Betreff: Ich denke an Dich!

An: Vincent <vincent@life-minutes.de>
Von: Lisa <lisa@life-minutes.de>
Datum: 08. November 2012 10:46:23 MESZ

Mein Mann in der Ferne,

ich habe Sehnsucht nach dir und wünschte, du wärest hier. Aber ich weiß, dass du jetzt zu Hause gebraucht wirst. Wie geht es deinem Vater heute? Und wie geht es deiner Mutter? Und dir?

Ich habe gestern Abend, als ich am Alexanderplatz auf die U2 gewartet habe, eine junge Frau gesehen, die bitterlich geweint hat. Sie hielt sich ein Taschentuch vor den Mund, das schon ganz nass von ihren Tränen gewesen ist. Ich hätte sie gerne gefragt, ob ich ihr helfen kann. Aber ich habe mich nicht getraut, sie anzusprechen.

Als ich dann schließlich in der U-Bahn saß, stellte ich mir vor, dass ich sie doch angesprochen habe. Ich habe ihr angeboten, dass sie mir ihren Kummer erzählen kann und ihr gesagt, dass es bestimmt leichter ist für sie, mir ihr Herz auszuschütten, weil ich ja doch eine Fremde für sie bin. Wir sind gemeinsam in ein Café gegangen und ich habe ihr einen Kakao spendiert und sie hat sich mir anvertraut. Worum es gegangen ist, dass weiß ich nicht mehr, allerdings waren ihre Tränen nach einer Stunde versiegt und sie fühlte sich besser. Da habe ich plötzlich gemerkt, dass ich meine Haltestelle verpasst habe. Ich Tagträumerin. Du lachst jetzt bestimmt. Gut so! Lachen hilft.

So schade, dass du nicht hier bist. Morgen gibt’s eine Geburtstagsdoppelparty von Emma und Josh, wird bestimmt exklusiv mit viel Prunk drumherum, so wie ich Josh kenne. Ist eine Überraschung für Emma, sie weiß noch von nichts. Wir werden dich vermissen – vor allem ich!

Ich liebe Dich!

Ta chérie

Betreff: just a quick question

An: Patrice <patrice@life-minutes.de>
Von: Josh <josh@life-minutes.de>
Datum: 07. November 2012 07:27:23 MESZ

Hey Patrice,

All good? Ich bin schon wieder auf dem Sprung, heute geht es nach Zürich und morgen dann nach Brüssel. Bin noch etwas zerknittert von der Nacht, hab nicht viel geschlafen, weil ich unbedingt die Wahl verfolgen wollte. Oh happy day! Obama bleibt President. Das freut mich sehr, auch wenn er in den nächsten vier Jahren sicherlich keine Wunder vollbringen kann. Aber wer glaubt schon an Wunder? Obwohl – wir Amerikaner tun das schon, haha. Vielleicht bin ich einfach zu lange in Europa und deshalb so nüchtern geworden.

Aber warum ich dir eigentlich schreibe: Emma hat ja übermorgen Geburtstag und ich würde sie gerne überraschen. Sie denkt, dass ich noch unterwegs bin und erst am Samstag wiederkomme. Habe mir aber extra frei genommen und möchte es am Freitag richtig krachen lassen. Ist ja, wie du weißt, auch mein Geburtstag. So let’s have a Party!

Meine Bitte an dich: Das ganze soll bei Emma und mir stattfinden. Allerdings soll sie nichts davon mitbekommen. Also müssen wir sie aus unserer Wohnung weglocken. Kannst du das irgendwie arrangieren? Ich komme schon morgen Abend spät zurück, wäre super, wenn sie nicht bei uns übernachtet. Sorry, dass ich das so kurzfristig anfrage, hab aber tatsächlich erst gerade eben die Zusage für meinen Urlaub bekommen.

Alles andere habe ich trotzdem schon organisiert: Essen, Getränke, DJ. Und eine besondere Überraschung auch noch. Die verrate ich aber noch nicht – soll für alle noch ein bisschen spannend bleiben ;) Ach so, hab ich fast vergessen: Ich schicke dir gleich noch eine Liste – kannst du allen Bescheid geben, die darauf stehen? Kurze E-Mail oder Text Message sollte reichen. Thanks so much!

Bin ab heute Mittag wieder online, kannst mir also jederzeit schreiben. Stay tuned, man!

Cheers,
Josh

Time for a coffee after the votes?

