Also bin ich in das Beatles Museum gegangen

Vor kurzem war ich einen Tag lang in Halle. Fantastisch, was man alles entdeckt, wenn man beruflich durch die Welt geschickt wird. Halle gefällt mir. Schöne Altstadt und so unaufgeregt. Zum Glück hatte ich zwischen den zwei Terminen noch ein bisschen Zeit. Also bin ich in das Beatles Museum gegangen. I love THE BEATLES.

Ein Tag in Halle kann nur gut sein, weil es dort das Beatles-Museum gibt.

Das allererste Popmusik-Album meines Lebens war das Album The Beatles. Wenn man es genau nimmt, habe ich mir das Album einfach angeeignet. Es gehörte zu der riesigen Plattensammlung meines Dads. Ich glaube fast, er hat von allen bekannten amerikanischen und britischen Bands der 60er und 70er Jahre alle Alben. Wirklich alle. Meine Eltern schwärmen ja auch heute noch von Woodstock und wie toll es damals war. Happy Hippies, Love and Peace. Das wiederum ist ja nicht so meins.

Aber The Beatles. Auf dem White Album sind großartige Songs drauf. Ich finde immer das passende Lied für meine jeweilige Stimmung. Wenn ich fröhlich bin, mag ich am liebsten Honey Pie oder Savoy Truffle, wenn ich wütend bin, höre ich gern Helter Skelter oder Happiness Is A Warm Gun, wenn ich schlecht drauf bin, läuft Cry Baby Cry und Yer Blues in Endlosschleife. Und Sex ist am besten mit Everybody’s Got Something To Hide Except Me And My Monkey. Zum Glück gibt es heutzutage MP3-Player*. Da kann ich bei meinem ständigen Unterwegssein wenigstens die Musik hören, die mir Spaß macht. Und mich ausklinken.

Zur Entspannung ein Kaffee mit den Beatles im Biergarten.

Emma interessiert sich leider gar nicht für The Beatles. Liegt vielleicht auch daran, dass sie so gut wie pop-musikfrei aufgewachsen ist. Hans ist ja eher klassisch orientiert. Eigentlich seltsam, da er in Ost und Westdeutschland für seine sehr modernen Theaterinszenierungen ziemlich bekannt gewesen ist. Zum Glück teilt mein Schwesterchen meine Beatles-Leidenschaft. Da kann Patrice noch von ihr lernen. Irgendwie lustig, dass die beiden sich jetzt endlich gefunden haben. Hab eigentlich nur darauf gewartet, dass das endlich passiert.

Ist eine interessante Paar-Konstellation: Ich bin mit der Schwester von Patrice zusammen, der mit meiner Schwester zusammen ist, die die beste Freundin von Emma ist. Und Patrice und ich verstehen uns auch super. Alles easy, außer dass Emma sich ziemlich aufgeregt hat. Ich glaube, sie ist eifersüchtig. Sie denkt, dass Jenna und Patrice sich nicht mehr genug für sie interessieren. Ach Emma, manchmal bist du wirklich wie ein kleines Mädchen. Ihr Drang nach Aufmerksamkeit kann schon echt nerven. Da bin manchmal schon froh, dass ich viel unterwegs bin. Sonst wäre es mir schnell zu viel mit ihr.

* MP3-Player sind auch so ein Ding der 2010-Jahre: Musik-Streaming à la Spotify kam in Deutschland erst ein paar Jahre später richtig in Mode.

Ich weiß nicht genau, wie ich das finden soll

Heute habe ich mit Gertrude telefoniert. Die Großtante von Peter ist zum Glück ganz anders als ihr Großneffe. Sie ist besonnen und hat einen klaren Blick auf das Weltgeschehen. Bei Peter bin ich mir da nicht ganz so sicher. Der ist eher ein In-den-Tag-Träumer. Aber besonders interessiert an Dingen, die außerhalb seines Einzugsbereichs liegen, scheint er nicht zu sein. Nun ja, immerhin hat er mich mit Gertrude bekannt gemacht. Vielleicht ist er doch gar nicht trottelig, wie ich immer denke.

Jedenfalls hat mich das Gespräch mit Gertrude enorm weitergebracht. Wenn das mit dem Interview klappt, dann habe ich genug Stoff für eine abendfüllende Reportage. Gertrude hat so viel erlebt, sie hat mehrmals Grenzen überschreiten müssen, um heute hier leben zu können. Das ist toll. Eine echt mutige Frau. Ich finde, dass ihre Geschichte unbedingt erzählt werden muss. Das ändert zwar die Richtung der Grundidee meiner Reportage – aber ich denke, Laurenz wird mir das Konzept aus den Händen reissen.

Ich sollte vielleicht Jenna fragen, ob sie an TV-Material aus Israel und den USA kommt. Sie hat einen Bekannten, der in einem sehr gut sortierten Archiv über zeitgenössische Dokumentationen arbeitet. Das wäre auf jeden Fall eine große Bereicherung für meine Stoffentwicklung.

