Ich kann mir absolut nicht vorstellen, wie er da in einem sterilen Zimmer liegt, einen Tropf im Arm, sein Gesicht weiß wie die Zimmerwand und mit müden Augen. Das ist nicht er.

Für meine Mutter ist es besonders schlimm. Sie hat sehr verzweifelt geklungen am Telefon. Und sie hat geweint. Als sie mir erzählt hat, dass mein Vater im Krankenhaus ist, ist mir etwas eingefallen. Ich glaube fast, dass meine Eltern seit dem Tag, an dem sie zusammen gekommen sind, keinen einzigen Tag getrennt gewesen sind. Und meine Eltern sind über 30 Jahren zusammen. Krass. Und dann habe ich an den Spruch denken müssen, den Patrice mir mal gesagt hat.

In dem Moment, wo Du auf einen Menschen triffst, den Du liebst, in diesem Augenblick ist eigentlich schon klar, dass es irgendwann eine Trennung geben muss. Kein Anfang ohne Ende. Kein Leben ohne Tod. Wir denken natürlich nicht daran. Denn würden wir ständig daran denken, an das schreckliche Gefühl, das man hat, wenn man sich trennt oder getrennt wird. Wir würden ja keine Beziehung mehr eingehen oder Kinder bekommen wollen. Dann würde die Welt sehr einsam werden.

Meine Mutter ist gerade alleine zu Hause. Sie darf nicht bei meinem Vater sein, heute zumindest nicht. Und das bricht ihr das Herz. Alleine sein und einsam sein, dass ist nicht unbedingt dasselbe. Wenn aber das Alleinsein unfreiwillig ist, dann ist die Einsamkeit da. Meine Mutter will auf gar keinen Fall ohne meinen Vater sein. Aber jetzt geht es nicht anders. Und sie fühlt sich furchtbar einsam. Es bricht mir das Herz, wenn ich an meine Mutter denke und fühle, wie sehr sie leidet. Ich sollte nach Frankreich fahren. Morgen.