Die Geburt

Am 23. Februar 1941 hat die deutsche Polizei in den Niederlanden die erste große Razzia durchgeführt, bei der mehr als 400 jüdische Männer in das Konzentrationslager Mauthausen bei Linz in Österreich verschleppt wurden. An diesem Tag habe ich um genau 06:54 das graue Licht der winterlichen Berliner Morgendämmerung erblickt. Die Umstände erforderten es, dass meine Mutter mich auf einem Dachboden eines Berliner Mietshauses zur Welt bringen musste. Meine Eltern konnten nicht in ein Krankenhaus gehen, da sie in ihrem Versteck bleiben mussten. Glücklicherweise habe ich bei meiner Geburt nur leise gewimmert, ganz so, als ob ich schon geahnt hätte, dass ich ganz still sein muss, damit wir nicht entdeckt werden. Auf dem Dachboden muss es ziemlich kalt gewesen sein an diesem Morgen, aber es gab keine andere Möglichkeit.

Meine Eltern lebten damals in eben jenem Mietshaus in einem kleinen Hinterzimmer, dessen Zugang von einen schweren Eichenschrank unsichtbar für Besucher versperrt war. Das Hinterzimmer gehörte zu der kleinen Wohnung einer alten Dame, die meinen Eltern Zuflucht gewährt hatte. Nachdem meine Geburt trotz aller Widrigkeiten gut gelungen war, konnten meine Eltern gemeinsam mit mir in ihren Salon zurück. So nannte mein Vater das kleine Versteck, wie ich später erfahren habe.

Die ersten Tage meines Lebens verliefen ruhig, dann wurde meine Mutter krank. Sie hatte sich einen aggressiven Grippevirus eingefangen, das Fieber stieg von Stunde zu Stunde und mein Vater verzweifelte zunehmend. Als meine Mutter schließlich in Fieberträumen halluzinierte und nicht mehr in Lage war, mir ihre Brust zu geben, hielt mein Vater es nicht mehr aus. Obwohl er wusste, dass er ein sehr großes Risiko einging, nahm er all seinen Mut zusammen und klingelte bei den Nachbarn der alten Dame. Als die Frau öffnete, sagte mein Vater: Bitte, bitte helfen Sie uns. Meine Frau und mein Kind, sie sterben. Wir brauchen Hilfe.

Gibt es Zufälle, die Schicksal sind?

Eigentlich wollten Hans und ich uns noch treffen, bevor ich nach Israel fliege. Jetzt liege jedoch mit einer argen Erkältung danieder und muss mich schonen, damit ich die Reise gesund antreten kann. So ein Ärgernis! Aber natürlich möchte ich Hans nicht das erste Mal mit einer roten, laufenden Nase begegnen, das verbietet mir meine Eitelkeit. Zudem habe ich so schlimme Kopfschmerzen, dass ich kaum klar denken kann.

Trotzdem bin ich guter Dinge. Ich habe heute erfahren, dass Hans der Vater von Emma ist. Und das kam so: Er hat mir sofort auf meine Absage geantwortet, dass es zwar schade sei, dass es heute mit dem Kaffee nicht klappe. Er wünsche mir allerdings nichts mehr als baldige Genesung. Der Gute! Und dann hat er mir geschrieben, dass er seine Tochter um Rat gefragt hat, was er zu unserem Rendezvous anziehen solle. Emma sei natürlich neugierig geworden und habe die richtigen Fragen gestellt. Nun ja, es erstaunt mich nicht: Was eine gute Journalistin ist … So sei eins zum anderen gekommen und irgendwann habe Emma die richtigen Schlüsse gezogen und ihren Vater direkt nach meinem Namen gefragt. Was muss das für eine Überraschung gewesen sein!

