メリークリスマス

Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es dir sein, als lachten alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache. Du allein wirst Sterne haben, die lachen können.

Quand tu regarderas le ciel, la nuit, puisque j’habiterai dans l’une d’elles, puisque je rirai dans l’une d’elles, alors ce sera pour toi comme si riaient toutes les étoiles. Tu auras, toi, des étoiles qui savent rire!

Antoine de Saint-Exupéry | Le petit prince | Der kleine Prinz | XXVI

Buon Natale

Le petit prince ist vielleicht die bekannteste Geschichte der Welt. Meine Großmutter hat uns an Weihnachten immer das 21. Kapitel vorgelesen, in dem der kleine Prinz von seiner Begegnung mit dem Fuchs erzählt. Deshalb ist dieses Buch für mich ein Weihnachtsbuch und ich kann es seitdem nur in der Weihnachtszeit lesen, auch wenn es keinen direkten Bezug zu diesem Fest hat.

Das Kapitel XXI erzählt von Freundschaft und Liebe. Der Fuchs wird von dem kleinen Prinzen gezähmt und als der Abschied naht, vertraut der Fuchs dem kleinen Prinzen das wohl berühmteste Geheimnis der Welt an.

Wir Enkelkinder haben uns fast noch mehr auf die Lesestunde mit meiner Großmutter gefreut als auf das festliche Essen oder die Geschenke am nächsten Morgen. Manchmal habe ich mich weggedreht, damit die anderes nicht sehen, dass ich Tränen in den Augen habe. Ich glaube fast, die anderen Kinder haben dasselbe getan. Es ist eine der schönsten Erinnerungen, die ich in mir trage.

Meine Großmutter lebt nun schon ein paar Jahre nicht mehr und ich habe das Buch auch schon lange nicht mehr gelesen. Dieses Weihnachtsfest verbringe ich mit Lisa in Deutschland. Vielleicht sollte ich ihr die Geschichte vorlesen?

{ Der Klick zum Hören } Le petit prince et le renard

On ne voit bien qu’avec le cœur. L’essentiel est invisible pour les yeux.

Glædelig Jul

Es gibt Tage, da machen die Nachrichten mich fröhlich. Heute ist so ein Tag. Es ist nur eine kleine Meldung, aber die hat mein Herz angerührt und es gab einen kurzen Moment, in dem das Glücklichsein meinen Körper geschüttelt hat. In Dänemark wurde ein verloren geglaubtes Märchen von Hans Christian Andersen entdeckt. Das Talglicht soll sogar sein erstes Werk sein und handelt von einem Licht, das nicht weiß, wozu es eigentlich zunutze ist, bis es auf eine Streichholzschachtel trifft, die es zum Brennen bringt.

Mein Vater hat mir zu Weihnachten ein Märchenbuch von Andersen geschenkt, als ich 10 Jahre alt war. Das Buch war noch von seiner Großmutter. In dem Buch gibt es viele schöne Bilder, an denen ich mich gar nicht satt sehen konnte. Das Buch habe ich immer noch, und ich lese die Erzählungen heute noch sehr gern. Auch wenn viele der Märchen ziemlich traurig sind. Andersen hat es sehr gut verstanden, menschliche Charakterzüge, Gefühle und Unzulänglichkeiten in bunte Analogien zu verwandeln. So wie die Geschichte von dem Tannenbaum:

In einem Wald steht ein kleiner Tannenbaum. der nichts anderes will als wachsen und größer als die anderen Tannen um ihn herum sein. Als der Baum sieht, dass die größeren aber auch die kleineren Bäume um ihn herum gefällt werden, schaudert ihn es zwar, aber ihn packt auch die Sehnsucht nach der Ferne. Die Schwalben und die Meisen erzählen ihm, wohin die Reise der gefällten Tannen geht. Da wünscht er sich, ein Mastbaum auf einem Schiff zu sein und über die Meere zu fahren. Dann möchte er doch lieber wie die kleineren Bäume als herrlich geschmückter Weihnachtsbaum in einer Wohnstube stehen.

