Welches Bild kommt dir als erstes in den Sinn, wenn du an Deutschland denkst?

Ich denke zuerst an Beethoven. Die Musik von Beethoven, das ist Deutschland für mich. Naja, gleich danach fällt mir Bier ein. Vielleicht aber auch nur, weil ich deutsches Bier so lecker finde. { lacht }. Für die Deutschen ist die Braukunst vielleicht ähnlich wichtig wie für uns Franzosen der Wein. Das merkt man daran, wie stolz jede Region ihr eigenes Bier präsentiert. Wenn es um Eigenschaften geht, dann finde ich, dass die Deutschen oft sehr praktisch denken. Manchmal auch in Richtung „Funktion kommt vor Form“. Dazu gibt es hier eine größere Ausprägung von Individualismus. Es hat vielleicht keine echte Bedeutung, aber ich finde, dass sich der stärkere Individualismus zum Beispiel daran zeigt, dass es in Deutschland meistens zwei Decken in einem Doppelbett gibt. In Frankreich gibt es immer nur eine große Decke für zwei. { lacht }.

Grenzen zu überschreiten bedeutet auch, ein Risiko einzugehen. Es kann leicht passieren, dass man sich ausgegrenzt fühlt. Welche Erfahrungen hast du damit gemacht?

Meine Großeltern sind Algerier. Sie sind Ende 1962, kurz nach der Unabhängigkeit Algeriens, nach Frankreich gegangen. Damals war mein Vater 10 Jahre alt. Für meine Großeltern und auch für meinen Vater und seine Geschwister war es mit Sicherheit viel schwieriger sich zu integrieren, als es für mich hier in Berlin je gewesen ist. Damals hatte Algerien nach einem langen blutigen Krieg die Unabhängigkeit von Frankreich erlangt. Meine Großeltern waren für einige ihrer Verwandten Verräter, weil sie nach Frankreich gegangen sind, obwohl Algerien dann doch unabhängig war. So gab einen Bruch zwischen meinem Großvater und seinen Brüdern und sie haben bis zum Tod meines Großvaters nie wieder Kontakt. In Frankreich wiederum waren meine Großeltern, mein Vater und seine Geschwister für die Franzosen in erster Linie Algerier. Das war auch der Grund, warum mein Vater unbedingt besser Französisch sprechen wollte als alle seine Schulkameraden. Ich selbst musste mich diesem Konflikt der Kulturen nie aussetzen. Ich bin ja in Frankreich geboren, meine Eltern sind Franzosen und mein Vater hat uns die algerische Kultur nie wirklich vermitteln wollen. Auch als ich 2007 nach Berlin gekommen bin, habe ich mich nie ausgegrenzt gefühlt. Ich konnte mich hier gut auf Französisch oder Englisch verständigen, ohne dass ich dafür diskriminiert worden wäre. Ich habe dann ja auch ziemlich schnell Deutsch gelernt, einfach deshalb, weil es mir wichtig ist, die Sprache des Landes zu sprechen, in dem ich lebe. Diesen Ehrgeiz habe ich bestimmt von meinem Vater geerbt. { lacht }.

Woran hat es aus deiner Sicht gelegen, dass es für dich leichter gewesen ist, dich in einem fremden Land gleich wohl zu fühlen?

Die Ausgangssituation lässt sich meiner Meinung nach gar nicht vergleichen. Das wäre so, als ob man – wie die Deutschen so schön sagen – „Äpfel mit Birnen vergleicht.“ Auf Französisch heißt das übrigens „On ne mélange pas les torchons et les serviettes.“ Ich finde den deutschen Spruch aber schöner. { unterbricht sich }. Zurück zum eigentlichen Thema. Für mich war es wesentlich einfacher nach Deutschland zu gehen, weil ich aus freien Stücken nach Berlin gekommen bin. Meine Großeltern waren zwar per Definition keine echten Flüchtlinge, aber ihre Entscheidung damals, nach Frankreich zu gehen, war wohl nicht ganz freiwillig. Es gab sowohl politische als aus wirtschaftliche Gründe für ihre Entscheidung. Meine Entscheidung hingegen war rein persönlich motiviert. Ich wollte einfach ein anderes Land kennen lernen und Berlin erschien mir super interessant. Und da ich ein Job-Angebot in Berlin hatte, habe ich nicht lange gezögert. Gerade in Berlin ist es für junge Menschen recht einfach, Fuß zu fassen. Natürlich sind auch die rein politischen Gegebenheiten ganz andere heutzutage: Deutschland und Frankreich gehören beide zur EU, die Lebensstandards ähneln sich und unsere Länder haben schon längere Zeit keine militärischen Auseinandersetzungen mehr.

