Bei der Wahl der Vornamen ging also Klang vor Schönheit?

Könnte man so sagen. Mein Vater wollte für uns unbedingt französische Vornamen. Meine Schwestern heißen Françoise, Geneviève und Hélène und mein älterer Bruder Thierry. Sicher, die Namen klingen schon französisch. Dabei haben sie sich allesamt aus Namen in anderen Sprachen entwickelt . { lacht }. Mein Name kommt zum Beispiel von dem lateinischen Vincentius und bedeutet Der Siegreiche. Thierry stammt von dem altfränkischen thiuda, was kurz und knapp für Der Reiche und Mächtige im Volke steht. Hélène wiederum leitet sich von der griechischen Fruchtbarkeitsgöttin Ἑλένη (Helénē) ab und bedeutet die Sonnenhafte, die Strahlende, die Schöne. Meine Schwester ist in der Tat sehr hübsch und hat auch schon drei Kinder. { lacht }. Ob ich aber so siegreich bin, kann ich gar nicht sagen. Ich bin nicht unzufrieden mit dem, was ich bislang erreicht habe, aber siegreich ist doch noch etwas anderes. Und mein Bruder ist weder reich noch mächtig, haha. Euh, jetzt bin ich vom Thema abgekommen. Wo war ich noch mal? { unterbricht sich }. Ach ja, die Namensherkunft. Was ich sagen will: Wir suchen unsere kulturelle Identität in unseren Namen, was ja auch naheliegend ist. Und dennoch zeigen uns gerade unsere Namen, dass unsere Kulturen sich in einer ständigen Weiterentwicklung befinden und nicht so losgelöst voneinander existieren, wie einige Menschen das gerne glauben möchten. Heute sind wir Franzosen und Deutsche, morgen sind wir Europäer, gestern waren wir Gallier und Germanen und davor viele andere Völker.

Hat dein Vater auch einen französischen Vornamen?

Naja, ich habe ja schon erzählt, dass die Eltern meines Vaters aus Algerien nach Frankreich gegangen sind, als mein Vater 10 Jahre alt gewesen ist. Kaum angekommen, hat er ziemlich schnell einen großen Ehrgeiz entwickelt, besser französisch zu sprechen als seine Klassenkameraden. Er hat das Gefühl gehabt, dass er nur dann mit Respekt behandelt wird, wenn er besser als die anderen und vor allem akzentfrei spricht. Dann hat er die französische Staatsbürgerschaft angenommen, eine Französin geheiratet und ihren Namen angenommen, was eher ungewöhnlich ist in Frankreich. Schließlich er hat fünf französische Kinder gezeugt. { lacht }. Leider hat er nie Arabisch mit uns gesprochen, was ich wirklich bedauerlich finde. Aber seinen arabischen Vornamen – er heißt Rabah –den konnte mein Vater nie ablegen. Ich glaube aber, dass er es getan hätte, wenn er die Möglichkeit dazu gehabt hätte.

Du klingst so, als ob du froh darüber bist, dass er das nicht tun konnte?

Ja, ehrlich gesagt, bin ich sehr froh darüber. Mein Vater ist ein großartiger Mensch, aber ich habe nie verstanden, warum er seine algerischen Wurzeln so komplett ausreissen wollte. Zum Glück musste er seinen schönen Vornamen behalten. Rabah heißt Gewinner. Allerdings mag ich die Bedeutung im Afghanischen lieber: Geschichtenerzähler. Mein Vater ist in der Tat ein großer Geschichtenerzähler, ich kenne niemanden, der so mitreißend erzählen kann wie er. Vielleicht ist das ja sogar eine Eigenschaft, die man dem arabischen Kulturkreis zuschreiben kann – Geschichten erzählen. Wie in Tausend und eine Nacht. { denkt nach }. Da passt der Name wieder zu dem Menschen. Ob er will oder nicht { lacht }.

Du hast also Glück gehabt, dass bei dir alles einfacher war?

Ja und Nein. Einfacher war es insofern, weil meine Eltern schon fast zwanzig Jahre in Deutschland waren, als ich geboren wurde. Sie hatten sich da schon etwas aufgebaut, sie konnten sich eine 5-Zimmer-Wohnung kaufen. Mein Vater hat sein eigenes Geschäft, einen Feinkostladen mit türkischen und arabischen Spezialitäten, Ende der 70er eröffnet. Der Laden lief von Anfang an gut und geniesst heute so etwas wie Kultstatus. Jedenfalls haben sie mir alles möglich machen können, was bei meinen Brüdern noch viel schwieriger gewesen ist. Heute sind sie jedoch zurecht stolz darauf, dass Cem als Arzt seine eigene Praxis hat, dass Ömer den Laden mit ihnen schmeisst und ich Psychologie studiere.

