Am 23. Februar 1941 hat die deutsche Polizei in den Niederlanden die erste große Razzia durchgeführt, bei der mehr als 400 jüdische Männer in das Konzentrationslager Mauthausen bei Linz in Österreich verschleppt wurden. An diesem Tag habe ich um genau 06:54 das graue Licht der winterlichen Berliner Morgendämmerung erblickt. Die Umstände erforderten es, dass meine Mutter mich auf einem Dachboden eines Berliner Mietshauses zur Welt bringen musste. Meine Eltern konnten nicht in ein Krankenhaus gehen, da sie in ihrem Versteck bleiben mussten. Glücklicherweise habe ich bei meiner Geburt nur leise gewimmert, ganz so, als ob ich schon geahnt hätte, dass ich ganz still sein muss, damit wir nicht entdeckt werden. Auf dem Dachboden muss es ziemlich kalt gewesen sein an diesem Morgen, aber es gab keine andere Möglichkeit.
Meine Eltern lebten damals in eben jenem Mietshaus in einem kleinen Hinterzimmer, dessen Zugang von einen schweren Eichenschrank unsichtbar für Besucher versperrt war. Das Hinterzimmer gehörte zu der kleinen Wohnung einer alten Dame, die meinen Eltern Zuflucht gewährt hatte. Nachdem meine Geburt trotz aller Widrigkeiten gut gelungen war, konnten meine Eltern gemeinsam mit mir in ihren Salon zurück. So nannte mein Vater das kleine Versteck, wie ich später erfahren habe.
Die ersten Tage meines Lebens verliefen ruhig, dann wurde meine Mutter krank. Sie hatte sich einen aggressiven Grippevirus eingefangen, das Fieber stieg von Stunde zu Stunde und mein Vater verzweifelte zunehmend. Als meine Mutter schließlich in Fieberträumen halluzinierte und nicht mehr in Lage war, mir ihre Brust zu geben, hielt mein Vater es nicht mehr aus. Obwohl er wusste, dass er ein sehr großes Risiko einging, nahm er all seinen Mut zusammen und klingelte bei den Nachbarn der alten Dame. Als die Frau öffnete, sagte mein Vater: Bitte, bitte helfen Sie uns. Meine Frau und mein Kind, sie sterben. Wir brauchen Hilfe.
Ich habe den ersten Teil meiner Reportage fertig und fühle mich leicht wie eine Feder. In den letzten Tagen bin ich immer früh aufgewacht, voller Schreibdrang – und das passiert mir nicht oft, wenn es so dunkel und kalt da draußen ist. Das Schreiben ging so gut von der Hand, dass ich eine Woche vor Abgabetermin schon fertig bin mit Teil 1. Ich kann es kaum glauben, es ist jedes Mal ein fast unwirkliches Gefühl, das mich überkommt, wenn ich eine Arbeit abgeschlossen habe. Nun ja, ganz fertig ist es natürlich noch nicht, es fehlt noch der gesamte zweite Teil. Aber trotzdem macht sich Frohsinn in meinem Kopf und in meinem Bauch breit.
Ich werde die Reportage Laurenz in der Redaktion vorbeibringen. Eigentlich könnte ich die Dateien auch über einen FTP-Server* verschicken, aber ich bin ein bisschen abergläubisch. Mir ist die Übergabe auf Papier und von Hand zu Hand sehr wichtig, weil es für mich einen symbolischen Charakter hat. Danach werde ich mir den Tag freinehmen. Ein bisschen durch den Schnee spazieren, mir ein neues Buch kaufen, irgendwo eine heiße Schokolade trinken und das Buch lesen. Das habe ich schon lange nicht mehr gemacht. Morgen kann ich mich dann der Kolumne widmen, die Laurenz auch noch von mir haben wollte. Zwischendrin mal etwas Locker-Flockiges zu schreiben entlastet meine Hirnwindungen und lässt neue Tinte in meinen Federkiel fließen.
| Die Kolumnianerin |
Es war einmal ein König, der sich bei seinem Volke großer Beliebtheit erfreute. Denn der König war lustig und den irdischen Dingen sehr zugetan. Er veranstaltete bunte Feste oder wurde zu fröhlichen Feiern geladen, auf denen er sich gerne zeigte. Auch hatte der Regent stets großartige Ideen, die den Reichtum der Stadt mehren sollten. So sollte das Schloss, das vor Jahren schon bis auf die Grundmauern zerstört worden war, wieder in altem Glanze erstrahlen. Ebenso sollten riesige silbern glänzende Vögel den Himmel durchstreifen und auf ihren Reisen die Bewohner der Stadt mitnehmen, damit sich andere Länder kennenlernen könnten.
