Warum habe ich mich mit ihm zum Essen getroffen?

Ich habe mich selten so schlecht gefühlt. Ich, die sich ihrer Sache immer so sicher ist, habe mich dazu hinreißen lassen. Jetzt ist es zu spät, Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Nach dem Besuch auf dem Weihnachtsmarkt wollte ich ihn gar nicht wieder sehen. Ach was, ich wollte ihn wieder sehen, aber ich habe mir gewünscht, dass ich es nicht wollen würde und dass er sich nicht mehr meldet. Natürlich hat er sich gemeldet. Und gefragt, wann wir uns treffen. Es war gar nicht mehr die Frage nach dem OB, es ging nur noch um das WANN.

Eigentlich wollte ich am Samstag zu Hause bleiben, um Kerzen zu ziehen. Als mein Telefon geklingelt hat, wusste ich schon, dass er es ist. Er hat mir gesagt, dass er mich gerne zum Essen einladen möchte, er hätte heute Abend Zeit und ich könne mir aussuchen, ob lieber Sushi oder Pasta. Wir haben uns dann bei einem kleinen Italiener in Prenzlauer Berg getroffen. Die Nudeln waren wirklich lecker, aber ich habe vor Aufregung kaum einen Bissen herunter bekommen, was ihn offensichtlich amüsiert hat. Trotzdem hat er noch, ganz Gentleman, ein Dessert – mein Lieblingsdessert – bestellt. Ich hatte ihm nie gesagt, dass es für mich nichts besseres als Schokoladensoufflé mit Vanilleeis gibt. Dann hat er mich zum Taxistand gebracht und mich zum Abschied geküsst. Richtig geküsst. Aus dem Abschied wurde nichts.

Wir sind zu mir gefahren, haben wild geknutscht und sind schon im Flur regelrecht übereinander hergefallen. Zuerst hat sich auch unglaublich gut angefühlt – solange ich meinen Kopf nicht eingeschaltet habe. Aber schon während wir miteinander geschlafen haben, hat sich mein Gewissen mit aller Macht gemeldet. Als es vorbei war, hat er sich rasch angezogen und gesagt, dass er gehen müsse. Und dass wir besser niemandem davon erzählen. Dann hat er noch gemurmelt, dass er sich meldet.

Ich würde gerne noch mal mit Josh darüber sprechen, was passiert ist. Aber er antwortet nicht auf meine SMS. Feigling.

Was ist nur los mit mir?

Ich hatte mir das anders vorgestellt. Der Sex mit Sevtap war schon ok, aber danach war einfach die Luft raus. Wir hätten es lieber dabei belassen sollen, aber ich wollte sie ja unbedingt noch mal treffen und habe sie angerufen. Dann ist es passiert. Ich bin oft unterwegs, ich treffe überall auf irgendwelche Frauen, aber ich muss natürlich mit einer anbandeln, die aus dem Umkreis von Emma kommt. Ausgerechnet. Was ist nur los mit mir?

Ich konnte einfach nicht widerstehen. Dabei bin ich sonst sehr diszipliniert, ich gebe mich den Dingen nicht einfach hin (außer der Musik vielleicht). Aber vielleicht muss ich mir mit meinen 40 Jahren eingestehen, dass wir alle unsere schwachen Momente haben. Ich bin gut darin, die schwachen Momente von anderen zu erkennen. Ich nutze das nicht aus, so bin ich nicht. Ich beobachte es nur und mache mir meine eigenen Gedankennotizen dazu. Doch jetzt habe ich mich gewissermaßen selbst dazu gezwungen, den Blick auf mich zu richten. Denn ich habe mich nicht im Griff gehabt.

