Was könnte ich zum Thema der Kolumne machen?

Ich habe den ersten Teil meiner Reportage fertig und fühle mich leicht wie eine Feder. In den letzten Tagen bin ich immer früh aufgewacht, voller Schreibdrang – und das passiert mir nicht oft, wenn es so dunkel und kalt da draußen ist. Das Schreiben ging so gut von der Hand, dass ich eine Woche vor Abgabetermin schon fertig bin mit Teil 1. Ich kann es kaum glauben, es ist jedes Mal ein fast unwirkliches Gefühl, das mich überkommt, wenn ich eine Arbeit abgeschlossen habe. Nun ja, ganz fertig ist es natürlich noch nicht, es fehlt noch der gesamte zweite Teil. Aber trotzdem macht sich Frohsinn in meinem Kopf und in meinem Bauch breit.

Ich werde die Reportage Laurenz in der Redaktion vorbeibringen. Eigentlich könnte ich die Dateien auch über einen FTP-Server* verschicken, aber ich bin ein bisschen abergläubisch. Mir ist die Übergabe auf Papier und von Hand zu Hand sehr wichtig, weil es für mich einen symbolischen Charakter hat. Danach werde ich mir den Tag freinehmen. Ein bisschen durch den Schnee spazieren, mir ein neues Buch kaufen, irgendwo eine heiße Schokolade trinken und das Buch lesen. Das habe ich schon lange nicht mehr gemacht. Morgen kann ich mich dann der Kolumne widmen, die Laurenz auch noch von mir haben wollte. Zwischendrin mal etwas Locker-Flockiges zu schreiben entlastet meine Hirnwindungen und lässt neue Tinte in meinen Federkiel fließen.

| Die Kolumnianerin |

Es war einmal ein König, der sich bei seinem Volke großer Beliebtheit erfreute. Denn der König war lustig und den irdischen Dingen sehr zugetan. Er veranstaltete bunte Feste oder wurde zu fröhlichen Feiern geladen, auf denen er sich gerne zeigte. Auch hatte der Regent stets großartige Ideen, die den Reichtum der Stadt mehren sollten. So sollte das Schloss, das vor Jahren schon bis auf die Grundmauern zerstört worden war, wieder in altem Glanze erstrahlen. Ebenso sollten riesige silbern glänzende Vögel den Himmel durchstreifen und auf ihren Reisen die Bewohner der Stadt mitnehmen, damit sich andere Länder kennenlernen könnten.

Doch eines Tages verlauteten einzelne Stimmen, dass es der schillernden Stadt nur scheinbar gutgehe und dass in den Schatzkammern keine Goldthaler mehr klimperten sondern die Mäuse in den leeren Truhen tanzten. Der König jedoch war ein geschickter Redner und so sprach er von der Stadt, die „arm aber sexy“ sei und ersann damit ein geflügeltes Wort. Die Leute lachten über die Worte, die ihm so leicht über die Lippen gingen. Alsbald sah man an jeder Ecke und an jedem Pfosten die Worte des Königs stehen.

So gingen weitere Jahre ins Land und es gab eine große Not überall, die auch bald in der großen Stadt zu spüren war. Und obwohl die Stadt einst von einem reichen Land umgeben war, so gab es mehr und mehr Menschen hier, die hungern mussten und frieren und die ohne Arbeit und ohne Obdach waren. Doch der König und seine Minister kümmerten sich nicht um die Armut der Menschen in der Stadt, denn sie hatten mit wichtigeren Dingen zu tun. Die Arbeit an dem Schlosse hatte noch immer nicht begonnen. Auch waren die Ställe für die vielen silbernen Vögel nicht fertig geworden und jeden Tag mussten weitere Goldstücke gefunden werden, damit die Ställe vielleicht doch noch errichtet werden konnten. Und so stritten sich der König und die Minister und auch Könige und andere Minister aus anderen Ländern und sie stritten immer weiter darüber, wer hier im Recht und wer im Unrecht sei. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann streiten sie auch heute noch.**

* FTP-Server sind gewissermaßen die Vorläufer von Dropbox, Google Docs oder WeTransfer. Anfang 2013 war ein FTP noch das virtuelle Dateien-Austauschmittel der Wahl und es hat gedauert, bis alles endlich hochgeladen war …

** Emmas Kolumne bezog sich auf die großspurigen Projekte des ehemaligen Bürgermeisters Klaus Wowereit und seinem Filz, die das nicht mehr vorhandene Berliner Schloss wieder haben auferstehen lassen (zumindest von Außen) und den größten deutschen Flughafen BER bauen wollten. Beide Projekte entpuppten sich als veritable Millionengräber und sind – auch wenn beide nun eher weniger als mehr erfolgreich in Betrieb sind – größenwahnsinnige Überbleibsel einer egomanen Politik, deren finanziell desaströse Folgen noch heute zu spüren sind.