Doch eines Tages verlauteten einzelne Stimmen, dass es der schillernden Stadt nur scheinbar gutgehe und dass in den Schatzkammern keine Goldthaler mehr klimperten sondern die Mäuse in den leeren Truhen tanzten. Der König jedoch war ein geschickter Redner und so sprach er von der Stadt, die „arm aber sexy“ sei und ersann damit ein geflügeltes Wort. Die Leute lachten über die Worte, die ihm so leicht über die Lippen gingen. Alsbald sah man an jeder Ecke und an jedem Pfosten die Worte des Königs stehen.
So gingen weitere Jahre ins Land und es gab eine große Not überall, die auch bald in der großen Stadt zu spüren war. Und obwohl die Stadt einst von einem reichen Land umgeben war, so gab es mehr und mehr Menschen hier, die hungern mussten und frieren und die ohne Arbeit und ohne Obdach waren. Doch der König und seine Minister kümmerten sich nicht um die Armut der Menschen in der Stadt, denn sie hatten mit wichtigeren Dingen zu tun. Die Arbeit an dem Schlosse hatte noch immer nicht begonnen. Auch waren die Ställe für die vielen silbernen Vögel nicht fertig geworden und jeden Tag mussten weitere Goldstücke gefunden werden, damit die Ställe vielleicht doch noch errichtet werden konnten. Und so stritten sich der König und die Minister und auch Könige und andere Minister aus anderen Ländern und sie stritten immer weiter darüber, wer hier im Recht und wer im Unrecht sei. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann streiten sie auch heute noch.**
* FTP-Server sind gewissermaßen die Vorläufer von Dropbox, Google Docs oder WeTransfer. Anfang 2013 war ein FTP noch das virtuelle Dateien-Austauschmittel der Wahl und es hat gedauert, bis alles endlich hochgeladen war …
** Emmas Kolumne bezog sich auf die großspurigen Projekte des ehemaligen Bürgermeisters Klaus Wowereit und seinem Filz, die das nicht mehr vorhandene Berliner Schloss wieder haben auferstehen lassen (zumindest von Außen) und den größten deutschen Flughafen BER bauen wollten. Beide Projekte entpuppten sich als veritable Millionengräber und sind – auch wenn beide nun eher weniger als mehr erfolgreich in Betrieb sind – größenwahnsinnige Überbleibsel einer egomanen Politik, deren finanziell desaströse Folgen noch heute zu spüren sind.
Also. { räuspert sich }. Ich habe Deutschland und vor allem Berlin ja mit 21 Jahren im wahrsten Sinne des Wortes verlassen. Das war damals allerdings keine Entscheidung, die ich einfach aus dem Bauch heraus getroffen habe, ich war noch nie ein Mensch, der überstürzt gehandelt hat. Ich musste einfach ganz und gar gehen, um mich zu finden. { blickt nachdenklich aus dem Fenster }. Meine Vergangenheit lag und liegt in Israel, meine Zukunft war und ist Amerika. Aber meine Gegenwart war und ist immer in Berlin gewesen. Es war für mich also nur eine logische Konsequenz in meine Gegenwart zurückzukehren, nachdem ich meine Vergangenheit erkundet hatte und in meine Zukunft gereist bin.
Warum steht die Gegenwart am Ende Ihrer Reise? Wäre eine Leben in der Zukunft nicht erstrebenswerter?
Man stirbt immer im hier und jetzt. Ich bin natürlich mit 52 Jahren nicht wieder zurückgekommen, um gleich zu sterben. { lacht }. Allerdings ist es schon eine schmerzliche Wahrheit, dass meine Gegenwart, also Berlin und Deutschland tatsächlich sehr viel mit dem Thema Tod zu tun haben. Meine Eltern und ein Großteil meiner leiblichen Verwandten sind in Konzentrationslagern umgebracht worden, meine jüngere Adoptivschwester ist bei einem Autounfall gestorben, da war sie noch nicht einmal 20 Jahre alt, und meinen Adoptivvater habe ich das letzte Mal gesehen, bevor ich nach Israel gegangen bin.
Aber wie verkraftet man es, an einen Ort zurückzukehren, der so stark mit dem Tod in Verbindung steht?
