Heute* ist ein bedeutender Tag in der Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen. Ein guter Grund, meine eigene Beziehung genauer zu betrachten. Vince und ich sind seit mehr als 3 Jahren zusammen. Wir passen gut zusammen und haben uns noch nie gefragt, ob unsere Herkunft auf unsere Beziehung großen Einfluss hat. Wir lieben uns und unsere Liebe kennt keine kulturellen Grenzen, die für uns unüberwindbar wären.
Ich bin manchmal deutsch und manchmal nicht. Vince ist manchmal französisch und manchmal nicht. Wir sprechen häufiger deutsch als französisch, schauen uns aber mehr französische als deutsche Filme im Kino an. Wir bevorzugen die französische Küche, aber deutsche Wurst und deutsches Bier mögen wir beide gerne. Wir hören deutsche und französische Musik, aber am häufigsten wahrscheinlich doch englischsprachigen Pop. Wir mögen deutsche Wälder und die französische Küsten, die Berge und Städte in beiden Ländern. Im Winter wären wir lieber in Frankreich, weil der Himmel dort blauer ist als hier. Im Sommer freuen wir uns über Berlin und die Seen drumherum.
Sich Vorurteilen passiv hinzugeben ist einfach. Gegen Vorurteile aktiv anzugehen bedeutet Anstrengung – allerdings eine Anstrengung, die belohnt wird.
* Der 22. Januar 2013 war der 50. Jahrestag des Élyséevertrags. An diesem Tag haben Bundeskanzler Konrad Adenauer und Président Charles de Gaulle den ersten gemeinsamen deutsch-französischen Vertrag nach dem Ende des zweiten Weltkriegs geschlossen.
Ich war heute mit Vince bei Emma und wir haben uns noch einmal das Interview angehört. Es war irgendwie komisch die Stimme von Vince zu hören und wie er von Dingen erzählt, von denen ich teilweise noch gar nichts wußte. Aber ich finde es toll, dass Vince so offen mit Emma spricht. Die beiden haben auch viel gelacht und hatten offen hörbar viel Spaß. Das ist echt cool.
Ich habe bei einigen Fragen überlegt, was ich wohl geantwortet hätte. Als Mädchen, mit 8 oder 9 Jahren, habe ich mir selbst gerne Fragen gestellt und diese beantwortet. Die Antworten auf die Fragen waren immer anders, je nachdem welche Rolle ich mir selbst zugeschrieben habe. Ich war das bekannteste Mädchen der Welt oder die Anführerin einer Räuberbande oder eine Prinzessin aus 1.001 Nacht. Ich habe meine Interviews in ein Heft geschrieben, dass rosafarbene Blümchen auf dem Einband hatte. Das Heft habe ich immer noch. Es liegt in meiner alten Kommode in der zweiten Schublade von unten. Ich hole es heraus und lese darin, wenn ich Kummer habe. Dann erscheint mir die Welt wieder leichter und heiterer. Ich habe zwei Fragen, die Emma Vince gestellt hat, notiert. Sie sind sehr unterschiedlich und haben keinen Bezug zueinander. Aber es sind Fragen, die mich persönlich etwas angehen. Deshalb wollte ich sie für mich beantworten. Als Lisa.
Grenzen zu überschreiten bedeutet auch, ein Risiko einzugehen. Es kann leicht passieren, dass man sich ausgegrenzt fühlt. Welche Erfahrungen hast du damit gemacht?
Sich ausgegrenzt zu fühlen, hat nicht immer damit zu tun, dass man anders aussieht, aus einem anderen Land kommt, eine andere Sprache spricht oder eine andere Religion hat. Ich habe mich jahrelang ausgegrenzt gefühlt, weil meine Mutter Alkoholikerin gewesen ist. Ich habe natürlich nicht aktiv oder bewusst eine Grenze überschritten. Aber meine Mutter hat das mit ihrer Trinkerei getan. Und mich gewissermaßen einfach mitgenommen und zwar ohne mich zu fragen. Ich habe mich ausgegrenzt gefühlt, weil ich meine Klassenkameraden nicht spontan zu uns nach Hause einladen konnte. Es wäre für mich unerträglich gewesen, wenn meine Schulfreunde meine Mutter betrunken angetroffen hätten. Natürlich haben das viele meiner Freunde seltsam gefunden und haben hinter meinem Rücken darüber gelästert. Manchmal hat mich jemand gefragt, was denn bei uns los sei, weil ich nur selten jemanden mitbringen könne, dass sei ja nicht normal. Aber nie hat mich jemand gefragt, wie es mir geht damit. Auch das ist Ausgrenzung. In diesem Fall hat es für mich keine Sprache gegeben, die ich hätte lernen können, um mich besser verständlich zu machen.