An: Josh <josh@life-minutes.de>
Von: Jenna <jenna@life-minutes.de>
Datum: 05. November 2012 18:48:23 MESZ

My lovely brother,

How are you? Tomorrow morning would be perfectly fine, should I pick you up at 8:30 for the votes?

Hab mehrfach versucht dich anzurufen. Aber du bist mal wieder unterwegs und schwer zu erreichen. Text messages mag ich nicht so, weißt du ja. Hast du mit Emma mal gesprochen? Sie hat mir gestern eine E-Mail geschickt, die voller Vorwürfe ist. Wegen Patrice. Und mir. Ich weiß ja, dass es nicht gerade glücklich gelaufen ist, dass sie uns auf der Straße getroffen hat, bevor wir es euch sagen konnten. Aber dass sie so beleidigt ist, hätte ich nicht gedacht.

BTW, wie geht’s dir denn damit? Wie ist es eigentlich für dich, dass ich mit Patrice zusammen bin? So wie ich dich kenne, freust du dich bestimmt für mich. Und für Patrice auch. Emma ist einfach zu kompliziert mit diesen Herzensangelegenheiten und nimmt alles persönlich. Sie hat mir geschrieben, dass unsere Freundschaft einen Riss hat. Das verstehe ich irgendwie nicht. Es ist ja nicht so, dass Patrice und ich euch monatelang etwas vorgespielt haben. Unsere Liebe ist ja immer noch ganz frisch, wenn man es genau nimmt. Wir wollten es euch ja auch bald gesagt haben, blöder Zufall halt.

Emma hat auch geschrieben, dass sie es selbst dann nicht so toll gefunden hätte, wenn wir ihr das erzählt hätten. Ich finde wirklich, sie reagiert übertrieben. Wir sind schließlich eigene Menschen mit eigenen Gefühlen und können uns nicht nur nach ihr richten. Sie ist gerade eine echte Drama Queen. Oder siehst du das anders? Findest du, dass sie recht hat? Ich muss diese E-Mail von ihr erst mal verdauen.

Ja, es ist schon richtig: Ich bin tatsächlich ein bisschen wütend auf sie. Und ich habe echt keine Lust, mir mein Glück von ihr versauen zu lassen. Nur weil sie sich nicht genug beachtet fühlt. Okay, ich weiß ja auch, dass ihr beide euch selten seht – so oft, wie du unterwegs bist. Sorry, soll kein Vorwurf sein. Aber das macht es für sie bestimmt nicht leichter, weil sie ja jetzt ein Stück mehr von Patrice und ein Stück mehr von mir abgeben muss. Zumindest sieht sie es so. Auf der anderen Seite hat sie auch viel zu tun. Was also verliert sie denn? Ich sehe den Punkt gerade nicht.

Nun ja, du kennst mich ja. In ein paar Tagen bin ich bestimmt schon weniger grumpy. Trotzdem wäre es echt schön, wenn wir beide mal reden könnten. Hast du morgen nach der Wahl noch Zeit auf einen Kaffee?

Lots of kisses and big hug,

Jenna

Betreff: Wie ich mich fühle damit

An: Jenna < jenna@life-minutes.de>
Von: Emma <emma@life-minutes.de>
Datum: 04. November 2012 18:20:23 MESZ

Liebe Jenna,

in den letzten Wochen haben wir uns nicht oft gesehen. Und wenn, dann waren wir nicht alleine, so dass wir hätten miteinander sprechen können. Wir beide gehen sehr vorsichtig miteinander um, seitdem ich dich und Patrice auf der Straße erwischt habe. Und wir haben uns seitdem voneinander entfernt – findest du nicht?

Ich gebe zu, dass es mir immer noch schwer fällt, über meinen Schatten zu springen. Es ist schon seltsam: Zwei Menschen, die mir sehr am Herzen liegen, haben zusammen gefunden. Meine beste Freundin und mein Bruder, ein Paar. Eigentlich sollte ich mich freuen, denn ich wünsche euch beiden ja nur das Beste. Aber die Freude will nicht wirklich aufkommen, ich bin da ganz ehrlich. Ich fühle mich ein wenig so, als hättet Ihr mich einfach zur Seite gestellt, als würde ich nicht mehr dazu gehören. Mag sein, dass es nur mein Gefühl ist und dass du das ganz anders empfindest als ich. Aber ich muss es dir jetzt endlich mitteilen, wie es mir damit geht – denn es belastet mich sehr.

