С Рождеством

Ich war gestern endlich mal wieder selbst Zuschauer. Lisa und ich waren im Staatsballett Berlin. Ich hatte ihr zum Geburtstag eine Karte für den modernen Dreiteiler ARCANGELO von Duato | HERMAN SCHMERMAN von William Forsythe | and the sky on that cloudy old day von Marco Goecke geschenkt. Mein Töchterchen war ganz hingerissen, vor allem der dritte Akt von Goecke hat sie sehr begeistert. Mich allerdings auch. Die Choreographie wie die Szenerie waren wirklich beeindruckend: Die Tänzerinnen und Tänzer erinnerten an Maschinen, die über einen Nebelboden schweben. Engel des Industrialismus, ein Stummfilm auf der Bühne, moderne Zeiten als Tanzstück. Die faszinierende Atmosphäre des dritten Teils wurde durch die Live-Musik aus dem Orchestergraben komplettiert (bei Akt 1 und 2 kamen die Musikstücke von Band).

Ich bin noch so beschwingt, dass ich in Laune für ein Rätsel bin:

1 Wie heißt das berühmte Ballett, das gerne zur Weihnachtszeit aufgeführt wird?

2 Wer hat die Geschichte, auf der dieses Stück basiert, ursprünglich geschrieben?

3 Wer war der Komponist, der die Geschichte dann vertont hat?

Knackt die Schale, springt der Kern …

메리 크리스마스!

Alle Jahre wieder: Sobald die Weihnachtssaison offiziell eröffnet ist, wird Last Christmas von Wham! aus dem Plattenregal der Radiostationen geholt und hoch und runter gespielt – bis zum allgemeinen Überhörsturz.

Zum Glück gibt es von diesem Song eine ganze Reihe an kreativen, lustigen oder trashigen Cover-Versionen. Und so habe ich über die Jahre meine persönlichen Top 10* zusammengestellt.

10

Punkrock-Version aus Japan (leider nicht in Japanisch): Nicotine – Last Christmas

09

Unglaublich trashige Schlagervariante in Deutsch: Matthias Reim – Letzte Weihnachten

08

Gibt’s auch in Französisch von Göttin Dalida — Reviens-moi

07

Metal meets Wham! UMC – Last Christmas

06

Indie-Pop mit Tiefgang und in deutsch: Wolke – Last Christmas

05

Gothic aus dem Weihnachtsland: StereoType O Negative – Last Christmas

04

Macht auch vor Hipster**-Pop-Bands nicht halt: Florence & The Machine – Last Christmas

03

Auch R&B ist Fan von Wham! ASTN – Last Christmas

02

Das Selbst-Cover in Live-Form: George Michael – Last Christmas

01

Und weil 2025 ist, darf die K-Pop-Version nicht fehlen: 헨리 HENRY LAU – Last Christmas

Kitsch as Kitsch can: mit Last Christmas von Wham!

* Die Top-10 wurden 13 Jahre später im Dezember 2015 auf den neusten Stand gebracht, heißt: einige Songs sind ganz neu in der Playlist :)

** Hipster waren in den 10-Jahren diese lustige Gruppe von Metropolen-Menschen, die mit gepflegten Bärten (männlich) oder VoKuHiLa (weiblich) ein besonders cooles Leben – eben hipp – zu führen glaubten.

Habt ihr schon ein Demo, dass ich weitergeben kann?

Hey, war das mal ein cooler Konzertabend. Bin ja mehr schlecht als recht gelaunt im Antje Öklesund angekommen und hab mir nicht mehr viel vom Abend versprochen. Aber The Grand Coulee, Der Elegante Rest und Peer haben meinen Ärger echt weg gerockt. Dabei hat der Abend erst ganz gut angefangen. Lisa hat zu ihren Geburtstagsessen eingeladen und ich hatte richtig Lust auf so einen gediegenen Einstieg in den Abend.

