… und dann sind Sie nach Berlin zurückgekehrt?

Also. { räuspert sich }. Ich habe Deutschland und vor allem Berlin ja mit 21 Jahren im wahrsten Sinne des Wortes verlassen. Das war damals allerdings keine Entscheidung, die ich einfach aus dem Bauch heraus getroffen habe, ich war noch nie ein Mensch, der überstürzt gehandelt hat. Ich musste einfach ganz und gar gehen, um mich zu finden. { blickt nachdenklich aus dem Fenster }. Meine Vergangenheit lag und liegt in Israel, meine Zukunft war und ist Amerika. Aber meine Gegenwart war und ist immer in Berlin gewesen. Es war für mich also nur eine logische Konsequenz in meine Gegenwart zurückzukehren, nachdem ich meine Vergangenheit erkundet hatte und in meine Zukunft gereist bin.

Warum steht die Gegenwart am Ende Ihrer Reise? Wäre eine Leben in der Zukunft nicht erstrebenswerter?

Man stirbt immer im hier und jetzt. Ich bin natürlich mit 52 Jahren nicht wieder zurückgekommen, um gleich zu sterben. { lacht }. Allerdings ist es schon eine schmerzliche Wahrheit, dass meine Gegenwart, also Berlin und Deutschland tatsächlich sehr viel mit dem Thema Tod zu tun haben. Meine Eltern und ein Großteil meiner leiblichen Verwandten sind in Konzentrationslagern umgebracht worden, meine jüngere Adoptivschwester ist bei einem Autounfall gestorben, da war sie noch nicht einmal 20 Jahre alt, und meinen Adoptivvater habe ich das letzte Mal gesehen, bevor ich nach Israel gegangen bin.

Aber wie verkraftet man es, an einen Ort zurückzukehren, der so stark mit dem Tod in Verbindung steht?

Nun ja, ein Grund, das ich damit zurechtgekommen bin – zurechtkommen wollte – ist sicherlich, dass bin hier geboren und aufgewachsen bin. Das verbindet mich mit diesem Ort, auch wenn der Tod von Beginn meines Lebens an hier stets präsent gewesen ist. Aber ich habe auch viele gute und schöne Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend hier, hatte ich doch das große Glück, von einer ganz wunderbaren Zweitfamilie aufgenommen worden zu sein. An meine leiblichen Eltern kann ich mich kaum erinnern. { hält kurz inne, überlegt }. Ehrlich gesagt, vielleicht kann ich mich auch gar nicht an sie erinnern und bilde es mir ein, vermische die beiden Fotos, die noch habe, mit meinen Erinnerungen. Ich war ja so klein.

Ich habe mich viel mit dem Tod, aber auch mit dem Leben auseinandergesetzt. Und bin über die Jahre zu dem Schluss gekommen, dass man nicht den Fehler machen darf, dem Tod die Schuld an all dem Schrecklichen, dass die Menschen im Leben von anderen Menschen anrichten, zu geben. Ja, es schmerzt sehr, wenn wir einen geliebten Menschen verlieren, vor allem wenn es plötzlich oder durch die Einwirkung von Gewalt geschieht und wir haben Angst vor dem … { stockt kurz } vor dem Sterben. Denn der Tod an sich ist – so banal es klingt – Teil unseres Lebens. Es ist ja keine Neuigkeit, wenn ich sage, dass ohne Tod kein Leben möglich ist.

Betreff: Wann können wir uns zum Interview treffen?

An: Vincent <vincent@life-minutes.de>
Von: Emma <emma@life-minutes.de>
Datum: 20. November 2012 19:12:23 MESZ

Hallo Vincent,

ich habe mich gefreut, als Lisa mir erzählt hat, dass es deinem Vater besser geht. Ich weiß ja genau wie es sich anfühlt. Als meine Mutter mir damals gesagt hat, dass sie an Krebs erkrankt ist, dachte ich, ich würde durchdrehen. Die Nachricht hat mich tief erschüttert. Ich habe damals die Hoffnung nicht aufgegeben. Leider hat meine Mutter am Ende den Kampf gegen den Krebs verloren.