Was hätte ich wohl geantwortet?

Ich war heute mit Vince bei Emma und wir haben uns noch einmal das Interview angehört. Es war irgendwie komisch die Stimme von Vince zu hören und wie er von Dingen erzählt, von denen ich teilweise noch gar nichts wußte. Aber ich finde es toll, dass Vince so offen mit Emma spricht. Die beiden haben auch viel gelacht und hatten offen hörbar viel Spaß. Das ist echt cool.

Ich habe bei einigen Fragen überlegt, was ich wohl geantwortet hätte. Als Mädchen, mit 8 oder 9 Jahren, habe ich mir selbst gerne Fragen gestellt und diese beantwortet. Die Antworten auf die Fragen waren immer anders, je nachdem welche Rolle ich mir selbst zugeschrieben habe. Ich war das bekannteste Mädchen der Welt oder die Anführerin einer Räuberbande oder eine Prinzessin aus 1.001 Nacht. Ich habe meine Interviews in ein Heft geschrieben, dass rosafarbene Blümchen auf dem Einband hatte. Das Heft habe ich immer noch. Es liegt in meiner alten Kommode in der zweiten Schublade von unten. Ich hole es heraus und lese darin, wenn ich Kummer habe. Dann erscheint mir die Welt wieder leichter und heiterer. Ich habe zwei Fragen, die Emma Vince gestellt hat, notiert. Sie sind sehr unterschiedlich und haben keinen Bezug zueinander. Aber es sind Fragen, die mich persönlich etwas angehen. Deshalb wollte ich sie für mich beantworten. Als Lisa.

Grenzen zu überschreiten bedeutet auch, ein Risiko einzugehen. Es kann leicht passieren, dass man sich ausgegrenzt fühlt. Welche Erfahrungen hast du damit gemacht?

Sich ausgegrenzt zu fühlen, hat nicht immer damit zu tun, dass man anders aussieht, aus einem anderen Land kommt, eine andere Sprache spricht oder eine andere Religion hat. Ich habe mich jahrelang ausgegrenzt gefühlt, weil meine Mutter Alkoholikerin gewesen ist. Ich habe natürlich nicht aktiv oder bewusst eine Grenze überschritten. Aber meine Mutter hat das mit ihrer Trinkerei getan. Und mich gewissermaßen einfach mitgenommen und zwar ohne mich zu fragen. Ich habe mich ausgegrenzt gefühlt, weil ich meine Klassenkameraden nicht spontan zu uns nach Hause einladen konnte. Es wäre für mich unerträglich gewesen, wenn meine Schulfreunde meine Mutter betrunken angetroffen hätten. Natürlich haben das viele meiner Freunde seltsam gefunden und haben hinter meinem Rücken darüber gelästert. Manchmal hat mich jemand gefragt, was denn bei uns los sei, weil ich nur selten jemanden mitbringen könne, dass sei ja nicht normal. Aber nie hat mich jemand gefragt, wie es mir geht damit. Auch das ist Ausgrenzung. In diesem Fall hat es für mich keine Sprache gegeben, die ich hätte lernen können, um mich besser verständlich zu machen.

Welches Bild kommt die als erstes in den Sinn, wenn du an Frankreich denkst?

Essen. In Frankreich hat das Essen einen sehr hohen Stellenwert. Jede Region in Frankreich hat ihre eigene kulinarische Spezialität, auf die sie stolz ist. Das kann das Huhn aus der Bresse oder der Camembert aus der Normandie, der Pineau aus der Charente, der Wein aus Bordeaux oder die Linsen aus Puy sein. Aus Deutschland kenne ich das nicht, dass Regionen sich über Essen und Trinken definieren. Gerade in Berlin oder Brandenburg ist das tatsächlich schwierig, denn hier gibt es einfach nichts kulinarisch Erwähnenswertes. Da fällt mir ein, dass es vielleicht nicht ganz so stimmt, was ich gerade gesagt habe. Es gibt auch in Deutschland Regionen, die sich eine kulinarische Identität erschaffen. In Hessen sind das Apfelwein, Handkäse mit Musik oder Grüne Soße. Ich hatte das fast vergessen, weil ich nur zweimal in meinem Leben in Frankfurt gewesen bin, um meine damalige Brieffreundin zu besuchen. Trotzdem glaube ich, dass der kulinarische Stolz in Frankreich stärker ausgeprägt ist als in Deutschland.