Als ich angekommen bin, war da allerdings schon diese Freundin von Lisa da. Ich weiß echt nicht mehr, was ich gut an der gefunden habe. Eigentlich steh ich ja nicht auf dunkelhaarig, groß und dünn. Aber gut, war wahrscheinlich so ein hormonbedingter Ausfall meinerseits. Naja, außer „Hallo“ haben wir nix geredet, hab dann zum Glück bei Vince und Patrice gesessen. Später allerdings hab ich die mit Josh gesehen.

Ich bin auf den Balkon um eine zu rauchen, war ein schön kalter Abend da draußen. Als ich zurück bin, wollt ich noch auf Toilette, hab aber die Tür verwechselt und stand dann im Arbeitszimmer von Lisas Vater. Und da war nicht nur ich. Sevtap und Josh haben da auf dieser echt großen Ledercouch ziemlich nah beieinander gesessen. Ob die Händchen gehalten haben, konnte ich nicht sehen, aber dass die da ziemlich flirty unterwegs gewesen sind, hätte ich sogar bemerkt, wenn es stockdunkel gewesen wäre. Na, die haben sich wohl erschrocken als ich da in der Tür stand, Sevtap ist dann sofort aufgestanden und war ganz rot im Gesicht. Sie hat sich wortlos an mir vorbeigedrückt und ist zurück in den Salon.

Josh kam dann später noch kurz zu mir und hat sich entschuldigt, dass er auf meine E-Mail noch nicht geantwortet hat. Er meinte, dass er seinen Kumpel auf jeden Fall fragen will und ob er vielleicht ein Demo haben könnte. Dann hat er mich noch darum gebeten, Emma und Lisa nichts zu sagen, wäre ja nichts gewesen, aber man sollte hier keine unnötigen Szenen provozieren und so weiter. Wenn ich ihn und die blöde Kuh nicht zufällig in dem Zimmer erwischt hätte, hätte der mir niemals eine Antwort auf meine E-Mail gegeben. Was für ein arroganter Schnösel, der Typ. Ich versteh echt nicht, wie eine so liebe Frau wie die Emma mit dem zusammen sein kann. Naja, muss sie selbst wissen. Hauptsache es kommt jetzt was in Bewegung mit dem Produzenten.

Betreff: Die Platten sind super!

An: Hans <hans@life-minutes.de>
Von: Josh <josh@life-minutes.de>
Datum: 27. November 2012 20:02:23 MESZ

Hans,

Thank you so much for the albums. Ich habe es zwischen Tür und Angel (I really like this German expression) tatsächlich geschafft, in alle drei Platten reinzuhören. Ich wusste gar nicht, dass du solche Pop-Perlen in deiner Sammlung hast – du hörst ja sonst sehr viel klassische Musik. Jedenfalls ist mir beim Hören wieder aufgefallen, wie schön es ist, Musik von einer Platte zu hören. Das klingt irgendwie roher, nicht so überproduziert wie der ganze digitale Kram.

Wenn es ok für dich ist, komme ich die Tage vorbei und bringe die Platten zurück. Wäre super, wenn ich noch mal einen Blick auf deine Musiksammlung werfen dürfte, da sind bestimmt noch andere Schmuckstücke dabei. Ich weiß leider noch nicht, wann ich es schaffen werde, ich hoffe aber spätestens zu Lisas Geburtstagsessen. Da bin ich auf jeden Fall in Berlin und du weißt ja, dass ich auf gar keinen Fall auf die Tartes von Patrice verzichten kann … By the way, hast du einen Tipp, was ich Lisa schenken kann? Emma hat schon ein Geschenk und sie meinte Fachbücher für Lisas Studium wären gut. Ich würde ihr aber lieber etwas weniger Vernünftiges schenken – you know what I mean, do you?

Ich fliege morgen ziemlich früh nach Brüssel, du kannst mir aber jederzeit eine E-Mail schicken. The web is everywhere!