Und was war für dich schwieriger als für andere?

Naja . { lacht }. Ich bin ein Mädchen. Eine Frau. Meine Eltern sind schon liberal, sie haben auch nie viel Wert darauf gelegt, besonders muslimisch zu leben. Allerdings ist die Familie meiner Tante ziemlich konservativ. Die Schwester meiner Mutter hat meine Eltern damals in Berlin besucht und einen damaligen Kollegen von meinem Vater kennengelernt. Sie haben dann ziemlich schnell geheiratet. Meine Tante ist Hausfrau und Mutter und kann nicht verstehen, warum ich studiere. Es gab immer viele Streitgespräche zwischen meinen Eltern und meiner Tante und ihrem Mann, was die richtige Erziehung für mich sei. Als ich 2005 für vier Jahre nach Istanbul gegangen bin und dort in einem Frauenhaus gearbeitet habe, kam es fast zu einem Bruch zwischen unseren Familien. Mein Cousin hat mich sogar als Hure beschimpft, die nicht nur wie eine Schlampe herumlaufe, sondern auch noch Frauen gegen ihre Männer aufhetze. Seitdem spreche ich nicht mehr mit ihm. Aber ich will auf gar keinen Fall der Grund sein, warum meine Mutter und ihre Schwester nicht mehr miteinander reden. Sie lieben sich trotz ihrer unterschiedlichen Ansichten. Zum Glück hat sich die Diskussion um meine Person in den letzten Jahren ein wenig beruhigt. { seufzt }.

Hast du auch Ablehnung durch Deutsche erfahren?

Klar. Ich werde zum Beispiel immer wieder gefragt, wo ich herkomme oder welche Nationalität ich habe. Dass ich dunkle Haare und braune Augen habe, zählt bei der Beurteilung meiner Person wohl mehr als mein akzentfreies Deutsch. Obwohl – ick kann och Berliniern, wa. { lacht }. Naja, ich habe mich schon damit abgefunden, dass ich die Exotin bin. Das ist vielleicht nicht direkt eine Ablehnung meiner Person, aber mich nervt es schon. Manchmal mache ich mir einen Spaß und wechsele nach so einer Frage unvermittelt in Lan. { imitiert sich selbst }. Ey, weissu isch bin voll Deutsch, Mann, ey, isch spresche voll hoch Deutsch, Alda. { lacht }. Aber ich habe auch schon gehört, dass ich in mein Land zurück gehen soll. Einmal, da war ich noch jünger, da hab ich einer Tussi eine Ohrfeige dafür verpasst. Die hat mich dann wegen Körperverletzung angezeigt. Das habe ich nicht auf mir sitzen lassen und ich habe eine Gegenanzeige wegen rassistischer Beleidigung aufgegeben. Die hat ihre Anzeige daraufhin zurückgezogen.

Warum kommt deine Mutter nicht zum Geburtstagsessen?

Es sind noch drei Minuten bis Mitternacht, die Gäste haben sich schon alle verabschiedet und ich sitze an meinem Schreibtisch und schaue durch das Fenster auf das verschneite Dach gegenüber. Vincent wäscht noch ab, ich höre ihn in der Küche pfeifen, und das macht mich glücklich. Er hat mir sehr gefehlt in den Wochen, in denen er nicht hier gewesen ist.

Der Abend war wunderschön. Patrice hat gekocht, es gab geröstetes Maronenpüree mit selbstgebeiztem Wildlachs, Hühnchen in der Lavendel-Salzkruste und zum Abschluss Mousse au Chocolat. Ich kenne außer Vince niemanden, der genauso so vernarrt in dieses französische Schokoladenzeug ist wie ich. Und die Mousse von Patrice ist so unglaublich gut, man könnte fast meinen, sie sei nicht von Menschenhand gemacht. Alles in allem war es das beste Geburtstagsessen, dass ich je hatte (aber das sage ich jedes Jahr). Mein Bruder ist einfach ein Kochgott.