Bei der Wahl der Vornamen ging also Klang vor Schönheit?

Könnte man so sagen. Mein Vater wollte für uns unbedingt französische Vornamen. Meine Schwestern heißen Françoise, Geneviève und Hélène und mein älterer Bruder Thierry. Sicher, die Namen klingen schon französisch. Dabei haben sie sich allesamt aus Namen in anderen Sprachen entwickelt . { lacht }. Mein Name kommt zum Beispiel von dem lateinischen Vincentius und bedeutet Der Siegreiche. Thierry stammt von dem altfränkischen thiuda, was kurz und knapp für Der Reiche und Mächtige im Volke steht. Hélène wiederum leitet sich von der griechischen Fruchtbarkeitsgöttin Ἑλένη (Helénē) ab und bedeutet die Sonnenhafte, die Strahlende, die Schöne. Meine Schwester ist in der Tat sehr hübsch und hat auch schon drei Kinder. { lacht }. Ob ich aber so siegreich bin, kann ich gar nicht sagen. Ich bin nicht unzufrieden mit dem, was ich bislang erreicht habe, aber siegreich ist doch noch etwas anderes. Und mein Bruder ist weder reich noch mächtig, haha. Euh, jetzt bin ich vom Thema abgekommen. Wo war ich noch mal? { unterbricht sich }. Ach ja, die Namensherkunft. Was ich sagen will: Wir suchen unsere kulturelle Identität in unseren Namen, was ja auch naheliegend ist. Und dennoch zeigen uns gerade unsere Namen, dass unsere Kulturen sich in einer ständigen Weiterentwicklung befinden und nicht so losgelöst voneinander existieren, wie einige Menschen das gerne glauben möchten. Heute sind wir Franzosen und Deutsche, morgen sind wir Europäer, gestern waren wir Gallier und Germanen und davor viele andere Völker.

Hat dein Vater auch einen französischen Vornamen?

Naja, ich habe ja schon erzählt, dass die Eltern meines Vaters aus Algerien nach Frankreich gegangen sind, als mein Vater 10 Jahre alt gewesen ist. Kaum angekommen, hat er ziemlich schnell einen großen Ehrgeiz entwickelt, besser französisch zu sprechen als seine Klassenkameraden. Er hat das Gefühl gehabt, dass er nur dann mit Respekt behandelt wird, wenn er besser als die anderen und vor allem akzentfrei spricht. Dann hat er die französische Staatsbürgerschaft angenommen, eine Französin geheiratet und ihren Namen angenommen, was eher ungewöhnlich ist in Frankreich. Schließlich er hat fünf französische Kinder gezeugt. { lacht }. Leider hat er nie Arabisch mit uns gesprochen, was ich wirklich bedauerlich finde. Aber seinen arabischen Vornamen – er heißt Rabah –den konnte mein Vater nie ablegen. Ich glaube aber, dass er es getan hätte, wenn er die Möglichkeit dazu gehabt hätte.

Du klingst so, als ob du froh darüber bist, dass er das nicht tun konnte?

Ja, ehrlich gesagt, bin ich sehr froh darüber. Mein Vater ist ein großartiger Mensch, aber ich habe nie verstanden, warum er seine algerischen Wurzeln so komplett ausreissen wollte. Zum Glück musste er seinen schönen Vornamen behalten. Rabah heißt Gewinner. Allerdings mag ich die Bedeutung im Afghanischen lieber: Geschichtenerzähler. Mein Vater ist in der Tat ein großer Geschichtenerzähler, ich kenne niemanden, der so mitreißend erzählen kann wie er. Vielleicht ist das ja sogar eine Eigenschaft, die man dem arabischen Kulturkreis zuschreiben kann – Geschichten erzählen. Wie in Tausend und eine Nacht. { denkt nach }. Da passt der Name wieder zu dem Menschen. Ob er will oder nicht { lacht }.