All the best,
Josh

Betreff: kontakt aufnehmen

An: Josh <josh@life-minutes.de>
Von: Peter <peter@life-minutes.de>
Datum: 26. November 2012 17:15:23 MESZ

hi josh,

how r u? du erinnerst dich an mich? ich bin mit lisa und vince befreundet. emma hat mir deine e-mail gegeben, ich soll mich direkt an dich wenden. sie hat mir erzählt, dass du hast einen freund hast, der produzent bei einem major ist und vielleicht was für uns tun kann.

uns das sind wir: eine berliner band mit 6 leuten, die deutsch-englisch-französischen pop mit soul und hip hop elementen spielen. einen namen haben wir noch nicht und wir befinden uns gerade noch in der findungsphase. aber wir sind auf einem guten weg. also wir haben schon ein paar songs, für ein album reicht es noch nicht ganz, aber ein kleines konzert könnten wir schon spielen. demo wollen wir demnächst aufnehmen, könnte ich dir also auch bald zuspielen. wir machen auch gerne einen tag der offenen proben, wenn es gewünscht ist ;)

ich bin am samstag bei sebastian block & band und tonbandgerät im comet, wenn du zeit und lust hast, könnten wir uns da treffen und mal drüber reden. wäre auf jeden fall super, wenn du dich bei mir meldest und den kontakt herstellen kannst.

See u around,
peter

Betreff: Bin noch in Frankreich

An: Peter <peter@life-minutes.de>
Von: Vincent <vincent@life-minutes.de>
Datum: 08. November 2012 10:47:23 MESZ

Hallo Peter,

es tut mir leid, aber mit Proben wird es dieses Wochenende nichts. Ich bin noch in Frankreich, aber meinem Vater geht wieder besser. Es hatte zum Glück keinen Herzinfarkt, allerdings können die Ärzte noch nicht genau sagen, was mit ihm los ist.

Es ist komisch, meinen Vater so bleich und kraftlos in einem Krankenhausbett zu sehen. Ich erkenne ihn so fast gar nicht wieder. Als ob dort ein anderer Mensch liegen würde. Vielleicht können wir darüber mal einen Song machen? Ich meine jetzt nicht über den Tod, sondern darüber, was passiert, wenn Menschen krank werden. Ist es nur das Bild, das wir von anderen Personen haben und das dann nicht mehr passt, weshalb sich der Mensch in unseren Augen verändert hat? Oder verändern wir uns selbst, wenn wir geschwächt sind? Nicht nur äußerlich, weil wir bleich oder eingefallen oder müde aussehen. Sondern auch innerlich.

Niemand möchte krank sein. Kranksein bedeutet Schwäche zu zeigen. Verändern wir uns deshalb, wenn wir krank sind, weil wir Angst haben vor den mitleidigen Blicken der Gesunden? Wir ziehen uns zurück, wir verstecken uns, wir werden wortkarg und reden am liebsten mit uns selbst.

Nun ja, du merkst, das Thema beschäftigt mich. Deshalb die Idee für einen Song. Text und Sound müssen ja gar nicht depressiv klingen. Le rire est le meilleur des remèdes. Sagt man im Deutschen glaube ich auch so. Na ja, können wir ja noch drüber reden, wenn ich wieder in Berlin bin. Ich komme übrigens am Dienstag nachmittags an. Wir könnten uns dann Mittwoch oder Donnerstag treffen, passt für dich und die Jungs?

Umarme meine liebste Lisa ganz fest, wenn du sie siehst. Gros bisous, vieux sac !

Vince

Vor allem wenn dein Gegenüber die Ironie mit Humor verwechselt

Sagt ein Ohrwurm eigentlich etwas über die psychische Verfassung des Ohrwurmgeplagten aus? So frei nach Freud? Immer wenn ich mir die Rubber Soul angehört habe, klingt Nowhere Man noch stundenlang in meinem Kopf nach. Tatsache ist: Manchmal fühle ich mich wie ein Nowhere Man. Ich bin ständig unterwegs, reise in der Welt herum, ohne die Welt zu sehen. Und das alles, um Strategien zu entwickeln und Dinge zu verkaufen, die – wenn man ehrlich ist – niemand braucht. Davon lebt unser kapitalistisches System. Davon lebe ich.