Das Essen schmeckt mir wahrscheinlich noch mal so gut, weil meine ganzen liebsten Menschen mit gegessen haben: Vince, Papa, Emma und Patrice, Josh und Jenna, Sevtap und Peter. Also fast alle – alle außer meiner Mutter. Vincent hat mich zwar gefragt, ob ich es in diesem Jahr nicht mal versuchen wolle. Aber ich kann mich nicht überwinden. Ich weiß ja, dass es albern ist, aber ich kann nicht anders. Sie ist schließlich erwachsen und wird oft genug mit Gelegenheiten konfrontiert, in denen Alkohol getrunken wird. Wenn sie saufen will, dann tut sie das. Dass Mama seit 2006 trocken ist und keinen Tropfen mehr anrührt, beruhigt mich nicht. Meine Angst sitzt zu tief, die Erinnerungen an die Zeit, in der sie betrunken und lallend in unserer Wohnung herumgelegen hat, sind immer noch zu stark. Mama versteht das zum Glück. Ich bin sehr gerne mit ihr zusammen. Seitdem sie wieder gesund ist, verstehen wir uns richtig gut und wir reden und lachen viel. Aber ich mag nicht mit ihr sein, wenn wir irgendwo sind, wo Alkohol getrunken wird.

Papa hat mich heute zum ersten Mal gefragt, ob ich Marlene eingeladen habe. Ich habe gesagt, dass sie verhindert sei, krank oder so. Er hat dann nicht weiter gefragt, aber es hat mich schon verwundert: Er hat mich das noch nie gefragt. Er weiß noch immer nichts von Mamas Alkoholproblem. Ich war 5 Jahre alt, als sie sich getrennt haben und Papa war dann nicht mehr bei uns zu Hause. Mama und er haben sich zwar regelmäßig gesehen, aber Mama ist eine gute Schauspielerin und hat sich stets zusammen gerissen. Und ich habe nichts gesagt. Ich wusste einfach nicht, was ich hätte sagen sollen. Ich wusste ja irgendwann auch, dass Papa noch eine andere Familie hat und spätestens dann habe ich mich nicht mehr getraut. Als er mich heute nach Marlene gefragt hat, hat sich das schon seltsam angefühlt. Vielleicht ist es aber gar nicht so komisch? Vielleicht habe ich mit meinen Fragen etwas in ihm ausgelöst. Auch wenn ich von ihm noch keine Antworten darauf bekommen habe.

Noeliniz kutlu olsun

Ich werde immer wieder gefragt, ob ich an Heiligabend nicht traurig bin, weil doch überall gefeiert wird, nur bei euch nicht. Dann werde ich mitleidig angeschaut, als würde ich an einer schweren Krankheit leiden.
Manchmal habe ich wirklich das Gefühl, dass die Leute in christlichen geprägten Kulturen glauben, die anderen (also Muslime, Juden, Hindus, Buddhisten …) hätten überhaupt keinen Spaß im Leben, weil sie ohne Weihnachten und Ostern, ohne Alkohol oder mit Kopftuch, ohne Jesus oder mit Vielgötterei leben müssen. Findet ihr allen Ernstes, dass christliche Kirchen für Spaß oder irdische Freuden stehen? Echt jetzt?

Aber um auf Weihnachten zurückzukommen: Den Spaß am Fest machen sowieso die heidnischen Einflüsse aus. Und die haben wir Immigranten ja teilweise auch übernommen. Zumindest meine Eltern. Wir feiern jedes Jahr weinnachten. Wir haben zwar keine Krippe im Wohnzimmer aufgebaut und mein Vater liest auch nicht die Geschichte der Geburt Jesu aus der Bibel vor. Aber wir haben einen geschmückten Baum und beschenken uns gegenseitig reichlich und es gibt ein festliches Essen.

Selbst wenn Weihnachten bei uns nicht gefeiert werden würde, wie bei der Familie meiner Tante, wäre es kein Weltuntergang*. Letztendlich geht es doch darum, dass die Familie zusammenkommt und einen schönen Abend miteinander hat. Ob das nun am 24. Dezember ist oder an einem anderen Tag im Jahr – das finde ich relativ egal.

Auch ein Weihnachtsmann kann sich schämen

* Vielleicht erleben wir dieses Jahr Weihnachten auch gar nicht mehr. Am 21. Dezember 2012 soll die Welt (mal wieder) untergehen.

    Hast du Antworten auf meine Fragen, Papa?

