Warum habe ich mich mit ihm zum Essen getroffen?

Ich habe mich selten so schlecht gefühlt. Ich, die sich ihrer Sache immer so sicher ist, habe mich dazu hinreißen lassen. Jetzt ist es zu spät, Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Nach dem Besuch auf dem Weihnachtsmarkt wollte ich ihn gar nicht wieder sehen. Ach was, ich wollte ihn wieder sehen, aber ich habe mir gewünscht, dass ich es nicht wollen würde und dass er sich nicht mehr meldet. Natürlich hat er sich gemeldet. Und gefragt, wann wir uns treffen. Es war gar nicht mehr die Frage nach dem OB, es ging nur noch um das WANN.

Eigentlich wollte ich am Samstag zu Hause bleiben, um Kerzen zu ziehen. Als mein Telefon geklingelt hat, wusste ich schon, dass er es ist. Er hat mir gesagt, dass er mich gerne zum Essen einladen möchte, er hätte heute Abend Zeit und ich könne mir aussuchen, ob lieber Sushi oder Pasta. Wir haben uns dann bei einem kleinen Italiener in Prenzlauer Berg getroffen. Die Nudeln waren wirklich lecker, aber ich habe vor Aufregung kaum einen Bissen herunter bekommen, was ihn offensichtlich amüsiert hat. Trotzdem hat er noch, ganz Gentleman, ein Dessert – mein Lieblingsdessert – bestellt. Ich hatte ihm nie gesagt, dass es für mich nichts besseres als Schokoladensoufflé mit Vanilleeis gibt. Dann hat er mich zum Taxistand gebracht und mich zum Abschied geküsst. Richtig geküsst. Aus dem Abschied wurde nichts.

Wir sind zu mir gefahren, haben wild geknutscht und sind schon im Flur regelrecht übereinander hergefallen. Zuerst hat sich auch unglaublich gut angefühlt – solange ich meinen Kopf nicht eingeschaltet habe. Aber schon während wir miteinander geschlafen haben, hat sich mein Gewissen mit aller Macht gemeldet. Als es vorbei war, hat er sich rasch angezogen und gesagt, dass er gehen müsse. Und dass wir besser niemandem davon erzählen. Dann hat er noch gemurmelt, dass er sich meldet.

Ich würde gerne noch mal mit Josh darüber sprechen, was passiert ist. Aber er antwortet nicht auf meine SMS. Feigling.

عيد ميلاد مجيد

Ich finde es schwierig zu einem festgelegten Zeitpunkt (Weihnachten) Geschenke zu machen, die alle Beschenkten (Familie, Freunde) mit Freude erfüllen sollen. Deswegen schenke ich jedes Jahr und allen immer dasselbe. Trotzdem oder gerade deswegen sie alle immer glücklich und zufrieden damit. Was mein Geheimnis ist? Ich verschenke selbstgemachte Kerzen.

Nicht nur, dass es mir selbst viel Freude bereitet, Kerzen zu ziehen, die Symbolik eines solchen Geschenks ist vielfältig. Entweder sage ich der Person mit einem Augenzwinkern, dass ihm oder ihr bald ein Licht aufgehen möge, oder oder Kerze wünscht dem/der Beschenkten eine leuchtende und warme Zukunft.

Ach, ich manchmal bin ich echt sentimental … Aber schließlich sehen Kerzen nicht nur gut aus und machen ein schönes Licht, sie riechen auch gut. Das Beste aber ist: Kerzen sind schnell selbst gemacht und können von daher last minute vor dem Heiligen Abend noch hergestellt werden.