Vor allem kann ich immer noch nicht verstehen, warum ihr mir nichts gesagt habt. Ja, ich war schockiert, als ich euch küssend auf der Straße angetroffen habe. Es hat mich verletzt, aber wundert euch das? Wie hattet ihr euch das eigentlich gedacht, du und Patrice, wann wolltet ihr es mir sagen? Wenn ihr euch vorher unsicher gewesen seid, ob ich es verkraften würde, dass ihr zusammen seid, so könnt ihr euch jetzt sicher sein: So wie es gelaufen ist, kann ich bestimmt keine Räder schlagen vor Freude über euer Glück. Für mich ist es schon ein Vertrauensbruch, was natürlich dazu beiträgt, dass ich mich gerade so distanziert verhalte. Kannst du das verstehen?

Ich vermisse dich als Freundin, Jenna. Wirklich. Aber gerade weiß ich nicht so richtig, wie ich mich dir wieder nähern kann. Da ist ein Riss in unserer Freundschaft. Ich hätte mir wirklich gewünscht, dass du mit mir gesprochen hättest. Du und Patrice. Es hätte mich vielleicht auch erstmal nicht in euphorische Hochstimmung versetzt, aber ich hätte mich nicht so hintergangen gefühlt. Vielleicht können wir die Tage einfach mal darüber sprechen.

Du weißt, dass ich gerade an einer neuen Reportage über Grenzgänger arbeite. Die Arbeit lenkt mich ab, ich habe viel zu tun. Aber ein Gespräch mit dir ist mir wichtig. Und ich möchte mich gerne mit dir alleine treffen. Ohne Josh oder Patrice. Damit wir beide ehrlich sein können. Bitte lass mich wissen, wann du Zeit hast.

Wünscht sich von dir: Emma

Ich war absolut privilegiert

Ich sollte vielleicht mal zum Arzt gehen und mich gründlich untersuchen lassen. Als Vincent erzählt hat, dass sein Vater im Krankenhaus liegt, ist es mir eiskalt in die Glieder gefahren. Vincents Vater ist sogar noch 10 Jahre jünger als ich und soll sehr sportlich sein. Im Gegensatz zu mir. Mir fällt nicht ein, wann ich das letzte Mal Sport getrieben habe. Ich fahre ja noch nicht einmal Fahrrad.

Die Zeit vergeht einfach zu schnell. Ehe man es sich versieht, hat man nicht mehr genug davon übrig. Elisabeth hatte auf jeden Fall zu wenig Zeit. Als der Krebs bei ihr diagnostiziert wurde, war sie gerade mal 51 Jahre alt. Und 4 Jahre später, 2006, ist sie dann gestorben. Dabei war auch sie immer ein Mensch, der vor Energie nur so geleuchtet hat. Und dann diese grausame Krankheit.

Als ich Elisabeth von Marlene erzählt habe, war sie ganz still. Sie hat mich mit ihren wasserblauen Augen angesehen, die immer dunkler wurden, je mehr ich erzählte. Diese Stille war mir unerträglich damals. Aber ich konnte ihr ja keinen Vorwurf machen: Schließlich war ich derjenige, der eine zweite Familie im Westen hatte, mit einer anderen Frau und einer anderen Tochter. Sicher, als ich Elisabeth davon erzählt habe, war ich mit Marlene schon nicht mehr zusammen.

So feige war ich auch damals schon. Konnte es ihr erst sagen, als es mit Marlene vorbei war. Vielleicht habe ich ihr damals ihre gesundes, starkes Ich so geschwächt, dass der Krebs eindringen konnte. Ich weiß es nicht. Was ich aber ziemlich genau weiß, ist, dass ich sie sehr verletzt haben muss, weil ich ihr jahrelang etwas vorgespielt hatte. Ich konnte den Schmerz darüber, dass sie mein zweites Ich erst so spät erkannt hat, in ihren Augen sehen. Wir waren zu dem Zeitpunkt immerhin schon fast 20 Jahre ein Paar. Und ein glückliches dazu.