Kann ein Jahr besser anfangen als dieses?

Weihnachten war ganz wunderbar. Ich war mit Josh bei seinen Eltern in den USA und habe ein paar Tage richtig ausspannen können. Josh war so unglaublich lieb zu mir, man könnte fast glauben, er habe ein schlechtes Gewissen. Wahrscheinlich hat er das sogar, weil er so oft unterwegs ist und vielleicht denkt, dass ich zu kurz komme. Dabei ist es für mich vollkommen in Ordnung, dass wir uns nicht ständig sehen. Sonst würden wir es vielleicht nicht so gut miteinander aushalten.

Jedenfalls war es wirklich schön mit Josh in den Catskill Mountains. Ich wollte eigentlich noch ein bisschen an der Reportage weiterarbeiten und endlich das Interview mit Vince nachbereiten, aber irgendwie hat sich die Zeit nicht der Arbeitswut beugen wollen. Selbst Josh, der normalerweise nicht einen einzigen Tag ohne sein Smartphone sein kann, war zwischen Weihnachten und Neujahr ganz und gar offline. Er hat das Telefon sogar bei seinen Eltern liegen gelassen, wenn wir Ausflüge gemacht haben, Skifahren oder Wandern gegangen sind.

Die Liebe, die frische Luft und die Ruhe haben mir wirklich gut getan. Ein paar Tage aus dem Alltag raus zu sein hilft mir immer enorm, zu neuer Form zu finden. Es ging zwar etwas müde los heute morgen – kein Wunder, der graue Berliner Himmel hat meinen morgendlichen Elan zunächst eher ausgebremst. Aber schon beim Lesen der ersten Sätze aus dem Interview mit Vince bin ich richtig wach geworden. Ich wußte ja schon, dass der Freund meiner kleinen Schwester sehr kommunikativ und charmant ist, aber dass er so lebendig erzählen kann, dass hat mich dann doch überrascht. Es ist fast schon schade, dass ich das Interview nicht als Audio aufbereitet habe. Obwohl, warum eigentlich nicht? Ich könnte wenigstens Teile des Original-Gesprächs als Podcast auf meiner Website veröffentlichen, als Querverweis oder Vorankündigung. Vince hat bestimmt nichts dagegen. Er hat einfach eine sehr angenehm klingende Sprechstimme.

Ach, ich freue mich. Die Reportage wächst und gedeiht. Ich habe jetzt schon drei ausführliche Interviews und noch zwei weitere Termine bis Ende Februar. An Material mangelt es nicht und neue Ideen tun sich auf. Und eine Anfrage für ein Folgeprojekt ist gerade per E-Mail reingekommen. 2013 verspricht in Sachen Arbeit und Liebe ein hervorragendes Jahr zu werden.

Du hast also Glück gehabt, dass bei dir alles einfacher war?

Ja und Nein. Einfacher war es insofern, weil meine Eltern schon fast zwanzig Jahre in Deutschland waren, als ich geboren wurde. Sie hatten sich da schon etwas aufgebaut, sie konnten sich eine 5-Zimmer-Wohnung kaufen. Mein Vater hat sein eigenes Geschäft, einen Feinkostladen mit türkischen und arabischen Spezialitäten, Ende der 70er eröffnet. Der Laden lief von Anfang an gut und geniesst heute so etwas wie Kultstatus. Jedenfalls haben sie mir alles möglich machen können, was bei meinen Brüdern noch viel schwieriger gewesen ist. Heute sind sie jedoch zurecht stolz darauf, dass Cem als Arzt seine eigene Praxis hat, dass Ömer den Laden mit ihnen schmeisst und ich Psychologie studiere.

Und was war für dich schwieriger als für andere?

