Welches Bild kommt dir als erstes in den Sinn, wenn du an Deutschland denkst?

Ich denke zuerst an Beethoven. Die Musik von Beethoven, das ist Deutschland für mich. Naja, gleich danach fällt mir Bier ein. Vielleicht aber auch nur, weil ich deutsches Bier so lecker finde. { lacht }. Für die Deutschen ist die Braukunst vielleicht ähnlich wichtig wie für uns Franzosen der Wein. Das merkt man daran, wie stolz jede Region ihr eigenes Bier präsentiert. Wenn es um Eigenschaften geht, dann finde ich, dass die Deutschen oft sehr praktisch denken. Manchmal auch in Richtung „Funktion kommt vor Form“. Dazu gibt es hier eine größere Ausprägung von Individualismus. Es hat vielleicht keine echte Bedeutung, aber ich finde, dass sich der stärkere Individualismus zum Beispiel daran zeigt, dass es in Deutschland meistens zwei Decken in einem Doppelbett gibt. In Frankreich gibt es immer nur eine große Decke für zwei. { lacht }.

Grenzen zu überschreiten bedeutet auch, ein Risiko einzugehen. Es kann leicht passieren, dass man sich ausgegrenzt fühlt. Welche Erfahrungen hast du damit gemacht?

Meine Großeltern sind Algerier. Sie sind Ende 1962, kurz nach der Unabhängigkeit Algeriens, nach Frankreich gegangen. Damals war mein Vater 10 Jahre alt. Für meine Großeltern und auch für meinen Vater und seine Geschwister war es mit Sicherheit viel schwieriger sich zu integrieren, als es für mich hier in Berlin je gewesen ist. Damals hatte Algerien nach einem langen blutigen Krieg die Unabhängigkeit von Frankreich erlangt. Meine Großeltern waren für einige ihrer Verwandten Verräter, weil sie nach Frankreich gegangen sind, obwohl Algerien dann doch unabhängig war. So gab einen Bruch zwischen meinem Großvater und seinen Brüdern und sie haben bis zum Tod meines Großvaters nie wieder Kontakt. In Frankreich wiederum waren meine Großeltern, mein Vater und seine Geschwister für die Franzosen in erster Linie Algerier. Das war auch der Grund, warum mein Vater unbedingt besser Französisch sprechen wollte als alle seine Schulkameraden. Ich selbst musste mich diesem Konflikt der Kulturen nie aussetzen. Ich bin ja in Frankreich geboren, meine Eltern sind Franzosen und mein Vater hat uns die algerische Kultur nie wirklich vermitteln wollen. Auch als ich 2007 nach Berlin gekommen bin, habe ich mich nie ausgegrenzt gefühlt. Ich konnte mich hier gut auf Französisch oder Englisch verständigen, ohne dass ich dafür diskriminiert worden wäre. Ich habe dann ja auch ziemlich schnell Deutsch gelernt, einfach deshalb, weil es mir wichtig ist, die Sprache des Landes zu sprechen, in dem ich lebe. Diesen Ehrgeiz habe ich bestimmt von meinem Vater geerbt. { lacht }.

Woran hat es aus deiner Sicht gelegen, dass es für dich leichter gewesen ist, dich in einem fremden Land gleich wohl zu fühlen?

Die Ausgangssituation lässt sich meiner Meinung nach gar nicht vergleichen. Das wäre so, als ob man – wie die Deutschen so schön sagen – „Äpfel mit Birnen vergleicht.“ Auf Französisch heißt das übrigens „On ne mélange pas les torchons et les serviettes.“ Ich finde den deutschen Spruch aber schöner. { unterbricht sich }. Zurück zum eigentlichen Thema. Für mich war es wesentlich einfacher nach Deutschland zu gehen, weil ich aus freien Stücken nach Berlin gekommen bin. Meine Großeltern waren zwar per Definition keine echten Flüchtlinge, aber ihre Entscheidung damals, nach Frankreich zu gehen, war wohl nicht ganz freiwillig. Es gab sowohl politische als aus wirtschaftliche Gründe für ihre Entscheidung. Meine Entscheidung hingegen war rein persönlich motiviert. Ich wollte einfach ein anderes Land kennen lernen und Berlin erschien mir super interessant. Und da ich ein Job-Angebot in Berlin hatte, habe ich nicht lange gezögert. Gerade in Berlin ist es für junge Menschen recht einfach, Fuß zu fassen. Natürlich sind auch die rein politischen Gegebenheiten ganz andere heutzutage: Deutschland und Frankreich gehören beide zur EU, die Lebensstandards ähneln sich und unsere Länder haben schon längere Zeit keine militärischen Auseinandersetzungen mehr.