Es ist das Licht, das uns sehen lässt

Kerzenziehen

___Man braucht
Gießwachs, 500 g oder 1.000 g Beutel, einfach und farblos, als Granulat im Bastelbedarf oder Baumarkt erhältlich. 1 ml Kerzenvolumen entspricht etwa 1g Kerzengießwachs.
Färbewachs, um das geschmolzene Wachs einzufärben. Im Bastelbedarf oder Baumarkt erhältlich.
Gießformen wie alte Teelichtbehälter aus Glas oder Aluminium, Marmeladengläser, Puddinggläser oder andere Gläser. Minikerzen werden mit Plätzchenausstechförmchen oder halben Walnußschalen gegossen.
Dochte – die Dochtstärke ist abhängig vom späteren Kerzendurchmesser (Bitte die Angabe zur Dochtstärke auf der Packung beachten). Im Bastelbedarf oder Baumarkt erhältlich.
Knete, Zahnstocher aus Holz

___Herstellung
1 Wachs schmelzen
Wachsgranulat in einem größeren Einmachglas im Wasserbad langsam unter ständigem Rühren erhitzen. Färbewachs nach Herstellerangabe hinzugeben. Das Wachs soll nicht kochen. Mit dem Rührlöffel wird das Wachs umgefüllt, wenn es flüssig genug ist.
2 Docht vorbereiten
Die Dochte auf die richtige Länge bringen. Dochte kurz in das flüssige Wachs tauchen. Wenn das Wachs kurz abgekühlt ist, gerade ziehen. Zur Seite legen.
3 Kerzen in Ausstechförmchen
Knete dünn ausrollen. Die Ausstechförmchen darauf setzen und leicht
andrücken. Wachs zugießen bis der Rand fast erreicht ist. Den Docht, der doppelt so hoch wie die Form sein sollte, in das noch flüssige Wachs stellen und fixieren. Wenn das Wachs fest geworden ist, Förmchen vorsichtig abheben.
4 Kerzen in Gläsern
Das Ende eines Dochts wird mit dem noch nicht festen Wachs an einen Holzzahnstocher geklebt und so weit um diesen gewickelt, dass der Docht gerade bis auf den Boden der Glasform reicht. Der Docht sollte mindestens ein Fingerglied lang über den Glasrand hinausgehen. Wachs zu etwa 3/4 in die Gläser geben. Für verschiedenfarbige Kerzen kann das Wachs z.B. in Schichten eingefüllt werden (z.B. erst rotes, dann gelbes, dann blaues Wachs. Dabei wird die nächste Schicht erst eingegossen, wenn die vorherige Schicht leicht erstarrt ist.

Du hast also Glück gehabt, dass bei dir alles einfacher war?

Ja und Nein. Einfacher war es insofern, weil meine Eltern schon fast zwanzig Jahre in Deutschland waren, als ich geboren wurde. Sie hatten sich da schon etwas aufgebaut, sie konnten sich eine 5-Zimmer-Wohnung kaufen. Mein Vater hat sein eigenes Geschäft, einen Feinkostladen mit türkischen und arabischen Spezialitäten, Ende der 70er eröffnet. Der Laden lief von Anfang an gut und geniesst heute so etwas wie Kultstatus. Jedenfalls haben sie mir alles möglich machen können, was bei meinen Brüdern noch viel schwieriger gewesen ist. Heute sind sie jedoch zurecht stolz darauf, dass Cem als Arzt seine eigene Praxis hat, dass Ömer den Laden mit ihnen schmeisst und ich Psychologie studiere.

Und was war für dich schwieriger als für andere?

Naja . { lacht }. Ich bin ein Mädchen. Eine Frau. Meine Eltern sind schon liberal, sie haben auch nie viel Wert darauf gelegt, besonders muslimisch zu leben. Allerdings ist die Familie meiner Tante ziemlich konservativ. Die Schwester meiner Mutter hat meine Eltern damals in Berlin besucht und einen damaligen Kollegen von meinem Vater kennengelernt. Sie haben dann ziemlich schnell geheiratet. Meine Tante ist Hausfrau und Mutter und kann nicht verstehen, warum ich studiere. Es gab immer viele Streitgespräche zwischen meinen Eltern und meiner Tante und ihrem Mann, was die richtige Erziehung für mich sei. Als ich 2005 für vier Jahre nach Istanbul gegangen bin und dort in einem Frauenhaus gearbeitet habe, kam es fast zu einem Bruch zwischen unseren Familien. Mein Cousin hat mich sogar als Hure beschimpft, die nicht nur wie eine Schlampe herumlaufe, sondern auch noch Frauen gegen ihre Männer aufhetze. Seitdem spreche ich nicht mehr mit ihm. Aber ich will auf gar keinen Fall der Grund sein, warum meine Mutter und ihre Schwester nicht mehr miteinander reden. Sie lieben sich trotz ihrer unterschiedlichen Ansichten. Zum Glück hat sich die Diskussion um meine Person in den letzten Jahren ein wenig beruhigt. { seufzt }.

