Habt ihr schon ein Demo, dass ich weitergeben kann?

Hey, war das mal ein cooler Konzertabend. Bin ja mehr schlecht als recht gelaunt im Antje Öklesund angekommen und hab mir nicht mehr viel vom Abend versprochen. Aber The Grand Coulee, Der Elegante Rest und Peer haben meinen Ärger echt weg gerockt. Dabei hat der Abend erst ganz gut angefangen. Lisa hat zu ihren Geburtstagsessen eingeladen und ich hatte richtig Lust auf so einen gediegenen Einstieg in den Abend.

Als ich angekommen bin, war da allerdings schon diese Freundin von Lisa da. Ich weiß echt nicht mehr, was ich gut an der gefunden habe. Eigentlich steh ich ja nicht auf dunkelhaarig, groß und dünn. Aber gut, war wahrscheinlich so ein hormonbedingter Ausfall meinerseits. Naja, außer „Hallo“ haben wir nix geredet, hab dann zum Glück bei Vince und Patrice gesessen. Später allerdings hab ich die mit Josh gesehen.

Ich bin auf den Balkon um eine zu rauchen, war ein schön kalter Abend da draußen. Als ich zurück bin, wollt ich noch auf Toilette, hab aber die Tür verwechselt und stand dann im Arbeitszimmer von Lisas Vater. Und da war nicht nur ich. Sevtap und Josh haben da auf dieser echt großen Ledercouch ziemlich nah beieinander gesessen. Ob die Händchen gehalten haben, konnte ich nicht sehen, aber dass die da ziemlich flirty unterwegs gewesen sind, hätte ich sogar bemerkt, wenn es stockdunkel gewesen wäre. Na, die haben sich wohl erschrocken als ich da in der Tür stand, Sevtap ist dann sofort aufgestanden und war ganz rot im Gesicht. Sie hat sich wortlos an mir vorbeigedrückt und ist zurück in den Salon.

Josh kam dann später noch kurz zu mir und hat sich entschuldigt, dass er auf meine E-Mail noch nicht geantwortet hat. Er meinte, dass er seinen Kumpel auf jeden Fall fragen will und ob er vielleicht ein Demo haben könnte. Dann hat er mich noch darum gebeten, Emma und Lisa nichts zu sagen, wäre ja nichts gewesen, aber man sollte hier keine unnötigen Szenen provozieren und so weiter. Wenn ich ihn und die blöde Kuh nicht zufällig in dem Zimmer erwischt hätte, hätte der mir niemals eine Antwort auf meine E-Mail gegeben. Was für ein arroganter Schnösel, der Typ. Ich versteh echt nicht, wie eine so liebe Frau wie die Emma mit dem zusammen sein kann. Naja, muss sie selbst wissen. Hauptsache es kommt jetzt was in Bewegung mit dem Produzenten.

Warum kommt deine Mutter nicht zum Geburtstagsessen?

Es sind noch drei Minuten bis Mitternacht, die Gäste haben sich schon alle verabschiedet und ich sitze an meinem Schreibtisch und schaue durch das Fenster auf das verschneite Dach gegenüber. Vincent wäscht noch ab, ich höre ihn in der Küche pfeifen, und das macht mich glücklich. Er hat mir sehr gefehlt in den Wochen, in denen er nicht hier gewesen ist.

Der Abend war wunderschön. Patrice hat gekocht, es gab geröstetes Maronenpüree mit selbstgebeiztem Wildlachs, Hühnchen in der Lavendel-Salzkruste und zum Abschluss Mousse au Chocolat. Ich kenne außer Vince niemanden, der genauso so vernarrt in dieses französische Schokoladenzeug ist wie ich. Und die Mousse von Patrice ist so unglaublich gut, man könnte fast meinen, sie sei nicht von Menschenhand gemacht. Alles in allem war es das beste Geburtstagsessen, dass ich je hatte (aber das sage ich jedes Jahr). Mein Bruder ist einfach ein Kochgott.

