Aber was soll ich bloß anziehen?

Ich bin tatsächlich ein bisschen aufgeregt. Gertrude und ich haben uns in den letzten Wochen einige E-Mails geschrieben und werden uns morgen Abend endlich in der echten Welt begegnen. Ich weiß gar nicht mehr, was man zu einem Rendezvous anzieht. Seit Elisabeth gestorben ist, habe ich mich mehr meiner Arbeit als Liebesdingen gewidmet. Der Gedanke an eine neue Beziehung hat mich eine ganze Zeit lang eher verschreckt.

Natürlich habe ich in den letzten Jahren Frauen getroffen. Aber das waren eher Zufallsbekanntschaften, allesamt aus der Arbeit entstanden und wenig romantisch motiviert. Es hat mich hat mich schon einige Überwindung gekostet, auf die Annonce von Gertrude zu antworten. Aber sie hat sofort sehr freundlich und offen geantwortet. Das hat mir nicht nur gefallen, es hat mich auch daran erinnert, dass sich das Leben ohne eine Partnerin an der Seite unvollständig anfühlen kann. Im Grunde genommen bin ich sogar sehr verwöhnt. Ich hatte ja auch schon zwei Frauen zur gleichen Zeit mit denen ich mein Leben geteilt habe. Zu dieser Zeit war ich nicht nur vollständig, sondern gewissermaßen verdoppelt.

Aber zurück zu Gertrude: Mittlerweile ist es so, dass ich es kaum erwarten kann, Antwort von ihr zu erhalten. Wir haben uns einiges aus unseren Leben erzählt und ich habe mitunter das Gefühl, als würde ich Gertrude schon jahrelang kennen. Da ist diese Vertrautheit, die wir vielleicht nur deshalb so schnell erlangen konnten, weil wir uns zunächst nur geschrieben haben. Wenn wir uns jetzt gegenüber treten, ist es bestimmt ein ganz besonderer Moment: Wir kennen uns, und wir kennen uns nicht. Wir haben ja bewusst darauf verzichtet, uns Fotos voneinander zu schicken. Fotografien zeigen nur eine einzige Perspektive auf die Person, und wir wollten uns lieber ein Bewegtbild als ein Standbild voneinander machen. Natürlich ist das ein Risiko, aber ich habe schon eine Ahnung davon, wie Gertrude wohl aussehen könnte.

Es wird spannend morgen Abend. Aber was ziehe ich nur an? Ich werde Emma mal fragen, sie ist hat ein gutes Händchen für die passende Kleidung zur richtigen Zeit.

С Рождеством

Ich war gestern endlich mal wieder selbst Zuschauer. Lisa und ich waren im Staatsballett Berlin. Ich hatte ihr zum Geburtstag eine Karte für den modernen Dreiteiler ARCANGELO von Duato | HERMAN SCHMERMAN von William Forsythe | and the sky on that cloudy old day von Marco Goecke geschenkt. Mein Töchterchen war ganz hingerissen, vor allem der dritte Akt von Goecke hat sie sehr begeistert. Mich allerdings auch. Die Choreographie wie die Szenerie waren wirklich beeindruckend: Die Tänzerinnen und Tänzer erinnerten an Maschinen, die über einen Nebelboden schweben. Engel des Industrialismus, ein Stummfilm auf der Bühne, moderne Zeiten als Tanzstück. Die faszinierende Atmosphäre des dritten Teils wurde durch die Live-Musik aus dem Orchestergraben komplettiert (bei Akt 1 und 2 kamen die Musikstücke von Band).

Ich bin noch so beschwingt, dass ich in Laune für ein Rätsel bin:

1 Wie heißt das berühmte Ballett, das gerne zur Weihnachtszeit aufgeführt wird?

2 Wer hat die Geschichte, auf der dieses Stück basiert, ursprünglich geschrieben?

3 Wer war der Komponist, der die Geschichte dann vertont hat?

Knackt die Schale, springt der Kern …

E guëti Wiënachtä

Es ist ein echter Ohrwurm, dieses Lied. Hier wird der innige Wunsch nach Leise Rieselt Der Schnee besungen. In den Zeilen Heute Kommt Der Weihnachtsmann zwar nicht vor, dafür aber wird der reich geschmückte Oh Tannenbaum gelobt und den Kling Glöckchen, Klingelingeling gelauscht, die an den Schlitten gebunden sind.