Hast du auch Ablehnung durch Deutsche erfahren?

Klar. Ich werde zum Beispiel immer wieder gefragt, wo ich herkomme oder welche Nationalität ich habe. Dass ich dunkle Haare und braune Augen habe, zählt bei der Beurteilung meiner Person wohl mehr als mein akzentfreies Deutsch. Obwohl – ick kann och Berliniern, wa. { lacht }. Naja, ich habe mich schon damit abgefunden, dass ich die Exotin bin. Das ist vielleicht nicht direkt eine Ablehnung meiner Person, aber mich nervt es schon. Manchmal mache ich mir einen Spaß und wechsele nach so einer Frage unvermittelt in Lan. { imitiert sich selbst }. Ey, weissu isch bin voll Deutsch, Mann, ey, isch spresche voll hoch Deutsch, Alda. { lacht }. Aber ich habe auch schon gehört, dass ich in mein Land zurück gehen soll. Einmal, da war ich noch jünger, da hab ich einer Tussi eine Ohrfeige dafür verpasst. Die hat mich dann wegen Körperverletzung angezeigt. Das habe ich nicht auf mir sitzen lassen und ich habe eine Gegenanzeige wegen rassistischer Beleidigung aufgegeben. Die hat ihre Anzeige daraufhin zurückgezogen.

Welche Sprache ist dir näher: Türkisch oder Deutsch?

Das ist eine gute Frage. Darüber habe ich noch nie nachgedacht. { blickt nachdenklich auf ihre Hände }. Ich kann nicht wirklich sagen, welche Sprache mir näher ist, oder ob ich eine der beiden Sprachen sogar präferiere. Ich glaube, dass es eher von der jeweiligen Situation abhängt. Manchmal passt es besser, dass ich mich in Türkisch ausdrücke, manchmal spreche ich lieber Deutsch. Damit meine ich jetzt nicht, dass ich mit Türken Türkisch oder mit Deutschen Deutsch spreche. Das liegt ja auf der Hand, dass man sich mit anderen in einer Sprache austauscht, die sie besser verstehen. Allerdings kommuniziere ich meinen Brüdern und auch mit meinen Eltern in beiden Sprachen. Und gerade da kommt es auf die Situation an, ob Deutsch oder Türkisch besser passt.

Kannst du mir ein Beispiel für die situative Verwendung von Türkisch oder Deutsch geben?

Nun ja, wenn ich eine Sache auf den Punkt bringen will, dann spreche ich meistens Deutsch. Deutsch ist eine klare Sprache. Ich finde, dass die Worte sich hervorragend dazu eignen, Sachverhalte deutlich zu machen. Ich kann auch in Deutsch super diskutieren – das hält mich nämlich ein bisschen davon ab, zu emotional zu werden und lautstark auf meinen Diskussionspartner einzureden. { lacht }. Türkisch spreche ich oftmals dann, wenn ich meine Gefühle zum Ausdruck bringe oder wenn ich eine lustige Geschichte erzähle. Mir war das bis zu deiner Frage gar nicht so bewusst, aber es ist wohl tatsächlich so, dass mein Deutsch für den Verstand und mein Türkisch für das Herz steht. Natürlich drücke ich auch im Deutschen meine Gefühle aus oder erläutere Rationales in Türkisch. Es wäre ja schon komisch, wenn ich mit Lisa plötzlich Türkisch spreche, wenn ich ihr erzähle, was mir heute morgen in der U-Bahn passiert ist.