Kann ein Jahr besser anfangen als dieses?

Weihnachten war ganz wunderbar. Ich war mit Josh bei seinen Eltern in den USA und habe ein paar Tage richtig ausspannen können. Josh war so unglaublich lieb zu mir, man könnte fast glauben, er habe ein schlechtes Gewissen. Wahrscheinlich hat er das sogar, weil er so oft unterwegs ist und vielleicht denkt, dass ich zu kurz komme. Dabei ist es für mich vollkommen in Ordnung, dass wir uns nicht ständig sehen. Sonst würden wir es vielleicht nicht so gut miteinander aushalten.

Jedenfalls war es wirklich schön mit Josh in den Catskill Mountains. Ich wollte eigentlich noch ein bisschen an der Reportage weiterarbeiten und endlich das Interview mit Vince nachbereiten, aber irgendwie hat sich die Zeit nicht der Arbeitswut beugen wollen. Selbst Josh, der normalerweise nicht einen einzigen Tag ohne sein Smartphone sein kann, war zwischen Weihnachten und Neujahr ganz und gar offline. Er hat das Telefon sogar bei seinen Eltern liegen gelassen, wenn wir Ausflüge gemacht haben, Skifahren oder Wandern gegangen sind.

Die Liebe, die frische Luft und die Ruhe haben mir wirklich gut getan. Ein paar Tage aus dem Alltag raus zu sein hilft mir immer enorm, zu neuer Form zu finden. Es ging zwar etwas müde los heute morgen – kein Wunder, der graue Berliner Himmel hat meinen morgendlichen Elan zunächst eher ausgebremst. Aber schon beim Lesen der ersten Sätze aus dem Interview mit Vince bin ich richtig wach geworden. Ich wußte ja schon, dass der Freund meiner kleinen Schwester sehr kommunikativ und charmant ist, aber dass er so lebendig erzählen kann, dass hat mich dann doch überrascht. Es ist fast schon schade, dass ich das Interview nicht als Audio aufbereitet habe. Obwohl, warum eigentlich nicht? Ich könnte wenigstens Teile des Original-Gesprächs als Podcast auf meiner Website veröffentlichen, als Querverweis oder Vorankündigung. Vince hat bestimmt nichts dagegen. Er hat einfach eine sehr angenehm klingende Sprechstimme.

Ach, ich freue mich. Die Reportage wächst und gedeiht. Ich habe jetzt schon drei ausführliche Interviews und noch zwei weitere Termine bis Ende Februar. An Material mangelt es nicht und neue Ideen tun sich auf. Und eine Anfrage für ein Folgeprojekt ist gerade per E-Mail reingekommen. 2013 verspricht in Sachen Arbeit und Liebe ein hervorragendes Jahr zu werden.

Mele Kalikimaka

Vor jedem Post gab es einen Weihnachtsgruß in einer anderen Sprache. Wer hat alle Sprachen erkannt? Die allerletzten Lösungen des allerletzten Life Minutes Weihnachtsrätsels :)