Ich träume von weißen Weihnachten,
die so sind wie diejenigen, die ich kannte.
Wo die Baumspitzen funkeln und die Kinder lauschen,
um die Schlittenglöckchen im Schnee zu hören.

Ich träume von weißen Weihnachten
mit jeder Karte, die ich schreibe.
Deine Tage seien vergnügt und heiter,
und deine Weihnachten sollen immer weiß sein.

Na klingelt es? Um welches bekannte Weihnachtslied handelt es sich und wer hat es gesungen?

Ob diese Kapelle wohl weiß, um welches bekannte Weihnachtslied es sich handelt?

Hast du Antworten auf meine Fragen, Papa?

Morgen wird meine Jüngste wieder ein Jahr älter. Die Zeit vergeht wie im Flug. Ich bin gespannt, wie das Essen wird. Patrice kocht, Emma hat alle eingeladen. Alle, außer Marlene. Wenn ich es genau betrachte, ist es nicht fair. Ich bin immer mit von der Partie bei dem Geburtstagsessen, das Lisa so wichtig ist. Ihre Mutter hingegen nicht.

Seltsamerweise habe ich nicht das Gefühl, dass es an meiner oder Emmas Anwesenheit liegt, dass Marlene nie eingeladen ist. Ich habe eher das Gefühl, dass Lisa ihre Mutter nicht dabei haben will. Ich kann nicht genau sagen, warum mich dieses Gefühl beschleicht, ich habe auch weder Lisa noch Marlene je dazu befragt. Patrice kennt Marlene auch, aber er hält sich zurück und hat niemals etwas dazu gesagt, obwohl er sonst in Familienangelegenheiten so engagiert und auf Harmonie bedacht ist.

Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, ein paar Dinge auf den Tisch zu bringen. Lisa hat den Stein schon ins Rollen gebracht. Und Patrice hat mir einen wunderbaren Rat gegeben, nur bin ich mir nicht sicher, ob Lisa das genügen wird. Wenn ich meine Geschichte als Theaterstück inszeniere – natürlich nicht exakt so, wie sie sich zugetragen hat, ein Theaterstück kann die Wirklichkeit niemals ganz abbilden (ganz zu schweigen davon, dass ich mich vor einem derartigen Seelenstrip scheue) – wenn ich also die Ereignisse in ein Drama schreibe, vielleicht hilft es mir dann, mich meinen Kindern gegenüber mehr zu öffnen. Vor allem Lisa und Emma gegenüber, die noch mehr mit diesem Dreiecksverhältnis verwoben sind als Patrice.

Patrice. Mit Patrice verbindet mich ein stark freundschaftliches Band. Für mich ist er ein wichtiger Ratgeber in vielen persönlichen Angelegenheiten. Ich habe ihn nie gewickelt, ich musste ihm die Flasche nicht mehr geben. Als ich ihn kennen gelernt habe, war er zwar noch ein Kind, aber auch schon ein Erwachsener. Mit der Adoption damals wollte ich ihm eine Chance und Schutz geben, aber es ging weniger um die Fürsorge eines kleinen Kindes. Deshalb gehen wir bis heute eher wie zwei Freunde miteinander um, und nicht wie Vater und Sohn.

Betreff: Ihre Annonce Chiffre #10062011

An: Gertrude <gertrude@life-minutes.de>
Von: Hans <hans@life-minutes.de>
Datum: 29. November 2012 09:16:23 MESZ

Verehrte Dame,

mit großem Interesse habe ich Ihre Annonce in der Zeitung* gelesen. Ebenso wie Sie bin ich kulturellen Dingen sehr zugetan und möchte mich gerne kurz vorstellen: Ich heiße Hans und würde ich mich dem durchschnittlichen Rentenalter beugen, wäre ich ein anderer. Ich kann mit meinem 68 Jahren aber nicht davon lassen, meinen Beruf, den ich sehr liebe, auszuüben. So schreibe und inszeniere ich weiterhin Theaterstücke – für die großen, aber gerne auch die kleineren Bühnen in dieser und in anderen Städten.

Als Intendant reise ich oft umher. Glücklicherweise nehme ich meistens die Bahn und so bleibt mir auf den Reisen genug Zeit, um zum Buch zu greifen. Lesen gibt mir Kraft und Inspiration, es lenkt mich ab und begleitet gleichzeitig meine Arbeit. Meine literarischen Vorlieben haben sich immer wieder verändert. Ja, ich könnte fast sagen, dass jede Phase meines Lebens einer bestimmten Literatur entsprochen hat. Nun, ich denke, dass dieses durchaus nicht ungewöhnlich ist. Im Moment haben es mir besonders die Bücher von Andrezj Stasiuk angetan. Und ich habe erneut den Ilias zur Hand genommen. Homer kann ich immer wieder lesen. Die griechische Mythologie ist gewissermaßen phasenfrei und beschreibt die Konstante in meinem Leben.