Definierst du deine kulturelle Identität über beide Sprachen?

Das auf jeden Fall, ja. { trinkt einen Schluck Wasser }. Ich fühle mich manchmal als Türkin, manchmal als Deutsche. Und manchmal auch als … Hm, wie soll ich das nennen. Europäerin? Vielleicht kann man es so nennen. Auf jeden Fall fühle ich mich nicht nur einer Nationalität zugehörig. Ich bin meinen Eltern auch sehr dankbar, dass sie sehr viel Wert darauf gelegt haben, dass ich und meine beiden Brüder zweisprachig aufgewachsen sind. Es war für meine Eltern nicht leicht, Deutsch zu lernen. Aber meine Mutter sagt immer: „Wenn du in ein fremdes Land kommst, um dort zu leben, dann lerne die Sprache. Du wirst eine zweite Heimat gefunden haben.“ Meine Eltern sind Ende der 60er Jahre nach Deutschland gekommen, als Gastarbeiter. Dieser Begriff ist übrigens total unsinnig: Ein Gast, der arbeitet? Da könnte man auf den Gedanken kommen, dass die Deutschen ihre Gäste arbeiten lassen, anstatt sie zu bewirten. Seltsame Vorstellung. Aber gut. Was ich eigentlich sagen wollte: Meine Eltern haben als Gastarbeiter angefangen, haben sich hier eine Existenz aufgebaut und meine Brüder und mich so zu erziehen versucht, dass wir an beiden Kulturen teilhaben können. Es war vor allem damals, als sie gerade hierher gekommen sind, ein riesiger Balanceakt meinen Brüdern alles zu ermöglichen, was sie sich für ihre Söhne gewünscht haben. Mit mir war es schon einfacher, ich bin ja auch ein Nachzüglerkind, oder wie man so schön sagt: das Nesthäkchen.

Warum nur ist da diese Anziehungskraft?

Es war keine gute Idee von mir, mich heute mit Josh auf dem Weihnachtsmarkt zu treffen. Die Flirterei an Lisas Geburtstagsessen war schon schlimm genug. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Er ist attraktiv, klar, und ich finde ihn leider echt sexy, auch wenn er 13 Jahre älter ist als ich. Aber er ist mit Emma zusammen. Verdammt. Ich hoffe so sehr, dass sie nichts gemerkt hat an diesem Abend.

Josh ist schon echt dreist. Er hat gleich zu Beginn des Abends mit seinen Augen ausgezogen, sich dann zum Essen neben mich gesetzt und mich in eine Diskussion über meine Masterabeit verstrickt. Warum muss der aber auch so unglaublich smart sein. Ich konnte einfach nicht widerstehen als er mich in das Zimmer von Lisas Vater gezogen hat unter dem Vorwand, dort könnten wir das Thema in Ruhe weiter diskutieren. Es ist ja nichts passiert auf der Couch, er hat mir nur ganz ernsthaft zugehört, und mich darin bekräftigt, meine Idee zur Masterarbeit zu machen. Trotzdem war da dieses Flirren in der Luft, die ganze Zeit.

Warum versuchen alle eigentlich ständig sich einzureden, dass der Mensch ein monogames Wesen sei? Zeitweise mag das ja stimmen – aber ein Leben lang? Wenn es so wäre, dass die menschliche Natur das Bedürfnis hätte, mit nur einem anderen Menschen sexuell aktiv zu sein und das ein ganzes erwachsenes Leben lang – warum ist es dann so, dass die meisten Menschen mehrere Partner haben und oder so oft fremd gehen, obwohl sie eigentlich in festen Händen sind? Sowieso ist der Begriff fremd gehen mehr als seltsam. Als würde man in die Ferne reisen. So ein Quatsch. Oder kein Quatsch? Guter Sex ist ja tatsächlich wie eine aufregende Reise in unbekanntes Terrain. Reisen bedeutet auch, verschiedene Orte entdecken zu können. Und beurteilen zu können, ob es woanders schöner ist oder eben nicht.