Das Essen schmeckt mir wahrscheinlich noch mal so gut, weil meine ganzen liebsten Menschen mit gegessen haben: Vince, Papa, Emma und Patrice, Josh und Jenna, Sevtap und Peter. Also fast alle – alle außer meiner Mutter. Vincent hat mich zwar gefragt, ob ich es in diesem Jahr nicht mal versuchen wolle. Aber ich kann mich nicht überwinden. Ich weiß ja, dass es albern ist, aber ich kann nicht anders. Sie ist schließlich erwachsen und wird oft genug mit Gelegenheiten konfrontiert, in denen Alkohol getrunken wird. Wenn sie saufen will, dann tut sie das. Dass Mama seit 2006 trocken ist und keinen Tropfen mehr anrührt, beruhigt mich nicht. Meine Angst sitzt zu tief, die Erinnerungen an die Zeit, in der sie betrunken und lallend in unserer Wohnung herumgelegen hat, sind immer noch zu stark. Mama versteht das zum Glück. Ich bin sehr gerne mit ihr zusammen. Seitdem sie wieder gesund ist, verstehen wir uns richtig gut und wir reden und lachen viel. Aber ich mag nicht mit ihr sein, wenn wir irgendwo sind, wo Alkohol getrunken wird.

Papa hat mich heute zum ersten Mal gefragt, ob ich Marlene eingeladen habe. Ich habe gesagt, dass sie verhindert sei, krank oder so. Er hat dann nicht weiter gefragt, aber es hat mich schon verwundert: Er hat mich das noch nie gefragt. Er weiß noch immer nichts von Mamas Alkoholproblem. Ich war 5 Jahre alt, als sie sich getrennt haben und Papa war dann nicht mehr bei uns zu Hause. Mama und er haben sich zwar regelmäßig gesehen, aber Mama ist eine gute Schauspielerin und hat sich stets zusammen gerissen. Und ich habe nichts gesagt. Ich wusste einfach nicht, was ich hätte sagen sollen. Ich wusste ja irgendwann auch, dass Papa noch eine andere Familie hat und spätestens dann habe ich mich nicht mehr getraut. Als er mich heute nach Marlene gefragt hat, hat sich das schon seltsam angefühlt. Vielleicht ist es aber gar nicht so komisch? Vielleicht habe ich mit meinen Fragen etwas in ihm ausgelöst. Auch wenn ich von ihm noch keine Antworten darauf bekommen habe.

Betreff: Die Platten sind super!

An: Hans <hans@life-minutes.de>
Von: Josh <josh@life-minutes.de>
Datum: 27. November 2012 20:02:23 MESZ

Hans,

Thank you so much for the albums. Ich habe es zwischen Tür und Angel (I really like this German expression) tatsächlich geschafft, in alle drei Platten reinzuhören. Ich wusste gar nicht, dass du solche Pop-Perlen in deiner Sammlung hast – du hörst ja sonst sehr viel klassische Musik. Jedenfalls ist mir beim Hören wieder aufgefallen, wie schön es ist, Musik von einer Platte zu hören. Das klingt irgendwie roher, nicht so überproduziert wie der ganze digitale Kram.

Wenn es ok für dich ist, komme ich die Tage vorbei und bringe die Platten zurück. Wäre super, wenn ich noch mal einen Blick auf deine Musiksammlung werfen dürfte, da sind bestimmt noch andere Schmuckstücke dabei. Ich weiß leider noch nicht, wann ich es schaffen werde, ich hoffe aber spätestens zu Lisas Geburtstagsessen. Da bin ich auf jeden Fall in Berlin und du weißt ja, dass ich auf gar keinen Fall auf die Tartes von Patrice verzichten kann … By the way, hast du einen Tipp, was ich Lisa schenken kann? Emma hat schon ein Geschenk und sie meinte Fachbücher für Lisas Studium wären gut. Ich würde ihr aber lieber etwas weniger Vernünftiges schenken – you know what I mean, do you?

Ich fliege morgen ziemlich früh nach Brüssel, du kannst mir aber jederzeit eine E-Mail schicken. The web is everywhere!

All the best,
Josh

Betreff: Ich denke an Dich!

An: Vincent <vincent@life-minutes.de>
Von: Lisa <lisa@life-minutes.de>
Datum: 08. November 2012 10:46:23 MESZ

Mein Mann in der Ferne,

ich habe Sehnsucht nach dir und wünschte, du wärest hier. Aber ich weiß, dass du jetzt zu Hause gebraucht wirst. Wie geht es deinem Vater heute? Und wie geht es deiner Mutter? Und dir?