Wenn ich mal nicht unterwegs bin, freue ich mich sehr, in Berlin zu sein. Früher hatte ich in mehr in Berlin zu tun, heute bin ich viel in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs. Eigentlich bin ich Schweizer, in Bern geboren und aufgewachsen. Dennoch ist Berlin in meinem Herzen als Heimat verankert. Ich geniesse das vielfältige, kulturelle Angebot hier, und ich möchte es wirklich nicht missen, auch wenn ich viel seltener die Philharmonie besuche, als ich es mir wünsche.

Mich selbst beschäftigt gerade eine Geschichte aus meiner Vergangenheit, die viel Persönliches in sich trägt. Ich habe noch keine konkrete Vorstellung, in welcher Form ich diese Geschichte erzählen oder auf die Bühne bringen kann. Es ist eine Familiengeschichte, meine jüngste Tochter hat den Stein ins Rollen gebracht. Nun, Sie sehen, es fällt mir schwer, hier konkreter zu werden. Vielleicht ergibt sich aber über eine regelmäßige Korrespondenz mit Ihnen die Gelegenheit, Ihnen mehr dazu zu schreiben.

Ich hoffe auf eine Antwort von Ihnen und schreibe Ihnen jederzeit gerne wieder und mehr über mich, auch wenn ich unterwegs sein sollte – die moderne Technik macht den Briefwechsel um einiges einfacher.

Herzliche Grüße
Ihr Hans

* 2012 gab es zwar schon Online-Anbahnungsplattformen wie Parship, die aber wurden von der älteren Generation als unseriös empfunden. Tinder oder Bumble gab es noch gar nicht, die jungen Leute haben sich noch überwiegend live und in Echtzeit kennengelernt.

Betreff: Familiengeschichten

An: Patrice <patrice@life-minutes.de>
Von: Hans <hans@life-minutes.de>
Datum: 13. November 2012 13:13:23 MESZ

Lieber Patrice,

kannst du deinem alten Vater helfen? Lisa hat mir eine Reihe von Fragen gestellt, von denen ich wußte, dass sie irgendwann einmal ausgesprochen werden. Einen Teil ihrer Fragen kann ich Lisa auch direkt beantworten: d´Diese Fragen beziehen sich nur auf mein junges Leben in Berlin. Aber einige ihrer Fragen gehen viel tiefer. Sie will genau wissen, wie es damals zwischen Elisabeth, Marlene und mir abgelaufen ist. Meine kluge Tochter hat ihre Fragen so formuliert, dass ich gezwungen bin, mich damit auseinander zu setzen: „Wie hast Du zwei Frauen gleichzeitig lieben können ohne ständig einen inneren Konflikt zu spüren?“

Es mag dir jetzt wie ein Blitz aus heiterem Himmel vorkommen, dass ich dich so unvermittelt mit diesem Thema konfrontiere. Ich weiß, ich habe noch nie mit dir, Emma oder Lisa darüber gesprochen, wie es dazu kam und wie die Geschichte sich entwickelt hat. Ich schreibe dir, weil du in meinen Augen den meisten Abstand dazu hast. Das Verhältnis von Lisa zu Elisabeth war ja bis zum Tod von Elisabeth eher unterkühlt. Und Emma hat im Gegensatz zu dir Marlene nie kennenlernen wollen. Es ist in meinem Augen schon erstaunlich, dass Emma und Lisa sich so gut verstehen.

Ich kann Lisa die Antwort auf ihre Frage nicht geben. Noch nicht. Vielleicht hältst du mich jetzt für einen Feigling, und ja, du hast recht damit. Ich habe Angst davor, Lisa zu verletzen. Oder Emma. Oder beide. Sicher – sie sind nicht ihre Mütter. Aber beiden lieben ihre Mütter. Mehr vielleicht, als ich selbst ihre Mütter geliebt habe. Deshalb meine Bitte an dich: Ich möchte Lisa vorschlagen, dass ich dir die Geschichte zuerst erzähle. Ich schreibe sie dir sogar auf. Bevor Lisa und Emma meine Aufzeichnungen lesen, möchte ich gerne, dass wir darüber sprechen. Ich konnte schon immer gut mit dir reden, mein Sohn. Sogar schon als wir dich mit 14 Jahren adoptiert haben und du noch kaum Deutsch und ich nur gebrochen Französisch gesprochen habe. Das ist das Besondere an dir: Du hörst anderen mit dem Herzen zu. Darf ich Lisa das vorschlagen?