Ach, ich will es mir selbst nur schönreden. Auch wenn ich diese Sichtweise tatsächlich vertrete, so heißt das nicht, dass Emma genauso denkt. Hoffentlich hat Peter nichts gesagt. Dass ausgerechnet dieser dämliche Typ ins Zimmer kommen musste, das hat mir noch gefehlt. Trotzdem habe ich mich mit Josh getroffen. Wir haben nur eine Runde gedreht auf dem Weihnachtsmarkt, einen Glühwein getrunken. Es ist ja nichts weiter passiert, wir haben nur geredet. Aber dann er hat gesagt, dass er mich wiedersehen möchte. Ich muss die Finger davon lassen. Unbedingt.

Noeliniz kutlu olsun

Ich werde immer wieder gefragt, ob ich an Heiligabend nicht traurig bin, weil doch überall gefeiert wird, nur bei euch nicht. Dann werde ich mitleidig angeschaut, als würde ich an einer schweren Krankheit leiden.
Manchmal habe ich wirklich das Gefühl, dass die Leute in christlichen geprägten Kulturen glauben, die anderen (also Muslime, Juden, Hindus, Buddhisten …) hätten überhaupt keinen Spaß im Leben, weil sie ohne Weihnachten und Ostern, ohne Alkohol oder mit Kopftuch, ohne Jesus oder mit Vielgötterei leben müssen. Findet ihr allen Ernstes, dass christliche Kirchen für Spaß oder irdische Freuden stehen? Echt jetzt?

Aber um auf Weihnachten zurückzukommen: Den Spaß am Fest machen sowieso die heidnischen Einflüsse aus. Und die haben wir Immigranten ja teilweise auch übernommen. Zumindest meine Eltern. Wir feiern jedes Jahr weinnachten. Wir haben zwar keine Krippe im Wohnzimmer aufgebaut und mein Vater liest auch nicht die Geschichte der Geburt Jesu aus der Bibel vor. Aber wir haben einen geschmückten Baum und beschenken uns gegenseitig reichlich und es gibt ein festliches Essen.

Selbst wenn Weihnachten bei uns nicht gefeiert werden würde, wie bei der Familie meiner Tante, wäre es kein Weltuntergang*. Letztendlich geht es doch darum, dass die Familie zusammenkommt und einen schönen Abend miteinander hat. Ob das nun am 24. Dezember ist oder an einem anderen Tag im Jahr – das finde ich relativ egal.

Auch ein Weihnachtsmann kann sich schämen

* Vielleicht erleben wir dieses Jahr Weihnachten auch gar nicht mehr. Am 21. Dezember 2012 soll die Welt (mal wieder) untergehen.

    Du hast eine neue Nachricht von Sevtap

    Peter

    26.09.2012 09:14

    hey sevtap,

    wie geht’s? hat mich gefreut, dass du auf meiner party warst. hast die feier echt zum glänzen gebracht. hab nicht gewusst, dass lisa so ne schöne freundin hat ;) also würd mich echt freuen, wenn wir uns bald mal wiedersehen. hab dir auch gerade eine freundschaftsanfrage geschickt – können ja hier mal in kontakt bleiben.

    es grüßt dich: der peter

    15.10.2012 00:23

    hi du,

    bist wohl nicht so aktiv hier unterwegs? hab ja leider deine telnummer nicht und lisa wollte mir die nicht geben. musste schon selbst fragen, hat sie gesagt. dann tu ich das mal ganz unbescheiden und hoffe, du liest das bald mal hier. wollte dich nämlich fragen, ob du bock hast, mit mir mal auszugehen? da gibt’s ein paar nette bars bei mir in der ecke – vielleicht mal ein oder zwei getränke oder so? kino wär auch ne idee, anfang november kommt der neue bond raus. auf den steht ihr mädels doch ziemlich ;) also meld dich!