Welches Bild kommt die als erstes in den Sinn, wenn du an Frankreich denkst?
Essen. In Frankreich hat das Essen einen sehr hohen Stellenwert. Jede Region in Frankreich hat ihre eigene kulinarische Spezialität, auf die sie stolz ist. Das kann das Huhn aus der Bresse oder der Camembert aus der Normandie, der Pineau aus der Charente, der Wein aus Bordeaux oder die Linsen aus Puy sein. Aus Deutschland kenne ich das nicht, dass Regionen sich über Essen und Trinken definieren. Gerade in Berlin oder Brandenburg ist das tatsächlich schwierig, denn hier gibt es einfach nichts kulinarisch Erwähnenswertes. Da fällt mir ein, dass es vielleicht nicht ganz so stimmt, was ich gerade gesagt habe. Es gibt auch in Deutschland Regionen, die sich eine kulinarische Identität erschaffen. In Hessen sind das Apfelwein, Handkäse mit Musik oder Grüne Soße. Ich hatte das fast vergessen, weil ich nur zweimal in meinem Leben in Frankfurt gewesen bin, um meine damalige Brieffreundin zu besuchen. Trotzdem glaube ich, dass der kulinarische Stolz in Frankreich stärker ausgeprägt ist als in Deutschland.
Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es dir sein, als lachten alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache. Du allein wirst Sterne haben, die lachen können.
Quand tu regarderas le ciel, la nuit, puisque j’habiterai dans l’une d’elles, puisque je rirai dans l’une d’elles, alors ce sera pour toi comme si riaient toutes les étoiles. Tu auras, toi, des étoiles qui savent rire!
Antoine de Saint-Exupéry | Le petit prince | Der kleine Prinz | XXVI
Berlin liegt unter einer Schneedecke. Es ist bitterkalt da draußen, Streusplitter knirschen unter meinen Stiefelsohlen, der Atem gefriert sobald er den Mund verlassen hat. Wie gut, dass ich jetzt zu Hause bin, mich an meiner Tasse Tee wärmen kann. Meine Küche duftet nach Apfelmus mit Zimt und Nelken (das habe ich für Vince gekocht, er mag es so gern und die Äpfel waren genau richtig runzelig dafür).
{ Tür am 12.12.12 } Heute gibt es noch mal drei Rätselbildausschnitte für Rätselbildauschnittrater.
Wie sieht eigentlich ein Engel aus? Hochgewachsen, wie ein Krieger mit flammendem Schwert in der Hand? Oder wie die barocken Putten, die an ein zu dickes, blondgelocktes Kind mit Miniflügeln erinnern? Und warum sind Engel besonders in der Weihnachtszeit so beliebt? Sie hängen als Christbaumschmuck in Tannenzweigen oder halten mit aufgeblähten Backen rote oder weiße Kerzen in den Händen.
Dabei begleiten Engel uns das ganze Jahr über:
Wenn uns bei einem Unfall nichts passiert ist, war unser Schutzengel zur Stelle.
Die Band Real Life hat sich in den 80er Jahren mit Send Me An Angel einen Himmelsboten herbei gesungen.
Wenn wir mit Engelszungen auf jemanden einreden, dann wollen wir denjenigen von etwas überzeugen.
Manchmal fallen Engelstränen vom Himmel, wenn es in Strömen regnet.
Los Angeles ist die Stadt der Engel.
Wenn eine Frau ihre Ehre verliert, dann wird sie als gefallener Engel bezeichnet. Marlene Dietrich spielte die Hauptrolle in dem Film Der blaue Engel, in dem ein älterer Lehrer an seiner Liebe zu einer Varieté-Tänzerin zu Grunde geht. Die Romanvorlage von Heinrich Mann hatte einen deutlich weniger schönen, wenn auch vielleicht passenderen Titel zum Thema: Professor Unrat.