Ich habe gestern Abend, als ich am Alexanderplatz auf die U2 gewartet habe, eine junge Frau gesehen, die bitterlich geweint hat. Sie hielt sich ein Taschentuch vor den Mund, das schon ganz nass von ihren Tränen gewesen ist. Ich hätte sie gerne gefragt, ob ich ihr helfen kann. Aber ich habe mich nicht getraut, sie anzusprechen.

Als ich dann schließlich in der U-Bahn saß, stellte ich mir vor, dass ich sie doch angesprochen habe. Ich habe ihr angeboten, dass sie mir ihren Kummer erzählen kann und ihr gesagt, dass es bestimmt leichter ist für sie, mir ihr Herz auszuschütten, weil ich ja doch eine Fremde für sie bin. Wir sind gemeinsam in ein Café gegangen und ich habe ihr einen Kakao spendiert und sie hat sich mir anvertraut. Worum es gegangen ist, dass weiß ich nicht mehr, allerdings waren ihre Tränen nach einer Stunde versiegt und sie fühlte sich besser. Da habe ich plötzlich gemerkt, dass ich meine Haltestelle verpasst habe. Ich Tagträumerin. Du lachst jetzt bestimmt. Gut so! Lachen hilft.

So schade, dass du nicht hier bist. Morgen gibt’s eine Geburtstagsdoppelparty von Emma und Josh, wird bestimmt exklusiv mit viel Prunk drumherum, so wie ich Josh kenne. Ist eine Überraschung für Emma, sie weiß noch von nichts. Wir werden dich vermissen – vor allem ich!

Ich liebe Dich!

Ta chérie

Betreff: Fwd: Just a quick question // Emmas Geburtstag

An: Lisa <lisa@life-minutes.de>
Von: Patrice <patrice@life-minutes.de>
Datum: 07. November 2012 23:23:23 MESZ

Lisa,

ich bin gerade fertig mit der Arbeit und schreib dir kurz eine E-Mail, weil es schon spät ist. Emma hat ja übermorgen Geburtstag und Josh will eine Überraschungsfeier schmeißen. Kurz vor knapp ist ihm wohl noch eingefallen, dass er mit Emma Bett und Tisch teilt. Und jetzt fragt er mich, ob ich Emma unter einem Vorwand weglocken kann.

Normalerweise würde ich das liebend gerne übernehmen, allerdings muss ich morgen Abend wieder bis spät arbeiten (wir haben eine große Reservierung mit 45 Personen) und am Freitag muss ich auch schon um 11:00 Uhr wieder im Restaurant auf der Matte stehen. Ich komme auch erst später zu der Party. Also Frage ich dich: Kannst du das übernehmen? Vincent ist ja gerade nicht da, vielleicht kannst du Emma vorschlagen, dass ihr einen schwesterlichen Geburtstagstag verbringt am Freitag. Dann könntest du ihr auch anbieten, dass sie bei dir übernachtet – weil du ihr ein Frühstück machen willst.

Ich glaube, das ist ein guter Plan. Für Emma muss man sich immer eine besonders hieb- und stichfeste Geschichte ausdenken, sie merkt immer ziemlich schnell, wenn man ihr was vorflunkert. In diesem Fall handelt es sich sowieso um eine weiße Lüge, da kann Emma also gar nicht böse sein, falls es auffliegen sollte. Und ihr zwei habt einen schönen Tag, bevor die Feier losgeht.

Passt es so für dich? Ich hoffe, ich durchkreuze deine Pläne nicht zu sehr mit meiner Anfrage. Aber es wäre wirklich famos, wenn du den „Emma-Ablenkpart“ übernehmen könntest. Ich kümmere mich auch um das Geschenk – versprochen!

Schlaf gut!

Dein Patrice

P.S. Ich merke schon, dass ich ziemlich vorsichtig bin. Das liegt wahrscheinlich gerade daran, dass die Situation zwischen Emma, Jenna und mir etwas angespannt ist. Du hast ja mitbekommen, dass Emma uns zusammen gesehen hat, bevor wir es sagen konnten. Zählt das eigentlich nicht als „weiße Lüge“? Was meinst du? Ach, wahrscheinlich nicht, wir haben ja nicht gelogen, sondern geschwiegen.

P.S.S. Obwohl Schweigen auch Lüge sein kann. Ach Gott, jetzt komme ich ins Philosophieren. Es war ein anstrengender Tag heute, da bin ich immer etwas überdreht am Abend. Aber das kennst du ja, mein Schwesterchen. Gute Nacht jetzt ohne weiteres P.S.