    Morgen wird meine Jüngste wieder ein Jahr älter. Die Zeit vergeht wie im Flug. Ich bin gespannt, wie das Essen wird. Patrice kocht, Emma hat alle eingeladen. Alle, außer Marlene. Wenn ich es genau betrachte, ist es nicht fair. Ich bin immer mit von der Partie bei dem Geburtstagsessen, das Lisa so wichtig ist. Ihre Mutter hingegen nicht.

    Seltsamerweise habe ich nicht das Gefühl, dass es an meiner oder Emmas Anwesenheit liegt, dass Marlene nie eingeladen ist. Ich habe eher das Gefühl, dass Lisa ihre Mutter nicht dabei haben will. Ich kann nicht genau sagen, warum mich dieses Gefühl beschleicht, ich habe auch weder Lisa noch Marlene je dazu befragt. Patrice kennt Marlene auch, aber er hält sich zurück und hat niemals etwas dazu gesagt, obwohl er sonst in Familienangelegenheiten so engagiert und auf Harmonie bedacht ist.

    Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, ein paar Dinge auf den Tisch zu bringen. Lisa hat den Stein schon ins Rollen gebracht. Und Patrice hat mir einen wunderbaren Rat gegeben, nur bin ich mir nicht sicher, ob Lisa das genügen wird. Wenn ich meine Geschichte als Theaterstück inszeniere – natürlich nicht exakt so, wie sie sich zugetragen hat, ein Theaterstück kann die Wirklichkeit niemals ganz abbilden (ganz zu schweigen davon, dass ich mich vor einem derartigen Seelenstrip scheue) – wenn ich also die Ereignisse in ein Drama schreibe, vielleicht hilft es mir dann, mich meinen Kindern gegenüber mehr zu öffnen. Vor allem Lisa und Emma gegenüber, die noch mehr mit diesem Dreiecksverhältnis verwoben sind als Patrice.

    Patrice. Mit Patrice verbindet mich ein stark freundschaftliches Band. Für mich ist er ein wichtiger Ratgeber in vielen persönlichen Angelegenheiten. Ich habe ihn nie gewickelt, ich musste ihm die Flasche nicht mehr geben. Als ich ihn kennen gelernt habe, war er zwar noch ein Kind, aber auch schon ein Erwachsener. Mit der Adoption damals wollte ich ihm eine Chance und Schutz geben, aber es ging weniger um die Fürsorge eines kleinen Kindes. Deshalb gehen wir bis heute eher wie zwei Freunde miteinander um, und nicht wie Vater und Sohn.

    Betreff: Familiengeschichten

    An: Patrice <patrice@life-minutes.de>
    Von: Hans <hans@life-minutes.de>
    Datum: 13. November 2012 13:13:23 MESZ

    Lieber Patrice,

    kannst du deinem alten Vater helfen? Lisa hat mir eine Reihe von Fragen gestellt, von denen ich wußte, dass sie irgendwann einmal ausgesprochen werden. Einen Teil ihrer Fragen kann ich Lisa auch direkt beantworten: d´Diese Fragen beziehen sich nur auf mein junges Leben in Berlin. Aber einige ihrer Fragen gehen viel tiefer. Sie will genau wissen, wie es damals zwischen Elisabeth, Marlene und mir abgelaufen ist. Meine kluge Tochter hat ihre Fragen so formuliert, dass ich gezwungen bin, mich damit auseinander zu setzen: „Wie hast Du zwei Frauen gleichzeitig lieben können ohne ständig einen inneren Konflikt zu spüren?“

    Es mag dir jetzt wie ein Blitz aus heiterem Himmel vorkommen, dass ich dich so unvermittelt mit diesem Thema konfrontiere. Ich weiß, ich habe noch nie mit dir, Emma oder Lisa darüber gesprochen, wie es dazu kam und wie die Geschichte sich entwickelt hat. Ich schreibe dir, weil du in meinen Augen den meisten Abstand dazu hast. Das Verhältnis von Lisa zu Elisabeth war ja bis zum Tod von Elisabeth eher unterkühlt. Und Emma hat im Gegensatz zu dir Marlene nie kennenlernen wollen. Es ist in meinem Augen schon erstaunlich, dass Emma und Lisa sich so gut verstehen.