Apropos Film: In Der Himmel über Berlin lässt Wim Wenders Bruno Ganz als Engel Damiel auf der Schulter der Goldlese Platz nehmen. Im neuen Ken Loach Film geht es um Angel’s Share – dem Schluck der Engel, was eine liebevolle Bezeichnung für besonders guten Whisky ist.
Engelmacher hingegen ist ein zynischer Begriff für Ärzte, die Abtreibungen vornehmen.
Nicht zuletzt sind die Engel mitten unter uns: Die Anges in Frankreich, die Angels in Spanien, die Angelos in Italien und alle Angelas und Angelikas in Deutschland.
Es braucht also nicht Weihnachten oder Barock, um die Engel Engel sein zu lassen.
Es sind noch drei Minuten bis Mitternacht, die Gäste haben sich schon alle verabschiedet und ich sitze an meinem Schreibtisch und schaue durch das Fenster auf das verschneite Dach gegenüber. Vincent wäscht noch ab, ich höre ihn in der Küche pfeifen, und das macht mich glücklich. Er hat mir sehr gefehlt in den Wochen, in denen er nicht hier gewesen ist.
Der Abend war wunderschön. Patrice hat gekocht, es gab geröstetes Maronenpüree mit selbstgebeiztem Wildlachs, Hühnchen in der Lavendel-Salzkruste und zum Abschluss Mousse au Chocolat. Ich kenne außer Vince niemanden, der genauso so vernarrt in dieses französische Schokoladenzeug ist wie ich. Und die Mousse von Patrice ist so unglaublich gut, man könnte fast meinen, sie sei nicht von Menschenhand gemacht. Alles in allem war es das beste Geburtstagsessen, dass ich je hatte (aber das sage ich jedes Jahr). Mein Bruder ist einfach ein Kochgott.
Das Essen schmeckt mir wahrscheinlich noch mal so gut, weil meine ganzen liebsten Menschen mit gegessen haben: Vince, Papa, Emma und Patrice, Josh und Jenna, Sevtap und Peter. Also fast alle – alle außer meiner Mutter. Vincent hat mich zwar gefragt, ob ich es in diesem Jahr nicht mal versuchen wolle. Aber ich kann mich nicht überwinden. Ich weiß ja, dass es albern ist, aber ich kann nicht anders. Sie ist schließlich erwachsen und wird oft genug mit Gelegenheiten konfrontiert, in denen Alkohol getrunken wird. Wenn sie saufen will, dann tut sie das. Dass Mama seit 2006 trocken ist und keinen Tropfen mehr anrührt, beruhigt mich nicht. Meine Angst sitzt zu tief, die Erinnerungen an die Zeit, in der sie betrunken und lallend in unserer Wohnung herumgelegen hat, sind immer noch zu stark. Mama versteht das zum Glück. Ich bin sehr gerne mit ihr zusammen. Seitdem sie wieder gesund ist, verstehen wir uns richtig gut und wir reden und lachen viel. Aber ich mag nicht mit ihr sein, wenn wir irgendwo sind, wo Alkohol getrunken wird.
Papa hat mich heute zum ersten Mal gefragt, ob ich Marlene eingeladen habe. Ich habe gesagt, dass sie verhindert sei, krank oder so. Er hat dann nicht weiter gefragt, aber es hat mich schon verwundert: Er hat mich das noch nie gefragt. Er weiß noch immer nichts von Mamas Alkoholproblem. Ich war 5 Jahre alt, als sie sich getrennt haben und Papa war dann nicht mehr bei uns zu Hause. Mama und er haben sich zwar regelmäßig gesehen, aber Mama ist eine gute Schauspielerin und hat sich stets zusammen gerissen. Und ich habe nichts gesagt. Ich wusste einfach nicht, was ich hätte sagen sollen. Ich wusste ja irgendwann auch, dass Papa noch eine andere Familie hat und spätestens dann habe ich mich nicht mehr getraut. Als er mich heute nach Marlene gefragt hat, hat sich das schon seltsam angefühlt. Vielleicht ist es aber gar nicht so komisch? Vielleicht habe ich mit meinen Fragen etwas in ihm ausgelöst. Auch wenn ich von ihm noch keine Antworten darauf bekommen habe.