Und welch glückliche Fügung! Emma und ich sind uns durch das Interview ziemlich nahe gekommen. Deshalb wollen wir uns auch weiterhin ab und zu treffen, um uns auszutauschen. Emma ist eine sehr angenehme und reflektierte Gesprächspartnerin. Das Interview mit ihr hat mich wirklich bereichert und mir sogar neue Sichtweisen auf meine eigene Biographie eröffnet. Das hätte ich mit meinen 71 Jahren nicht unbedingt erwartet. Jedenfalls kann der Vater einer solchen Frau kein schlechter Mensch sein. Nun, das habe ich schon seit unserer ersten Korrespondenz gespürt, doch jetzt habe ich die Gewissheit! Ich bin ich mir sehr sicher, dass wir uns treffen werden. Bald, nach meiner Heimreise.

חג מולד שמח

15 Jahre lang habe ich Weihnachten nicht gefeiert. Das war die Zeit, in der ich in Israel gelebt habe. Auf Christstollen musste ich in dieser Zeit glücklicherweise nicht verzichten, da meine Berliner Familie mir jedes Jahr ein Päckchen mit diesem leckeren Gebäck geschickt hat. Jetzt bin ich diejenige, die Stollenpakete nach Israel schickt. Einige meiner Freunde und Verwandten in Tel Aviv und Haifa sind ganz verrückt nach diesem schweren, süßen Gebäck – wer kann es ihnen verdenken, auch wenn Christstollen, wie der Name schon sagt, ein ursprünglich christliches Fastenbrot gewesen ist und nicht koscher zubereitet wird.

Honig- oder Lebkuchen hingegen sind auch in der jüdischen Küche sehr bekannt. Zum jüdischen Neujahrestag Roch Hachana ראש השנה, der immer im September oder Oktober liegt, wird Honek-Lejkech, Honigkuchen mit Weintrauben, süßem Wein und in Honig getauchte Apfelschnitzern gereicht, um der Hoffnung auf ein gutes, süßes Jahr Ausdruck zu verleihen.

Der Stollen: Rosinen, Mandeln, Zucker und viel Butter

… und dann sind Sie nach Berlin zurückgekehrt?

Also. { räuspert sich }. Ich habe Deutschland und vor allem Berlin ja mit 21 Jahren im wahrsten Sinne des Wortes verlassen. Das war damals allerdings keine Entscheidung, die ich einfach aus dem Bauch heraus getroffen habe, ich war noch nie ein Mensch, der überstürzt gehandelt hat. Ich musste einfach ganz und gar gehen, um mich zu finden. { blickt nachdenklich aus dem Fenster }. Meine Vergangenheit lag und liegt in Israel, meine Zukunft war und ist Amerika. Aber meine Gegenwart war und ist immer in Berlin gewesen. Es war für mich also nur eine logische Konsequenz in meine Gegenwart zurückzukehren, nachdem ich meine Vergangenheit erkundet hatte und in meine Zukunft gereist bin.

Warum steht die Gegenwart am Ende Ihrer Reise? Wäre eine Leben in der Zukunft nicht erstrebenswerter?

Man stirbt immer im hier und jetzt. Ich bin natürlich mit 52 Jahren nicht wieder zurückgekommen, um gleich zu sterben. { lacht }. Allerdings ist es schon eine schmerzliche Wahrheit, dass meine Gegenwart, also Berlin und Deutschland tatsächlich sehr viel mit dem Thema Tod zu tun haben. Meine Eltern und ein Großteil meiner leiblichen Verwandten sind in Konzentrationslagern umgebracht worden, meine jüngere Adoptivschwester ist bei einem Autounfall gestorben, da war sie noch nicht einmal 20 Jahre alt, und meinen Adoptivvater habe ich das letzte Mal gesehen, bevor ich nach Israel gegangen bin.

Aber wie verkraftet man es, an einen Ort zurückzukehren, der so stark mit dem Tod in Verbindung steht?