Ehrlich gesagt freue ich mich über jeden Tag, der so ist, wie heute. Wenn die Sonne scheint und so ein Hammerwetter wie an diesem Sonntag im Oktober ist, kann ich richtig abschalten. Wenn ich endlich mal Zeit habe, nichts zu tun, und mein Gesicht in die wärmenden Sonnenstrahlen halte, kann ich ganz gut vergessen, dass ich Teil des Systems bin, das ich selbst so lächerlich finde. Wahrscheinlich bin ich gerade deswegen so erfolgreich in meinem Job. Weil ich mich im Grunde genommen selbst nicht ernst nehmen kann. Ironie verkauft am besten – vor allem wenn dein Gegenüber die Ironie mit Humor verwechselt.

Da fällt mir gerade ein: Ich muss Jenna wegen der Wahl noch Bescheid geben. Wir wollten ja zusammen zur Botschaft gehen und ich kann nur am 6. November ganz früh. Barack Obama steht ja gerade im Kreuzfeuer der Kritik. Selbst eingefleischte Demokraten wenden sich gegen ihn. Was nicht überraschend ist. Die Erwartungen an Obama waren einfach unrealistisch hoch. Man hat ihm fast schon übermenschliche Kräfte nachgesagt damals. Ein Zauberer als Mister President? What a joke! Klar, einen, der Wunder vollbringt, den hätte es wahrscheinlich gebraucht nach acht Jahren Bush-Regierung*. Die hat in 8 Jahren mehr zerstört als man in acht Jahren aufbauen kann. Das jedoch sehen die meisten Leute leider nicht. Weil sie vergesslich sind. Und sich am Nachmittag lieber eine neue Lüge in ihr Ohr säuseln lassen, um nicht mehr daran zu denken, dass die Lüge von gestern ihnen heute morgen noch sauer aufgestossen ist.

Stürmische Zeiten*: vom American Dream zum Nowhere Land.

Ich bin wirklich gespannt auf den Ausgang der Wahl. Ich muss unbedingt meine Stimme abgeben. Denn ich will auf gar keinen Fall, dass Mitt Romney das Rennen macht. Ich weiß nicht, ob Obama der bessere Präsident ist. Aber auf jeden Fall ist er der sozialere Präsident. Und er hat, obwohl seine ersten vier Jahre im Amt nicht gerade leicht waren, seine Menschlichkeit behalten. Einer wie Romney kann sich gut verkaufen, ist aber nur eine republikanische Marionette. So wie Bush Junior.

* 12 Jahre danach gibt es wieder eine Wahl in den USA. Obama hatte damals noch mal gewinnen können und dann kam Trump. Der ist so übel, dass selbst Bush Junior sich gegen ihn positioniert hat. Leider ohne Erfolg. Vier Jahre Trump, vier Jahre Biden und dieses Jahr wieder … Trump? God save America from this disaster.

Also bin ich in das Beatles Museum gegangen

Vor kurzem war ich einen Tag lang in Halle. Fantastisch, was man alles entdeckt, wenn man beruflich durch die Welt geschickt wird. Halle gefällt mir. Schöne Altstadt und so unaufgeregt. Zum Glück hatte ich zwischen den zwei Terminen noch ein bisschen Zeit. Also bin ich in das Beatles Museum gegangen. I love THE BEATLES.

Ein Tag in Halle kann nur gut sein, weil es dort das Beatles-Museum gibt.