An: Hans <hans@life-minutes.de> Von: Lisa <lisa@life-minutes.de> Datum: 08. November 2012 10:47:23 MESZ
Hallo Papa,
wie war Berlin eigentlich damals, als du hier angekommen bist? Vor 40 Jahren? Ich kann mir natürlich historische Dokumentationen dazu ansehen oder Bücher lesen, aber ich möchte gerne von dir hören, wie es gewesen ist. Wie die Stadt in deinen Augen ausgesehen hat. Wie es sich für dich im Westteil und im Ostteil der Stadt angefühlt hat. Und welche Leute du dies- und jenseits der Mauer getroffen hast und wie diese ihr Leben gemeistert haben.
Du sprichst ja so selten von damals, was ich wirklich schade finde. Und was mich auch ein wenig verwundert. Als Theaterregisseur erzählst du doch sonst immer Geschichten. Aber wenn es um deine eigene geht, bist du ziemlich wortkarg. Dabei möchte ich noch nicht einmal im Detail wissen, wie es damals mit dir und Mama gelaufen ist. Obwohl, eigentlich wüsste ich das schon gerne. Wie war das mit Mama? Wie war es mit Elisabeth? Wie hast du zwei Frauen gleichzeitig lieben können ohne ständig einen inneren Konflikt zu spüren?
Das sind jetzt natürlich noch ganz andere Fragen als die eingangs gestellten. Aber du siehst schon: Ich weiß nicht viel von dir als du jünger gewesen bist. Den Hans heute kenne ich gut und ich finde, dass du ein toller Papa bist. Gerade deswegen möchte ich den jungen Mann kennenlernen, der ein Jahr nach dem Bau der Mauer von Bern nach West-Berlin gegangen ist, um dort Theaterwissenschaften zu studieren. Ich möchte deine Beweggründe verstehen, warum du dann Anfang der 70er Jahre nach Ost-Berlin gegangen bist. Und ich möchte wissen, wie du jahrelang in zwei Familien leben konntest.
Papa, wir werden jetzt wohl kaum über alles auf einmal sprechen können. Aber ich wollte schon mal vorfühlen, ob ich dich ganz offen nach deiner Geschichte fragen darf. Darf ich?
Ich umarme dich! Deine Tochter
P.S. Ja ja, ich weiß schon, du bezeichnest es lieber als Inszenierungen. P.S.S. Und ja, Deine Tochter studiert Psychologie, weil sie gerne viele Fragen stellt.
An: Vincent <vincent@life-minutes.de> Von: Lisa <lisa@life-minutes.de> Datum: 08. November 2012 10:46:23 MESZ
Mein Mann in der Ferne,
ich habe Sehnsucht nach dir und wünschte, du wärest hier. Aber ich weiß, dass du jetzt zu Hause gebraucht wirst. Wie geht es deinem Vater heute? Und wie geht es deiner Mutter? Und dir?
Ich habe gestern Abend, als ich am Alexanderplatz auf die U2 gewartet habe, eine junge Frau gesehen, die bitterlich geweint hat. Sie hielt sich ein Taschentuch vor den Mund, das schon ganz nass von ihren Tränen gewesen ist. Ich hätte sie gerne gefragt, ob ich ihr helfen kann. Aber ich habe mich nicht getraut, sie anzusprechen.
Als ich dann schließlich in der U-Bahn saß, stellte ich mir vor, dass ich sie doch angesprochen habe. Ich habe ihr angeboten, dass sie mir ihren Kummer erzählen kann und ihr gesagt, dass es bestimmt leichter ist für sie, mir ihr Herz auszuschütten, weil ich ja doch eine Fremde für sie bin. Wir sind gemeinsam in ein Café gegangen und ich habe ihr einen Kakao spendiert und sie hat sich mir anvertraut. Worum es gegangen ist, dass weiß ich nicht mehr, allerdings waren ihre Tränen nach einer Stunde versiegt und sie fühlte sich besser. Da habe ich plötzlich gemerkt, dass ich meine Haltestelle verpasst habe. Ich Tagträumerin. Du lachst jetzt bestimmt. Gut so! Lachen hilft.
So schade, dass du nicht hier bist. Morgen gibt’s eine Geburtstagsdoppelparty von Emma und Josh, wird bestimmt exklusiv mit viel Prunk drumherum, so wie ich Josh kenne. Ist eine Überraschung für Emma, sie weiß noch von nichts. Wir werden dich vermissen – vor allem ich!
