Betreff: Gemeinsam die Geheimnisse der Psychologie lüften

An: Lisa <lisa@life-minutes.de>
Von: Sevtap <sevtap@life-minutes.de>
Datum: 11. November 2012 18:02:23 MESZ

Hallo Lisa,

hör bitte auf, mich verkuppeln zu wollen. Die Nachrichten über Facebook von diesem Typ nerven mich schon genug. Ich bin wirklich gerne die Frau aus der Bar, von der du immer sprichst. Ich meine die, die dein Fabian trifft und die ihm offen ins Gesicht sagt, dass sie sich zu sehr für das männliche Geschlecht interessiert, anstatt sich an DEN EINEN zu binden. Ich finde auch: Jeder kann so leben, wie er oder sie es für richtig empfindet – meinst du nicht?

Themenwechsel. Was ich dir eigentlich schreiben wollte: Ich habe mir in der letzten Zeit ein paar Gedanken zu meiner (vielleicht sogar unserer?) Masterarbeit gemacht und habe jetzt eine Idee gesponnen, die ich gerne mit dir besprechen würde. In der Arbeit will ich mich mit dem Thema Subjektivität und Einfluss auf Kommunikation und Konflikt unter Berücksichtigung von geschlechtlichen und kulturspezifischen Variablen beschäftigen. Klingt erst mal hochtrabend theoretisch, bietet aber viel Raum für praktische und spannende Experimente! Wie gesagt, ich habe mich schon ein bisschen damit auseinandergesetzt und ein paar Untersuchungsansätze ausgearbeitet, die das Thema aus unterschiedlichen Richtungen beleuchten.

Jetzt kommt es natürlich darauf an, was ich damit erreichen will (bzw. kann), sprich: Die Auswahl des geeigneten Experiments wird dem doch recht abstrakten Themenkomplex natürlich eine Richtung geben. Und dafür brauche ich dich: Ich möchte sehr gerne deine fachliche Meinung dazu wissen. Und – nun ja – ich habe natürlich auch schon daran gedacht, ob wir die Arbeit nicht vielleicht gemeinsam angehen wollen? Mein letzter Stand ist, dass du noch kein konkretes Thema vor Augen hast. Es würde sich sogar fast schon anbieten, eine ganze Arbeitsgruppe aufzumachen.

Jetzt muss ich schmunzeln, weil ich gerade an dein Stirnrunzeln denken muss, dass du bestimmt auflegst, während du diese E-Mail liest. Aber genau deswegen brauche ich deinen Rat und würde am Allerliebesten haben, dass du mit einsteigst: Ich habe immer viele Gedanken, die sich zu ausufernden Ideen formen, aber du hast den Kopf, um die Ideen einzugrenzen und zu konkretisieren.

Also, wie sieht es aus? Hast du morgen nach unserem Seminar Zeit für einen Schlachtplan? Alle Einzelheiten gibt es dann inklusive Kaffee und Kuchen.

Gruß + Kuss,
Sevtap

Meine Wahrnehmung der Dinge ist nicht deine Wahrnehmung der Dinge

Wie der mich nervt. Spricht zu laut und muss sich ständig durch seine fettigen Haare streichen. Und dann noch dieses überzogene Popstar-Gehabe. Und wenn Lisa nicht endlich aufhört, mir diesen Peter einreden zu wollen, muss ich mal ein ernstes Wort mit ihr reden. Lisa will mir sowieso ständig irgend einen Typen ans Herz legen. In ihren Augen scheine ich es dringend nötig zu haben, endlich in festen Händen zu sein. Dabei will ich gar nicht. Ich bin glücklich als Single. Ich geniesse meine Freiheit zu tun und zu lassen, was ich will. Für Lisa offensichtlich unvorstellbar, dass ich nicht so scharf darauf bin, unter der Haube zu sein. Sie hat mir ja erst vor kurzem gesagt, ich sei wie diese Frau, die ihr Fabian in dieser Bar trifft.

Lisa und Fabian. Lisa und Kästner. Wahrscheinlich eine Verbindung bis ans Ende aller Tage. Das klappt gut, ist ja auch risikoarm. Da die Kommunikation nur in eine Richtung verläuft (Kästner schreibt, Lisa liest), kann es keine Konflikte geben. Was die lebenslange Beziehung erheblich vereinfacht. Aber irgendwie schon rührend, ihre Leidenschaft für diesen Schriftsteller.

Bei Lisa und Vincent ist es anders. Sie streiten sich oft. Was in der Natur des Gegensätzlichen liegt. Die beiden sind wie zwei Pole, die die sich anziehen und dabei gleichzeitig abstossen: Lisa neigt dazu, Dinge zu dramatisieren, Vincent hingegen sieht die Dinge entspannt und beschwichtigt gerne. Meine Freundin geht die Dinge gerne so an, wie sie sie geplant hat, Vincent jedoch ist eher spontan und lässt die Dinge auf sich zukommen.

Die Dinge. Wenn ich darüber nachdenke, ist es vielleicht die Sicht auf die Dinge, die uns unterscheidet, die dazu führt, dass es so viele Auseinandersetzungen gibt – in Beziehungen oder zwischen ganzen Bevölkerungsgruppen. Meine Wahrnehmung der Dinge ist nicht deine Wahrnehmung der Dinge ist nicht eure Wahrnehmung der Dinge usw. Was ich sagen will: Kein Wunder, dass wir uns ständig in die Haare kriegen, sehen wir die Welt doch mit mindestens 14 Milliarden verschiedenen Augen. Natürlich hilft Sprache, sich über gewisse Wahrnehmungen, Einstellungen oder Erfahrungen zu verständigen. Wir sind schließlich sozial und wollen die Welt nicht nur über unser eigenes geschlossenes System erfahren – wir wollen uns darüber auch mit anderen austauschen. Nur, dass der Austausch bzw. die Kommunikation mit einem nicht zu unterschätzenden Konfliktrisiko behaftet ist. Weil wir das, was der andere sagt, immer auch bewerten. Und die Bewertung erfolgt anhand meiner individuellen Sichtweise. Insofern sind wir alle tatsächlich einzigartig: Die Gesamtheit meiner, deiner, eurer Sichtweisen, also die individuelle Kombination derselben, ist einzigartig und kann in Gänze mit niemandem komplett harmonisch geteilt werden.

Ein guter Denkansatz! Noch nicht ausgereift, aber ein Anfang. Ich glaube, ich habe gerade den Grundstein für meine Masterarbeit gelegt. Muss mal mit Lisa sprechen. Vielleicht können wir eine gemeinsame Idee für die Arbeit entwickeln.