Vor allem wenn dein Gegenüber die Ironie mit Humor verwechselt

Sagt ein Ohrwurm eigentlich etwas über die psychische Verfassung des Ohrwurmgeplagten aus? So frei nach Freud? Immer wenn ich mir die Rubber Soul angehört habe, klingt Nowhere Man noch stundenlang in meinem Kopf nach. Tatsache ist: Manchmal fühle ich mich wie ein Nowhere Man. Ich bin ständig unterwegs, reise in der Welt herum, ohne die Welt zu sehen. Und das alles, um Strategien zu entwickeln und Dinge zu verkaufen, die – wenn man ehrlich ist – niemand braucht. Davon lebt unser kapitalistisches System. Davon lebe ich.

Ehrlich gesagt freue ich mich über jeden Tag, der so ist, wie heute. Wenn die Sonne scheint und so ein Hammerwetter wie an diesem Sonntag im Oktober ist, kann ich richtig abschalten. Wenn ich endlich mal Zeit habe, nichts zu tun, und mein Gesicht in die wärmenden Sonnenstrahlen halte, kann ich ganz gut vergessen, dass ich Teil des Systems bin, das ich selbst so lächerlich finde. Wahrscheinlich bin ich gerade deswegen so erfolgreich in meinem Job. Weil ich mich im Grunde genommen selbst nicht ernst nehmen kann. Ironie verkauft am besten – vor allem wenn dein Gegenüber die Ironie mit Humor verwechselt.

Da fällt mir gerade ein: Ich muss Jenna wegen der Wahl noch Bescheid geben. Wir wollten ja zusammen zur Botschaft gehen und ich kann nur am 6. November ganz früh. Barack Obama steht ja gerade im Kreuzfeuer der Kritik. Selbst eingefleischte Demokraten wenden sich gegen ihn. Was nicht überraschend ist. Die Erwartungen an Obama waren einfach unrealistisch hoch. Man hat ihm fast schon übermenschliche Kräfte nachgesagt damals. Ein Zauberer als Mister President? What a joke! Klar, einen, der Wunder vollbringt, den hätte es wahrscheinlich gebraucht nach acht Jahren Bush-Regierung*. Die hat in 8 Jahren mehr zerstört als man in acht Jahren aufbauen kann. Das jedoch sehen die meisten Leute leider nicht. Weil sie vergesslich sind. Und sich am Nachmittag lieber eine neue Lüge in ihr Ohr säuseln lassen, um nicht mehr daran zu denken, dass die Lüge von gestern ihnen heute morgen noch sauer aufgestossen ist.

Stürmische Zeiten*: vom American Dream zum Nowhere Land.

Ich bin wirklich gespannt auf den Ausgang der Wahl. Ich muss unbedingt meine Stimme abgeben. Denn ich will auf gar keinen Fall, dass Mitt Romney das Rennen macht. Ich weiß nicht, ob Obama der bessere Präsident ist. Aber auf jeden Fall ist er der sozialere Präsident. Und er hat, obwohl seine ersten vier Jahre im Amt nicht gerade leicht waren, seine Menschlichkeit behalten. Einer wie Romney kann sich gut verkaufen, ist aber nur eine republikanische Marionette. So wie Bush Junior.

* 12 Jahre danach gibt es wieder eine Wahl in den USA. Obama hatte damals noch mal gewinnen können und dann kam Trump. Der ist so übel, dass selbst Bush Junior sich gegen ihn positioniert hat. Leider ohne Erfolg. Vier Jahre Trump, vier Jahre Biden und dieses Jahr wieder … Trump? God save America from this disaster.

Liebe hat ja nichts mit Herkunft oder Kultur zu tun

Nett ist nicht gerade ein freundliches Wort im Deutschen. Man sagt auch: „Nett ist der kleine Bruder von Sch***.“ Nach dem Spruch wird hier herzhaft gelacht. Ist das lustig? Ach, die Deutschen und ihr Humor sind manchmal schwer zu verstehen. Hier werden gerne lustige Sprüche geklopft. Wenn also nett nicht nett ist, ist dann der Kommentar auf Facebook* zu einem Profilbild „Na, heute mal wieder fotogeshopt**? Steht dir gut – du siehst wirklich viel besser aus!“ nett? Oder nicht nett? Verwirrend das alles.

