Betreff: Ihre Anfrage zu einem Interview

An: Emma <emma@life-minutes.de>
Von: Gertrude <gertrude@life-minutes.de>
Datum: 03. November 2012 14:42:23 MESZ

Liebe Emma,

ich habe mich über Ihren freundlichen Anruf letzte Woche gefreut und schicke Ihnen gerne meine biographischen Eckdaten zur Vorbereitung auf das anstehende Interview.

Ich bin am 23. Februar 1941 als Tochter jüdischer Deutscher in Berlin geboren und wurde von meinen Eltern fast unmittelbar nach meiner Geburt bei einer deutschen Familie versteckt. Kurz nachdem sie mich verstecken konnten, wurden meine Eltern in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert und später im KZ Auschwitz-Birkenau umgebracht. Nach dem Ende der Nationalsozialistischen Herrschaft wurde ich von der Familie offiziell adoptiert, da meine Verwandten entweder in Konzentrationslagern von den Nazis umgebracht worden oder nach Israel und den USA ausgewandert waren.

Ich bin in Berlin mit zwei Schwestern, die die leiblichen Kinder der Familie sind, aufgewachsen und habe zunächst eine Ausbildung zur Goldschmiedin gemacht. Nach der Ausbildung wollte ich unbedingt meine noch lebende Verwandtschaft kennenlernen. Also bin ich 1962 nach Israel gegangen, um den Wurzeln meiner Vergangenheit nachzuspüren und meine Verwandten aufzusuchen. Ich bin dann für ganze 15 Jahre in Israel geblieben und habe in Tel Aviv und Haifa gelebt. Ich habe in dieser Zeit Hebräisch gelernt, dann an der Universität in Tel Aviv Politikwissenschaften und Journalismus studiert und schließlich als Journalistin in Israel gearbeitet.

1977 bin ich in die USA gegangen und habe mehrere Jahre in Boston und Philadelphia gelebt. In den Vereinigten Staaten habe ich als freie Journalistin für verschiedene Zeitungen und Fernsehsender gearbeitet. Ich bin erst 1993 nach Berlin zurückgekehrt und lebe seitdem – wie Sie bereits wissen – im Westteil der Stadt und zwar dort, wo ich auch aufgewachsen bin. Ich war tatsächlich von 1962 bis 1993 nicht einmal in Berlin oder Deutschland. Trotzdem habe ich per Brief und Telefon stets Kontakt zu meiner zweiten Familie in Berlin gehalten.

Mein Adoptivvater ist bereits verstorben, meine Adoptivmutter lebt bei mir um die Ecke und wir sehen uns mindestens einmal wöchentlich. Meine eine Schwester, die Mutter von Peter, lebt in Frankfurt, meine andere Schwester ist leider schon früh bei einem Autounfall gestorben. Ich war nie verheiratet und habe auch keine Kinder.

Ich denke, dass Ihnen diese Eckdaten zur Vorbereitung des Interviews ausreichen dürften. Ich werde am 20. Dezember für 6 Wochen nach Israel reisen. Wir sollten uns also bald möglich zu dem Gespräch treffen, damit ich Ihnen bei der Überarbeitung des Interviews noch für Fragen zur Verfügung stehen kann.

Ich freue mich, Sie bald persönlich kennenzulernen.

Herzliche Grüße,

Ihre Gertrude

Vor allem für mich, die ich wieder hier lebe

Ich fühle mich nicht mehr wohl in Europa. Damit meine ich weniger die Diskussion um Krise und Euro. Mein ungutes Gefühl betrifft mehr die Entwicklung unserer Gesellschaft, die sicherlich nicht ganz von der wirtschaftlichen Entwicklung zu entkoppeln ist. Die Tendenz, dass rechtes Gedankengut wieder Zugang findet bei der Bevölkerung, ist nicht nur in Deutschland zu beobachten, aber gerade hier ist es ein besonders sensibles Thema. Vor allem für mich, die ich wieder hier lebe.

Nun ist es natürlich so, dass Themen rund um Rassismus, Rechtsextremismus, Antisemitismus oder Islam-Feindlichkeit gerade Saison in den Medien haben und deshalb so augenfällig sind. Medien haben einen großen Einfluss darauf, wie wir die Dinge sehen und beurteilen. Als Journalistin ist mir bestens bekannt, welche Macht Wort und Bild haben. Schlagzeilen zu NSU, die Nähe des Verfassungsschutzes zu rechtsextremistischen Gruppen oder der Mohammed-Schmähfilm sind natürlich allgegenwärtig. Hier werden extreme Beispiele hervorgehoben, während die leiseren Töne fast kaum als tendenziell rechte Denkweisen wahrgenommen werden. Aber genau das ist es, was mir wirklich Sorge bereitet.

Menschenverachtende und vorurteilsbeladene Ansichten werden wieder salonfähig. Schön verpackt mit wohl gewählten Worten von Leuten, von denen man solche Gedanken nicht erwarten würde. Von Verfechtern der europäischen Idee zum Beispiel. Wenn der ehemalige französische Staatspräsident davon spricht, dass „kriminelle Energie“ anhand des Erbgutes eines Menschen erkannt werden kann und wenn die deutsche Bundeskanzlerin davon spricht, dass Südeuropäer wie z.B. die Griechen zu wenig arbeiteten (durch die Blume gesagt: faul seien), dann ist das mehr als bedenklich. Auch wenn es den benannten Personen in erster Linie um Stimmenfang gehen mag. Die Annahme, dass große Teile der Bevölkerung dieses Gedankengut teilt, bedeutet auch: Es ist nur ein kleiner Schritt, bis es wieder en vogue ist, dumpfe und unreflektierte Sprüche über alle, die „anders“ sind, reissen zu dürfen. Und es gibt wieder eine Akzeptanz dafür, ganz offen diskriminierende Meinungen kund zu tun und sogar Zustimmung dafür zu bekommen. Und zwar nicht nur von NPD-Mitgliedern*, von denen man so etwas ja erwartet, sondern von einer breiten Öffentlichkeit. Das ist wirklich schlimm.

Wir können uns gar nicht laut und oft genug gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Rechtspopulismus aussprechen. Deswegen habe ich mich gefreut, als Peter mich vor Kurzem gefragt hat, ob ich einer jungen Journalistin ein Interview geben will. Emma, so heißt die Dame, macht einen sehr patenten Eindruck auf mich. Wir haben nur kurz telefoniert, aber sie hat eine klare Vorstellung davon, was sie mit ihrer Reportage vermitteln will. Ich bin mehr als bereit dazu, ihr meine Geschichte zu erzählen. Auch wenn meine Geschichte keine neue Geschichte ist und wir diese schon tausende Male erzählt und gehört haben. Die Geschichte von Verfolgung und Vernichtung, die Geschichte des Holocausts geht uns alle an. Gerade heute ist es wieder sehr wichtig, die Erinnerungen an eine andere Zeit ins kollektive Gedächtnis zu rufen – auch wenn die Zeitzeugen langsam alle wegsterben.

* 2012 gab es die AFD noch nicht. Man kann auch sagen, sie hieß damals NPD. Aber eigentlich ist es auch ganz gleich, wie diese braune Suppe sich nennt, es eint sie ihr Gedankengut und die üblen Taten.