Ich muss ungefähr eine Stunde ohne Unterbrechung geredet haben, bevor Elisabeth mir plötzlich eine Frage stellte, auf die ich nicht gefasst gewesen bin. Sie fragte mich ganz ruhig, ob es die Freiheit im Westen sei, die die Frauen anziehender mache. Darüber hatte ich mir niemals Gedanken gemacht. Schließlich habe ich freiwillig in der DDR gewohnt, ich war und bin ja immer noch Schweizer. Dementsprechend habe ich mich auch nie wirklich unfrei gefühlt. Ich konnte in den Westen reisen, so oft ich wollte, ich durfte hier wie dort Stücke inszenieren und hatte nie das Gefühl habt, dass es mir an etwas mangelte, weil ich in Ost-Berlin lebte. Ich war absolut privilegiert. Und das ist mir zum ersten Mal richtig bewusst geworden, als Elisabeth mir diese Frage gestellt hat, die eigentlich einen ganz anderen Bezug hatte. Ich habe mich geschämt. Ich habe mich so sehr geschämt wie noch nie zuvor in meinem Leben. Weil ich so ein arrogantes, ignorantes A***loch gewesen bin.

Es wird wärmer, Blumen knospen, Bäume schlagen aus

Ich habe mich mit Lisa gestritten. Sie versteht einfach nicht, dass ich mich gerade nicht auf eine feste Sache einlassen will. Wenigstens hat sie jetzt verstanden, dass sie mir nicht mit diesem Peter zu kommen braucht. Trotzdem will sie für mich unbedingt die „Liebe meines Lebens“ finden. Etwas das „für immer hält“. Dabei verhält es sich mit Beziehungen wie mit der Erdumdrehung um die Sonne und das Auf und Ab im Jahreszeitenkarussell.

Jede Beziehung ist ein in sich geschlossener Zyklus, der mit dem Frühling beginnt, dann wird es stetig heller, lichter, schöner und irgendwann kühlt es ab, bis der Winter die einstige Liebe in Frost gepackt hat. Dabei ist der Frühling manchmal nur kurz, der Sommer verregnet oder sehr, sehr lang oder der Winter ist glücklicherweise mild.

Wie Katz und Vogel: Die Liebe lebt von Spannungen.

Wenn man es genau betrachtet, ist es doch tatsächlich so: Erst erfolgt eine Annäherung. Das ist der Frühling, die Erde schiebt einen Teil ihrer Rundung näher und näher in Richtung Sonne. Es wird wärmer, Blumen knospen, Bäume schlagen aus. Die Natur, sie ist im Wachstum begriffen, so ist es mit dem Verliebtsein auch.

Dann kennt man sich immer besser, verliert Scheu und Scham voreinander und aus dem Verliebtsein wird Liebe. Das ist der Sommer. Die Erde hat einen Teil ihres Gesichts direkt zur Sonne gewandt und lächelt. Die Sonne strahlt zurück, man spürt die Nähe, das Glück. Man kann vertrauen, es ist genug Nahrung da und es gibt keinen Grund zur Sorge.

Scheu und Scham kommen wieder zurück, wenn man auseinandergeht. Das ist der Herbst. Da wird es zunehmend kühler, die Blätter der Liebe verfärben sich von rot und gelb zu braun und die einst so innige Zweisamkeit wird welk. Die Liebe fällt zu Boden, die Erde wendet die Augen von der Sonne ab.

Nach einer Trennung entfremdet man sich zunehmend. Das ist der Winter. Da ist die Erde am weitesten entfernt von der Sonne, die Köpfe, einst zugeneigt, blicken in verschiedene Richtungen. Die Liebe ist erstarrt, von einem Eismantel umgeben. Da fragt man sich: Wer war der Mensch, dem ich mein Herz geschenkt hatte? Oder die Liebe ist weich bedeckt, die Erinnerungen liegen unter Reif und Schnee. Dann mag man sich, ist vielleicht befreundet, aber die einst so starke Verbindung ist schwächer geworden.

Die Jahreszeiten sind jedes Jahr anders. Kein Frühling der dem letzten Frühling gleicht, kein Sommer, der so wie der letzte Sommer ist, kein Herbst der gleich bunt, kein Winter der gleich kalt ist. Die Erde dreht sich nicht nur ein einziges Mal um die Sonne. Dieses elliptische aufeinander Zustreben und Auseinandergehen, das sich Annähern und wieder Entfernen, das ist es, warum ich nicht an die „einzig wahre Liebe“ glauben kann. Meine Beziehungen waren auch immer anders. Zum Glück. Sonst wäre mein Leben ziemlich monoton. Auch wenn Lisa das nicht glauben will.