Das allererste Popmusik-Album meines Lebens war das Album The Beatles. Wenn man es genau nimmt, habe ich mir das Album einfach angeeignet. Es gehörte zu der riesigen Plattensammlung meines Dads. Ich glaube fast, er hat von allen bekannten amerikanischen und britischen Bands der 60er und 70er Jahre alle Alben. Wirklich alle. Meine Eltern schwärmen ja auch heute noch von Woodstock und wie toll es damals war. Happy Hippies, Love and Peace. Das wiederum ist ja nicht so meins.

Aber The Beatles. Auf dem White Album sind großartige Songs drauf. Ich finde immer das passende Lied für meine jeweilige Stimmung. Wenn ich fröhlich bin, mag ich am liebsten Honey Pie oder Savoy Truffle, wenn ich wütend bin, höre ich gern Helter Skelter oder Happiness Is A Warm Gun, wenn ich schlecht drauf bin, läuft Cry Baby Cry und Yer Blues in Endlosschleife. Und Sex ist am besten mit Everybody’s Got Something To Hide Except Me And My Monkey. Zum Glück gibt es heutzutage MP3-Player*. Da kann ich bei meinem ständigen Unterwegssein wenigstens die Musik hören, die mir Spaß macht. Und mich ausklinken.

Zur Entspannung ein Kaffee mit den Beatles im Biergarten.

Emma interessiert sich leider gar nicht für The Beatles. Liegt vielleicht auch daran, dass sie so gut wie pop-musikfrei aufgewachsen ist. Hans ist ja eher klassisch orientiert. Eigentlich seltsam, da er in Ost und Westdeutschland für seine sehr modernen Theaterinszenierungen ziemlich bekannt gewesen ist. Zum Glück teilt mein Schwesterchen meine Beatles-Leidenschaft. Da kann Patrice noch von ihr lernen. Irgendwie lustig, dass die beiden sich jetzt endlich gefunden haben. Hab eigentlich nur darauf gewartet, dass das endlich passiert.

Ist eine interessante Paar-Konstellation: Ich bin mit der Schwester von Patrice zusammen, der mit meiner Schwester zusammen ist, die die beste Freundin von Emma ist. Und Patrice und ich verstehen uns auch super. Alles easy, außer dass Emma sich ziemlich aufgeregt hat. Ich glaube, sie ist eifersüchtig. Sie denkt, dass Jenna und Patrice sich nicht mehr genug für sie interessieren. Ach Emma, manchmal bist du wirklich wie ein kleines Mädchen. Ihr Drang nach Aufmerksamkeit kann schon echt nerven. Da bin manchmal schon froh, dass ich viel unterwegs bin. Sonst wäre es mir schnell zu viel mit ihr.

* MP3-Player sind auch so ein Ding der 2010-Jahre: Musik-Streaming à la Spotify kam in Deutschland erst ein paar Jahre später richtig in Mode.

Also alles super und dann der Wespenstich

Eine Wespe, die sich beim Fahrradfahren im Kragen der Jacke verfängt und mir in den Hals sticht. Ich fasse es nicht. Ich muss wie ein Irrer ausgesehen haben, als ich da mitten auf dem Gehweg lauthals „fuck, fuck, fuck“ geschrien habe und mich dabei verrenkt habe, weil ich das blöde Biest nicht sehen, aber umso mehr spüren konnte. Die gute Nachricht ist: Ich reagiere nicht allergisch auf die Viecher. Aber es tut verdammt weh. Mist.

Dabei hat der Tag so gut angefangen. Cooles Konzert mit Sebastian Block und Band gestern Abend, dann die schnuckelige Freundin von Lisa (hab leider den Namen vergessen) – gute Nacht, guter Morgen. Mit Sonnenschein und drei verkauften Platten. Hammerpreis haben die Typen dafür geboten. Hab mich fast wie ein Lottokönig gefühlt. Dann bin ich sogar einigermaßen pünktlich bei der Arbeit angekommen. Viel los heute Mittag am Stand, da geht die Zeit schnell rum. Also alles super und dann der Wespenstich.

Tische abwischen und das Treiben auf der Straße beobachten.