Nun ja, ein Grund, das ich damit zurechtgekommen bin – zurechtkommen wollte – ist sicherlich, dass bin hier geboren und aufgewachsen bin. Das verbindet mich mit diesem Ort, auch wenn der Tod von Beginn meines Lebens an hier stets präsent gewesen ist. Aber ich habe auch viele gute und schöne Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend hier, hatte ich doch das große Glück, von einer ganz wunderbaren Zweitfamilie aufgenommen worden zu sein. An meine leiblichen Eltern kann ich mich kaum erinnern. { hält kurz inne, überlegt }. Ehrlich gesagt, vielleicht kann ich mich auch gar nicht an sie erinnern und bilde es mir ein, vermische die beiden Fotos, die noch habe, mit meinen Erinnerungen. Ich war ja so klein.

Ich habe mich viel mit dem Tod, aber auch mit dem Leben auseinandergesetzt. Und bin über die Jahre zu dem Schluss gekommen, dass man nicht den Fehler machen darf, dem Tod die Schuld an all dem Schrecklichen, dass die Menschen im Leben von anderen Menschen anrichten, zu geben. Ja, es schmerzt sehr, wenn wir einen geliebten Menschen verlieren, vor allem wenn es plötzlich oder durch die Einwirkung von Gewalt geschieht und wir haben Angst vor dem … { stockt kurz } vor dem Sterben. Denn der Tod an sich ist – so banal es klingt – Teil unseres Lebens. Es ist ja keine Neuigkeit, wenn ich sage, dass ohne Tod kein Leben möglich ist.

Betreff: Re: Ihre Annonce Chiffre #10062011

An: Hans <hans@life-minutes.de>
Von: Gertrude <gertrude@life-minutes.de>
Datum: 30. November 2012 07:03:23 MESZ

Verehrter Herr,

ich habe mich über Ihren Mut, mir zu schreiben, gefreut und trete gerne in Korrespondenz mit Ihnen. Ihre Offenheit hat mich positiv überrascht, war ich selbst doch recht zögerlich, was ich in der Annonce über mich schreiben sollte. Wie Sie selbst gelesen haben, war meine Selbstbeschreibung auf das Wesentliche reduziert, so dass ich Ihnen ergänzend hierzu noch ein paar Zeilen über mich heute schreiben will, die weit weniger faktisch daher kommen sollen.

Wie Sie bereits wissen, bin ich 71 Jahre alt und habe als Journalistin gearbeitet. Meine Liebe zu Sprache, meine Leidenschaft für das Schreiben und meine Neugier bringen es mit sich, dass auch ich sehr gerne lese. Dass Sie just in diesen Tagen den Büchern von Stasiuk den Vorzug geben, hat mich freudig überrascht – ich habe den Autor vor etwa vier Jahren für mich entdeckt und kann ihn mir seitdem nicht mehr aus meiner Bibliothek wegdenken. Auch bin ich bin eine große Freundin des Theaters und mag besonders die Inszenierungen von George Tabori, den Sie vielleicht sogar persönlich kennen. Allerdings will ich an dieser Stelle nicht verschweigen, dass es mir mit dem Theater wie Ihnen mit dem Besuch von klassischen Konzerten geht: Ich komme viel zu selten dazu.

Dass ich die Philharmonie häufiger mit einem Besuch beehre, liegt an einer musikliebenden Freundin von mir, die es sich nicht nehmen ließ, mir ein Abonnement zu schenken. Da fühlt man sich schon verpflichtet. Nun, sollte sich unsere Korrespondenz in gleichem Maße weiterentwickeln, wie sie begonnen hat, dann bin ich zuversichtlich, dass wir einmal das Vergnügen haben werden, das Theater oder die Musik gemeinsam zu genießen.

Ich werde übrigens Ende Dezember für einige Zeit verreist sein. Um genau zu sein, ich werde für etwa sechs Wochen in Tel Aviv und Haifa sein. Jetzt werden Sie vielleicht denken: Israel! In diesen Tagen!* Und ich stimme Ihnen zu: Die Zeiten sind unsicher und ich bin nicht ganz ohne Angst dorthin zu fahren. Aber Israel ist für mich genauso Heimat wie es Berlin seit 20 Jahren wieder für mich ist. Ich kann meine Freunde und Verwandten dort nicht einfach alleine lassen. So würde es sich für mich zumindest anfühlen, wenn ich nicht fahren würde. Können Sie mich verstehen?

