War also alles schon mal da vor gut einem Jahrhundert

Fahrradfahrer, die telefonieren, während sie Fahrrad fahren, sind einfach superdämlich. Gestern wäre ich fast in eine Tante reingefahren, die gefährlich auf der Straße herum schlingerte, während sie lauthals in ihr Handy brüllte. Insofern fühle ich mich wieder bestätigt: Mobiltelefone sind schrecklich praktisch. Und vor allem schrecklich.

Als ich klein war, habe ich von Kästner Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee gelesen. Da gibt es eine Szene, in der die Leute mit einen Hörer in der Hand telefonieren, während sie auf der Straße herumspazieren. Und die dabei immer schrecklich beschäftigt und hektisch sind (oder so tun). Das Buch wurde 1932 zum ersten Mal veröffentlicht! Welch eine Weitsicht! Überhaupt, der Kästner. Der beschreibt die Welt damals schon, wie sie heute ist. Vielleicht weil sie früher auch schon so war. Oder weil sie sich heute wiederholt?

Weil sie so heute sind, kann ich die Bücher von Kästner wieder und wieder lesen. Nicht nur die Kinderbücher. Auch die für die großen Leute. Zum Beispiel Fabian. In der Geschichte eines Moralisten betrachtet eben dieser – also Fabian – das Berlin in den wilden Zwanziger Jahren an der Schwelle zur Wirtschaftskrise. Das klingt dann so, als sei die Stadt ein einziger Rummelplatz. Hell erleuchtet in knallbunten Farben sind Straßen und Häuser, es herrscht Jubel, Trubel, Heiterkeit. Aber eigentlich geht es nur ums Geschäft. Was zunächst wie ein Geldregen anmutet und Fabian an das Grimmsche Märchen Die Sterntaler denken lässt, stellt sich als plumper Werbegag heraus. Pikante Ironie dabei: Es handelt sich um eine Reklame für ein erotisches Etablissement.

Ist ja heute noch immer so. Berlin ist eine große Amüsiermeile, eine riesige und ständige Werbeveranstaltung. Und natürlich „arm aber sexy“.* War also alles schon mal da vor gut einem Jahrhundert. (Ich hab das Gefühl mich zu wiederholen – hab ich das nicht schon mal gesagt?) Und dazu fühle ich mich manchmal selbst wie Fabian: Ich gehe gerne raus und aus hier. Beobachte die Menschen und Zustände. Und bin genauso eine verzweifelte Zweiflerin.

Früher nicht anders als heute: Berlin ist verrückt nach Amusement.

Ich muss Papa jetzt wirklich mal fragen, wie Berlin in seiner jungen Zeit gewesen ist. Das muss ja eine andere Episode gewesen sein als zu Kästners Zeiten oder heute. Da war nicht nur die Stadt geteilt, auch die Geschichten der Berliner. Glaube ich. Oder nicht?

Apropos Amüsieren: Vor ein paar Tagen habe ich Sevtap mit zu der Geburtstagsfeier von Peter genommen. Das war ein Spaß. Peter sind fast die Augen aus dem Kopf gefallen. Er ist offensichtlich voll verschossen. Hätte ich gar nicht erwartet, dass Sevtap ihn so fasziniert. Sie sind ja grundverschieden die Beiden.

* Die Sterntaler ist eines meiner Lieblingsmärchen. Auch oder gerade weil das Ende so traurig ist. Das Mädchen gibt alles und stirbt zum Schluss. Aus religiöser Sicht mag die Erlösung golden sein – aus weltlicher Sicht ist es eher ernüchternd, so zu sterben. Oder mit Berlin gesagt: Mehr arm, weniger sexy.

Ich frage mich natürlich, wie die anderen das finden

Manchmal ist es einfach nur gut, ein Buch in der Hand zu halten. Gedruckte Worte auf raschelndem Papier wirken beruhigend auf meine TV-müden Augen. Deshalb liebe ich Bücher. Auch des Geruchs wegen, natürlich.

Am Liepnitzsee vor ein paar Wochen habe ich gerade ein neues Buch angefangen. Girl with Curious Hair von David Foster Wallace. Liest sich nicht so einfach weg, aber ich entleere meinen Kopf ja schon fast jeden Tag, indem ich mir billige TV-Shows und Fernsehformate reinziehe. Alles im Namen der Wissenschaft, natürlich. Aber ziemlich zäh, sich diesen Trash permanent anzutun. Das Buch ist schon super, ich mag Wallace ja sehr. Vor allem wusste ich gar nicht, dass Patrice Wallace auch so sehr mag. Habe ihm eine Kurzgeschichte vorgelesen, und er hat ganz ruhig zugehört. Überhaupt mag ich diese ruhige Art von Patrice sehr, und dabei ist er ziemlich anziehend.

Es gibt keinen besseren Sommerort auf dieser Welt.

Und der Sex letzte Nacht war wirklich gut. Habe schon lange meinen Körper nicht mehr so gespürt. Vielleicht lag es an dem Hunger, an dem Durst, an der inneren Hitze. Wir kennen uns schon länger und plötzlich war da diese Leidenschaft füreinander. Es hat nur eine Sekunde gebraucht, vielleicht war es das Licht an diesem See, und wir wussten beide, dass wir uns verliebt haben.

Ich frage mich natürlich, wie die anderen das finden. Vor allem Josh und Emma. Josh lässt sich jedenfalls nichts anmerken, auch wenn es ihm komisch vorkommen sollte. Aber so ist er, mein Bruder. Nicht sonderlich gefühlsbetont. Wahrscheinlich findet er es einfach nur funny. Und Emma? Die scheint schon ein bisschen sauer zu sein. War auch nicht gerade glücklich, dass wir sie auf der Straße treffen, bevor wir ihr gesagt haben, was los ist. Allerdings macht sie es einem auch echt schwer damit. Emma will immer die Hauptperson sein. Ich wollte es ihr ja schon längst gesagt haben, hab mich aber nicht getraut. Ich weiß ja, dass es doof von mir ist, sonst erzähle ich immer alles. Aber in diesem Fall ist es mir echt schwer gefallen. Weil ich ihre Freundin bin und Patrice ihr Bruder. Allerdings ist sie ja auch mit meinem Bruder zusammen. Warum sollte sie es umgekehrt nicht akzeptieren können?

Nur weil ich Emma durch Josh kennengelernt habe, muss ich kein schlechtes Gewissen haben. Ich hätte es ihr sowieso bald erzählt. Sollte ja kein Geheimnis sein. Obwohl – spannend war es schon, als nur Patrice und ich davon wussten. Ein bisschen wie eine verbotene Liebe. Aber jetzt ist raus. Und Emma soll sich nicht so anstellen. Ich sollte ihr das mal sagen.