Nun ja, ein Grund, das ich damit zurechtgekommen bin – zurechtkommen wollte – ist sicherlich, dass bin hier geboren und aufgewachsen bin. Das verbindet mich mit diesem Ort, auch wenn der Tod von Beginn meines Lebens an hier stets präsent gewesen ist. Aber ich habe auch viele gute und schöne Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend hier, hatte ich doch das große Glück, von einer ganz wunderbaren Zweitfamilie aufgenommen worden zu sein. An meine leiblichen Eltern kann ich mich kaum erinnern. { hält kurz inne, überlegt }. Ehrlich gesagt, vielleicht kann ich mich auch gar nicht an sie erinnern und bilde es mir ein, vermische die beiden Fotos, die noch habe, mit meinen Erinnerungen. Ich war ja so klein.
Ich habe mich viel mit dem Tod, aber auch mit dem Leben auseinandergesetzt. Und bin über die Jahre zu dem Schluss gekommen, dass man nicht den Fehler machen darf, dem Tod die Schuld an all dem Schrecklichen, dass die Menschen im Leben von anderen Menschen anrichten, zu geben. Ja, es schmerzt sehr, wenn wir einen geliebten Menschen verlieren, vor allem wenn es plötzlich oder durch die Einwirkung von Gewalt geschieht und wir haben Angst vor dem … { stockt kurz } vor dem Sterben. Denn der Tod an sich ist – so banal es klingt – Teil unseres Lebens. Es ist ja keine Neuigkeit, wenn ich sage, dass ohne Tod kein Leben möglich ist.
An: Josh <josh@life-minutes.de> Von: Peter <peter@life-minutes.de> Datum: 26. November 2012 17:15:23 MESZ
hi josh,
how r u? du erinnerst dich an mich? ich bin mit lisa und vince befreundet. emma hat mir deine e-mail gegeben, ich soll mich direkt an dich wenden. sie hat mir erzählt, dass du hast einen freund hast, der produzent bei einem major ist und vielleicht was für uns tun kann.
uns das sind wir: eine berliner band mit 6 leuten, die deutsch-englisch-französischen pop mit soul und hip hop elementen spielen. einen namen haben wir noch nicht und wir befinden uns gerade noch in der findungsphase. aber wir sind auf einem guten weg. also wir haben schon ein paar songs, für ein album reicht es noch nicht ganz, aber ein kleines konzert könnten wir schon spielen. demo wollen wir demnächst aufnehmen, könnte ich dir also auch bald zuspielen. wir machen auch gerne einen tag der offenen proben, wenn es gewünscht ist ;)
ich bin am samstag bei sebastian block & band und tonbandgerät im comet, wenn du zeit und lust hast, könnten wir uns da treffen und mal drüber reden. wäre auf jeden fall super, wenn du dich bei mir meldest und den kontakt herstellen kannst.
An: Hans <hans@life-minutes.de> Von: Lisa <lisa@life-minutes.de> Datum: 08. November 2012 10:47:23 MESZ
Hallo Papa,
wie war Berlin eigentlich damals, als du hier angekommen bist? Vor 40 Jahren? Ich kann mir natürlich historische Dokumentationen dazu ansehen oder Bücher lesen, aber ich möchte gerne von dir hören, wie es gewesen ist. Wie die Stadt in deinen Augen ausgesehen hat. Wie es sich für dich im Westteil und im Ostteil der Stadt angefühlt hat. Und welche Leute du dies- und jenseits der Mauer getroffen hast und wie diese ihr Leben gemeistert haben.
Du sprichst ja so selten von damals, was ich wirklich schade finde. Und was mich auch ein wenig verwundert. Als Theaterregisseur erzählst du doch sonst immer Geschichten. Aber wenn es um deine eigene geht, bist du ziemlich wortkarg. Dabei möchte ich noch nicht einmal im Detail wissen, wie es damals mit dir und Mama gelaufen ist. Obwohl, eigentlich wüsste ich das schon gerne. Wie war das mit Mama? Wie war es mit Elisabeth? Wie hast du zwei Frauen gleichzeitig lieben können ohne ständig einen inneren Konflikt zu spüren?
Das sind jetzt natürlich noch ganz andere Fragen als die eingangs gestellten. Aber du siehst schon: Ich weiß nicht viel von dir als du jünger gewesen bist. Den Hans heute kenne ich gut und ich finde, dass du ein toller Papa bist. Gerade deswegen möchte ich den jungen Mann kennenlernen, der ein Jahr nach dem Bau der Mauer von Bern nach West-Berlin gegangen ist, um dort Theaterwissenschaften zu studieren. Ich möchte deine Beweggründe verstehen, warum du dann Anfang der 70er Jahre nach Ost-Berlin gegangen bist. Und ich möchte wissen, wie du jahrelang in zwei Familien leben konntest.