Ich freue mich auf Ihren nächsten elektronischen Brief und wünsche Ihnen ein herrliches Wochenende,
herzlichst,
Ihre Gertrude

* Die Situation im nahen Osten war auch schon 2012 sehr angespannt. 12 Jahre später sind wir an einem Punkt angelangt, an dem sich die Frage, ob es einen Krieg geben wird, nicht mehr stellt, sondern die Fragen, wie schlimm dieser Krieg sein und wie viele Verlierer dieser Krieg haben wird.

Betreff: Ihre Anfrage zu einem Interview

An: Emma <emma@life-minutes.de>
Von: Gertrude <gertrude@life-minutes.de>
Datum: 03. November 2012 14:42:23 MESZ

Liebe Emma,

ich habe mich über Ihren freundlichen Anruf letzte Woche gefreut und schicke Ihnen gerne meine biographischen Eckdaten zur Vorbereitung auf das anstehende Interview.

Ich bin am 23. Februar 1941 als Tochter jüdischer Deutscher in Berlin geboren und wurde von meinen Eltern fast unmittelbar nach meiner Geburt bei einer deutschen Familie versteckt. Kurz nachdem sie mich verstecken konnten, wurden meine Eltern in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert und später im KZ Auschwitz-Birkenau umgebracht. Nach dem Ende der Nationalsozialistischen Herrschaft wurde ich von der Familie offiziell adoptiert, da meine Verwandten entweder in Konzentrationslagern von den Nazis umgebracht worden oder nach Israel und den USA ausgewandert waren.

Ich bin in Berlin mit zwei Schwestern, die die leiblichen Kinder der Familie sind, aufgewachsen und habe zunächst eine Ausbildung zur Goldschmiedin gemacht. Nach der Ausbildung wollte ich unbedingt meine noch lebende Verwandtschaft kennenlernen. Also bin ich 1962 nach Israel gegangen, um den Wurzeln meiner Vergangenheit nachzuspüren und meine Verwandten aufzusuchen. Ich bin dann für ganze 15 Jahre in Israel geblieben und habe in Tel Aviv und Haifa gelebt. Ich habe in dieser Zeit Hebräisch gelernt, dann an der Universität in Tel Aviv Politikwissenschaften und Journalismus studiert und schließlich als Journalistin in Israel gearbeitet.

1977 bin ich in die USA gegangen und habe mehrere Jahre in Boston und Philadelphia gelebt. In den Vereinigten Staaten habe ich als freie Journalistin für verschiedene Zeitungen und Fernsehsender gearbeitet. Ich bin erst 1993 nach Berlin zurückgekehrt und lebe seitdem – wie Sie bereits wissen – im Westteil der Stadt und zwar dort, wo ich auch aufgewachsen bin. Ich war tatsächlich von 1962 bis 1993 nicht einmal in Berlin oder Deutschland. Trotzdem habe ich per Brief und Telefon stets Kontakt zu meiner zweiten Familie in Berlin gehalten.

Mein Adoptivvater ist bereits verstorben, meine Adoptivmutter lebt bei mir um die Ecke und wir sehen uns mindestens einmal wöchentlich. Meine eine Schwester, die Mutter von Peter, lebt in Frankfurt, meine andere Schwester ist leider schon früh bei einem Autounfall gestorben. Ich war nie verheiratet und habe auch keine Kinder.

Ich denke, dass Ihnen diese Eckdaten zur Vorbereitung des Interviews ausreichen dürften. Ich werde am 20. Dezember für 6 Wochen nach Israel reisen. Wir sollten uns also bald möglich zu dem Gespräch treffen, damit ich Ihnen bei der Überarbeitung des Interviews noch für Fragen zur Verfügung stehen kann.