Ich sollte analysieren, warum es passiert ist. Damit ich mich selbst besser verstehe. Ich hasse es wirklich, wenn ich schwarze Löcher entdecke, deren Grund ich nicht sehen kann und deren Ursprung ich nicht verstehen kann. Die Geschichte mit Sevtap ist so ein schwarzes Loch und ich habe keine Idee, wie ich es stopfen könnte. Zum Glück bin ich jetzt ein paar Tage unterwegs, da kann ich nachdenken, Abstand gewinnen. Weihnachten fliege ich mit Emma nach USA zu meinen Eltern, Jenna bleibt in Berlin. Emma hat sofort ja gesagt, als ich sie gefragt habe. Ich habe mich sehr darüber gefreut und ich freue mich immer noch, dass sie mitkommt.

Jetzt hat mir Sevtap auch noch eine SMS geschrieben. Sie will mit mir reden. Ich weiß allerdings gar nicht, was wir noch reden sollen. Es ist alles gesagt. Nur mit Emma nicht. Aber da weiß ich auch nicht, was ich ihr sagen sollte. Ich muss erst mal in meinem Kopf klar werden, damit sich das Loch verkleinert und mit Lösungen füllt – wenn es hierfür überhaupt so etwas wie eine Lösung gibt …

Warum nur ist da diese Anziehungskraft?

Es war keine gute Idee von mir, mich heute mit Josh auf dem Weihnachtsmarkt zu treffen. Die Flirterei an Lisas Geburtstagsessen war schon schlimm genug. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Er ist attraktiv, klar, und ich finde ihn leider echt sexy, auch wenn er 13 Jahre älter ist als ich. Aber er ist mit Emma zusammen. Verdammt. Ich hoffe so sehr, dass sie nichts gemerkt hat an diesem Abend.

Josh ist schon echt dreist. Er hat gleich zu Beginn des Abends mit seinen Augen ausgezogen, sich dann zum Essen neben mich gesetzt und mich in eine Diskussion über meine Masterabeit verstrickt. Warum muss der aber auch so unglaublich smart sein. Ich konnte einfach nicht widerstehen als er mich in das Zimmer von Lisas Vater gezogen hat unter dem Vorwand, dort könnten wir das Thema in Ruhe weiter diskutieren. Es ist ja nichts passiert auf der Couch, er hat mir nur ganz ernsthaft zugehört, und mich darin bekräftigt, meine Idee zur Masterarbeit zu machen. Trotzdem war da dieses Flirren in der Luft, die ganze Zeit.

Warum versuchen alle eigentlich ständig sich einzureden, dass der Mensch ein monogames Wesen sei? Zeitweise mag das ja stimmen – aber ein Leben lang? Wenn es so wäre, dass die menschliche Natur das Bedürfnis hätte, mit nur einem anderen Menschen sexuell aktiv zu sein und das ein ganzes erwachsenes Leben lang – warum ist es dann so, dass die meisten Menschen mehrere Partner haben und oder so oft fremd gehen, obwohl sie eigentlich in festen Händen sind? Sowieso ist der Begriff fremd gehen mehr als seltsam. Als würde man in die Ferne reisen. So ein Quatsch. Oder kein Quatsch? Guter Sex ist ja tatsächlich wie eine aufregende Reise in unbekanntes Terrain. Reisen bedeutet auch, verschiedene Orte entdecken zu können. Und beurteilen zu können, ob es woanders schöner ist oder eben nicht.

Ach, ich will es mir selbst nur schönreden. Auch wenn ich diese Sichtweise tatsächlich vertrete, so heißt das nicht, dass Emma genauso denkt. Hoffentlich hat Peter nichts gesagt. Dass ausgerechnet dieser dämliche Typ ins Zimmer kommen musste, das hat mir noch gefehlt. Trotzdem habe ich mich mit Josh getroffen. Wir haben nur eine Runde gedreht auf dem Weihnachtsmarkt, einen Glühwein getrunken. Es ist ja nichts weiter passiert, wir haben nur geredet. Aber dann er hat gesagt, dass er mich wiedersehen möchte. Ich muss die Finger davon lassen. Unbedingt.