Ich weiß nicht genau, wie ich das finden soll

Heute habe ich mit Gertrude telefoniert. Die Großtante von Peter ist zum Glück ganz anders als ihr Großneffe. Sie ist besonnen und hat einen klaren Blick auf das Weltgeschehen. Bei Peter bin ich mir da nicht ganz so sicher. Der ist eher ein In-den-Tag-Träumer. Aber besonders interessiert an Dingen, die außerhalb seines Einzugsbereichs liegen, scheint er nicht zu sein. Nun ja, immerhin hat er mich mit Gertrude bekannt gemacht. Vielleicht ist er doch gar nicht trottelig, wie ich immer denke.

Jedenfalls hat mich das Gespräch mit Gertrude enorm weitergebracht. Wenn das mit dem Interview klappt, dann habe ich genug Stoff für eine abendfüllende Reportage. Gertrude hat so viel erlebt, sie hat mehrmals Grenzen überschreiten müssen, um heute hier leben zu können. Das ist toll. Eine echt mutige Frau. Ich finde, dass ihre Geschichte unbedingt erzählt werden muss. Das ändert zwar die Richtung der Grundidee meiner Reportage – aber ich denke, Laurenz wird mir das Konzept aus den Händen reissen.

Ich sollte vielleicht Jenna fragen, ob sie an TV-Material aus Israel und den USA kommt. Sie hat einen Bekannten, der in einem sehr gut sortierten Archiv über zeitgenössische Dokumentationen arbeitet. Das wäre auf jeden Fall eine große Bereicherung für meine Stoffentwicklung.

Auf der Straße begegnen einem Überraschungen.

Allerdings sollte ich Jenna erst mal wegen der anderen Sache ansprechen. Ich war schon irritiert, als ich Jenna und Patrice zufällig auf der Straße getroffen habe und sie sich innig geküsst haben. Kein Wunder, dass mein Bruder, der sonst der Charme in Person ist, in der letzten Zeit so zurückhaltend mit dem weiblichen Geschlecht umgegangen ist. Ich weiß nicht genau, wie ich das finden soll. Jenna ist eine meiner besten Freundinnen. Und jetzt in meinen Bruder verliebt. Irgendwie fühle ich mich ein bisschen zurückgesetzt von den beiden. Sie haben mir nicht gesagt, dass sie zusammen sind. Ich musste sie erst erwischen, um zu wissen, was los ist. Das verletzt mich schon. Sonst erzählen mir beide alles – also zumindest was die Dinge der Liebe angeht. Aber dieses Mal nicht.

Josh findet das nicht weiter tragisch. Ist natürlich klar. Er hält sich sowieso lieber aus allem heraus, selbst wenn es seine Schwester betrifft. Er hat mir gesagt, dass ich mich doch einfach für die beiden freuen soll, anstatt verstimmt zu sein. Dann meinte er noch, dass ihn das gar nicht so erstaunt mit den beiden. Typisch für Josh, er wusste es mal wieder besser. Alles in allem komme ich mir ziemlich doof vor. Und sagen kann ich natürlich nichts, sonst bin ich die Zicke. Das nervt mich fast am meisten.

Ich habe den ganzen Sommer gebraucht

Wir sind vermutlich nicht die ersten, die daran gedacht haben, zu gehen. Wir bleiben aber dennoch hier, es ist öde, Trendgewichse, aber eine Alternative gibt es nicht, ist ja sowieso alles dasselbe hier. Oder das Gleiche? Egal, ich kann mir den Unterschied nicht merken, habe es bestimmt schon 1.001 mal gegoogelt und im Zwiebelfisch nachgelesen.

Also kippen wir Cola mit billigem Whisky herunter, als ob es kein Morgen gäbe, und rauchen eine Zigarette nach der anderen. Um uns herum ist es so verqualmt, dass wir die anderen Gäste, die lediglich ein paar Meter entfernt stehen, nur noch schemenhaft erkennen können. Ich frage Patrice alle paar Minuten nach der Uhrzeit, mir scheint es eine Ewigkeit, die wir hier herumstehen und nichts tun außer trinken, rauchen und uns langweilen.

Plötzlich fällt mir Josh ein, und er fehlt mir sehr. Er ist schon ein paar Tage weg, also nicht in B gerade. Solange ich viel zu tun habe, denke ich nicht so sehr an ihn. Aber jetzt, hier auf dieser unerträglich einfallslosen Veranstaltung, vermisse ich ihn. Josh ist ein ziemlich smarter Kerl, auf jeden Fall bringt er mich fast immer zum Lachen. Und Lachen hilft gut gegen Eintönigkeit. Patrice ist heute außerdem nicht so gut drauf, das macht den Abend nicht besser.

Wir gehen an die Bar, da ist die Musik nicht ganz so laut und ich frage Patrice, was los ist. Er rollt nur mit den Augen, irgendwas mit Suppe versalzen, murmelt er noch. Das soll ich nun verstehen, könnte ihm ja tatsächlich heute passiert sein. Patrice ist schließlich Koch und Perfektionist, wenn es um die Zubereitung von Speisen geht. Könnte aber auch eine Umschreibung für irgendwas sein, mein Bruderherz spricht gerne in kulinarischen Metaphern, wenn es um das Leben geht.

Ich habe den ganzen Sommer gebraucht, um zu verstehen, wohin die Reise geht. War eine lange Durststrecke, Schreibblockade sozusagen, die ich zurücklegen musste. Aber jetzt kann ich es kaum erwarten, mit meiner neuen Reportage loszulegen. Vielleicht hab ich deshalb auf den ganzen Kram hier nicht so Recht Lust. Mir kribbelt es in den Fingern, der Stoff will fließen. Das Reportagen-Konzept zum umreissen, ist noch der geringste Aufwand. Ich muss vor allem viel Recherchieren und ein paar geeignete Interviewpartner finden. Zeitzeugen. Wenn es denn noch welche gibt, die sich erinnern können. Und wollen. Ich muss mal Laurenz fragen, der hat seine Kontakte und kennt einen, der einen kennt, der einen kennt. Außerdem ist er mir noch einen Gefallen schuldig. Ich hab ihm ja letztes Jahr ein paar heiße Tipps für seine Story gegeben. Hat bei der Veröffentlichung auch für einigen Wirbel gesorgt, und der gute Laurenz hat ordentlich Lob dafür bekommen.

Neben uns steht plötzlich so ein junges Ding, mittelkurzer Rock, hübsche Beine, Schmollmund mit sympathischem Lächeln und strahlt Patrice mit ihren großen blauen Augen an. Mein Bruder lächelt zurück, na also, Laune besser, vielleicht wird es doch noch ein cooler Abend.