Im Moment des Zusammenkommens beginnt die Trennung

Leur séparation commence dès leur rencontre. Im Moment des Zusammenkommens beginnt die Trennung. Diese senegalesische Weisheit hat Patrice mal zitiert. Ich weiß nicht mehr, wann er mir das gesagt hat, aber ich habe oft an den Spruch denken müssen. Wie wahr er ist, dass merke ich gerade.

Meine Mutter hat heute angerufen. Mein Vater liegt im Krankenhaus. Er hatte einen Zusammenbruch und liegt auf der Intensivstation. Die Ärzte wissen noch nicht, ob es ein Herzinfarkt ist. Oder etwas anderes mit dem Herzen. Oder vielleicht auch etwas ganz anderes. Komisch, dass es meinen Vater getroffen hat. Ihn, der immer sportlich gewesen ist, nie geraucht und nur mäßig getrunken hat. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass er jemals krank gewesen wäre. Noch nicht mal ein Schnupfen oder Kopfschmerzen. Er war immer stark, gesund und voller Tatendrang. Ich kann mir absolut nicht vorstellen, wie er da in einem sterilen Zimmer liegt, einen Tropf im Arm, sein Gesicht weiß wie die Zimmerwand und mit müden Augen. Das ist nicht er.

Für meine Mutter ist es besonders schlimm. Sie hat sehr verzweifelt geklungen am Telefon. Und sie hat geweint. Als sie mir erzählt hat, dass mein Vater im Krankenhaus ist, ist mir etwas eingefallen. Ich glaube fast, dass meine Eltern seit dem Tag, an dem sie zusammen gekommen sind, keinen einzigen Tag getrennt gewesen sind. Und meine Eltern sind über 30 Jahren zusammen. Krass. Und dann habe ich an den Spruch denken müssen, den Patrice mir mal gesagt hat.

In dem Moment, wo Du auf einen Menschen triffst, den Du liebst, in diesem Augenblick ist eigentlich schon klar, dass es irgendwann eine Trennung geben muss. Kein Anfang ohne Ende. Kein Leben ohne Tod. Wir denken natürlich nicht daran. Denn würden wir ständig daran denken, an das schreckliche Gefühl, das man hat, wenn man sich trennt oder getrennt wird. Wir würden ja keine Beziehung mehr eingehen oder Kinder bekommen wollen. Dann würde die Welt sehr einsam werden.

Meine Mutter ist gerade alleine zu Hause. Sie darf nicht bei meinem Vater sein, heute zumindest nicht. Und das bricht ihr das Herz. Alleine sein und einsam sein, dass ist nicht unbedingt dasselbe. Wenn aber das Alleinsein unfreiwillig ist, dann ist die Einsamkeit da. Meine Mutter will auf gar keinen Fall ohne meinen Vater sein. Aber jetzt geht es nicht anders. Und sie fühlt sich furchtbar einsam. Es bricht mir das Herz, wenn ich an meine Mutter denke und fühle, wie sehr sie leidet. Ich sollte nach Frankreich fahren. Morgen.

Hab sofort an eine Gazelle denken müssen

Man, man, man, ist die süß. Hab es erst gar nicht glauben können, als Lisa die Lady mitgebracht hat. Dass es so eine Frau gibt auf der Welt! Hab sofort an eine Gazelle denken müssen. Und das beste ist: Sie steht auf mich. Hab ich gleich gemerkt. Wie sie mich angesehen hat, den ganzen Abend lang. Also zumindest so lange, wie ich mich erinnern kann.

Die Party war supercool. Hab das Ende zwar nicht mehr parat, aber was soll’s. Hatte meinen Spaß, echt gut war es. Man wird schließlich nur einmal 30. An die 70 Leute da, volles Haus. Getanzt wurde wie wild, was will man mehr. Meine Mitbewohner hab ich gar nicht gesehen, waren wahrscheinlich nicht da. Selbst schuld.

Pia hat am nächsten Morgen ziemlich genervt. Kam einfach in mein Zimmer, ich voll verkatert, Kopfschmerzen vom feinsten. Und dann Pia am meckern, ich soll die Bude gefälligst aufräumen, wäre alles voll dreckig. Haben uns dann erst mal 5 Minuten angeschrieen – also ich weniger, hat noch zu viel geschädelt. Whatever. Habe die Wohnung dann noch drei Stunden geputzt, meine Mitbewohner waren auch da, haben aber keinen Finger gerührt.