    Ich kann Lisa die Antwort auf ihre Frage nicht geben. Noch nicht. Vielleicht hältst du mich jetzt für einen Feigling, und ja, du hast recht damit. Ich habe Angst davor, Lisa zu verletzen. Oder Emma. Oder beide. Sicher – sie sind nicht ihre Mütter. Aber beiden lieben ihre Mütter. Mehr vielleicht, als ich selbst ihre Mütter geliebt habe. Deshalb meine Bitte an dich: Ich möchte Lisa vorschlagen, dass ich dir die Geschichte zuerst erzähle. Ich schreibe sie dir sogar auf. Bevor Lisa und Emma meine Aufzeichnungen lesen, möchte ich gerne, dass wir darüber sprechen. Ich konnte schon immer gut mit dir reden, mein Sohn. Sogar schon als wir dich mit 14 Jahren adoptiert haben und du noch kaum Deutsch und ich nur gebrochen Französisch gesprochen habe. Das ist das Besondere an dir: Du hörst anderen mit dem Herzen zu. Darf ich Lisa das vorschlagen?

    Dein ratloser Vater

    Betreff: Wie war das eigentlich in Berlin damals?

    An: Hans <hans@life-minutes.de>
    Von: Lisa <lisa@life-minutes.de>
    Datum: 08. November 2012 10:47:23 MESZ

    Hallo Papa,

    wie war Berlin eigentlich damals, als du hier angekommen bist? Vor 40 Jahren? Ich kann mir natürlich historische Dokumentationen dazu ansehen oder Bücher lesen, aber ich möchte gerne von dir hören, wie es gewesen ist. Wie die Stadt in deinen Augen ausgesehen hat. Wie es sich für dich im Westteil und im Ostteil der Stadt angefühlt hat. Und welche Leute du dies- und jenseits der Mauer getroffen hast und wie diese ihr Leben gemeistert haben.

    Du sprichst ja so selten von damals, was ich wirklich schade finde. Und was mich auch ein wenig verwundert. Als Theaterregisseur erzählst du doch sonst immer Geschichten. Aber wenn es um deine eigene geht, bist du ziemlich wortkarg. Dabei möchte ich noch nicht einmal im Detail wissen, wie es damals mit dir und Mama gelaufen ist. Obwohl, eigentlich wüsste ich das schon gerne. Wie war das mit Mama? Wie war es mit Elisabeth? Wie hast du zwei Frauen gleichzeitig lieben können ohne ständig einen inneren Konflikt zu spüren?

    Das sind jetzt natürlich noch ganz andere Fragen als die eingangs gestellten. Aber du siehst schon: Ich weiß nicht viel von dir als du jünger gewesen bist. Den Hans heute kenne ich gut und ich finde, dass du ein toller Papa bist. Gerade deswegen möchte ich den jungen Mann kennenlernen, der ein Jahr nach dem Bau der Mauer von Bern nach West-Berlin gegangen ist, um dort Theaterwissenschaften zu studieren. Ich möchte deine Beweggründe verstehen, warum du dann Anfang der 70er Jahre nach Ost-Berlin gegangen bist. Und ich möchte wissen, wie du jahrelang in zwei Familien leben konntest.

    Papa, wir werden jetzt wohl kaum über alles auf einmal sprechen können. Aber ich wollte schon mal vorfühlen, ob ich dich ganz offen nach deiner Geschichte fragen darf. Darf ich?

    Ich umarme dich!
    Deine Tochter

    P.S. Ja ja, ich weiß schon, du bezeichnest es lieber als Inszenierungen.
    P.S.S. Und ja, Deine Tochter studiert Psychologie, weil sie gerne viele Fragen stellt.

    Betreff: Ihre Anfrage zu einem Interview

    An: Emma <emma@life-minutes.de>
    Von: Gertrude <gertrude@life-minutes.de>
    Datum: 03. November 2012 14:42:23 MESZ

    Liebe Emma,

    ich habe mich über Ihren freundlichen Anruf letzte Woche gefreut und schicke Ihnen gerne meine biographischen Eckdaten zur Vorbereitung auf das anstehende Interview.

    Ich bin am 23. Februar 1941 als Tochter jüdischer Deutscher in Berlin geboren und wurde von meinen Eltern fast unmittelbar nach meiner Geburt bei einer deutschen Familie versteckt. Kurz nachdem sie mich verstecken konnten, wurden meine Eltern in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert und später im KZ Auschwitz-Birkenau umgebracht. Nach dem Ende der Nationalsozialistischen Herrschaft wurde ich von der Familie offiziell adoptiert, da meine Verwandten entweder in Konzentrationslagern von den Nazis umgebracht worden oder nach Israel und den USA ausgewandert waren.