Dein ratloser Vater

Ich war absolut privilegiert

Ich sollte vielleicht mal zum Arzt gehen und mich gründlich untersuchen lassen. Als Vincent erzählt hat, dass sein Vater im Krankenhaus liegt, ist es mir eiskalt in die Glieder gefahren. Vincents Vater ist sogar noch 10 Jahre jünger als ich und soll sehr sportlich sein. Im Gegensatz zu mir. Mir fällt nicht ein, wann ich das letzte Mal Sport getrieben habe. Ich fahre ja noch nicht einmal Fahrrad.

Die Zeit vergeht einfach zu schnell. Ehe man es sich versieht, hat man nicht mehr genug davon übrig. Elisabeth hatte auf jeden Fall zu wenig Zeit. Als der Krebs bei ihr diagnostiziert wurde, war sie gerade mal 51 Jahre alt. Und 4 Jahre später, 2006, ist sie dann gestorben. Dabei war auch sie immer ein Mensch, der vor Energie nur so geleuchtet hat. Und dann diese grausame Krankheit.

Als ich Elisabeth von Marlene erzählt habe, war sie ganz still. Sie hat mich mit ihren wasserblauen Augen angesehen, die immer dunkler wurden, je mehr ich erzählte. Diese Stille war mir unerträglich damals. Aber ich konnte ihr ja keinen Vorwurf machen: Schließlich war ich derjenige, der eine zweite Familie im Westen hatte, mit einer anderen Frau und einer anderen Tochter. Sicher, als ich Elisabeth davon erzählt habe, war ich mit Marlene schon nicht mehr zusammen.

So feige war ich auch damals schon. Konnte es ihr erst sagen, als es mit Marlene vorbei war. Vielleicht habe ich ihr damals ihre gesundes, starkes Ich so geschwächt, dass der Krebs eindringen konnte. Ich weiß es nicht. Was ich aber ziemlich genau weiß, ist, dass ich sie sehr verletzt haben muss, weil ich ihr jahrelang etwas vorgespielt hatte. Ich konnte den Schmerz darüber, dass sie mein zweites Ich erst so spät erkannt hat, in ihren Augen sehen. Wir waren zu dem Zeitpunkt immerhin schon fast 20 Jahre ein Paar. Und ein glückliches dazu.

Ich muss ungefähr eine Stunde ohne Unterbrechung geredet haben, bevor Elisabeth mir plötzlich eine Frage stellte, auf die ich nicht gefasst gewesen bin. Sie fragte mich ganz ruhig, ob es die Freiheit im Westen sei, die die Frauen anziehender mache. Darüber hatte ich mir niemals Gedanken gemacht. Schließlich habe ich freiwillig in der DDR gewohnt, ich war und bin ja immer noch Schweizer. Dementsprechend habe ich mich auch nie wirklich unfrei gefühlt. Ich konnte in den Westen reisen, so oft ich wollte, ich durfte hier wie dort Stücke inszenieren und hatte nie das Gefühl habt, dass es mir an etwas mangelte, weil ich in Ost-Berlin lebte. Ich war absolut privilegiert. Und das ist mir zum ersten Mal richtig bewusst geworden, als Elisabeth mir diese Frage gestellt hat, die eigentlich einen ganz anderen Bezug hatte. Ich habe mich geschämt. Ich habe mich so sehr geschämt wie noch nie zuvor in meinem Leben. Weil ich so ein arrogantes, ignorantes A***loch gewesen bin.

Ich hätte es vielleicht besser machen können

Es gibt eine Sekunde, an der die Ampel schon grün ist, aber sich nichts bewegt. Diese Sekunde ist eine Ewigkeit der Stille. Die Sekunde in der die Ampel schon rot ist, ist hingegen die bewegte Zeit. Fussgänger, Fahrrad- und Autofahrer versuchen rasend noch über die Straße zu gelangen, bevor der Querverkehr loslegt. Es ist besonders faszinierend zu beobachten, wenn man an einer großen, breit angelegten Kreuzung in Berlin steht und der Stillstand sich von einer Sekunde zur anderen in hektische Betriebsamkeit wandelt.