Seitdem ist die Stimmung hier noch schlechter. Elli und Pia reden gar nicht mehr mit mir. Ich verstehe echt nicht, warum die so angepisst sind. Hätten ja zu der Party des Jahrhunderts da sein können, waren ja sowieso eingeladen. Hatte ich ihnen vielleicht nicht direkt gesagt, naja, aber war ja eh klar, also für mich schon. Franz ist wenigstens ein bisschen verständnisvoller und wollte auch schlichten, hat aber nicht so richtig geklappt. Hätte vielleicht die Zimmer der drei abschliessen sollen, als die Party losging. Naja, gibt eigentlich keine Schlüssel hier …

Also, was soll’s. Ich will die unbedingt wiedersehen. Ist echt lange her, dass mich eine Frau so umgehauen hat. Hab Sevtap schon über Facebook* kontaktiert, aber sie hat mir noch nicht geantwortet. Ist vielleicht keine Heavy Userin, soll es ja auch noch geben. Ich könnte gar nicht mehr ohne. Naja, ich brauch das ja auch beruflich. Die Plattensache läuft ganz gut mit Werbung über Facebook* und Twitter**, ist auch einfacher auf dem Laufenden zu halten als eine eigene Website und irgendwie sozialer. Heißt ja auch nicht umsonst Social Media, haha. Sollten wir auch endlich für unsere Band machen, so eine Gesichtsbuch-Seite. Ach je, die Band. Wie viel Uhr ist es? Ich bin zu spät. Die Probe hat schon angefangen, Mist. Vincent hätte mir ja auch mal eine SMS schreiben oder anrufen können. Muss los.

* 2012 war man noch auf Facebook und Twitter unterwegs.

** X hieß damals Twitter und die Posts durften nicht länger als 40 Zeichen lang sein. Das waren noch andere Zeiten :D

Sie hat mein Leben wieder zum Blühen gebracht

Diese Frau ist wie eine saftige Tarte Normande, sie duftet nach Äpfeln, schmeckt nach Zimt, Zucker und Butter, ihre Haut ist knusprig wie der Tortenboden und ihre Brüste zart wie das Fruchtfleisch. Sie inspiriert mich zu neuen Rezepten, ich könnte von morgens bis abends einfach nur kochen, wenn sie nur daneben sitzt und mit ihr essen, sie lieben und dann wieder kochen, mit ihr essen, sie lieben…

Gut für Gaumen und Inspiration: die Liebe.

Emma scheint mir nicht gerade glücklich darüber zu sein, dass Jenna und ich zueinander gefunden haben. Ich kann gut verstehen, dass sie tief gekränkt ist. Es wäre sicherlich klüger und einfühlsamer gewesen, ihr zu erzählen, dass wir zusammen sind. Sie versucht sich nichts anmerken zu lassen, aber ich kenne meine Schwester zu gut. Ich weiß, dass sie sich alleine gelassen, vielleicht sogar einsam fühlt. In meiner Heimat sagt man „Pauvre est celui qui est seul.“ Wie wahr es ist: Auch wenn die Einsamkeit nur ein Gefühl ist, sie ist da und real für den, der sie spürt.

Ich weiß, wie es ist, sich allein gelassen zu fühlen. Ich war lange Zeit ganz allein auf dieser Welt. Als Emma und ich uns kennen gelernt haben, habe ich gedacht, dass ich der einsamste Junge auf dieser Welt bin. Und dann war Emma plötzlich da und ich war nicht mehr einsam. Gleich als ich sie gesehen habe, wußte ich, dass sie meine Schwester ist. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich einen anderen Menschen getroffen, der mich, mein Innerstes sofort erkennt – obwohl Emma in Deutschland geboren und aufgewachsen ist und ich aus dem Senegal kam, wir damals kaum die gleiche Sprache gesprochen haben und unsere Biographien unterschiedlicher nicht hätten sein können.

Umgekehrt ging es ihr ganz genauso. Es ist mehr als ein großes Glück, dass ich Emma getroffen habe, als ich nach Deutschland kam. Sie hat mein Leben wieder zum Blühen gebracht. Und ich habe ihr das Lachen und die Freude zurück gegeben. Sie hat mir damals alles erzählt, diese widerliche Grausamkeit, die ihr als kleines Mädchen angetan worden ist. Ich bin immer noch der Einzige, dem sie sich anvertraut hat (wenn man mal von dem Therapeuten absieht). Diese Geschichte hat sie zu einer sehr empfindsamen wie auch empfindlichen Frau gemacht. Meine Beziehung zu Emma ist es etwas ganz besonderes und wird es auch immer bleiben. So etwas passiert dir, wenn überhaupt, nur einmal im Leben. Und ich hoffe sehr, dass sie dieses Band immer noch spürt.