Bei der Wahl der Vornamen ging also Klang vor Schönheit?

Könnte man so sagen. Mein Vater wollte für uns unbedingt französische Vornamen. Meine Schwestern heißen Françoise, Geneviève und Hélène und mein älterer Bruder Thierry. Sicher, die Namen klingen schon französisch. Dabei haben sie sich allesamt aus Namen in anderen Sprachen entwickelt . { lacht }. Mein Name kommt zum Beispiel von dem lateinischen Vincentius und bedeutet Der Siegreiche. Thierry stammt von dem altfränkischen thiuda, was kurz und knapp für Der Reiche und Mächtige im Volke steht. Hélène wiederum leitet sich von der griechischen Fruchtbarkeitsgöttin Ἑλένη (Helénē) ab und bedeutet die Sonnenhafte, die Strahlende, die Schöne. Meine Schwester ist in der Tat sehr hübsch und hat auch schon drei Kinder. { lacht }. Ob ich aber so siegreich bin, kann ich gar nicht sagen. Ich bin nicht unzufrieden mit dem, was ich bislang erreicht habe, aber siegreich ist doch noch etwas anderes. Und mein Bruder ist weder reich noch mächtig, haha. Euh, jetzt bin ich vom Thema abgekommen. Wo war ich noch mal? { unterbricht sich }. Ach ja, die Namensherkunft. Was ich sagen will: Wir suchen unsere kulturelle Identität in unseren Namen, was ja auch naheliegend ist. Und dennoch zeigen uns gerade unsere Namen, dass unsere Kulturen sich in einer ständigen Weiterentwicklung befinden und nicht so losgelöst voneinander existieren, wie einige Menschen das gerne glauben möchten. Heute sind wir Franzosen und Deutsche, morgen sind wir Europäer, gestern waren wir Gallier und Germanen und davor viele andere Völker.

Hat dein Vater auch einen französischen Vornamen?

Naja, ich habe ja schon erzählt, dass die Eltern meines Vaters aus Algerien nach Frankreich gegangen sind, als mein Vater 10 Jahre alt gewesen ist. Kaum angekommen, hat er ziemlich schnell einen großen Ehrgeiz entwickelt, besser französisch zu sprechen als seine Klassenkameraden. Er hat das Gefühl gehabt, dass er nur dann mit Respekt behandelt wird, wenn er besser als die anderen und vor allem akzentfrei spricht. Dann hat er die französische Staatsbürgerschaft angenommen, eine Französin geheiratet und ihren Namen angenommen, was eher ungewöhnlich ist in Frankreich. Schließlich er hat fünf französische Kinder gezeugt. { lacht }. Leider hat er nie Arabisch mit uns gesprochen, was ich wirklich bedauerlich finde. Aber seinen arabischen Vornamen – er heißt Rabah –den konnte mein Vater nie ablegen. Ich glaube aber, dass er es getan hätte, wenn er die Möglichkeit dazu gehabt hätte.

Du klingst so, als ob du froh darüber bist, dass er das nicht tun konnte?

Ja, ehrlich gesagt, bin ich sehr froh darüber. Mein Vater ist ein großartiger Mensch, aber ich habe nie verstanden, warum er seine algerischen Wurzeln so komplett ausreissen wollte. Zum Glück musste er seinen schönen Vornamen behalten. Rabah heißt Gewinner. Allerdings mag ich die Bedeutung im Afghanischen lieber: Geschichtenerzähler. Mein Vater ist in der Tat ein großer Geschichtenerzähler, ich kenne niemanden, der so mitreißend erzählen kann wie er. Vielleicht ist das ja sogar eine Eigenschaft, die man dem arabischen Kulturkreis zuschreiben kann – Geschichten erzählen. Wie in Tausend und eine Nacht. { denkt nach }. Da passt der Name wieder zu dem Menschen. Ob er will oder nicht { lacht }.

Du hast also Glück gehabt, dass bei dir alles einfacher war?

Ja und Nein. Einfacher war es insofern, weil meine Eltern schon fast zwanzig Jahre in Deutschland waren, als ich geboren wurde. Sie hatten sich da schon etwas aufgebaut, sie konnten sich eine 5-Zimmer-Wohnung kaufen. Mein Vater hat sein eigenes Geschäft, einen Feinkostladen mit türkischen und arabischen Spezialitäten, Ende der 70er eröffnet. Der Laden lief von Anfang an gut und geniesst heute so etwas wie Kultstatus. Jedenfalls haben sie mir alles möglich machen können, was bei meinen Brüdern noch viel schwieriger gewesen ist. Heute sind sie jedoch zurecht stolz darauf, dass Cem als Arzt seine eigene Praxis hat, dass Ömer den Laden mit ihnen schmeisst und ich Psychologie studiere.