Eine ewige Nanosekunde Stillstand.

Ich bin jetzt schon 40 Jahre hier und die Karosserien der Autos sehen heute ganz anders aus, es gibt deutlich mehr Fahrzeuge, die durch die Stadt rollen, die Bekleidung der Fußgänger und Radfahrer hat sich der jeweiligen Mode entsprechend angepasst, aber die Halt- und Weiterregeln des Verkehrs haben sich nicht verändert.

Als ich vor dem Fall der Mauer zwischen Ost- nach West-Berlin hin- und hergefahren bin, waren die Autos schon auf den ersten Blick unterschiedlich: Trabant und Wartburg hier, Mercedes, BMW und VW dort. Heute gibt es von allem etwas, auch alte Ost-Autos fahren noch herum, aber meistens sind die Autos neueren Datums und sehen alle gleich aus, egal aus welchem Teil dieser Welt sie kommen.

Die Frauen allerdings, die ich geliebt habe, hätten unterschiedlicher nicht sein können. Elisabeth war groß gewachsen, hatte wallendes rotes Haar und eine kräftige Stimme. Sie war immer so pragmatisch und hat den Dingen ihre Farben gegeben. Vielleicht war sie deswegen Maskenbildnerin. Sie hat mir einmal gesagt, dass sie ein Gesicht nicht bemalt, um es zu maskieren. Sie wollte jedem Gesicht sein wirkliches Gesicht geben, das Charakteristische herausstellen. Und das ist ihr auch immer hervorragend gelungen. Am Theater haben sich die Schauspieler darum gerissen, von ihr geschminkt zu werden. Am liebsten wollten alle immer hässlich gemacht werden und waren dann selbst erschrocken, wie viel von der geschminkten Hässlichkeit ihr wahres Ich zeigte. Aber Elisabeth war keinesfalls bösartig. Sie hat die Dinge, die Gesichter nur in all ihren Facetten begriffen. Und gezeigt, dass Schönheit ohne Hässlichkeit nicht sein kann.

Marlene hingegen ist ganz zierlich, hat blondes, feines Haar und einen elfengleichen Gang. Sie baut Welten, die es so nicht gibt und die immer etwas Befremdliches an sich haben. Ihre Bühnenbilder sind entweder extrem kalt, oder extrem laut, oder extrem überdreht. Auf jeden Fall immer extrem unwirklich. Marlene hat mir erklärt, dass sie die Kulissen aus ihren Träumen holt. Jedes Mal, wenn ein neues Stück ansteht, träumt sie sich regelrecht in dieses Stück hinein. Sie schreibt alles akribisch auf, sofort nachdem sie aufgewacht ist, damit sie später das Bühnenbild aus ihren Träumen zusammenbauen kann. Dieses traumhaft Unechte hat seinen Reiz, es irritiert die Zuschauer und bringt selbst die Schauspieler manchmal ordentlich durcheinander.

Wenn ich darüber nachdenke, ist es schon erstaunlich. Auf den ersten Blick würde man denken, dass Elisabeth wie Marlene und Marlene wie Elisabeth sein müsste. Aber hier täuschen die Äußerlichkeiten den Betrachter. Wenn ich Emma und Lisa zusammen sehe, dann sehe ich Elisabeth und Marlene vor mir. Meine beiden Frauen haben sich nie kennen gelernt. Ich hätte es vielleicht besser machen können. Vincent hat mich vor kurzem gefragt, ob ich nie den Wunsch gehabt habe, die beiden einander vorzustellen. Er ist ziemlich direkt, der junge Mann. Aber einen gesunden Menschenverstand hat er, der Freund meiner Tochter. Damals war das alles nicht so einfach. Zwei Frauen, eine in Ost-, die andere in West-Berlin. Zwei Töchter, von jeder eine. Und dann die Krankheit von Elisabeth. Ach, Ausreden. Ich war feige und egoistisch. Ich habe es genossen, meinen Kopf in zwei Schösse legen zu dürfen und zwei Frauen lieben zu können, die mich mit ihrer Verschiedenheit erst zu einen ganzen Mann haben werden lassen. Zu groß war meine Angst, die eine oder andere könnte mich verlassen, wenn sie von der Zweigleisigkeit meines Tuns erfährt. Ich habe sie unterschätzt. Vor allem Elisabeth.