Mit den anderen in meiner zweiten Familie ist es anders. Sie sind mir nah, aber sind nicht aus demselben Holz wie Emma und ich geschnitzt. Lisa ist meine kleine Schwester, Hans mein Vater. Und Elisabeth war eine liebende Mutter für mich, ich vermisse sie immer noch so sehr wie ich meine Familie im Senegal vermisse. Auch wenn ich mich an die Zusammensetzung der Familie erst gewöhnen musste. Man sagt hier wohl Patchwork-Familie dazu. Ein dämlicher Begriff ist das. Als wäre eine Familie ein großer Flickenteppich und wir alle ein Fetzen Stoff, der die Familie zusammenhält. Und jetzt noch Jenna, diese wunderbare Frau. Noch mehr Patchwork, wenn man es genau nimmt. Also wenn wir alle Fetzen wären.

Ich frage mich natürlich, wie die anderen das finden

Manchmal ist es einfach nur gut, ein Buch in der Hand zu halten. Gedruckte Worte auf raschelndem Papier wirken beruhigend auf meine TV-müden Augen. Deshalb liebe ich Bücher. Auch des Geruchs wegen, natürlich.

Am Liepnitzsee vor ein paar Wochen habe ich gerade ein neues Buch angefangen. Girl with Curious Hair von David Foster Wallace. Liest sich nicht so einfach weg, aber ich entleere meinen Kopf ja schon fast jeden Tag, indem ich mir billige TV-Shows und Fernsehformate reinziehe. Alles im Namen der Wissenschaft, natürlich. Aber ziemlich zäh, sich diesen Trash permanent anzutun. Das Buch ist schon super, ich mag Wallace ja sehr. Vor allem wusste ich gar nicht, dass Patrice Wallace auch so sehr mag. Habe ihm eine Kurzgeschichte vorgelesen, und er hat ganz ruhig zugehört. Überhaupt mag ich diese ruhige Art von Patrice sehr, und dabei ist er ziemlich anziehend.

Es gibt keinen besseren Sommerort auf dieser Welt.

Und der Sex letzte Nacht war wirklich gut. Habe schon lange meinen Körper nicht mehr so gespürt. Vielleicht lag es an dem Hunger, an dem Durst, an der inneren Hitze. Wir kennen uns schon länger und plötzlich war da diese Leidenschaft füreinander. Es hat nur eine Sekunde gebraucht, vielleicht war es das Licht an diesem See, und wir wussten beide, dass wir uns verliebt haben.

Ich frage mich natürlich, wie die anderen das finden. Vor allem Josh und Emma. Josh lässt sich jedenfalls nichts anmerken, auch wenn es ihm komisch vorkommen sollte. Aber so ist er, mein Bruder. Nicht sonderlich gefühlsbetont. Wahrscheinlich findet er es einfach nur funny. Und Emma? Die scheint schon ein bisschen sauer zu sein. War auch nicht gerade glücklich, dass wir sie auf der Straße treffen, bevor wir ihr gesagt haben, was los ist. Allerdings macht sie es einem auch echt schwer damit. Emma will immer die Hauptperson sein. Ich wollte es ihr ja schon längst gesagt haben, hab mich aber nicht getraut. Ich weiß ja, dass es doof von mir ist, sonst erzähle ich immer alles. Aber in diesem Fall ist es mir echt schwer gefallen. Weil ich ihre Freundin bin und Patrice ihr Bruder. Allerdings ist sie ja auch mit meinem Bruder zusammen. Warum sollte sie es umgekehrt nicht akzeptieren können?

Nur weil ich Emma durch Josh kennengelernt habe, muss ich kein schlechtes Gewissen haben. Ich hätte es ihr sowieso bald erzählt. Sollte ja kein Geheimnis sein. Obwohl – spannend war es schon, als nur Patrice und ich davon wussten. Ein bisschen wie eine verbotene Liebe. Aber jetzt ist raus. Und Emma soll sich nicht so anstellen. Ich sollte ihr das mal sagen.