Und was war für dich schwieriger als für andere?

Naja . { lacht }. Ich bin ein Mädchen. Eine Frau. Meine Eltern sind schon liberal, sie haben auch nie viel Wert darauf gelegt, besonders muslimisch zu leben. Allerdings ist die Familie meiner Tante ziemlich konservativ. Die Schwester meiner Mutter hat meine Eltern damals in Berlin besucht und einen damaligen Kollegen von meinem Vater kennengelernt. Sie haben dann ziemlich schnell geheiratet. Meine Tante ist Hausfrau und Mutter und kann nicht verstehen, warum ich studiere. Es gab immer viele Streitgespräche zwischen meinen Eltern und meiner Tante und ihrem Mann, was die richtige Erziehung für mich sei. Als ich 2005 für vier Jahre nach Istanbul gegangen bin und dort in einem Frauenhaus gearbeitet habe, kam es fast zu einem Bruch zwischen unseren Familien. Mein Cousin hat mich sogar als Hure beschimpft, die nicht nur wie eine Schlampe herumlaufe, sondern auch noch Frauen gegen ihre Männer aufhetze. Seitdem spreche ich nicht mehr mit ihm. Aber ich will auf gar keinen Fall der Grund sein, warum meine Mutter und ihre Schwester nicht mehr miteinander reden. Sie lieben sich trotz ihrer unterschiedlichen Ansichten. Zum Glück hat sich die Diskussion um meine Person in den letzten Jahren ein wenig beruhigt. { seufzt }.

Hast du auch Ablehnung durch Deutsche erfahren?

Klar. Ich werde zum Beispiel immer wieder gefragt, wo ich herkomme oder welche Nationalität ich habe. Dass ich dunkle Haare und braune Augen habe, zählt bei der Beurteilung meiner Person wohl mehr als mein akzentfreies Deutsch. Obwohl – ick kann och Berliniern, wa. { lacht }. Naja, ich habe mich schon damit abgefunden, dass ich die Exotin bin. Das ist vielleicht nicht direkt eine Ablehnung meiner Person, aber mich nervt es schon. Manchmal mache ich mir einen Spaß und wechsele nach so einer Frage unvermittelt in Lan. { imitiert sich selbst }. Ey, weissu isch bin voll Deutsch, Mann, ey, isch spresche voll hoch Deutsch, Alda. { lacht }. Aber ich habe auch schon gehört, dass ich in mein Land zurück gehen soll. Einmal, da war ich noch jünger, da hab ich einer Tussi eine Ohrfeige dafür verpasst. Die hat mich dann wegen Körperverletzung angezeigt. Das habe ich nicht auf mir sitzen lassen und ich habe eine Gegenanzeige wegen rassistischer Beleidigung aufgegeben. Die hat ihre Anzeige daraufhin zurückgezogen.

Betreff: Lust auf ein Interview?

An: Vincent <vincent@life-minutes.de>
Von: Sevtap <sevtap@life-minutes.de>
Datum: 23. November 2012 14:14:23 MESZ

Hey Sevtap,

wie geht’s? Ich komme gerade von meinem Interview mit Lisas Schwester – hat wirklich Spaß gemacht. Emma arbeitet an einer Reportage über Grenzgänger. Sie befragt dazu Leute, deren Leben durch das Überschreiten von Grenzen erheblich beeinflusst ist. Dabei benutzt Emma reale staatliche Grenzen eher als Metaphern für die Grenzen, die wir in unseren Köpfen haben. Ich finde das Projekt echt spannend und habe sofort zugesagt, als Emma mich gefragt hat, ob ich ihr ein Interview geben mag.

Ich habe ihr erzählt, wie meine algerischen Großeltern nach Frankreich gekommen sind und wie es für meinen Vater gewesen ist, der in Frankreich geboren und aufgewachsen ist. Er kennt Algerien nicht besser als ich, also nur durch wenige kurze Besuche. Ich habe an dich gedacht, weil wir uns vor kurzem länger über unsere Familien unterhalten haben. Deine Großeltern sind ja auch von der Türkei nach Deutschland eingewandert, allerdings sind deine Eltern noch in der Türkei geboren, dann aber in Deutschland aufgewachsen.

Emma sucht genau solche Geschichten und du hast einiges zu erzählen. Vielleicht hast du Lust, dich mit Emma zu treffen? Du kannst dich direkt mit ihr in Verbindung setzen, du kennst sie ja. Überleg es dir, Emma freut sich bestimmt.

A+
Vince

P.S. Lisa und ich gehen heute Abend ins Kino und sehen uns Cloud Atlas an. Sag Bescheid, ob du Zeit und Lust hast, mitzukommen.