Natürlich hab ich kein Eis da, Eisfach ist ja auch kaputt. Fühlt sich auch keiner verantwortlich hier. Wär mal wieder an der Zeit, eine WG-Runde mit Pia, Franz und Elli zu drehen. Aber dann bekomm ich wahrscheinlich wieder zu hören, dass ich hier gar nix mache. Die haben gut reden: Mit zwei Jobs und einer Band, wie soll ich da noch Zeit finden, um den Laden zu putzen? Pia und Elli studieren, arbeiten nicht nebenher (die Eltern zahlen alles) und sind von daher oft in der Wohnung. Ich meine, ich benutze Wohnung ja kaum. Wenn ich hier bin, dann nur um Platten einzupacken und zu schlafen. Ich koche ja noch nicht mal was. Insofern sollten wir die Hausarbeit nach prozentualem Anteil der Anwesenheit staffeln. Dann müsste ich vielleicht zweimal im Jahr abwaschen, einmal staubsaugen und einmal im Quartal den Müll runterbringen. Maximal.

Alleine wohnen wär schon was. Aber dafür reicht leider die Kohle nicht. Die Platten verkaufen sich ganz gut übers Netz, aber der Erlös steht kaum im Verhältnis zur Arbeit, die das macht. Der Imbiss wirft auch nicht viel ab – 6 Euro pro Stunde und kaum Trinkgeld. Und mit der Musik verdien ich ja noch nichts. Also noch nicht. Aber bald. Hoffentlich. Dann könnt ich zumindest den Wurstdreher-Job an den Nagel hängen. Muss mal mit der Band quatschen, was wir mehr tun können, um da voran zu kommen. Kann ja nicht sein, dass wir seit einem 3/4 Jahr proben und weder was aufgenommen haben, noch irgendwo aufgetreten sind.

Nachricht von Lisa. Ich soll nicht vergessen, Gertrude wegen dem Interview zu fragen. Mist, da hab ich gar nicht mehr dran gedacht. Na, dann rufe ich meine Tante gleich mal an. Lisas Schwester will ja diese Geschichte über Grenzgänger schreiben und sucht noch Leute, die sie interviewen kann. Gertrude hat auf jeden Fall viel zum Thema zu erzählen. Für Emma ein echter Glücksgriff, denke ich. Die weiß echt, wie sie ihre Schreiberei an den Mann bringt und treibt das voran. Würde auch gerne mit der Musik mehr machen. Da muss echt was passieren mit der Band! Schließlich will ich auch mal zu meinem eigenen Konzert gehen, heißt: auf der Bühne stehen.

Liebe hat ja nichts mit Herkunft oder Kultur zu tun

Nett ist nicht gerade ein freundliches Wort im Deutschen. Man sagt auch: „Nett ist der kleine Bruder von Sch***.“ Nach dem Spruch wird hier herzhaft gelacht. Ist das lustig? Ach, die Deutschen und ihr Humor sind manchmal schwer zu verstehen. Hier werden gerne lustige Sprüche geklopft. Wenn also nett nicht nett ist, ist dann der Kommentar auf Facebook* zu einem Profilbild „Na, heute mal wieder fotogeshopt**? Steht dir gut – du siehst wirklich viel besser aus!“ nett? Oder nicht nett? Verwirrend das alles.

Ich bin jetzt schon fünf Jahre in Deutschland, aber ich glaube, dass die Eigenheiten einer anderen Kultur am schwierigsten zu verstehen ist. Selbst wenn man lange in einem anderen Land lebt, fühlt man die kulturellen Unterschiede noch. Die Sprache zu lernen ist eines. Und dass Sprache der Schlüssel zur Integration ist, ist auch kein Geheimnis. Aber trotzdem gibt es im kulturellen Subtext einiges, was nicht verstehbar ist. So ist es auch mit Lisa. Im Allgemeinen verstehen wir uns großartig. Liebe hat ja nichts mit Herkunft oder Kultur zu tun. Aber es gibt immer wieder Situationen, in denen ich merke, wie deutsch Lisa ist und wie französisch ich bin. Das meine ich gar nicht wertend. Aber es ist einfach so.