Naja . { lacht }. Ich bin ein Mädchen. Eine Frau. Meine Eltern sind schon liberal, sie haben auch nie viel Wert darauf gelegt, besonders muslimisch zu leben. Allerdings ist die Familie meiner Tante ziemlich konservativ. Die Schwester meiner Mutter hat meine Eltern damals in Berlin besucht und einen damaligen Kollegen von meinem Vater kennengelernt. Sie haben dann ziemlich schnell geheiratet. Meine Tante ist Hausfrau und Mutter und kann nicht verstehen, warum ich studiere. Es gab immer viele Streitgespräche zwischen meinen Eltern und meiner Tante und ihrem Mann, was die richtige Erziehung für mich sei. Als ich 2005 für vier Jahre nach Istanbul gegangen bin und dort in einem Frauenhaus gearbeitet habe, kam es fast zu einem Bruch zwischen unseren Familien. Mein Cousin hat mich sogar als Hure beschimpft, die nicht nur wie eine Schlampe herumlaufe, sondern auch noch Frauen gegen ihre Männer aufhetze. Seitdem spreche ich nicht mehr mit ihm. Aber ich will auf gar keinen Fall der Grund sein, warum meine Mutter und ihre Schwester nicht mehr miteinander reden. Sie lieben sich trotz ihrer unterschiedlichen Ansichten. Zum Glück hat sich die Diskussion um meine Person in den letzten Jahren ein wenig beruhigt. { seufzt }.

Hast du auch Ablehnung durch Deutsche erfahren?

Klar. Ich werde zum Beispiel immer wieder gefragt, wo ich herkomme oder welche Nationalität ich habe. Dass ich dunkle Haare und braune Augen habe, zählt bei der Beurteilung meiner Person wohl mehr als mein akzentfreies Deutsch. Obwohl – ick kann och Berliniern, wa. { lacht }. Naja, ich habe mich schon damit abgefunden, dass ich die Exotin bin. Das ist vielleicht nicht direkt eine Ablehnung meiner Person, aber mich nervt es schon. Manchmal mache ich mir einen Spaß und wechsele nach so einer Frage unvermittelt in Lan. { imitiert sich selbst }. Ey, weissu isch bin voll Deutsch, Mann, ey, isch spresche voll hoch Deutsch, Alda. { lacht }. Aber ich habe auch schon gehört, dass ich in mein Land zurück gehen soll. Einmal, da war ich noch jünger, da hab ich einer Tussi eine Ohrfeige dafür verpasst. Die hat mich dann wegen Körperverletzung angezeigt. Das habe ich nicht auf mir sitzen lassen und ich habe eine Gegenanzeige wegen rassistischer Beleidigung aufgegeben. Die hat ihre Anzeige daraufhin zurückgezogen.

Welche Sprache ist dir näher: Türkisch oder Deutsch?

Das ist eine gute Frage. Darüber habe ich noch nie nachgedacht. { blickt nachdenklich auf ihre Hände }. Ich kann nicht wirklich sagen, welche Sprache mir näher ist, oder ob ich eine der beiden Sprachen sogar präferiere. Ich glaube, dass es eher von der jeweiligen Situation abhängt. Manchmal passt es besser, dass ich mich in Türkisch ausdrücke, manchmal spreche ich lieber Deutsch. Damit meine ich jetzt nicht, dass ich mit Türken Türkisch oder mit Deutschen Deutsch spreche. Das liegt ja auf der Hand, dass man sich mit anderen in einer Sprache austauscht, die sie besser verstehen. Allerdings kommuniziere ich meinen Brüdern und auch mit meinen Eltern in beiden Sprachen. Und gerade da kommt es auf die Situation an, ob Deutsch oder Türkisch besser passt.

Kannst du mir ein Beispiel für die situative Verwendung von Türkisch oder Deutsch geben?

Nun ja, wenn ich eine Sache auf den Punkt bringen will, dann spreche ich meistens Deutsch. Deutsch ist eine klare Sprache. Ich finde, dass die Worte sich hervorragend dazu eignen, Sachverhalte deutlich zu machen. Ich kann auch in Deutsch super diskutieren – das hält mich nämlich ein bisschen davon ab, zu emotional zu werden und lautstark auf meinen Diskussionspartner einzureden. { lacht }. Türkisch spreche ich oftmals dann, wenn ich meine Gefühle zum Ausdruck bringe oder wenn ich eine lustige Geschichte erzähle. Mir war das bis zu deiner Frage gar nicht so bewusst, aber es ist wohl tatsächlich so, dass mein Deutsch für den Verstand und mein Türkisch für das Herz steht. Natürlich drücke ich auch im Deutschen meine Gefühle aus oder erläutere Rationales in Türkisch. Es wäre ja schon komisch, wenn ich mit Lisa plötzlich Türkisch spreche, wenn ich ihr erzähle, was mir heute morgen in der U-Bahn passiert ist.