    lg, der peter

    10.11.2012 17:23

    ehrlich gesagt, fände ich es schon cool, mal eine antwort von dir zu bekommen. langsam glaub ich nicht mehr so dran, dass du einfach nur selten hier bist**. oder doch? auf meiner party hatte ich schon das gefühl, dass du mich auch ganz gut findest. sag doch einfach mal bescheid, ob ja oder nein. dann weiß ich wenigstens, ob sich das lohnt, dich weiter anzuschreiben. wenn dir das mit dem kino zu forsch war, können wir ja auch ganz unverbindlich was trinken gehen. hatte ich dir schon angeboten, ist nichts dabei, oder?

    ich kann dich leider nicht zu einem konzert von uns einladen, weil wir noch gar nicht wissen, wann wir auftreten, haha. würd auch ungern so lange warten, dich wiederzusehen, bis es mal soweit ist. also trau dich ruhig. ich beiße bestimmt auch nicht ohne aufforderung ;).

    der peter

    24.11.2012 13:56

    Peter,

    Hartnäckigkeit wird nicht immer belohnt. Ich habe gehofft, dass ich es mir sparen kann, dir zu antworten. Schließlich fühle ich mich nicht verpflichtet dazu, ich habe dir ja weder meine Telefonnummer gegeben, noch habe ich deine Anfragen in Facebook beantwortet. Nachdem du aber nicht locker lässt und jetzt sogar mein E-Mail-Postfach nicht verschont bleibt, lass es dir gesagt sein: Ich habe überhaupt gar kein Interesse daran, mich mit dir zu treffen. Lass mich bitte in Ruhe, mich nerven deine Nachrichten.

    Danke, Sevtap

    Betreff: Gemeinsam die Geheimnisse der Psychologie lüften

    An: Lisa <lisa@life-minutes.de>
    Von: Sevtap <sevtap@life-minutes.de>
    Datum: 11. November 2012 18:02:23 MESZ

    Hallo Lisa,

    hör bitte auf, mich verkuppeln zu wollen. Die Nachrichten über Facebook von diesem Typ nerven mich schon genug. Ich bin wirklich gerne die Frau aus der Bar, von der du immer sprichst. Ich meine die, die dein Fabian trifft und die ihm offen ins Gesicht sagt, dass sie sich zu sehr für das männliche Geschlecht interessiert, anstatt sich an DEN EINEN zu binden. Ich finde auch: Jeder kann so leben, wie er oder sie es für richtig empfindet – meinst du nicht?

    Themenwechsel. Was ich dir eigentlich schreiben wollte: Ich habe mir in der letzten Zeit ein paar Gedanken zu meiner (vielleicht sogar unserer?) Masterarbeit gemacht und habe jetzt eine Idee gesponnen, die ich gerne mit dir besprechen würde. In der Arbeit will ich mich mit dem Thema Subjektivität und Einfluss auf Kommunikation und Konflikt unter Berücksichtigung von geschlechtlichen und kulturspezifischen Variablen beschäftigen. Klingt erst mal hochtrabend theoretisch, bietet aber viel Raum für praktische und spannende Experimente! Wie gesagt, ich habe mich schon ein bisschen damit auseinandergesetzt und ein paar Untersuchungsansätze ausgearbeitet, die das Thema aus unterschiedlichen Richtungen beleuchten.

    Jetzt kommt es natürlich darauf an, was ich damit erreichen will (bzw. kann), sprich: Die Auswahl des geeigneten Experiments wird dem doch recht abstrakten Themenkomplex natürlich eine Richtung geben. Und dafür brauche ich dich: Ich möchte sehr gerne deine fachliche Meinung dazu wissen. Und – nun ja – ich habe natürlich auch schon daran gedacht, ob wir die Arbeit nicht vielleicht gemeinsam angehen wollen? Mein letzter Stand ist, dass du noch kein konkretes Thema vor Augen hast. Es würde sich sogar fast schon anbieten, eine ganze Arbeitsgruppe aufzumachen.