Vor ein paar Tagen zum Bespiel: Lisa und ich sind ins Kino gegangen und haben uns Berlin – Die Sinfonie der Grosstadt angesehen. Als wir unsere Fahrräder im Hof an ein Geländer anschließen wollten, kam eine Frau aus dem Laden gegenüber rausgerannt, nur um uns darüber aufzuklären, dass es hier verboten sei, Fahrräder anzuschließen. Warum das so sein sollte, konnte ich nicht verstehen. Das ist nur ein Geländer, die Fahrräder stehen nicht Weg, wenn man sie da anschließt und sie versperren auch den Weg nicht. Ich habe dann angefangen, mit der Frau zu diskutieren und habe ihr schließlich gesagt, dass sie das ja nichts angehe, schließlich sei es nicht ihr Hof und nicht ihr Geländer. Die Frau war ziemlich sauer, dass habe ich schon gemerkt. Und Lisa auch – ihr war es sichtlich unangenehm, dass ich mit der Frau gestritten habe. Schließlich ist die Frau wütend in den Laden zurück und zischte noch, dass wir uns nicht wundern sollten, wenn die Räder nachher nicht mehr da seien. Daraufhin wollte Lisa die Fahrräder partout woanders anschließen. Wir haben uns dann ein bisschen angenervt, am Ende habe ich mein Fahrrad dort am Geländer stehen gelassen und Lisa hat sich einen anderen Platz gesucht.

In Deutschland sind die Leute daran gewöhnt, dass es für alles Vorschriften gibt und dass man sich an diese Vorschriften vorschriftsmäßig hält. Kein Wunder also, dass Deutschland das Land mit den meisten Gesetzen auf dieser Welt ist. Dazu werden die Vorschriften hier auch gerne selbst gemacht und dann ist es plötzlich verboten, dieses oder jenes zu tun. Manchmal habe ich tatsächlich das Gefühl, dass das Wort „verboten“ ein Lieblingsbegriff der Deutschen ist. Ich finde diese Regeltreue schon komisch. In Frankreich würde kein Mensch auf Idee kommen, dir zu sagen, dass du dein Fahrrad nicht an ein Geländer schließen sollst. Hier schon. Und die Leute befolgen es, als sei es gesetzlich festgeschrieben und man könnte bestraft werden, wenn man sich nicht daran hält. Das ist wirklich seltsam.

Sebastian Block und Band, live und mit neuen Songs.

Jetzt muss mich aber beeilen, bin schon wieder zu spät dran. Lisa sagt ja, dass es typisch für mich ist, dass ich immer zu spät komme. Auch so ein Kulturding … Aber los jetzt. In 20 Minuten treffe ich mit Lisa und Peter an der Noisy Stage. Jetzt ist gerade Berlin Music Week und heute spielt Sebastian Block und Band. Ist schon eine Weile her, dass ich die live gesehen habe und somit wieder an der Zeit. Macht immer wieder Spaß auf einem Konzert von Sebastian Block zu sein. Ich mag deutsche Musik, besonders wenn sie poppig-melancholisch daherkommt. Außerdem ist der Bassist Franzose und mag deutschen Pop genau gerne wie ich.

Die Playlist der Band für das heutige Konzert.

Mein Fahrrad stand übrigens noch immer da, als wir aus dem Kino gekommen sind.

Anmerkung der Autorin:

* Ja, 2012 gab es zwar schon Instagram, aber Facebook war der Social Media Place to be.

** Die Bilder wurden übrigens nicht gefiltert, sondern gefotoshopt. Das war ein Programm, richtig teuer und kompliziert zu bedienen, und es hat aber seinen Zweck erfüllt, wenn es darum ging, ein Foto aufzuhübschen.