An: Vincent <vincent@life-minutes.de> Von: Sevtap <sevtap@life-minutes.de> Datum: 23. November 2012 14:14:23 MESZ
Hey Sevtap,
wie geht’s? Ich komme gerade von meinem Interview mit Lisas Schwester – hat wirklich Spaß gemacht. Emma arbeitet an einer Reportage über Grenzgänger. Sie befragt dazu Leute, deren Leben durch das Überschreiten von Grenzen erheblich beeinflusst ist. Dabei benutzt Emma reale staatliche Grenzen eher als Metaphern für die Grenzen, die wir in unseren Köpfen haben. Ich finde das Projekt echt spannend und habe sofort zugesagt, als Emma mich gefragt hat, ob ich ihr ein Interview geben mag.
Ich habe ihr erzählt, wie meine algerischen Großeltern nach Frankreich gekommen sind und wie es für meinen Vater gewesen ist, der in Frankreich geboren und aufgewachsen ist. Er kennt Algerien nicht besser als ich, also nur durch wenige kurze Besuche. Ich habe an dich gedacht, weil wir uns vor kurzem länger über unsere Familien unterhalten haben. Deine Großeltern sind ja auch von der Türkei nach Deutschland eingewandert, allerdings sind deine Eltern noch in der Türkei geboren, dann aber in Deutschland aufgewachsen.
Emma sucht genau solche Geschichten und du hast einiges zu erzählen. Vielleicht hast du Lust, dich mit Emma zu treffen? Du kannst dich direkt mit ihr in Verbindung setzen, du kennst sie ja. Überleg es dir, Emma freut sich bestimmt.
A+ Vince
P.S. Lisa und ich gehen heute Abend ins Kino und sehen uns Cloud Atlas an. Sag Bescheid, ob du Zeit und Lust hast, mitzukommen.
wie geht’s? hat mich gefreut, dass du auf meiner party warst. hast die feier echt zum glänzen gebracht. hab nicht gewusst, dass lisa so ne schöne freundin hat ;) also würd mich echt freuen, wenn wir uns bald mal wiedersehen. hab dir auch gerade eine freundschaftsanfrage geschickt – können ja hier mal in kontakt bleiben.
es grüßt dich: der peter
15.10.2012 00:23
hi du,
bist wohl nicht so aktiv hier unterwegs? hab ja leider deine telnummer nicht und lisa wollte mir die nicht geben. musste schon selbst fragen, hat sie gesagt. dann tu ich das mal ganz unbescheiden und hoffe, du liest das bald mal hier. wollte dich nämlich fragen, ob du bock hast, mit mir mal auszugehen? da gibt’s ein paar nette bars bei mir in der ecke – vielleicht mal ein oder zwei getränke oder so? kino wär auch ne idee, anfang november kommt der neue bond raus. auf den steht ihr mädels doch ziemlich ;) also meld dich!
lg, der peter
10.11.2012 17:23
ehrlich gesagt, fände ich es schon cool, mal eine antwort von dir zu bekommen. langsam glaub ich nicht mehr so dran, dass du einfach nur selten hier bist**. oder doch? auf meiner party hatte ich schon das gefühl, dass du mich auch ganz gut findest. sag doch einfach mal bescheid, ob ja oder nein. dann weiß ich wenigstens, ob sich das lohnt, dich weiter anzuschreiben. wenn dir das mit dem kino zu forsch war, können wir ja auch ganz unverbindlich was trinken gehen. hatte ich dir schon angeboten, ist nichts dabei, oder?
ich kann dich leider nicht zu einem konzert von uns einladen, weil wir noch gar nicht wissen, wann wir auftreten, haha. würd auch ungern so lange warten, dich wiederzusehen, bis es mal soweit ist. also trau dich ruhig. ich beiße bestimmt auch nicht ohne aufforderung ;).
der peter
* 2012 wurde Instant-Nachrichten von den U30 über den Instant-Messenger von Facebook geschickt – und zwar über die Website.
** Ghosting gab es auch damals schon, wurde nur nicht so genannt.
Manchmal geht mir diese Stadt einfach auf die Nerven. Es ist laut, dreckig, voller Autos. Alles muss immer cool sein, dabei ist es nichts als eine Ansammlung von Menschen und Fahrzeugen aller Art. Wirklich schön ist Berlin auch nicht. Außerdem bereitet mir diese ständige Schwüle im Sommer Kopfschmerzen. Kann es nicht einfach mal ein paar Tage am Stück einfach nur angenehm warm und trocken sein? Und dann ist plötzlich Herbst. Ach, ich bin unleidlich. Nichts ist gerade so, wie es mir gefällt. Aber wie es anders besser sein könnte, weiß ich ja auch nicht. Kompliziert das alles.