Mele Kalikimaka am vierundzwanzigsten Dezember – das war Hawaïanisch

メリークリスマス am dreiundzwanzigsten Dezember – das war Japanisch

Boldog Karácsonyt am zweiundzwanzigsten Dezember – das war Ungarisch

Wesołych Świąt am einundzwanzigsten Dezember – das war Polnisch

Buon Natale am zwanzigsten Dezember – das war Italienisch

Zalig Kerstfeest am neunzehnten Dezember – das war Niederländisch

Gleðileg Jól am achtzehnten Dezember – das war Isländisch

शुभ बड़ा दिन am siebzehnten Dezember – das war Hindi

Hyvää Joulua am sechzehnten Dezember – das war Finnisch

عيد ميلاد مجيد am fünfzehnten Dezember – das war Arabisch

С Рождеством am vierzehnten Dezember – das war Russisch

Glædelig Jul am dreizehnten Dezember – das war Dänisch

Feliz Natal am zwölften Dezember – das war Brasilianisches Portugiesisch

Gajan Kristnaskon am elften Dezember – das war Esperanto

메리 크리스마스! am zehnten Dezember – das war Koreanisch

E guëti Wiënachtä am neunten Dezember – das war Schweizerdeutsch

חג מולד שמח achten Dezember – das war Hebräisch

Rõomsaid Jõulupühi am siebten Dezember – das war Estnisch

Joyeux Noël am sechsten Dezember – das war Französisch

Noeliniz kutlu olsun am fünften Dezember – das war Türkisch

En frehlicher Grischtdaag am vierten Dezember – das war Pennsylvania Dutch

Merry Christmas am dritten Dezember – das war Englisch

 Jabbama be salla Kirismati am zweiten Dezember – das war Fulani

Frohe Weihnachten am ersten Dezember – das war Deutsch

Weihnachtsgrüße in den Sprachen der Welt wünschen Emma, Patrice, Hans, Gertrude, Lisa, Vincent, Peter, Sevtap, Jenna und Josh.

Gleðileg Jól

Weihnachten ist die Zeit der Märchen. Als Mädchen habe ich jedes Jahr am ersten Weihnachtsfeiertag Drei Nüsse für Aschenbrödel im Fernsehen gesehen. Auch mein Märchenbuch von Hans Christian Andersen habe ich besonders gerne in der Adventszeit gelesen, ebenso die Klassiker von den Gebrüdern Grimm. Die heutige Meldung, dass Familienministerin Schröder die Grimm’schen Märchen als grausam und sexistisch verurteilt und diese am liebsten in eine moderatere Fassung umgeschrieben sähe, hat mich zum Lachen gebracht. Das ist eine typische Erwachsenensicht und mißachtet den historischen Kontext.

Wer bitte möchte weichgespulte Märchen lesen? Als ich ein Kind war, sind mir die Geschichten gar nicht so grausam oder diskriminierend vorgekommen. Kinder haben grundsätzlich eine andere Vorstellung von Gewalt und der Welt, und in meiner Fantasie kamen keine Horror-Splatter-Bilder oder Vergewaltigungsszenen vor. Natürlich werden in vielen Märchen menschliche Abgründe thematisiert, aber im Gegensatz zu moderner Literatur oder Filmen werden grausame Begebenheiten hier nicht in allen Einzelheiten dargestellt.

Die Fantasie von Erwachsenen ist oftmals sehr detailgetreu, wenn es um grausame Taten geht. Dass diese Vorstellungen in unseren erwachsenen Köpfen so explizit sind, kommt aber eher durch das, was wir in unserem Leben gesehen haben – in den Nachrichten, in Filmen und Serien oder – im schlimmsten Fall – mit eigenen Augen. Ich möchte heute deshalb zurück zu meiner Kindheitssicht gehen und ein Lastminute Geschenk der besonderen Art vorstellen: ein selbstgeschriebenes Märchen.

Man nehme den Namen der Person, für die die Geschichte gedacht ist
Einen Würfel

___Vorbereitung
1 = Die schöne Prinzessin / Der schöne Prinz / Die alte Hexe
2 = Das kluge Bauernmädchen / Der kluge Bauernjunge / Der schwarze Zauberer
3 = Die zarte Elfe / Der tapfere Ritter / Der hinterlistige Teufel
4 = Die gute Fee / Der wandernde Handwerksbursche / Der menschenfressender Riese
5 = Die jüngste Schwester / Der jüngste Bruder / Die böse Stielmutter
6 = Die verzauberte Schöne / Der verhexte Schöne / Der feuerspeiende Drache

___ Anfangssatz
Es begab sich zu einer Zeit als … (Augenzahl 1, 3, 5)
Es war einmal … (Augenzahl 2, 4, 6)

___ Abschlusssatz
Und so lebten sie glücklich bis ans Ende ihrer Tage. (Augenzahl 1, 3, 5)
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. (Augenzahl
2, 4, 6)

Im Anschluss auswürfeln, welchen Charakter die Hauptperson (also der/die Beschenkte) hat (je nachdem, ob männlich oder weiblich). Dann wird der/die künftige Partner*in des Protagonisten ausgewürfelt. Dann noch den bösen Gegenpart würfeln, sowie den Anfangs- und Endsatz.