    Jetzt muss ich schmunzeln, weil ich gerade an dein Stirnrunzeln denken muss, dass du bestimmt auflegst, während du diese E-Mail liest. Aber genau deswegen brauche ich deinen Rat und würde am Allerliebesten haben, dass du mit einsteigst: Ich habe immer viele Gedanken, die sich zu ausufernden Ideen formen, aber du hast den Kopf, um die Ideen einzugrenzen und zu konkretisieren.

    Also, wie sieht es aus? Hast du morgen nach unserem Seminar Zeit für einen Schlachtplan? Alle Einzelheiten gibt es dann inklusive Kaffee und Kuchen.

    Gruß + Kuss,
    Sevtap

    Es wird wärmer, Blumen knospen, Bäume schlagen aus

    Ich habe mich mit Lisa gestritten. Sie versteht einfach nicht, dass ich mich gerade nicht auf eine feste Sache einlassen will. Wenigstens hat sie jetzt verstanden, dass sie mir nicht mit diesem Peter zu kommen braucht. Trotzdem will sie für mich unbedingt die „Liebe meines Lebens“ finden. Etwas das „für immer hält“. Dabei verhält es sich mit Beziehungen wie mit der Erdumdrehung um die Sonne und das Auf und Ab im Jahreszeitenkarussell.

    Jede Beziehung ist ein in sich geschlossener Zyklus, der mit dem Frühling beginnt, dann wird es stetig heller, lichter, schöner und irgendwann kühlt es ab, bis der Winter die einstige Liebe in Frost gepackt hat. Dabei ist der Frühling manchmal nur kurz, der Sommer verregnet oder sehr, sehr lang oder der Winter ist glücklicherweise mild.

    Wie Katz und Vogel: Die Liebe lebt von Spannungen.

    Wenn man es genau betrachtet, ist es doch tatsächlich so: Erst erfolgt eine Annäherung. Das ist der Frühling, die Erde schiebt einen Teil ihrer Rundung näher und näher in Richtung Sonne. Es wird wärmer, Blumen knospen, Bäume schlagen aus. Die Natur, sie ist im Wachstum begriffen, so ist es mit dem Verliebtsein auch.

    Dann kennt man sich immer besser, verliert Scheu und Scham voreinander und aus dem Verliebtsein wird Liebe. Das ist der Sommer. Die Erde hat einen Teil ihres Gesichts direkt zur Sonne gewandt und lächelt. Die Sonne strahlt zurück, man spürt die Nähe, das Glück. Man kann vertrauen, es ist genug Nahrung da und es gibt keinen Grund zur Sorge.

    Scheu und Scham kommen wieder zurück, wenn man auseinandergeht. Das ist der Herbst. Da wird es zunehmend kühler, die Blätter der Liebe verfärben sich von rot und gelb zu braun und die einst so innige Zweisamkeit wird welk. Die Liebe fällt zu Boden, die Erde wendet die Augen von der Sonne ab.

    Nach einer Trennung entfremdet man sich zunehmend. Das ist der Winter. Da ist die Erde am weitesten entfernt von der Sonne, die Köpfe, einst zugeneigt, blicken in verschiedene Richtungen. Die Liebe ist erstarrt, von einem Eismantel umgeben. Da fragt man sich: Wer war der Mensch, dem ich mein Herz geschenkt hatte? Oder die Liebe ist weich bedeckt, die Erinnerungen liegen unter Reif und Schnee. Dann mag man sich, ist vielleicht befreundet, aber die einst so starke Verbindung ist schwächer geworden.

    Die Jahreszeiten sind jedes Jahr anders. Kein Frühling der dem letzten Frühling gleicht, kein Sommer, der so wie der letzte Sommer ist, kein Herbst der gleich bunt, kein Winter der gleich kalt ist. Die Erde dreht sich nicht nur ein einziges Mal um die Sonne. Dieses elliptische aufeinander Zustreben und Auseinandergehen, das sich Annähern und wieder Entfernen, das ist es, warum ich nicht an die „einzig wahre Liebe“ glauben kann. Meine Beziehungen waren auch immer anders. Zum Glück. Sonst wäre mein Leben ziemlich monoton. Auch wenn Lisa das nicht glauben will.