    Ich bin in Berlin mit zwei Schwestern, die die leiblichen Kinder der Familie sind, aufgewachsen und habe zunächst eine Ausbildung zur Goldschmiedin gemacht. Nach der Ausbildung wollte ich unbedingt meine noch lebende Verwandtschaft kennenlernen. Also bin ich 1962 nach Israel gegangen, um den Wurzeln meiner Vergangenheit nachzuspüren und meine Verwandten aufzusuchen. Ich bin dann für ganze 15 Jahre in Israel geblieben und habe in Tel Aviv und Haifa gelebt. Ich habe in dieser Zeit Hebräisch gelernt, dann an der Universität in Tel Aviv Politikwissenschaften und Journalismus studiert und schließlich als Journalistin in Israel gearbeitet.

    1977 bin ich in die USA gegangen und habe mehrere Jahre in Boston und Philadelphia gelebt. In den Vereinigten Staaten habe ich als freie Journalistin für verschiedene Zeitungen und Fernsehsender gearbeitet. Ich bin erst 1993 nach Berlin zurückgekehrt und lebe seitdem – wie Sie bereits wissen – im Westteil der Stadt und zwar dort, wo ich auch aufgewachsen bin. Ich war tatsächlich von 1962 bis 1993 nicht einmal in Berlin oder Deutschland. Trotzdem habe ich per Brief und Telefon stets Kontakt zu meiner zweiten Familie in Berlin gehalten.

    Mein Adoptivvater ist bereits verstorben, meine Adoptivmutter lebt bei mir um die Ecke und wir sehen uns mindestens einmal wöchentlich. Meine eine Schwester, die Mutter von Peter, lebt in Frankfurt, meine andere Schwester ist leider schon früh bei einem Autounfall gestorben. Ich war nie verheiratet und habe auch keine Kinder.

    Ich denke, dass Ihnen diese Eckdaten zur Vorbereitung des Interviews ausreichen dürften. Ich werde am 20. Dezember für 6 Wochen nach Israel reisen. Wir sollten uns also bald möglich zu dem Gespräch treffen, damit ich Ihnen bei der Überarbeitung des Interviews noch für Fragen zur Verfügung stehen kann.

    Ich freue mich, Sie bald persönlich kennenzulernen.

    Herzliche Grüße,

    Ihre Gertrude

    Ich war absolut privilegiert

    Ich sollte vielleicht mal zum Arzt gehen und mich gründlich untersuchen lassen. Als Vincent erzählt hat, dass sein Vater im Krankenhaus liegt, ist es mir eiskalt in die Glieder gefahren. Vincents Vater ist sogar noch 10 Jahre jünger als ich und soll sehr sportlich sein. Im Gegensatz zu mir. Mir fällt nicht ein, wann ich das letzte Mal Sport getrieben habe. Ich fahre ja noch nicht einmal Fahrrad.

    Die Zeit vergeht einfach zu schnell. Ehe man es sich versieht, hat man nicht mehr genug davon übrig. Elisabeth hatte auf jeden Fall zu wenig Zeit. Als der Krebs bei ihr diagnostiziert wurde, war sie gerade mal 51 Jahre alt. Und 4 Jahre später, 2006, ist sie dann gestorben. Dabei war auch sie immer ein Mensch, der vor Energie nur so geleuchtet hat. Und dann diese grausame Krankheit.

    Als ich Elisabeth von Marlene erzählt habe, war sie ganz still. Sie hat mich mit ihren wasserblauen Augen angesehen, die immer dunkler wurden, je mehr ich erzählte. Diese Stille war mir unerträglich damals. Aber ich konnte ihr ja keinen Vorwurf machen: Schließlich war ich derjenige, der eine zweite Familie im Westen hatte, mit einer anderen Frau und einer anderen Tochter. Sicher, als ich Elisabeth davon erzählt habe, war ich mit Marlene schon nicht mehr zusammen.

    So feige war ich auch damals schon. Konnte es ihr erst sagen, als es mit Marlene vorbei war. Vielleicht habe ich ihr damals ihre gesundes, starkes Ich so geschwächt, dass der Krebs eindringen konnte. Ich weiß es nicht. Was ich aber ziemlich genau weiß, ist, dass ich sie sehr verletzt haben muss, weil ich ihr jahrelang etwas vorgespielt hatte. Ich konnte den Schmerz darüber, dass sie mein zweites Ich erst so spät erkannt hat, in ihren Augen sehen. Wir waren zu dem Zeitpunkt immerhin schon fast 20 Jahre ein Paar. Und ein glückliches dazu.