Ich habe es damals als unglaubliche Ungerechtigkeit empfunden, als Elisabeth mit nur 55 Jahren gestorben ist. Und ich habe meinem Vater bittere Vorwürfe gemacht. Ich habe geglaubt, dass er Mitschuld an dem Tod meiner Mutter hat. Weil sie doch sehr gelitten hat, als Hans ihr von Marlene erzählt hat. Ich habe damals wirklich geglaubt, dass der Kummer den Krebs in sie gepflanzt hat.

Heute weiß ich es besser. Wir sind sterblich, aber der Abschied ist unfassbar schmerzlich, wenn der Mensch noch nicht so alt gewesen ist, wie wir es heutzutage erwarten. Deshalb brauchen wir immer einen nachvollziehbaren Grund, damit wir verstehen können, warum jemand so früh gestorben ist. Meistens ist der Grund ein anderer Mensch, der die Schuld an dem Tod des Verstorbenen auf sich nehmen muss. Deshalb habe ich meinen Vater damals angeklagt und für schuldig befunden und ich habe länger als ein Jahr nicht mehr mit ihm gesprochen.

Heute bin ich unendlich froh, dass ich meinen Vater noch habe. Ich habe verstanden, dass der nicht der Schuldige ist und ich habe mir meine unendliche Härte ihm gegenüber verziehen. Was bringt es, die wichtigsten Menschen aus seinem Leben zu verbannen, wenn sie doch leben und bei dir sein können? Meine Mutter lebt in meinem Herzen weiter, und wenn ich mal nicht weiter weiß, spreche ich in Gedanken mit ihr und sie gibt mir einen guten Rat.

Jetzt habe ich viele Worte gemacht und es klingt fast so, als wollte ich dir mein Beileid aussprechen – was ja zum Glück nicht der Fall ist. Ich wollte dir nur sagen, dass ich wirklich froh bin, dass dein Papa wieder wohlauf ist. Aber das Thema berührt mich sehr, ich hoffe, du verstehst das. Eigentlich wollte ich dich fragen, wann wir uns für das Interview treffen? Deine Familiengeschichte passt hervorragend zum Thema – also zum Thema meiner Reportage über Grenzgänger. Diese Woche sieht gut bei mir aus, sag doch einfach Bescheid, wann es bei dir am besten passt.

Lieber Gruß
Emma

Betreff: Bin noch in Frankreich

An: Peter <peter@life-minutes.de>
Von: Vincent <vincent@life-minutes.de>
Datum: 08. November 2012 10:47:23 MESZ

Hallo Peter,

es tut mir leid, aber mit Proben wird es dieses Wochenende nichts. Ich bin noch in Frankreich, aber meinem Vater geht wieder besser. Es hatte zum Glück keinen Herzinfarkt, allerdings können die Ärzte noch nicht genau sagen, was mit ihm los ist.

Es ist komisch, meinen Vater so bleich und kraftlos in einem Krankenhausbett zu sehen. Ich erkenne ihn so fast gar nicht wieder. Als ob dort ein anderer Mensch liegen würde. Vielleicht können wir darüber mal einen Song machen? Ich meine jetzt nicht über den Tod, sondern darüber, was passiert, wenn Menschen krank werden. Ist es nur das Bild, das wir von anderen Personen haben und das dann nicht mehr passt, weshalb sich der Mensch in unseren Augen verändert hat? Oder verändern wir uns selbst, wenn wir geschwächt sind? Nicht nur äußerlich, weil wir bleich oder eingefallen oder müde aussehen. Sondern auch innerlich.

Niemand möchte krank sein. Kranksein bedeutet Schwäche zu zeigen. Verändern wir uns deshalb, wenn wir krank sind, weil wir Angst haben vor den mitleidigen Blicken der Gesunden? Wir ziehen uns zurück, wir verstecken uns, wir werden wortkarg und reden am liebsten mit uns selbst.