Ich freue mich, Sie bald persönlich kennenzulernen.

Herzliche Grüße,

Ihre Gertrude

Jede Gesellschaft ist im Namen der Menschlichkeit verpflichtet

Urplötzlich ist es eiskalt. Nicht nur weil Herbst ist – auch im deutschen Miteinander. Was seit einem Jahr, seit der Aufdeckung der Morde durch die NSU, an die Oberfläche unserer vermeintlich so toleranten und offenen Gesellschaft gespült wird, ist mehr als erschreckend. Es zeigt ganz deutlich: Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind nicht nur ein Problem von extremistischen Randgruppen. Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind allgegenwärtig und werden sogar von staatlichen Organen protegiert.

Dabei wird am Beispiel der NSU ziemlich deutlich, was ein Verbot bewirkt: Solche Vereinigungen können sogar fast noch besser aus dem Untergrund heraus unbehelligt tätig sein. Deshalb halte ich ein Verbot der NPD* für unsinnig. Man drängt die NPD-Anhänger* damit doch nur in eine Märtyrer-Rolle und macht sie erst recht attraktiv für andere dumpfe Nationalisten. Der Staat muss Mitglieder aus dieser Partei mit den Mitteln des Rechtsstaats in den Griff kriegen, dass heißt nichts anderes, als das Strafrecht voll und ganz auszunutzen. Und der Öffentlichkeit damit immer wieder vorführen, wie dumm und gefährlich diese Leute sind. Und dass sie selbst die Kriminellen sind, für die sie auf ihren Plakaten härtere Strafen fordern.

Sicherlich ist Rassismus und die Ablehnung alles vermeintlich Fremden kein deutsches Problem. Aber in Deutschland hat er eine besonders schreckliche Geschichte. Die auf gar keinen Fall in Vergessenheit geraten darf – auch wenn der größte Teil der Täter und der Opfer nicht mehr leben. Jede Gesellschaft ist im Namen der Menschlichkeit verpflichtet, sich gegen rassistische, antisemitische und fremdenfeindliche Tendenzen in ihrer Mitte vehement zu wehren.

Ich bin gespannt, wie die aktuelle Lage in Europa und in Deutschland von der israelischen Öffentlichkeit gesehen wird. Ich fliege ja Ende Dezember nach Tel Aviv. Leider bekomme ich hier in Deutschland viel zu wenig mit, wie das Thema in meiner zweiten Heimat diskutiert wird. Das liegt in der Natur der Medienwelt: In den Nachrichten wird ja nur etwas berichtet, wenn es von weltpolitischer Bedeutung scheint. So beschäftigen sich die deutschen Medien vorzugsweise mit Israel dann, wenn es um politische Konflikte im Nahen Osten oder um Anschläge und extremistische Gruppen in Israel und Gaza geht. Aber ich will nicht überkritisch sein: In Deutschland wird schon relativ viel über das politische Geschehen in der Welt berichtet. Wenn man sich die Berichterstattung in den USA ansieht, fällt es umso mehr auf: In den Vereinigten Staaten wird fast ausschließlich über Themen berichtet, die die USA betreffen. Ich habe ja selbst als Journalistin fast 16 Jahre für amerikanische Zeitungen gearbeitet. Über Themen, die außerhalb des us-amerikanischen Blickwinkels gelegen haben, konnte ich kaum schreiben – sie haben sich einfach nicht verkauft auf dem amerikanischen Nachrichtenmarkt.

Es ist wirklich kalt geworden. Vor einer Woche war es noch fast sommerlich. Damit geht das Kapitel Sommer tatsächlich zu Ende.

* 2012 heißt die AFD noch NPD. Anderer Name, gleiche Gesinnung.