___ Der Plot
{ A } Je nach Charakter der Hauptfigur eine Ausgangssituation bestimmen (z.B. Schloß, Hütte, Burg, etc).
{ B } Die Hauptfigur muss die Heimat verlassen (Auslöser z.B. Streit, Armut, Bedrängung).
{ C } Die Hauptfigur trifft auf den/die künftige Partner*in, verliebt sich unsterblich, aber es gibt ein Hindernis (z.B. Wettbewerb, Fluch, Überheblichkeit).
{ D } Die Hauptfigur muss sich auf die Suche nach dem Bösen begeben, um das Hindernis zu überwinden (z.B. 3 Aufgaben bestehen, eine Reise durch die Welt).
{ E } Zum Schluss kommt es zum Kampf zwischen der Hauptfigur und dem Bösewicht, die Hauptfigur gewinnt natürlich und bekommt Geld, Ruhm und Liebe (falls nicht ist es ein Märchen à la Andersen, aber wer möchte den/die Beschenkte*n schon untergehen sehen …)

Glædelig Jul

Es gibt Tage, da machen die Nachrichten mich fröhlich. Heute ist so ein Tag. Es ist nur eine kleine Meldung, aber die hat mein Herz angerührt und es gab einen kurzen Moment, in dem das Glücklichsein meinen Körper geschüttelt hat. In Dänemark wurde ein verloren geglaubtes Märchen von Hans Christian Andersen entdeckt. Das Talglicht soll sogar sein erstes Werk sein und handelt von einem Licht, das nicht weiß, wozu es eigentlich zunutze ist, bis es auf eine Streichholzschachtel trifft, die es zum Brennen bringt.

Mein Vater hat mir zu Weihnachten ein Märchenbuch von Andersen geschenkt, als ich 10 Jahre alt war. Das Buch war noch von seiner Großmutter. In dem Buch gibt es viele schöne Bilder, an denen ich mich gar nicht satt sehen konnte. Das Buch habe ich immer noch, und ich lese die Erzählungen heute noch sehr gern. Auch wenn viele der Märchen ziemlich traurig sind. Andersen hat es sehr gut verstanden, menschliche Charakterzüge, Gefühle und Unzulänglichkeiten in bunte Analogien zu verwandeln. So wie die Geschichte von dem Tannenbaum:

In einem Wald steht ein kleiner Tannenbaum. der nichts anderes will als wachsen und größer als die anderen Tannen um ihn herum sein. Als der Baum sieht, dass die größeren aber auch die kleineren Bäume um ihn herum gefällt werden, schaudert ihn es zwar, aber ihn packt auch die Sehnsucht nach der Ferne. Die Schwalben und die Meisen erzählen ihm, wohin die Reise der gefällten Tannen geht. Da wünscht er sich, ein Mastbaum auf einem Schiff zu sein und über die Meere zu fahren. Dann möchte er doch lieber wie die kleineren Bäume als herrlich geschmückter Weihnachtsbaum in einer Wohnstube stehen.

Sein Wunsch wird schließlich erfüllt: Er wird als erster Baum im Winter gefällt und findet sich bald als reich behängter Weihnachtsbaum in einem prachtvollen Salon wieder. Er kann es kaum erwarten, dass der Abend kommt. Als es soweit ist, erstrahlt er glanzvoll im Lichte der Kerzen. Doch die Freude ist nur von kurzer Dauer: Er versengt sich die Nadeln am Feuer der Kerzen und die Kinder plündern das Naschwerk aus den Zweigen.

Immerhin darf er einer Geschichte lauschen, die den Kindern erzählt wird. Er ist tief bewegt und freut sich nun doch auf den nächsten Tag. Als der Baum am nächsten Morgen erwacht, erwartet er, dass er wieder geschmückt wird, dass die Kerzen strahlen und die Kinder singen. Stattdessen tragen die Diener ihn auf den Dachboden und stellen ihn in die dunkelste Ecke. Dort steht der Baum und wartet tage- und wochenlang, dass etwas passiert. Er erzählt den Mäusen von seiner Geschichte, am Ende aber ist er ganz einsam. Eines Tages kommen die Diener wieder und schleppen den Baum in den Hof. Noch einmal hat der Tannenbaum die Hoffnung, ins Leben zurückzukehren, als ihm die Kinder den goldenen Stern von der Spitze stehlen und die Diener ihn in Stücke hacken.