Definierst du deine kulturelle Identität über beide Sprachen?

Das auf jeden Fall, ja. { trinkt einen Schluck Wasser }. Ich fühle mich manchmal als Türkin, manchmal als Deutsche. Und manchmal auch als … Hm, wie soll ich das nennen. Europäerin? Vielleicht kann man es so nennen. Auf jeden Fall fühle ich mich nicht nur einer Nationalität zugehörig. Ich bin meinen Eltern auch sehr dankbar, dass sie sehr viel Wert darauf gelegt haben, dass ich und meine beiden Brüder zweisprachig aufgewachsen sind. Es war für meine Eltern nicht leicht, Deutsch zu lernen. Aber meine Mutter sagt immer: „Wenn du in ein fremdes Land kommst, um dort zu leben, dann lerne die Sprache. Du wirst eine zweite Heimat gefunden haben.“ Meine Eltern sind Ende der 60er Jahre nach Deutschland gekommen, als Gastarbeiter. Dieser Begriff ist übrigens total unsinnig: Ein Gast, der arbeitet? Da könnte man auf den Gedanken kommen, dass die Deutschen ihre Gäste arbeiten lassen, anstatt sie zu bewirten. Seltsame Vorstellung. Aber gut. Was ich eigentlich sagen wollte: Meine Eltern haben als Gastarbeiter angefangen, haben sich hier eine Existenz aufgebaut und meine Brüder und mich so zu erziehen versucht, dass wir an beiden Kulturen teilhaben können. Es war vor allem damals, als sie gerade hierher gekommen sind, ein riesiger Balanceakt meinen Brüdern alles zu ermöglichen, was sie sich für ihre Söhne gewünscht haben. Mit mir war es schon einfacher, ich bin ja auch ein Nachzüglerkind, oder wie man so schön sagt: das Nesthäkchen.

… und dann sind Sie nach Berlin zurückgekehrt?

Also. { räuspert sich }. Ich habe Deutschland und vor allem Berlin ja mit 21 Jahren im wahrsten Sinne des Wortes verlassen. Das war damals allerdings keine Entscheidung, die ich einfach aus dem Bauch heraus getroffen habe, ich war noch nie ein Mensch, der überstürzt gehandelt hat. Ich musste einfach ganz und gar gehen, um mich zu finden. { blickt nachdenklich aus dem Fenster }. Meine Vergangenheit lag und liegt in Israel, meine Zukunft war und ist Amerika. Aber meine Gegenwart war und ist immer in Berlin gewesen. Es war für mich also nur eine logische Konsequenz in meine Gegenwart zurückzukehren, nachdem ich meine Vergangenheit erkundet hatte und in meine Zukunft gereist bin.

Warum steht die Gegenwart am Ende Ihrer Reise? Wäre eine Leben in der Zukunft nicht erstrebenswerter?

Man stirbt immer im hier und jetzt. Ich bin natürlich mit 52 Jahren nicht wieder zurückgekommen, um gleich zu sterben. { lacht }. Allerdings ist es schon eine schmerzliche Wahrheit, dass meine Gegenwart, also Berlin und Deutschland tatsächlich sehr viel mit dem Thema Tod zu tun haben. Meine Eltern und ein Großteil meiner leiblichen Verwandten sind in Konzentrationslagern umgebracht worden, meine jüngere Adoptivschwester ist bei einem Autounfall gestorben, da war sie noch nicht einmal 20 Jahre alt, und meinen Adoptivvater habe ich das letzte Mal gesehen, bevor ich nach Israel gegangen bin.

Aber wie verkraftet man es, an einen Ort zurückzukehren, der so stark mit dem Tod in Verbindung steht?

Nun ja, ein Grund, das ich damit zurechtgekommen bin – zurechtkommen wollte – ist sicherlich, dass bin hier geboren und aufgewachsen bin. Das verbindet mich mit diesem Ort, auch wenn der Tod von Beginn meines Lebens an hier stets präsent gewesen ist. Aber ich habe auch viele gute und schöne Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend hier, hatte ich doch das große Glück, von einer ganz wunderbaren Zweitfamilie aufgenommen worden zu sein. An meine leiblichen Eltern kann ich mich kaum erinnern. { hält kurz inne, überlegt }. Ehrlich gesagt, vielleicht kann ich mich auch gar nicht an sie erinnern und bilde es mir ein, vermische die beiden Fotos, die noch habe, mit meinen Erinnerungen. Ich war ja so klein.