Ich bin jetzt schon fünf Jahre in Deutschland, aber ich glaube, dass die Eigenheiten einer anderen Kultur am schwierigsten zu verstehen ist. Selbst wenn man lange in einem anderen Land lebt, fühlt man die kulturellen Unterschiede noch. Die Sprache zu lernen ist eines. Und dass Sprache der Schlüssel zur Integration ist, ist auch kein Geheimnis. Aber trotzdem gibt es im kulturellen Subtext einiges, was nicht verstehbar ist. So ist es auch mit Lisa. Im Allgemeinen verstehen wir uns großartig. Liebe hat ja nichts mit Herkunft oder Kultur zu tun. Aber es gibt immer wieder Situationen, in denen ich merke, wie deutsch Lisa ist und wie französisch ich bin. Das meine ich gar nicht wertend. Aber es ist einfach so.

Vor ein paar Tagen zum Bespiel: Lisa und ich sind ins Kino gegangen und haben uns Berlin – Die Sinfonie der Grosstadt angesehen. Als wir unsere Fahrräder im Hof an ein Geländer anschließen wollten, kam eine Frau aus dem Laden gegenüber rausgerannt, nur um uns darüber aufzuklären, dass es hier verboten sei, Fahrräder anzuschließen. Warum das so sein sollte, konnte ich nicht verstehen. Das ist nur ein Geländer, die Fahrräder stehen nicht Weg, wenn man sie da anschließt und sie versperren auch den Weg nicht. Ich habe dann angefangen, mit der Frau zu diskutieren und habe ihr schließlich gesagt, dass sie das ja nichts angehe, schließlich sei es nicht ihr Hof und nicht ihr Geländer. Die Frau war ziemlich sauer, dass habe ich schon gemerkt. Und Lisa auch – ihr war es sichtlich unangenehm, dass ich mit der Frau gestritten habe. Schließlich ist die Frau wütend in den Laden zurück und zischte noch, dass wir uns nicht wundern sollten, wenn die Räder nachher nicht mehr da seien. Daraufhin wollte Lisa die Fahrräder partout woanders anschließen. Wir haben uns dann ein bisschen angenervt, am Ende habe ich mein Fahrrad dort am Geländer stehen gelassen und Lisa hat sich einen anderen Platz gesucht.

In Deutschland sind die Leute daran gewöhnt, dass es für alles Vorschriften gibt und dass man sich an diese Vorschriften vorschriftsmäßig hält. Kein Wunder also, dass Deutschland das Land mit den meisten Gesetzen auf dieser Welt ist. Dazu werden die Vorschriften hier auch gerne selbst gemacht und dann ist es plötzlich verboten, dieses oder jenes zu tun. Manchmal habe ich tatsächlich das Gefühl, dass das Wort „verboten“ ein Lieblingsbegriff der Deutschen ist. Ich finde diese Regeltreue schon komisch. In Frankreich würde kein Mensch auf Idee kommen, dir zu sagen, dass du dein Fahrrad nicht an ein Geländer schließen sollst. Hier schon. Und die Leute befolgen es, als sei es gesetzlich festgeschrieben und man könnte bestraft werden, wenn man sich nicht daran hält. Das ist wirklich seltsam.

Sebastian Block und Band, live und mit neuen Songs.

Jetzt muss mich aber beeilen, bin schon wieder zu spät dran. Lisa sagt ja, dass es typisch für mich ist, dass ich immer zu spät komme. Auch so ein Kulturding … Aber los jetzt. In 20 Minuten treffe ich mit Lisa und Peter an der Noisy Stage. Jetzt ist gerade Berlin Music Week und heute spielt Sebastian Block und Band. Ist schon eine Weile her, dass ich die live gesehen habe und somit wieder an der Zeit. Macht immer wieder Spaß auf einem Konzert von Sebastian Block zu sein. Ich mag deutsche Musik, besonders wenn sie poppig-melancholisch daherkommt. Außerdem ist der Bassist Franzose und mag deutschen Pop genau gerne wie ich.

Die Playlist der Band für das heutige Konzert.

Mein Fahrrad stand übrigens noch immer da, als wir aus dem Kino gekommen sind.

Anmerkung der Autorin:

* Ja, 2012 gab es zwar schon Instagram, aber Facebook war der Social Media Place to be.

** Die Bilder wurden übrigens nicht gefiltert, sondern gefotoshopt. Das war ein Programm, richtig teuer und kompliziert zu bedienen, und es hat aber seinen Zweck erfüllt, wenn es darum ging, ein Foto aufzuhübschen.