Fahrradfahrer, die telefonieren, während sie Fahrrad fahren, sind einfach superdämlich. Gestern wäre ich fast in eine Tante reingefahren, die gefährlich auf der Straße herum schlingerte, während sie lauthals in ihr Handy brüllte. Insofern fühle ich mich wieder bestätigt: Mobiltelefone sind schrecklich praktisch. Und vor allem schrecklich.
Als ich klein war, habe ich von Kästner Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee gelesen. Da gibt es eine Szene, in der die Leute mit einen Hörer in der Hand telefonieren, während sie auf der Straße herumspazieren. Und die dabei immer schrecklich beschäftigt und hektisch sind (oder so tun). Das Buch wurde 1932 zum ersten Mal veröffentlicht! Welch eine Weitsicht! Überhaupt, der Kästner. Der beschreibt die Welt damals schon, wie sie heute ist. Vielleicht weil sie früher auch schon so war. Oder weil sie sich heute wiederholt?
Weil sie so heute sind, kann ich die Bücher von Kästner wieder und wieder lesen. Nicht nur die Kinderbücher. Auch die für die großen Leute. Zum Beispiel Fabian. In der Geschichte eines Moralisten betrachtet eben dieser – also Fabian – das Berlin in den wilden Zwanziger Jahren an der Schwelle zur Wirtschaftskrise. Das klingt dann so, als sei die Stadt ein einziger Rummelplatz. Hell erleuchtet in knallbunten Farben sind Straßen und Häuser, es herrscht Jubel, Trubel, Heiterkeit. Aber eigentlich geht es nur ums Geschäft. Was zunächst wie ein Geldregen anmutet und Fabian an das Grimmsche Märchen Die Sterntaler denken lässt, stellt sich als plumper Werbegag heraus. Pikante Ironie dabei: Es handelt sich um eine Reklame für ein erotisches Etablissement.
Ist ja heute noch immer so. Berlin ist eine große Amüsiermeile, eine riesige und ständige Werbeveranstaltung. Und natürlich „arm aber sexy“.* War also alles schon mal da vor gut einem Jahrhundert. (Ich hab das Gefühl mich zu wiederholen – hab ich das nicht schon mal gesagt?) Und dazu fühle ich mich manchmal selbst wie Fabian: Ich gehe gerne raus und aus hier. Beobachte die Menschen und Zustände. Und bin genauso eine verzweifelte Zweiflerin.
Früher nicht anders als heute: Berlin ist verrückt nach Amusement.
Ich muss Papa jetzt wirklich mal fragen, wie Berlin in seiner jungen Zeit gewesen ist. Das muss ja eine andere Episode gewesen sein als zu Kästners Zeiten oder heute. Da war nicht nur die Stadt geteilt, auch die Geschichten der Berliner. Glaube ich. Oder nicht?
Apropos Amüsieren: Vor ein paar Tagen habe ich Sevtap mit zu der Geburtstagsfeier von Peter genommen. Das war ein Spaß. Peter sind fast die Augen aus dem Kopf gefallen. Er ist offensichtlich voll verschossen. Hätte ich gar nicht erwartet, dass Sevtap ihn so fasziniert. Sie sind ja grundverschieden die Beiden.
* Die Sterntaler ist eines meiner Lieblingsmärchen. Auch oder gerade weil das Ende so traurig ist. Das Mädchen gibt alles und stirbt zum Schluss. Aus religiöser Sicht mag die Erlösung golden sein – aus weltlicher Sicht ist es eher ernüchternd, so zu sterben. Oder mit Berlin gesagt: Mehr arm, weniger sexy.
Manchmal geht mir diese Stadt einfach auf die Nerven. Es ist laut, dreckig, voller Autos. Alles muss immer cool sein, dabei ist es nichts als eine Ansammlung von Menschen und Fahrzeugen aller Art. Wirklich schön ist Berlin auch nicht. Außerdem bereitet mir diese ständige Schwüle im Sommer Kopfschmerzen. Kann es nicht einfach mal ein paar Tage am Stück einfach nur angenehm warm und trocken sein? Und dann ist plötzlich Herbst. Ach, ich bin unleidlich. Nichts ist gerade so, wie es mir gefällt. Aber wie es anders besser sein könnte, weiß ich ja auch nicht. Kompliziert das alles.