Die Knaben spielten im Garten, und der kleinste hatte den Goldstern auf der Brust, den der Baum an seinem glücklichsten Abend getragen hatte. Nun war der vorbei und mit dem Baum war es vorbei und mit der Geschichte auch; vorbei, vorbei. Und so geht es mit allen Geschichten!*

* Die ganze Geschichte gibt es bei Projekt Gutenberg zu lesen.

Kein Kissen, aber ein Tannenbaum, nicht grün, dafür aus Filz

Woher kommt der Begriff Gastarbeiter eigentlich?

Das Interview mit Sevtap hat echt Spaß gemacht. Sie ist eine offene und kluge Gesprächspartnerin und hat mir neue Anregungen für meine Reportage gegeben. Besonders ihre Anmerkungen zu Gastarbeitern ist mir im Gedächtnis geblieben

„Dieser Begriff ist übrigens total unsinnig: Ein Gast, der arbeitet? Da könnte man auf den Gedanken kommen, dass die Deutschen ihre Gäste arbeiten lassen, anstatt sie zu bewirten. „

In der Tat, diese Bezeichnung ist wirklich absolut unzutreffend. Und nicht nur das: Gastarbeiter ist ein Begriff, der bereits im Dritten Reich für ausländische Zivilarbeiter verwendet wurde, die auf freiwilliger Basis in der NS-Kriegswirtschaft gegen Lohn tätig waren. Der Begriff stammt von den Nationalsozialisten. Umso erstaunlicher, dass er ohne weiteres Eingang in den späteren Sprachgebrauch gefunden hat.

Alternativ wird der neutralere Begriff Arbeitsmigrant verwendet, was ich nur bedingt besser finde. Das klingt nach Roboter oder Maschine, aber auf keinen Fall nach Mensch. Vielleicht ist es aber doch die treffendere Bezeichnung, weil er ganz nüchtern die Geschichte der Leute, die damals nach Deutschland gekommen sind, um die Arbeiten zu verrichten, die die Deutschen nicht mehr ausüben wollten, zusammenfasst. Das damalige Angebot der Industrie: Fließband- und Akkordarbeit zu geringeren Löhnen als die, die die deutschen Arbeiter verlangt hätten. Mittels Anwerbeabkommen zur Erzielung von Erwerbseinkommen wurden vor allem Männer aus der Türkei, aus Griechenland, Italien und Spanien nach Deutschland gelockt. Selbstverständlich sollte das nur für einen befristeten Zeitraum sein. So hatten Politik und Wirtschaft sich das damals gedacht.

Mir erscheint es jedoch eher so, dass Politik und Wirtschaft nicht wirklich nachgedacht haben. Das eine ist: Man hole ungelernte, billige Arbeitskräfte, die im eigenen Staat fehlen, für niedere Tätigkeiten ins Land und nennt sie vermeintlich liebevoll Gastarbeiter. Dass die Gastarbeiter beziehungsweise Arbeitsmigranten 40 Jahre später immer noch da sind, wer hätte das wissen können? Deswegen wurde damals auch darauf verzichtet, Integration in den Mittelpunkt der politischen Interessen zu stellen. Der kulturelle Austausch wurde nicht nur nicht gefördert, er wurde komplett ignoriert. Was nun nachgeholt werden muss – falls das überhaupt noch möglich oder gar gewünscht ist. Ich habe da so meine Zweifel.

Warum machst du eine Reportage über Grenzgänger, Emma?

Das hat mich Laurenz gestern gefragt. Ich sei doch deutsch, meinte er, und wäre zwar im Osten geboren worden (dabei hat er Osten so ausgesprochen, als müsste man sich zwangsläufig zwischen den Stühlen fühlen, wenn man in der DDR aufgewachsen ist), aber ich wüsste doch eigentlich gar nicht, wie das ist, seine Identität zu verlieren oder zwischen zwei Kulturen zu stehen. Ich habe ihm kurz und knapp geantwortet, dass das Thema Grenzgänger nicht so einfach zu umreißen ist und dass wir alle irgendwann einmal an unserer Grenze stehen. Dann stellt sich plötzlich die Frage: Soll ich rüber gehen oder nicht? Kann ich meine Grenze überhaupt passieren, schaffe ich das?

Was mich aber wirklich ärgert, ist, dass Laurenz nichts verstanden hat. Dabei habe ich ihm damals Idee und Konzept zu der Reportage in allen Einzelheiten dargestellt. Aber er steckt Ideen und Konzepte in Schubladen und drückt diese fest zu. Er hinterfragt nicht, er fixiert nur. Und beharrt dann auf der Richtigkeit seiner Sichtweisen. Ich habe von einem Menschen, der sich selbst als engagierter Journalist bezeichnet, mehr Reflexionsvermögen erwartet.