Sein Wunsch wird schließlich erfüllt: Er wird als erster Baum im Winter gefällt und findet sich bald als reich behängter Weihnachtsbaum in einem prachtvollen Salon wieder. Er kann es kaum erwarten, dass der Abend kommt. Als es soweit ist, erstrahlt er glanzvoll im Lichte der Kerzen. Doch die Freude ist nur von kurzer Dauer: Er versengt sich die Nadeln am Feuer der Kerzen und die Kinder plündern das Naschwerk aus den Zweigen.

Immerhin darf er einer Geschichte lauschen, die den Kindern erzählt wird. Er ist tief bewegt und freut sich nun doch auf den nächsten Tag. Als der Baum am nächsten Morgen erwacht, erwartet er, dass er wieder geschmückt wird, dass die Kerzen strahlen und die Kinder singen. Stattdessen tragen die Diener ihn auf den Dachboden und stellen ihn in die dunkelste Ecke. Dort steht der Baum und wartet tage- und wochenlang, dass etwas passiert. Er erzählt den Mäusen von seiner Geschichte, am Ende aber ist er ganz einsam. Eines Tages kommen die Diener wieder und schleppen den Baum in den Hof. Noch einmal hat der Tannenbaum die Hoffnung, ins Leben zurückzukehren, als ihm die Kinder den goldenen Stern von der Spitze stehlen und die Diener ihn in Stücke hacken.

Die Knaben spielten im Garten, und der kleinste hatte den Goldstern auf der Brust, den der Baum an seinem glücklichsten Abend getragen hatte. Nun war der vorbei und mit dem Baum war es vorbei und mit der Geschichte auch; vorbei, vorbei. Und so geht es mit allen Geschichten!*

* Die ganze Geschichte gibt es bei Projekt Gutenberg zu lesen.

Kein Kissen, aber ein Tannenbaum, nicht grün, dafür aus Filz

Betreff: Re: Ihre Annonce Chiffre #10062011

An: Hans <hans@life-minutes.de>
Von: Gertrude <gertrude@life-minutes.de>
Datum: 30. November 2012 07:03:23 MESZ

Verehrter Herr,

ich habe mich über Ihren Mut, mir zu schreiben, gefreut und trete gerne in Korrespondenz mit Ihnen. Ihre Offenheit hat mich positiv überrascht, war ich selbst doch recht zögerlich, was ich in der Annonce über mich schreiben sollte. Wie Sie selbst gelesen haben, war meine Selbstbeschreibung auf das Wesentliche reduziert, so dass ich Ihnen ergänzend hierzu noch ein paar Zeilen über mich heute schreiben will, die weit weniger faktisch daher kommen sollen.

Wie Sie bereits wissen, bin ich 71 Jahre alt und habe als Journalistin gearbeitet. Meine Liebe zu Sprache, meine Leidenschaft für das Schreiben und meine Neugier bringen es mit sich, dass auch ich sehr gerne lese. Dass Sie just in diesen Tagen den Büchern von Stasiuk den Vorzug geben, hat mich freudig überrascht – ich habe den Autor vor etwa vier Jahren für mich entdeckt und kann ihn mir seitdem nicht mehr aus meiner Bibliothek wegdenken. Auch bin ich bin eine große Freundin des Theaters und mag besonders die Inszenierungen von George Tabori, den Sie vielleicht sogar persönlich kennen. Allerdings will ich an dieser Stelle nicht verschweigen, dass es mir mit dem Theater wie Ihnen mit dem Besuch von klassischen Konzerten geht: Ich komme viel zu selten dazu.

Dass ich die Philharmonie häufiger mit einem Besuch beehre, liegt an einer musikliebenden Freundin von mir, die es sich nicht nehmen ließ, mir ein Abonnement zu schenken. Da fühlt man sich schon verpflichtet. Nun, sollte sich unsere Korrespondenz in gleichem Maße weiterentwickeln, wie sie begonnen hat, dann bin ich zuversichtlich, dass wir einmal das Vergnügen haben werden, das Theater oder die Musik gemeinsam zu genießen.

Ich werde übrigens Ende Dezember für einige Zeit verreist sein. Um genau zu sein, ich werde für etwa sechs Wochen in Tel Aviv und Haifa sein. Jetzt werden Sie vielleicht denken: Israel! In diesen Tagen!* Und ich stimme Ihnen zu: Die Zeiten sind unsicher und ich bin nicht ganz ohne Angst dorthin zu fahren. Aber Israel ist für mich genauso Heimat wie es Berlin seit 20 Jahren wieder für mich ist. Ich kann meine Freunde und Verwandten dort nicht einfach alleine lassen. So würde es sich für mich zumindest anfühlen, wenn ich nicht fahren würde. Können Sie mich verstehen?