Ich habe mich viel mit dem Tod, aber auch mit dem Leben auseinandergesetzt. Und bin über die Jahre zu dem Schluss gekommen, dass man nicht den Fehler machen darf, dem Tod die Schuld an all dem Schrecklichen, dass die Menschen im Leben von anderen Menschen anrichten, zu geben. Ja, es schmerzt sehr, wenn wir einen geliebten Menschen verlieren, vor allem wenn es plötzlich oder durch die Einwirkung von Gewalt geschieht und wir haben Angst vor dem … { stockt kurz } vor dem Sterben. Denn der Tod an sich ist – so banal es klingt – Teil unseres Lebens. Es ist ja keine Neuigkeit, wenn ich sage, dass ohne Tod kein Leben möglich ist.

Ich weiß nicht genau, wie ich das finden soll

Heute habe ich mit Gertrude telefoniert. Die Großtante von Peter ist zum Glück ganz anders als ihr Großneffe. Sie ist besonnen und hat einen klaren Blick auf das Weltgeschehen. Bei Peter bin ich mir da nicht ganz so sicher. Der ist eher ein In-den-Tag-Träumer. Aber besonders interessiert an Dingen, die außerhalb seines Einzugsbereichs liegen, scheint er nicht zu sein. Nun ja, immerhin hat er mich mit Gertrude bekannt gemacht. Vielleicht ist er doch gar nicht trottelig, wie ich immer denke.

Jedenfalls hat mich das Gespräch mit Gertrude enorm weitergebracht. Wenn das mit dem Interview klappt, dann habe ich genug Stoff für eine abendfüllende Reportage. Gertrude hat so viel erlebt, sie hat mehrmals Grenzen überschreiten müssen, um heute hier leben zu können. Das ist toll. Eine echt mutige Frau. Ich finde, dass ihre Geschichte unbedingt erzählt werden muss. Das ändert zwar die Richtung der Grundidee meiner Reportage – aber ich denke, Laurenz wird mir das Konzept aus den Händen reissen.

Ich sollte vielleicht Jenna fragen, ob sie an TV-Material aus Israel und den USA kommt. Sie hat einen Bekannten, der in einem sehr gut sortierten Archiv über zeitgenössische Dokumentationen arbeitet. Das wäre auf jeden Fall eine große Bereicherung für meine Stoffentwicklung.

Auf der Straße begegnen einem Überraschungen.

Allerdings sollte ich Jenna erst mal wegen der anderen Sache ansprechen. Ich war schon irritiert, als ich Jenna und Patrice zufällig auf der Straße getroffen habe und sie sich innig geküsst haben. Kein Wunder, dass mein Bruder, der sonst der Charme in Person ist, in der letzten Zeit so zurückhaltend mit dem weiblichen Geschlecht umgegangen ist. Ich weiß nicht genau, wie ich das finden soll. Jenna ist eine meiner besten Freundinnen. Und jetzt in meinen Bruder verliebt. Irgendwie fühle ich mich ein bisschen zurückgesetzt von den beiden. Sie haben mir nicht gesagt, dass sie zusammen sind. Ich musste sie erst erwischen, um zu wissen, was los ist. Das verletzt mich schon. Sonst erzählen mir beide alles – also zumindest was die Dinge der Liebe angeht. Aber dieses Mal nicht.

Josh findet das nicht weiter tragisch. Ist natürlich klar. Er hält sich sowieso lieber aus allem heraus, selbst wenn es seine Schwester betrifft. Er hat mir gesagt, dass ich mich doch einfach für die beiden freuen soll, anstatt verstimmt zu sein. Dann meinte er noch, dass ihn das gar nicht so erstaunt mit den beiden. Typisch für Josh, er wusste es mal wieder besser. Alles in allem komme ich mir ziemlich doof vor. Und sagen kann ich natürlich nichts, sonst bin ich die Zicke. Das nervt mich fast am meisten.