Vor allem für mich, die ich wieder hier lebe

Ich fühle mich nicht mehr wohl in Europa. Damit meine ich weniger die Diskussion um Krise und Euro. Mein ungutes Gefühl betrifft mehr die Entwicklung unserer Gesellschaft, die sicherlich nicht ganz von der wirtschaftlichen Entwicklung zu entkoppeln ist. Die Tendenz, dass rechtes Gedankengut wieder Zugang findet bei der Bevölkerung, ist nicht nur in Deutschland zu beobachten, aber gerade hier ist es ein besonders sensibles Thema. Vor allem für mich, die ich wieder hier lebe.

Nun ist es natürlich so, dass Themen rund um Rassismus, Rechtsextremismus, Antisemitismus oder Islam-Feindlichkeit gerade Saison in den Medien haben und deshalb so augenfällig sind. Medien haben einen großen Einfluss darauf, wie wir die Dinge sehen und beurteilen. Als Journalistin ist mir bestens bekannt, welche Macht Wort und Bild haben. Schlagzeilen zu NSU, die Nähe des Verfassungsschutzes zu rechtsextremistischen Gruppen oder der Mohammed-Schmähfilm sind natürlich allgegenwärtig. Hier werden extreme Beispiele hervorgehoben, während die leiseren Töne fast kaum als tendenziell rechte Denkweisen wahrgenommen werden. Aber genau das ist es, was mir wirklich Sorge bereitet.

Menschenverachtende und vorurteilsbeladene Ansichten werden wieder salonfähig. Schön verpackt mit wohl gewählten Worten von Leuten, von denen man solche Gedanken nicht erwarten würde. Von Verfechtern der europäischen Idee zum Beispiel. Wenn der ehemalige französische Staatspräsident davon spricht, dass „kriminelle Energie“ anhand des Erbgutes eines Menschen erkannt werden kann und wenn die deutsche Bundeskanzlerin davon spricht, dass Südeuropäer wie z.B. die Griechen zu wenig arbeiteten (durch die Blume gesagt: faul seien), dann ist das mehr als bedenklich. Auch wenn es den benannten Personen in erster Linie um Stimmenfang gehen mag. Die Annahme, dass große Teile der Bevölkerung dieses Gedankengut teilt, bedeutet auch: Es ist nur ein kleiner Schritt, bis es wieder en vogue ist, dumpfe und unreflektierte Sprüche über alle, die „anders“ sind, reissen zu dürfen. Und es gibt wieder eine Akzeptanz dafür, ganz offen diskriminierende Meinungen kund zu tun und sogar Zustimmung dafür zu bekommen. Und zwar nicht nur von NPD-Mitgliedern*, von denen man so etwas ja erwartet, sondern von einer breiten Öffentlichkeit. Das ist wirklich schlimm.

Wir können uns gar nicht laut und oft genug gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Rechtspopulismus aussprechen. Deswegen habe ich mich gefreut, als Peter mich vor Kurzem gefragt hat, ob ich einer jungen Journalistin ein Interview geben will. Emma, so heißt die Dame, macht einen sehr patenten Eindruck auf mich. Wir haben nur kurz telefoniert, aber sie hat eine klare Vorstellung davon, was sie mit ihrer Reportage vermitteln will. Ich bin mehr als bereit dazu, ihr meine Geschichte zu erzählen. Auch wenn meine Geschichte keine neue Geschichte ist und wir diese schon tausende Male erzählt und gehört haben. Die Geschichte von Verfolgung und Vernichtung, die Geschichte des Holocausts geht uns alle an. Gerade heute ist es wieder sehr wichtig, die Erinnerungen an eine andere Zeit ins kollektive Gedächtnis zu rufen – auch wenn die Zeitzeugen langsam alle wegsterben.

* 2012 gab es die AFD noch nicht. Man kann auch sagen, sie hieß damals NPD. Aber eigentlich ist es auch ganz gleich, wie diese braune Suppe sich nennt, es eint sie ihr Gedankengut und die üblen Taten.