Ich freue mich auf Ihren nächsten elektronischen Brief und wünsche Ihnen ein herrliches Wochenende,
herzlichst,
Ihre Gertrude

* Die Situation im nahen Osten war auch schon 2012 sehr angespannt. 12 Jahre später sind wir an einem Punkt angelangt, an dem sich die Frage, ob es einen Krieg geben wird, nicht mehr stellt, sondern die Fragen, wie schlimm dieser Krieg sein und wie viele Verlierer dieser Krieg haben wird.

Betreff: Ihre Annonce Chiffre #10062011

An: Gertrude <gertrude@life-minutes.de>
Von: Hans <hans@life-minutes.de>
Datum: 29. November 2012 09:16:23 MESZ

Verehrte Dame,

mit großem Interesse habe ich Ihre Annonce in der Zeitung* gelesen. Ebenso wie Sie bin ich kulturellen Dingen sehr zugetan und möchte mich gerne kurz vorstellen: Ich heiße Hans und würde ich mich dem durchschnittlichen Rentenalter beugen, wäre ich ein anderer. Ich kann mit meinem 68 Jahren aber nicht davon lassen, meinen Beruf, den ich sehr liebe, auszuüben. So schreibe und inszeniere ich weiterhin Theaterstücke – für die großen, aber gerne auch die kleineren Bühnen in dieser und in anderen Städten.

Als Intendant reise ich oft umher. Glücklicherweise nehme ich meistens die Bahn und so bleibt mir auf den Reisen genug Zeit, um zum Buch zu greifen. Lesen gibt mir Kraft und Inspiration, es lenkt mich ab und begleitet gleichzeitig meine Arbeit. Meine literarischen Vorlieben haben sich immer wieder verändert. Ja, ich könnte fast sagen, dass jede Phase meines Lebens einer bestimmten Literatur entsprochen hat. Nun, ich denke, dass dieses durchaus nicht ungewöhnlich ist. Im Moment haben es mir besonders die Bücher von Andrezj Stasiuk angetan. Und ich habe erneut den Ilias zur Hand genommen. Homer kann ich immer wieder lesen. Die griechische Mythologie ist gewissermaßen phasenfrei und beschreibt die Konstante in meinem Leben.

Wenn ich mal nicht unterwegs bin, freue ich mich sehr, in Berlin zu sein. Früher hatte ich in mehr in Berlin zu tun, heute bin ich viel in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs. Eigentlich bin ich Schweizer, in Bern geboren und aufgewachsen. Dennoch ist Berlin in meinem Herzen als Heimat verankert. Ich geniesse das vielfältige, kulturelle Angebot hier, und ich möchte es wirklich nicht missen, auch wenn ich viel seltener die Philharmonie besuche, als ich es mir wünsche.

Mich selbst beschäftigt gerade eine Geschichte aus meiner Vergangenheit, die viel Persönliches in sich trägt. Ich habe noch keine konkrete Vorstellung, in welcher Form ich diese Geschichte erzählen oder auf die Bühne bringen kann. Es ist eine Familiengeschichte, meine jüngste Tochter hat den Stein ins Rollen gebracht. Nun, Sie sehen, es fällt mir schwer, hier konkreter zu werden. Vielleicht ergibt sich aber über eine regelmäßige Korrespondenz mit Ihnen die Gelegenheit, Ihnen mehr dazu zu schreiben.

Ich hoffe auf eine Antwort von Ihnen und schreibe Ihnen jederzeit gerne wieder und mehr über mich, auch wenn ich unterwegs sein sollte – die moderne Technik macht den Briefwechsel um einiges einfacher.

Herzliche Grüße
Ihr Hans

* 2012 gab es zwar schon Online-Anbahnungsplattformen wie Parship, die aber wurden von der älteren Generation als unseriös empfunden. Tinder oder Bumble gab es noch gar nicht, die jungen Leute haben sich noch überwiegend live und in Echtzeit kennengelernt.