Papa, wir werden jetzt wohl kaum über alles auf einmal sprechen können. Aber ich wollte schon mal vorfühlen, ob ich dich ganz offen nach deiner Geschichte fragen darf. Darf ich?
Ich umarme dich! Deine Tochter
P.S. Ja ja, ich weiß schon, du bezeichnest es lieber als Inszenierungen. P.S.S. Und ja, Deine Tochter studiert Psychologie, weil sie gerne viele Fragen stellt.
Man, man, man, ist die süß. Hab es erst gar nicht glauben können, als Lisa die Lady mitgebracht hat. Dass es so eine Frau gibt auf der Welt! Hab sofort an eine Gazelle denken müssen. Und das beste ist: Sie steht auf mich. Hab ich gleich gemerkt. Wie sie mich angesehen hat, den ganzen Abend lang. Also zumindest so lange, wie ich mich erinnern kann.
Die Party war supercool. Hab das Ende zwar nicht mehr parat, aber was soll’s. Hatte meinen Spaß, echt gut war es. Man wird schließlich nur einmal 30. An die 70 Leute da, volles Haus. Getanzt wurde wie wild, was will man mehr. Meine Mitbewohner hab ich gar nicht gesehen, waren wahrscheinlich nicht da. Selbst schuld.
Irgendwer hatte Maiskolben in Brandenburg geklaut und mitgebracht.
Pia hat am nächsten Morgen ziemlich genervt. Kam einfach in mein Zimmer, ich voll verkatert, Kopfschmerzen vom feinsten. Und dann Pia am meckern, ich soll die Bude gefälligst aufräumen, wäre alles voll dreckig. Haben uns dann erst mal 5 Minuten angeschrieen – also ich weniger, hat noch zu viel geschädelt. Whatever. Habe die Wohnung dann noch drei Stunden geputzt, meine Mitbewohner waren auch da, haben aber keinen Finger gerührt.
Seitdem ist die Stimmung hier noch schlechter. Elli und Pia reden gar nicht mehr mit mir. Ich verstehe echt nicht, warum die so angepisst sind. Hätten ja zu der Party des Jahrhunderts da sein können, waren ja sowieso eingeladen. Hatte ich ihnen vielleicht nicht direkt gesagt, naja, aber war ja eh klar, also für mich schon. Franz ist wenigstens ein bisschen verständnisvoller und wollte auch schlichten, hat aber nicht so richtig geklappt. Hätte vielleicht die Zimmer der drei abschliessen sollen, als die Party losging. Naja, gibt eigentlich keine Schlüssel hier …
Also, was soll’s. Ich will die unbedingt wiedersehen. Ist echt lange her, dass mich eine Frau so umgehauen hat. Hab Sevtap schon über Facebook* kontaktiert, aber sie hat mir noch nicht geantwortet. Ist vielleicht keine Heavy Userin, soll es ja auch noch geben. Ich könnte gar nicht mehr ohne. Naja, ich brauch das ja auch beruflich. Die Plattensache läuft ganz gut mit Werbung über Facebook* und Twitter**, ist auch einfacher auf dem Laufenden zu halten als eine eigene Website und irgendwie sozialer. Heißt ja auch nicht umsonst Social Media, haha. Sollten wir auch endlich für unsere Band machen, so eine Gesichtsbuch-Seite. Ach je, die Band. Wie viel Uhr ist es? Ich bin zu spät. Die Probe hat schon angefangen, Mist. Vincent hätte mir ja auch mal eine SMS schreiben oder anrufen können. Muss los.
* 2012 war man noch auf Facebook und Twitter unterwegs.
** X hieß damals Twitter und die Posts durften nicht länger als 40 Zeichen lang sein. Das waren noch andere Zeiten :D
Fahrradfahrer, die telefonieren, während sie Fahrrad fahren, sind einfach superdämlich. Gestern wäre ich fast in eine Tante reingefahren, die gefährlich auf der Straße herum schlingerte, während sie lauthals in ihr Handy brüllte. Insofern fühle ich mich wieder bestätigt: Mobiltelefone sind schrecklich praktisch. Und vor allem schrecklich.
Als ich klein war, habe ich von Kästner Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee gelesen. Da gibt es eine Szene, in der die Leute mit einen Hörer in der Hand telefonieren, während sie auf der Straße herumspazieren. Und die dabei immer schrecklich beschäftigt und hektisch sind (oder so tun). Das Buch wurde 1932 zum ersten Mal veröffentlicht! Welch eine Weitsicht! Überhaupt, der Kästner. Der beschreibt die Welt damals schon, wie sie heute ist. Vielleicht weil sie früher auch schon so war. Oder weil sie sich heute wiederholt?