Auf der Straße begegnen einem Überraschungen.

Allerdings sollte ich Jenna erst mal wegen der anderen Sache ansprechen. Ich war schon irritiert, als ich Jenna und Patrice zufällig auf der Straße getroffen habe und sie sich innig geküsst haben. Kein Wunder, dass mein Bruder, der sonst der Charme in Person ist, in der letzten Zeit so zurückhaltend mit dem weiblichen Geschlecht umgegangen ist. Ich weiß nicht genau, wie ich das finden soll. Jenna ist eine meiner besten Freundinnen. Und jetzt in meinen Bruder verliebt. Irgendwie fühle ich mich ein bisschen zurückgesetzt von den beiden. Sie haben mir nicht gesagt, dass sie zusammen sind. Ich musste sie erst erwischen, um zu wissen, was los ist. Das verletzt mich schon. Sonst erzählen mir beide alles – also zumindest was die Dinge der Liebe angeht. Aber dieses Mal nicht.

Josh findet das nicht weiter tragisch. Ist natürlich klar. Er hält sich sowieso lieber aus allem heraus, selbst wenn es seine Schwester betrifft. Er hat mir gesagt, dass ich mich doch einfach für die beiden freuen soll, anstatt verstimmt zu sein. Dann meinte er noch, dass ihn das gar nicht so erstaunt mit den beiden. Typisch für Josh, er wusste es mal wieder besser. Alles in allem komme ich mir ziemlich doof vor. Und sagen kann ich natürlich nichts, sonst bin ich die Zicke. Das nervt mich fast am meisten.

Ich hätte es vielleicht besser machen können

Es gibt eine Sekunde, an der die Ampel schon grün ist, aber sich nichts bewegt. Diese Sekunde ist eine Ewigkeit der Stille. Die Sekunde in der die Ampel schon rot ist, ist hingegen die bewegte Zeit. Fussgänger, Fahrrad- und Autofahrer versuchen rasend noch über die Straße zu gelangen, bevor der Querverkehr loslegt. Es ist besonders faszinierend zu beobachten, wenn man an einer großen, breit angelegten Kreuzung in Berlin steht und der Stillstand sich von einer Sekunde zur anderen in hektische Betriebsamkeit wandelt.

Eine ewige Nanosekunde Stillstand.

Ich bin jetzt schon 40 Jahre hier und die Karosserien der Autos sehen heute ganz anders aus, es gibt deutlich mehr Fahrzeuge, die durch die Stadt rollen, die Bekleidung der Fußgänger und Radfahrer hat sich der jeweiligen Mode entsprechend angepasst, aber die Halt- und Weiterregeln des Verkehrs haben sich nicht verändert.

Als ich vor dem Fall der Mauer zwischen Ost- nach West-Berlin hin- und hergefahren bin, waren die Autos schon auf den ersten Blick unterschiedlich: Trabant und Wartburg hier, Mercedes, BMW und VW dort. Heute gibt es von allem etwas, auch alte Ost-Autos fahren noch herum, aber meistens sind die Autos neueren Datums und sehen alle gleich aus, egal aus welchem Teil dieser Welt sie kommen.

Die Frauen allerdings, die ich geliebt habe, hätten unterschiedlicher nicht sein können. Elisabeth war groß gewachsen, hatte wallendes rotes Haar und eine kräftige Stimme. Sie war immer so pragmatisch und hat den Dingen ihre Farben gegeben. Vielleicht war sie deswegen Maskenbildnerin. Sie hat mir einmal gesagt, dass sie ein Gesicht nicht bemalt, um es zu maskieren. Sie wollte jedem Gesicht sein wirkliches Gesicht geben, das Charakteristische herausstellen. Und das ist ihr auch immer hervorragend gelungen. Am Theater haben sich die Schauspieler darum gerissen, von ihr geschminkt zu werden. Am liebsten wollten alle immer hässlich gemacht werden und waren dann selbst erschrocken, wie viel von der geschminkten Hässlichkeit ihr wahres Ich zeigte. Aber Elisabeth war keinesfalls bösartig. Sie hat die Dinge, die Gesichter nur in all ihren Facetten begriffen. Und gezeigt, dass Schönheit ohne Hässlichkeit nicht sein kann.

Marlene hingegen ist ganz zierlich, hat blondes, feines Haar und einen elfengleichen Gang. Sie baut Welten, die es so nicht gibt und die immer etwas Befremdliches an sich haben. Ihre Bühnenbilder sind entweder extrem kalt, oder extrem laut, oder extrem überdreht. Auf jeden Fall immer extrem unwirklich. Marlene hat mir erklärt, dass sie die Kulissen aus ihren Träumen holt. Jedes Mal, wenn ein neues Stück ansteht, träumt sie sich regelrecht in dieses Stück hinein. Sie schreibt alles akribisch auf, sofort nachdem sie aufgewacht ist, damit sie später das Bühnenbild aus ihren Träumen zusammenbauen kann. Dieses traumhaft Unechte hat seinen Reiz, es irritiert die Zuschauer und bringt selbst die Schauspieler manchmal ordentlich durcheinander.