Ich bin auch eine Grenzgängerin, habe meine eigenen Grenzen mehr als einmal durchbrechen müssen, um die Emma zu sein, die ich heute bin. Und zwar nicht, weil ich im Osten aufgewachsen bin. Das Thema ist in mir verwurzelt, seitdem ich 5 Jahre alt bin. Er hat nur wenige Minuten gebraucht, um meine Grenzen gewaltsam niederzureißen. An diesem Tag im Sommer habe ich meine Identität verloren und war seitdem grenzenlos unterwegs. Bis ich meinen Bruder getroffen habe, der mir mit seiner Geschichte näher gewesen ist, als je ein anderer Mensch.

Für die Reportage will meine eigene Biographie jedoch lieber aussparen. Es ist nicht gut, wenn sich die Dinge vermischen, ich verliere womöglich den Blick für das Wesentliche und verstricke mich in unglückliche Emotionen. Allerdings sollte ich vielleicht noch einen Interviewpartner finden, bei dem die Identitätssuche nicht unbedingt mit Kultur, Nationalität oder realer Flucht zu tun hat. Dann wird vielleicht deutlicher, wie tief dieses Thema geht – und damit auch klarer wird, dass wir mehr gesellschaftliche Projekte brauchen, bei denen der Mensch im Mittelpunkt steht und nicht die Organisation, die sich um die Grenzgänger kümmert.

Frohe Weihnachten

Ich mag Weihnachten. Sehr sogar. Ich glaube, das liegt an den ganzen Lichtern, die die Stadt im Dezember erstrahlen lassen. Das macht die dunklen, eisigen Winterabende freundlicher. Natürlich ist es auch kitschig, aber irgendwie hat es etwas Anrührendes, wenn die Menschen ihre Fenster mit blinkenden, bunten Lichtern in Form von Schneeflocken oder Sternen schmücken oder gar einen beleuchtenden Weihnachtsmann einen Vorhang hochklettern lassen.

{ Tür #1 } Bildausschnitte: Was ist das? *

* Französisch: Vasistas. Bezeichnung für sog. Kämpferfenster oder Oberlichte, die sich über einer Türoder einem Fenster befinden. Etymologie: Ende des 18. Jahrhunderts sahen deutsche Besucher in Frankreich das erste Mal diese Oberlichter und fragten den Hausherrn „Was ist das?“ 1798 erscheint das Wort schließlich das erste Mal in einem französischen Wörterbuch.

Betreff: Wann können wir uns zum Interview treffen?

An: Vincent <vincent@life-minutes.de>
Von: Emma <emma@life-minutes.de>
Datum: 20. November 2012 19:12:23 MESZ

Hallo Vincent,

ich habe mich gefreut, als Lisa mir erzählt hat, dass es deinem Vater besser geht. Ich weiß ja genau wie es sich anfühlt. Als meine Mutter mir damals gesagt hat, dass sie an Krebs erkrankt ist, dachte ich, ich würde durchdrehen. Die Nachricht hat mich tief erschüttert. Ich habe damals die Hoffnung nicht aufgegeben. Leider hat meine Mutter am Ende den Kampf gegen den Krebs verloren.

Ich habe es damals als unglaubliche Ungerechtigkeit empfunden, als Elisabeth mit nur 55 Jahren gestorben ist. Und ich habe meinem Vater bittere Vorwürfe gemacht. Ich habe geglaubt, dass er Mitschuld an dem Tod meiner Mutter hat. Weil sie doch sehr gelitten hat, als Hans ihr von Marlene erzählt hat. Ich habe damals wirklich geglaubt, dass der Kummer den Krebs in sie gepflanzt hat.

Heute weiß ich es besser. Wir sind sterblich, aber der Abschied ist unfassbar schmerzlich, wenn der Mensch noch nicht so alt gewesen ist, wie wir es heutzutage erwarten. Deshalb brauchen wir immer einen nachvollziehbaren Grund, damit wir verstehen können, warum jemand so früh gestorben ist. Meistens ist der Grund ein anderer Mensch, der die Schuld an dem Tod des Verstorbenen auf sich nehmen muss. Deshalb habe ich meinen Vater damals angeklagt und für schuldig befunden und ich habe länger als ein Jahr nicht mehr mit ihm gesprochen.

