Jede Gesellschaft ist im Namen der Menschlichkeit verpflichtet

Urplötzlich ist es eiskalt. Nicht nur weil Herbst ist – auch im deutschen Miteinander. Was seit einem Jahr, seit der Aufdeckung der Morde durch die NSU, an die Oberfläche unserer vermeintlich so toleranten und offenen Gesellschaft gespült wird, ist mehr als erschreckend. Es zeigt ganz deutlich: Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind nicht nur ein Problem von extremistischen Randgruppen. Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind allgegenwärtig und werden sogar von staatlichen Organen protegiert.

Dabei wird am Beispiel der NSU ziemlich deutlich, was ein Verbot bewirkt: Solche Vereinigungen können sogar fast noch besser aus dem Untergrund heraus unbehelligt tätig sein. Deshalb halte ich ein Verbot der NPD* für unsinnig. Man drängt die NPD-Anhänger* damit doch nur in eine Märtyrer-Rolle und macht sie erst recht attraktiv für andere dumpfe Nationalisten. Der Staat muss Mitglieder aus dieser Partei mit den Mitteln des Rechtsstaats in den Griff kriegen, dass heißt nichts anderes, als das Strafrecht voll und ganz auszunutzen. Und der Öffentlichkeit damit immer wieder vorführen, wie dumm und gefährlich diese Leute sind. Und dass sie selbst die Kriminellen sind, für die sie auf ihren Plakaten härtere Strafen fordern.

Sicherlich ist Rassismus und die Ablehnung alles vermeintlich Fremden kein deutsches Problem. Aber in Deutschland hat er eine besonders schreckliche Geschichte. Die auf gar keinen Fall in Vergessenheit geraten darf – auch wenn der größte Teil der Täter und der Opfer nicht mehr leben. Jede Gesellschaft ist im Namen der Menschlichkeit verpflichtet, sich gegen rassistische, antisemitische und fremdenfeindliche Tendenzen in ihrer Mitte vehement zu wehren.

Ich bin gespannt, wie die aktuelle Lage in Europa und in Deutschland von der israelischen Öffentlichkeit gesehen wird. Ich fliege ja Ende Dezember nach Tel Aviv. Leider bekomme ich hier in Deutschland viel zu wenig mit, wie das Thema in meiner zweiten Heimat diskutiert wird. Das liegt in der Natur der Medienwelt: In den Nachrichten wird ja nur etwas berichtet, wenn es von weltpolitischer Bedeutung scheint. So beschäftigen sich die deutschen Medien vorzugsweise mit Israel dann, wenn es um politische Konflikte im Nahen Osten oder um Anschläge und extremistische Gruppen in Israel und Gaza geht. Aber ich will nicht überkritisch sein: In Deutschland wird schon relativ viel über das politische Geschehen in der Welt berichtet. Wenn man sich die Berichterstattung in den USA ansieht, fällt es umso mehr auf: In den Vereinigten Staaten wird fast ausschließlich über Themen berichtet, die die USA betreffen. Ich habe ja selbst als Journalistin fast 16 Jahre für amerikanische Zeitungen gearbeitet. Über Themen, die außerhalb des us-amerikanischen Blickwinkels gelegen haben, konnte ich kaum schreiben – sie haben sich einfach nicht verkauft auf dem amerikanischen Nachrichtenmarkt.

Es ist wirklich kalt geworden. Vor einer Woche war es noch fast sommerlich. Damit geht das Kapitel Sommer tatsächlich zu Ende.

* 2012 heißt die AFD noch NPD. Anderer Name, gleiche Gesinnung.

Vor allem für mich, die ich wieder hier lebe

Ich fühle mich nicht mehr wohl in Europa. Damit meine ich weniger die Diskussion um Krise und Euro. Mein ungutes Gefühl betrifft mehr die Entwicklung unserer Gesellschaft, die sicherlich nicht ganz von der wirtschaftlichen Entwicklung zu entkoppeln ist. Die Tendenz, dass rechtes Gedankengut wieder Zugang findet bei der Bevölkerung, ist nicht nur in Deutschland zu beobachten, aber gerade hier ist es ein besonders sensibles Thema. Vor allem für mich, die ich wieder hier lebe.

Nun ist es natürlich so, dass Themen rund um Rassismus, Rechtsextremismus, Antisemitismus oder Islam-Feindlichkeit gerade Saison in den Medien haben und deshalb so augenfällig sind. Medien haben einen großen Einfluss darauf, wie wir die Dinge sehen und beurteilen. Als Journalistin ist mir bestens bekannt, welche Macht Wort und Bild haben. Schlagzeilen zu NSU, die Nähe des Verfassungsschutzes zu rechtsextremistischen Gruppen oder der Mohammed-Schmähfilm sind natürlich allgegenwärtig. Hier werden extreme Beispiele hervorgehoben, während die leiseren Töne fast kaum als tendenziell rechte Denkweisen wahrgenommen werden. Aber genau das ist es, was mir wirklich Sorge bereitet.

Menschenverachtende und vorurteilsbeladene Ansichten werden wieder salonfähig. Schön verpackt mit wohl gewählten Worten von Leuten, von denen man solche Gedanken nicht erwarten würde. Von Verfechtern der europäischen Idee zum Beispiel. Wenn der ehemalige französische Staatspräsident davon spricht, dass „kriminelle Energie“ anhand des Erbgutes eines Menschen erkannt werden kann und wenn die deutsche Bundeskanzlerin davon spricht, dass Südeuropäer wie z.B. die Griechen zu wenig arbeiteten (durch die Blume gesagt: faul seien), dann ist das mehr als bedenklich. Auch wenn es den benannten Personen in erster Linie um Stimmenfang gehen mag. Die Annahme, dass große Teile der Bevölkerung dieses Gedankengut teilt, bedeutet auch: Es ist nur ein kleiner Schritt, bis es wieder en vogue ist, dumpfe und unreflektierte Sprüche über alle, die „anders“ sind, reissen zu dürfen. Und es gibt wieder eine Akzeptanz dafür, ganz offen diskriminierende Meinungen kund zu tun und sogar Zustimmung dafür zu bekommen. Und zwar nicht nur von NPD-Mitgliedern*, von denen man so etwas ja erwartet, sondern von einer breiten Öffentlichkeit. Das ist wirklich schlimm.

Wir können uns gar nicht laut und oft genug gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Rechtspopulismus aussprechen. Deswegen habe ich mich gefreut, als Peter mich vor Kurzem gefragt hat, ob ich einer jungen Journalistin ein Interview geben will. Emma, so heißt die Dame, macht einen sehr patenten Eindruck auf mich. Wir haben nur kurz telefoniert, aber sie hat eine klare Vorstellung davon, was sie mit ihrer Reportage vermitteln will. Ich bin mehr als bereit dazu, ihr meine Geschichte zu erzählen. Auch wenn meine Geschichte keine neue Geschichte ist und wir diese schon tausende Male erzählt und gehört haben. Die Geschichte von Verfolgung und Vernichtung, die Geschichte des Holocausts geht uns alle an. Gerade heute ist es wieder sehr wichtig, die Erinnerungen an eine andere Zeit ins kollektive Gedächtnis zu rufen – auch wenn die Zeitzeugen langsam alle wegsterben.

* 2012 gab es die AFD noch nicht. Man kann auch sagen, sie hieß damals NPD. Aber eigentlich ist es auch ganz gleich, wie diese braune Suppe sich nennt, es eint sie ihr Gedankengut und die üblen Taten.