Wenn ich darüber nachdenke, ist es schon erstaunlich. Auf den ersten Blick würde man denken, dass Elisabeth wie Marlene und Marlene wie Elisabeth sein müsste. Aber hier täuschen die Äußerlichkeiten den Betrachter. Wenn ich Emma und Lisa zusammen sehe, dann sehe ich Elisabeth und Marlene vor mir. Meine beiden Frauen haben sich nie kennen gelernt. Ich hätte es vielleicht besser machen können. Vincent hat mich vor kurzem gefragt, ob ich nie den Wunsch gehabt habe, die beiden einander vorzustellen. Er ist ziemlich direkt, der junge Mann. Aber einen gesunden Menschenverstand hat er, der Freund meiner Tochter. Damals war das alles nicht so einfach. Zwei Frauen, eine in Ost-, die andere in West-Berlin. Zwei Töchter, von jeder eine. Und dann die Krankheit von Elisabeth. Ach, Ausreden. Ich war feige und egoistisch. Ich habe es genossen, meinen Kopf in zwei Schösse legen zu dürfen und zwei Frauen lieben zu können, die mich mit ihrer Verschiedenheit erst zu einen ganzen Mann haben werden lassen. Zu groß war meine Angst, die eine oder andere könnte mich verlassen, wenn sie von der Zweigleisigkeit meines Tuns erfährt. Ich habe sie unterschätzt. Vor allem Elisabeth.

Normalerweise haben wir immer Spaß

Manchmal ist es echt anstrengend mit meiner großen Schwester. Ich habe seit langem mal wieder einen Freitagabend frei und dann so was. Erst freut sie sich wie ein kleines Mädchen, als ich ihr eine Bar vorschlage, die sie nicht kennt. Kaum sind wir da, zieht sie eine Schnute und schaut gelangweilt drein. Dann fragt sie mich alle paar Minuten nach der Uhrzeit und scheint verwundert, dass ich genervt bin. Ein Gespräch kommt auch nicht in den Gang, sie will ja nicht reden, sondern ihre “ach ist das alles öde” Show abziehen. Wenn ich ihr dann durch die Blume zu verstehen gebe, dass sie mir mit ihrem Getue “die Suppe versalzen hat”, tut sie so, als verstehe sie nicht. Es ist wirklich selten, dass Emma und ich uns so gar nichts zu sagen haben. Normalerweise haben wir immer Spaß, aber heute Abend klappt es nicht mit uns.

Dann steht plötzlich dieses Mädchen neben mir. Ziemlich hübsch, aber auch ziemlich betrunken, lächelt mich an. Ich lächele zurück, bin halt ein freundlicher Mensch, aber wirklich interessieren tut sie mich nicht, die Kleine. Ist mir viel zu jung. Außerdem habe ich gerade gar keine Augen für andere Frauen. Jenna hat mir ziemlich den Kopf verdreht. Seitdem fallen mir ständig neue Rezeptideen ein. Liebe geht durch den Magen – so sagt man doch? Der Spruch könnte auch von mir sein …

Hab mich aber noch nicht getraut, Emma davon zu erzählen. Jenna ist ja eine gute Freundin von ihr, und es kommt mir ein wenig komisch vor, dass ich mich ausgerechnet in sie verknalle. Fühlt sich fast wie Inzest an, ich kenne sie ja auch schon länger, und wir sind Freunde. Aber da war dieser Tag vor ein paar Wochen.

Wir alle am See, Emma, Jenna, Josh und ich, ist mal richtig heiß an diesem Tag und keine Wolke zu sehen. Die Sommer hier sind wirklich verregnet. Aber ich mag das. Die Stadt ertrinkt im Grün, und es ist wie in einem Aquarium hier, so nass ist die Luft. Lisa klagt oft über Kopfschmerzen, aber ich sage ihr immer wieder, dass das viel besser ist, als diese unerträgliche Hitze, die alles trocken legt. Ich kann Hitze nicht ausstehen und das einzige Nasse an diesem Tag ist der See. Der Himmel ist fast so weiß wie in meiner Heimat. Aber der Wald um den See kühlt die flirrend heiße Sommerluft herrlich ab, und wir genießen eine doppelte Erfrischung.

Der Sommer bringt die Liebe.

Wir liegen also im Schatten der Uferbäume am Liepnitzsee herum, es ist ziemlich still, wir lesen, hängen unseren Gedanken nach und ab und zu tauchen wir in das schöne klare Wasser des Sees ein. Irgendwann schaue ich auf und sehe die Silhouette von Jenna, wie sie ins Wasser watet, rechts von ihr Schilf, ihr Profil, die Sonne beleuchtet ihre Nase, sie lacht, lacht mich an. Und in diesem Moment ist es um mich geschehen. Dieses perlende Lachen. Diese Nase. Warum habe ich das erst jetzt bemerkt?