Heute bin ich unendlich froh, dass ich meinen Vater noch habe. Ich habe verstanden, dass der nicht der Schuldige ist und ich habe mir meine unendliche Härte ihm gegenüber verziehen. Was bringt es, die wichtigsten Menschen aus seinem Leben zu verbannen, wenn sie doch leben und bei dir sein können? Meine Mutter lebt in meinem Herzen weiter, und wenn ich mal nicht weiter weiß, spreche ich in Gedanken mit ihr und sie gibt mir einen guten Rat.

Jetzt habe ich viele Worte gemacht und es klingt fast so, als wollte ich dir mein Beileid aussprechen – was ja zum Glück nicht der Fall ist. Ich wollte dir nur sagen, dass ich wirklich froh bin, dass dein Papa wieder wohlauf ist. Aber das Thema berührt mich sehr, ich hoffe, du verstehst das. Eigentlich wollte ich dich fragen, wann wir uns für das Interview treffen? Deine Familiengeschichte passt hervorragend zum Thema – also zum Thema meiner Reportage über Grenzgänger. Diese Woche sieht gut bei mir aus, sag doch einfach Bescheid, wann es bei dir am besten passt.

Lieber Gruß
Emma

Betreff: Wie ich mich fühle damit

An: Jenna < jenna@life-minutes.de>
Von: Emma <emma@life-minutes.de>
Datum: 04. November 2012 18:20:23 MESZ

Liebe Jenna,

in den letzten Wochen haben wir uns nicht oft gesehen. Und wenn, dann waren wir nicht alleine, so dass wir hätten miteinander sprechen können. Wir beide gehen sehr vorsichtig miteinander um, seitdem ich dich und Patrice auf der Straße erwischt habe. Und wir haben uns seitdem voneinander entfernt – findest du nicht?

Ich gebe zu, dass es mir immer noch schwer fällt, über meinen Schatten zu springen. Es ist schon seltsam: Zwei Menschen, die mir sehr am Herzen liegen, haben zusammen gefunden. Meine beste Freundin und mein Bruder, ein Paar. Eigentlich sollte ich mich freuen, denn ich wünsche euch beiden ja nur das Beste. Aber die Freude will nicht wirklich aufkommen, ich bin da ganz ehrlich. Ich fühle mich ein wenig so, als hättet Ihr mich einfach zur Seite gestellt, als würde ich nicht mehr dazu gehören. Mag sein, dass es nur mein Gefühl ist und dass du das ganz anders empfindest als ich. Aber ich muss es dir jetzt endlich mitteilen, wie es mir damit geht – denn es belastet mich sehr.

Vor allem kann ich immer noch nicht verstehen, warum ihr mir nichts gesagt habt. Ja, ich war schockiert, als ich euch küssend auf der Straße angetroffen habe. Es hat mich verletzt, aber wundert euch das? Wie hattet ihr euch das eigentlich gedacht, du und Patrice, wann wolltet ihr es mir sagen? Wenn ihr euch vorher unsicher gewesen seid, ob ich es verkraften würde, dass ihr zusammen seid, so könnt ihr euch jetzt sicher sein: So wie es gelaufen ist, kann ich bestimmt keine Räder schlagen vor Freude über euer Glück. Für mich ist es schon ein Vertrauensbruch, was natürlich dazu beiträgt, dass ich mich gerade so distanziert verhalte. Kannst du das verstehen?

Ich vermisse dich als Freundin, Jenna. Wirklich. Aber gerade weiß ich nicht so richtig, wie ich mich dir wieder nähern kann. Da ist ein Riss in unserer Freundschaft. Ich hätte mir wirklich gewünscht, dass du mit mir gesprochen hättest. Du und Patrice. Es hätte mich vielleicht auch erstmal nicht in euphorische Hochstimmung versetzt, aber ich hätte mich nicht so hintergangen gefühlt. Vielleicht können wir die Tage einfach mal darüber sprechen.

Du weißt, dass ich gerade an einer neuen Reportage über Grenzgänger arbeite. Die Arbeit lenkt mich ab, ich habe viel zu tun. Aber ein Gespräch mit dir ist mir wichtig. Und ich möchte mich gerne mit dir alleine treffen. Ohne Josh oder Patrice. Damit wir beide ehrlich sein können. Bitte lass mich wissen, wann du Zeit hast.

Wünscht sich von dir: Emma