    Ich muss ungefähr eine Stunde ohne Unterbrechung geredet haben, bevor Elisabeth mir plötzlich eine Frage stellte, auf die ich nicht gefasst gewesen bin. Sie fragte mich ganz ruhig, ob es die Freiheit im Westen sei, die die Frauen anziehender mache. Darüber hatte ich mir niemals Gedanken gemacht. Schließlich habe ich freiwillig in der DDR gewohnt, ich war und bin ja immer noch Schweizer. Dementsprechend habe ich mich auch nie wirklich unfrei gefühlt. Ich konnte in den Westen reisen, so oft ich wollte, ich durfte hier wie dort Stücke inszenieren und hatte nie das Gefühl habt, dass es mir an etwas mangelte, weil ich in Ost-Berlin lebte. Ich war absolut privilegiert. Und das ist mir zum ersten Mal richtig bewusst geworden, als Elisabeth mir diese Frage gestellt hat, die eigentlich einen ganz anderen Bezug hatte. Ich habe mich geschämt. Ich habe mich so sehr geschämt wie noch nie zuvor in meinem Leben. Weil ich so ein arrogantes, ignorantes A***loch gewesen bin.

    Im Moment des Zusammenkommens beginnt die Trennung

    Leur séparation commence dès leur rencontre. Im Moment des Zusammenkommens beginnt die Trennung. Diese senegalesische Weisheit hat Patrice mal zitiert. Ich weiß nicht mehr, wann er mir das gesagt hat, aber ich habe oft an den Spruch denken müssen. Wie wahr er ist, dass merke ich gerade.

    Meine Mutter hat heute angerufen. Mein Vater liegt im Krankenhaus. Er hatte einen Zusammenbruch und liegt auf der Intensivstation. Die Ärzte wissen noch nicht, ob es ein Herzinfarkt ist. Oder etwas anderes mit dem Herzen. Oder vielleicht auch etwas ganz anderes. Komisch, dass es meinen Vater getroffen hat. Ihn, der immer sportlich gewesen ist, nie geraucht und nur mäßig getrunken hat. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass er jemals krank gewesen wäre. Noch nicht mal ein Schnupfen oder Kopfschmerzen. Er war immer stark, gesund und voller Tatendrang. Ich kann mir absolut nicht vorstellen, wie er da in einem sterilen Zimmer liegt, einen Tropf im Arm, sein Gesicht weiß wie die Zimmerwand und mit müden Augen. Das ist nicht er.

    Für meine Mutter ist es besonders schlimm. Sie hat sehr verzweifelt geklungen am Telefon. Und sie hat geweint. Als sie mir erzählt hat, dass mein Vater im Krankenhaus ist, ist mir etwas eingefallen. Ich glaube fast, dass meine Eltern seit dem Tag, an dem sie zusammen gekommen sind, keinen einzigen Tag getrennt gewesen sind. Und meine Eltern sind über 30 Jahren zusammen. Krass. Und dann habe ich an den Spruch denken müssen, den Patrice mir mal gesagt hat.

    In dem Moment, wo Du auf einen Menschen triffst, den Du liebst, in diesem Augenblick ist eigentlich schon klar, dass es irgendwann eine Trennung geben muss. Kein Anfang ohne Ende. Kein Leben ohne Tod. Wir denken natürlich nicht daran. Denn würden wir ständig daran denken, an das schreckliche Gefühl, das man hat, wenn man sich trennt oder getrennt wird. Wir würden ja keine Beziehung mehr eingehen oder Kinder bekommen wollen. Dann würde die Welt sehr einsam werden.

    Meine Mutter ist gerade alleine zu Hause. Sie darf nicht bei meinem Vater sein, heute zumindest nicht. Und das bricht ihr das Herz. Alleine sein und einsam sein, dass ist nicht unbedingt dasselbe. Wenn aber das Alleinsein unfreiwillig ist, dann ist die Einsamkeit da. Meine Mutter will auf gar keinen Fall ohne meinen Vater sein. Aber jetzt geht es nicht anders. Und sie fühlt sich furchtbar einsam. Es bricht mir das Herz, wenn ich an meine Mutter denke und fühle, wie sehr sie leidet. Ich sollte nach Frankreich fahren. Morgen.