Nun ja, du merkst, das Thema beschäftigt mich. Deshalb die Idee für einen Song. Text und Sound müssen ja gar nicht depressiv klingen. Le rire est le meilleur des remèdes. Sagt man im Deutschen glaube ich auch so. Na ja, können wir ja noch drüber reden, wenn ich wieder in Berlin bin. Ich komme übrigens am Dienstag nachmittags an. Wir könnten uns dann Mittwoch oder Donnerstag treffen, passt für dich und die Jungs?

Umarme meine liebste Lisa ganz fest, wenn du sie siehst. Gros bisous, vieux sac !

Vince

Ich war absolut privilegiert

Ich sollte vielleicht mal zum Arzt gehen und mich gründlich untersuchen lassen. Als Vincent erzählt hat, dass sein Vater im Krankenhaus liegt, ist es mir eiskalt in die Glieder gefahren. Vincents Vater ist sogar noch 10 Jahre jünger als ich und soll sehr sportlich sein. Im Gegensatz zu mir. Mir fällt nicht ein, wann ich das letzte Mal Sport getrieben habe. Ich fahre ja noch nicht einmal Fahrrad.

Die Zeit vergeht einfach zu schnell. Ehe man es sich versieht, hat man nicht mehr genug davon übrig. Elisabeth hatte auf jeden Fall zu wenig Zeit. Als der Krebs bei ihr diagnostiziert wurde, war sie gerade mal 51 Jahre alt. Und 4 Jahre später, 2006, ist sie dann gestorben. Dabei war auch sie immer ein Mensch, der vor Energie nur so geleuchtet hat. Und dann diese grausame Krankheit.

Als ich Elisabeth von Marlene erzählt habe, war sie ganz still. Sie hat mich mit ihren wasserblauen Augen angesehen, die immer dunkler wurden, je mehr ich erzählte. Diese Stille war mir unerträglich damals. Aber ich konnte ihr ja keinen Vorwurf machen: Schließlich war ich derjenige, der eine zweite Familie im Westen hatte, mit einer anderen Frau und einer anderen Tochter. Sicher, als ich Elisabeth davon erzählt habe, war ich mit Marlene schon nicht mehr zusammen.

So feige war ich auch damals schon. Konnte es ihr erst sagen, als es mit Marlene vorbei war. Vielleicht habe ich ihr damals ihre gesundes, starkes Ich so geschwächt, dass der Krebs eindringen konnte. Ich weiß es nicht. Was ich aber ziemlich genau weiß, ist, dass ich sie sehr verletzt haben muss, weil ich ihr jahrelang etwas vorgespielt hatte. Ich konnte den Schmerz darüber, dass sie mein zweites Ich erst so spät erkannt hat, in ihren Augen sehen. Wir waren zu dem Zeitpunkt immerhin schon fast 20 Jahre ein Paar. Und ein glückliches dazu.

Ich muss ungefähr eine Stunde ohne Unterbrechung geredet haben, bevor Elisabeth mir plötzlich eine Frage stellte, auf die ich nicht gefasst gewesen bin. Sie fragte mich ganz ruhig, ob es die Freiheit im Westen sei, die die Frauen anziehender mache. Darüber hatte ich mir niemals Gedanken gemacht. Schließlich habe ich freiwillig in der DDR gewohnt, ich war und bin ja immer noch Schweizer. Dementsprechend habe ich mich auch nie wirklich unfrei gefühlt. Ich konnte in den Westen reisen, so oft ich wollte, ich durfte hier wie dort Stücke inszenieren und hatte nie das Gefühl habt, dass es mir an etwas mangelte, weil ich in Ost-Berlin lebte. Ich war absolut privilegiert. Und das ist mir zum ersten Mal richtig bewusst geworden, als Elisabeth mir diese Frage gestellt hat, die eigentlich einen ganz anderen Bezug hatte. Ich habe mich geschämt. Ich habe mich so sehr geschämt wie noch nie zuvor in meinem Leben. Weil ich so ein arrogantes, ignorantes A***loch gewesen bin.