Ich bin hier geboren und trotzdem gibt es immer wieder diese Momente, in denen ich am liebsten weg möchte von hier. Vielleicht liegt es nicht an der Stadt, ich bin ja woanders auch ich und dort gefällt es mir vielleicht auch nicht.
Auf der anderen Seite ist es schon spannend hier zu sein, mittendrin. Und zu sehen, dass Berlin ist was Berlin schon immer war. Also zumindest in den letzten 100 Jahren. Anfang August war ich mit Vincent im Freiluftkino Central in den Hackeschen Höfen. Da gab es diesen tollen Stummfilm Berlin – Die Sinfonie der Großstadt von Walther Ruttmann zu sehen. Mit Live-Elektro-Musik von Tronthaim. Die Stimmung war fantastisch. Die Stadt war architektonisch natürlich anders, weil vor dem zweiten Weltkrieg. Trotz tonlosem schwarz-weiß Films war es irgendwie doch auch das Berlin von heute. Der typische Charakterzug von Großstädten kommt durch die fahrige Art des Stummfilms noch stärker zur Geltung: Die allgemein hektische Grundstimmung. Alles muss schnell, schneller, am schnellsten gehen.
Ich mag Geschichten aus Berlin, die Anfang bis Mitte des letzten Jahrhunderts spielen. Geschichten, wie Kästner sie schrieb. Ich liebe die Romane von Erich Kästner so sehr, weil sie Berlin zeigen, wie ist war und wie es noch heute ist. Das Berlin von Fabian. Oder das Berlin von Emil und seinen Detektiven. Das Buch habe ich als kleines Mädchen bestimmt 20 Mal gelesen.
Besonders schön ist die Stelle, als Emil Herrn Grundeis im Zug trifft und dieser dubiose Herr Emil von Berlin erzählt: Emil kennt Berlin noch nicht und ist wahrlich erstaunt darüber, dass es dort Häuser geben soll, die gut 100 Stockwerke hoch sind und die man am Himmel festbinden muss, weil sie sonst vom Wind weggeweht werden. Das erinnert mich eher an Hong Kong oder New York – aber Wolkenkratzer scheinen generell ein Symbol für Großstädte zu sein. Immerhin gibt es in Berlin heute ja auch den Versuch moderne, hochgewachsene Gebäude am Potsdamer Platz zu etablieren.
Über die Leute, die in Berlin leben, weiß Herr Grundeis Urkomisches zu berichten: So lassen sich einige, die es besonders eilig haben, per Rohrpost verschicken. Städter, die unter chronischer Geldnot leiden, verpfänden laut Grundeis ihr Gehirn auf der Bank. Was uns Kästner damit sagen will, ist wohl glasklar. Schon damals waren die Banken nicht gerade die Heilsarmee …
Ob es damals auch schon überall Glasscherben gegeben hat? Ich kenne keine andere Stadt, in der die Menschen ihre Glasflaschen so achtlos in der Gegend herumwerfen, dass es knirscht beim Gehen. Also fast. Auf jeden Fall macht mir Fahrradfahren schon lange keinen Spaß mehr. Es nervt, wenn man alle zwei Wochen den Schlauch flicken muss. Oder gleich ganz wechseln. Für die Fahrradläden dieser Stadt auf jeden Fall ein gutes Geschäft.
Ich glaube, ich muss Papa mal fragen, wie das vor 40 Jahren hier war. Er war ja im Westen und im Osten. Ich habe ihn eigentlich noch nie so richtig danach gefragt. Nach seiner Geschichte, wie er nach Berlin gekommen ist und so. Von sich aus erzählt er nicht viel. Ist wahrscheinlich auch kein Wunder. Ich habe Elisabeth ja auch erst 1996 kennengelernt. Da war er mit Mama schon nicht mehr zusammen. Immerhin habe ich mit Emma und Patrice zwei famose Geschwister bekommen. Schade, dass wir uns erst Mitte der 90er Jahre getroffen haben. Ich habe mich früher oft einsam gefühlt. Vielleicht rührt meine melancholische Ader auch daher. Wenn du mit dir selbst die Dinge ausmachst, kommen schnell Zweifel auf.