Es ist doch eigentlich nichts dabei, oder?

Emma war so anhänglich heute morgen, sie wollte mich gar nicht gehen lassen. Früher, am Anfang unserer Beziehung, war sie oft so. Sie hat es geliebt, sich morgens an mich zu schmiegen, ihr Bauch und ihre Brüste an meinem Rücken und ihre Hand auf meinem Bauch. Dann hat sie ihr Bein um mich geschlungen, so dass ich nicht aufstehen konnte. Klar, ich hätte aufstehen können, wenn ich gewollt hätte. Aber es war unser Spiel und es war sehr schön so. Heute morgen ist mir aufgefallen, das sie mich schon so lange nicht mehr so umarmt hat, deshalb war ich ganz überrascht. Vielleicht spürt sie etwas.

Ich bin irgendwie verwirrt, auch wenn ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Ich liebe Emma, aber Sevtap fasziniert mich. Ich fühle mich gut mit ihr, dass wusste ich sofort, als ich sie an Lisas Geburtstagsessen gesehen habe. Vielleicht weil da keine Verpflichtung, kein Alltag ist. Sich einfach ein bisschen angezogen fühlen. Was ist schon dabei? Im Grunde genommen nichts. Es ist ja auch nichts passiert. Wir haben geredet, geflirtet auch, aber das ist ja auch ok. Finde ich. Trotzdem frage ich mich, ob Emma was bemerkt hat. Und was wäre, wenn sie etwas bemerkt hat.

Emma und ich haben noch nie darüber gesprochen, was wir unter einen guten Beziehung verstehen und ob Treue dafür unbedingt notwendig ist. Wir sind einfach zusammen und sprechen nicht darüber. Es ist irgendwie so selbstverständlich mit uns. Also war es bislang. Aber jetzt bemerke ich plötzlich, dass ich Emma nicht so gut kenne, wie ich dachte. Und ich traue mich nicht, dass Thema anzusprechen. Weil wir nie vorher darüber gesprochen haben, würde Emma nur Verdacht schöpfen. Oder vielleicht auch nicht? I don’t know.

Sie hat so empfindlich reagiert, als sie erfahren hat, dass Jenna und Patrice zusammen sind. Sie hat sich hintergangen gefühlt, weil die beiden erst mal niemandem von ihrer Liaison erzählt haben. Ich fand es nicht so schlimm, es ist ja schließlich eine Sache zwischen meiner Schwester und Emmas Bruder. Aber Emma war schon sehr gekränkt. Wenn ich daran denke fällt es mir noch schwerer in Erwägung zu ziehen, mit Emma zu sprechen. Aber muss ich das eigentlich? Mit ihr sprechen? Es ist wirklich nichts passiert, wir haben uns ja nur unterhalten und uns einmal auf dem Weihnachtsmarkt getroffen. Das ist ja nicht schlimm, oder?

Betreff: Wie ich mich fühle damit

An: Jenna < jenna@life-minutes.de>
Von: Emma <emma@life-minutes.de>
Datum: 04. November 2012 18:20:23 MESZ

Liebe Jenna,

in den letzten Wochen haben wir uns nicht oft gesehen. Und wenn, dann waren wir nicht alleine, so dass wir hätten miteinander sprechen können. Wir beide gehen sehr vorsichtig miteinander um, seitdem ich dich und Patrice auf der Straße erwischt habe. Und wir haben uns seitdem voneinander entfernt – findest du nicht?

Ich gebe zu, dass es mir immer noch schwer fällt, über meinen Schatten zu springen. Es ist schon seltsam: Zwei Menschen, die mir sehr am Herzen liegen, haben zusammen gefunden. Meine beste Freundin und mein Bruder, ein Paar. Eigentlich sollte ich mich freuen, denn ich wünsche euch beiden ja nur das Beste. Aber die Freude will nicht wirklich aufkommen, ich bin da ganz ehrlich. Ich fühle mich ein wenig so, als hättet Ihr mich einfach zur Seite gestellt, als würde ich nicht mehr dazu gehören. Mag sein, dass es nur mein Gefühl ist und dass du das ganz anders empfindest als ich. Aber ich muss es dir jetzt endlich mitteilen, wie es mir damit geht – denn es belastet mich sehr.

Vor allem kann ich immer noch nicht verstehen, warum ihr mir nichts gesagt habt. Ja, ich war schockiert, als ich euch küssend auf der Straße angetroffen habe. Es hat mich verletzt, aber wundert euch das? Wie hattet ihr euch das eigentlich gedacht, du und Patrice, wann wolltet ihr es mir sagen? Wenn ihr euch vorher unsicher gewesen seid, ob ich es verkraften würde, dass ihr zusammen seid, so könnt ihr euch jetzt sicher sein: So wie es gelaufen ist, kann ich bestimmt keine Räder schlagen vor Freude über euer Glück. Für mich ist es schon ein Vertrauensbruch, was natürlich dazu beiträgt, dass ich mich gerade so distanziert verhalte. Kannst du das verstehen?

Ich vermisse dich als Freundin, Jenna. Wirklich. Aber gerade weiß ich nicht so richtig, wie ich mich dir wieder nähern kann. Da ist ein Riss in unserer Freundschaft. Ich hätte mir wirklich gewünscht, dass du mit mir gesprochen hättest. Du und Patrice. Es hätte mich vielleicht auch erstmal nicht in euphorische Hochstimmung versetzt, aber ich hätte mich nicht so hintergangen gefühlt. Vielleicht können wir die Tage einfach mal darüber sprechen.

Du weißt, dass ich gerade an einer neuen Reportage über Grenzgänger arbeite. Die Arbeit lenkt mich ab, ich habe viel zu tun. Aber ein Gespräch mit dir ist mir wichtig. Und ich möchte mich gerne mit dir alleine treffen. Ohne Josh oder Patrice. Damit wir beide ehrlich sein können. Bitte lass mich wissen, wann du Zeit hast.

Wünscht sich von dir: Emma