Ich bin hier geboren und trotzdem gibt es immer wieder diese Momente, in denen ich am liebsten weg möchte von hier. Vielleicht liegt es nicht an der Stadt, ich bin ja woanders auch ich und dort gefällt es mir vielleicht auch nicht.
Auf der anderen Seite ist es schon spannend hier zu sein, mittendrin. Und zu sehen, dass Berlin ist was Berlin schon immer war. Also zumindest in den letzten 100 Jahren. Anfang August war ich mit Vincent im Freiluftkino Central in den Hackeschen Höfen. Da gab es diesen tollen Stummfilm Berlin – Die Sinfonie der Großstadt von Walther Ruttmann zu sehen. Mit Live-Elektro-Musik von Tronthaim. Die Stimmung war fantastisch. Die Stadt war architektonisch natürlich anders, weil vor dem zweiten Weltkrieg. Trotz tonlosem schwarz-weiß Films war es irgendwie doch auch das Berlin von heute. Der typische Charakterzug von Großstädten kommt durch die fahrige Art des Stummfilms noch stärker zur Geltung: Die allgemein hektische Grundstimmung. Alles muss schnell, schneller, am schnellsten gehen.
Ich mag Geschichten aus Berlin, die Anfang bis Mitte des letzten Jahrhunderts spielen. Geschichten, wie Kästner sie schrieb. Ich liebe die Romane von Erich Kästner so sehr, weil sie Berlin zeigen, wie ist war und wie es noch heute ist. Das Berlin von Fabian. Oder das Berlin von Emil und seinen Detektiven. Das Buch habe ich als kleines Mädchen bestimmt 20 Mal gelesen.
Besonders schön ist die Stelle, als Emil Herrn Grundeis im Zug trifft und dieser dubiose Herr Emil von Berlin erzählt: Emil kennt Berlin noch nicht und ist wahrlich erstaunt darüber, dass es dort Häuser geben soll, die gut 100 Stockwerke hoch sind und die man am Himmel festbinden muss, weil sie sonst vom Wind weggeweht werden. Das erinnert mich eher an Hong Kong oder New York – aber Wolkenkratzer scheinen generell ein Symbol für Großstädte zu sein. Immerhin gibt es in Berlin heute ja auch den Versuch moderne, hochgewachsene Gebäude am Potsdamer Platz zu etablieren.
Über die Leute, die in Berlin leben, weiß Herr Grundeis Urkomisches zu berichten: So lassen sich einige, die es besonders eilig haben, per Rohrpost verschicken. Städter, die unter chronischer Geldnot leiden, verpfänden laut Grundeis ihr Gehirn auf der Bank. Was uns Kästner damit sagen will, ist wohl glasklar. Schon damals waren die Banken nicht gerade die Heilsarmee …
Ob es damals auch schon überall Glasscherben gegeben hat? Ich kenne keine andere Stadt, in der die Menschen ihre Glasflaschen so achtlos in der Gegend herumwerfen, dass es knirscht beim Gehen. Also fast. Auf jeden Fall macht mir Fahrradfahren schon lange keinen Spaß mehr. Es nervt, wenn man alle zwei Wochen den Schlauch flicken muss. Oder gleich ganz wechseln. Für die Fahrradläden dieser Stadt auf jeden Fall ein gutes Geschäft.
Ich glaube, ich muss Papa mal fragen, wie das vor 40 Jahren hier war. Er war ja im Westen und im Osten. Ich habe ihn eigentlich noch nie so richtig danach gefragt. Nach seiner Geschichte, wie er nach Berlin gekommen ist und so. Von sich aus erzählt er nicht viel. Ist wahrscheinlich auch kein Wunder. Ich habe Elisabeth ja auch erst 1996 kennengelernt. Da war er mit Mama schon nicht mehr zusammen. Immerhin habe ich mit Emma und Patrice zwei famose Geschwister bekommen. Schade, dass wir uns erst Mitte der 90er Jahre getroffen haben. Ich habe mich früher oft einsam gefühlt. Vielleicht rührt meine melancholische Ader auch daher. Wenn du mit dir selbst die Dinge ausmachst, kommen schnell Zweifel auf.