    Meine Wahrnehmung der Dinge ist nicht deine Wahrnehmung der Dinge

    Wie der mich nervt. Spricht zu laut und muss sich ständig durch seine fettigen Haare streichen. Und dann noch dieses überzogene Popstar-Gehabe. Und wenn Lisa nicht endlich aufhört, mir diesen Peter einreden zu wollen, muss ich mal ein ernstes Wort mit ihr reden. Lisa will mir sowieso ständig irgend einen Typen ans Herz legen. In ihren Augen scheine ich es dringend nötig zu haben, endlich in festen Händen zu sein. Dabei will ich gar nicht. Ich bin glücklich als Single. Ich geniesse meine Freiheit zu tun und zu lassen, was ich will. Für Lisa offensichtlich unvorstellbar, dass ich nicht so scharf darauf bin, unter der Haube zu sein. Sie hat mir ja erst vor kurzem gesagt, ich sei wie diese Frau, die ihr Fabian in dieser Bar trifft.

    Lisa und Fabian. Lisa und Kästner. Wahrscheinlich eine Verbindung bis ans Ende aller Tage. Das klappt gut, ist ja auch risikoarm. Da die Kommunikation nur in eine Richtung verläuft (Kästner schreibt, Lisa liest), kann es keine Konflikte geben. Was die lebenslange Beziehung erheblich vereinfacht. Aber irgendwie schon rührend, ihre Leidenschaft für diesen Schriftsteller.

    Bei Lisa und Vincent ist es anders. Sie streiten sich oft. Was in der Natur des Gegensätzlichen liegt. Die beiden sind wie zwei Pole, die die sich anziehen und dabei gleichzeitig abstossen: Lisa neigt dazu, Dinge zu dramatisieren, Vincent hingegen sieht die Dinge entspannt und beschwichtigt gerne. Meine Freundin geht die Dinge gerne so an, wie sie sie geplant hat, Vincent jedoch ist eher spontan und lässt die Dinge auf sich zukommen.

    Die Dinge. Wenn ich darüber nachdenke, ist es vielleicht die Sicht auf die Dinge, die uns unterscheidet, die dazu führt, dass es so viele Auseinandersetzungen gibt – in Beziehungen oder zwischen ganzen Bevölkerungsgruppen. Meine Wahrnehmung der Dinge ist nicht deine Wahrnehmung der Dinge ist nicht eure Wahrnehmung der Dinge usw. Was ich sagen will: Kein Wunder, dass wir uns ständig in die Haare kriegen, sehen wir die Welt doch mit mindestens 14 Milliarden verschiedenen Augen. Natürlich hilft Sprache, sich über gewisse Wahrnehmungen, Einstellungen oder Erfahrungen zu verständigen. Wir sind schließlich sozial und wollen die Welt nicht nur über unser eigenes geschlossenes System erfahren – wir wollen uns darüber auch mit anderen austauschen. Nur, dass der Austausch bzw. die Kommunikation mit einem nicht zu unterschätzenden Konfliktrisiko behaftet ist. Weil wir das, was der andere sagt, immer auch bewerten. Und die Bewertung erfolgt anhand meiner individuellen Sichtweise. Insofern sind wir alle tatsächlich einzigartig: Die Gesamtheit meiner, deiner, eurer Sichtweisen, also die individuelle Kombination derselben, ist einzigartig und kann in Gänze mit niemandem komplett harmonisch geteilt werden.

    Ein guter Denkansatz! Noch nicht ausgereift, aber ein Anfang. Ich glaube, ich habe gerade den Grundstein für meine Masterarbeit gelegt. Muss mal mit Lisa sprechen. Vielleicht können wir eine gemeinsame Idee für die Arbeit entwickeln.