Weil sie so heute sind, kann ich die Bücher von Kästner wieder und wieder lesen. Nicht nur die Kinderbücher. Auch die für die großen Leute. Zum Beispiel Fabian. In der Geschichte eines Moralisten betrachtet eben dieser – also Fabian – das Berlin in den wilden Zwanziger Jahren an der Schwelle zur Wirtschaftskrise. Das klingt dann so, als sei die Stadt ein einziger Rummelplatz. Hell erleuchtet in knallbunten Farben sind Straßen und Häuser, es herrscht Jubel, Trubel, Heiterkeit. Aber eigentlich geht es nur ums Geschäft. Was zunächst wie ein Geldregen anmutet und Fabian an das Grimmsche Märchen Die Sterntaler denken lässt, stellt sich als plumper Werbegag heraus. Pikante Ironie dabei: Es handelt sich um eine Reklame für ein erotisches Etablissement.
Ist ja heute noch immer so. Berlin ist eine große Amüsiermeile, eine riesige und ständige Werbeveranstaltung. Und natürlich „arm aber sexy“.* War also alles schon mal da vor gut einem Jahrhundert. (Ich hab das Gefühl mich zu wiederholen – hab ich das nicht schon mal gesagt?) Und dazu fühle ich mich manchmal selbst wie Fabian: Ich gehe gerne raus und aus hier. Beobachte die Menschen und Zustände. Und bin genauso eine verzweifelte Zweiflerin.
Früher nicht anders als heute: Berlin ist verrückt nach Amusement.
Ich muss Papa jetzt wirklich mal fragen, wie Berlin in seiner jungen Zeit gewesen ist. Das muss ja eine andere Episode gewesen sein als zu Kästners Zeiten oder heute. Da war nicht nur die Stadt geteilt, auch die Geschichten der Berliner. Glaube ich. Oder nicht?
Apropos Amüsieren: Vor ein paar Tagen habe ich Sevtap mit zu der Geburtstagsfeier von Peter genommen. Das war ein Spaß. Peter sind fast die Augen aus dem Kopf gefallen. Er ist offensichtlich voll verschossen. Hätte ich gar nicht erwartet, dass Sevtap ihn so fasziniert. Sie sind ja grundverschieden die Beiden.
* Die Sterntaler ist eines meiner Lieblingsmärchen. Auch oder gerade weil das Ende so traurig ist. Das Mädchen gibt alles und stirbt zum Schluss. Aus religiöser Sicht mag die Erlösung golden sein – aus weltlicher Sicht ist es eher ernüchternd, so zu sterben. Oder mit Berlin gesagt: Mehr arm, weniger sexy.
Eine Wespe, die sich beim Fahrradfahren im Kragen der Jacke verfängt und mir in den Hals sticht. Ich fasse es nicht. Ich muss wie ein Irrer ausgesehen haben, als ich da mitten auf dem Gehweg lauthals „fuck, fuck, fuck“ geschrien habe und mich dabei verrenkt habe, weil ich das blöde Biest nicht sehen, aber umso mehr spüren konnte. Die gute Nachricht ist: Ich reagiere nicht allergisch auf die Viecher. Aber es tut verdammt weh. Mist.
Dabei hat der Tag so gut angefangen. Cooles Konzert mit Sebastian Block und Band gestern Abend, dann die schnuckelige Freundin von Lisa (hab leider den Namen vergessen) – gute Nacht, guter Morgen. Mit Sonnenschein und drei verkauften Platten. Hammerpreis haben die Typen dafür geboten. Hab mich fast wie ein Lottokönig gefühlt. Dann bin ich sogar einigermaßen pünktlich bei der Arbeit angekommen. Viel los heute Mittag am Stand, da geht die Zeit schnell rum. Also alles super und dann der Wespenstich.
Tische abwischen und das Treiben auf der Straße beobachten.
Natürlich hab ich kein Eis da, Eisfach ist ja auch kaputt. Fühlt sich auch keiner verantwortlich hier. Wär mal wieder an der Zeit, eine WG-Runde mit Pia, Franz und Elli zu drehen. Aber dann bekomm ich wahrscheinlich wieder zu hören, dass ich hier gar nix mache. Die haben gut reden: Mit zwei Jobs und einer Band, wie soll ich da noch Zeit finden, um den Laden zu putzen? Pia und Elli studieren, arbeiten nicht nebenher (die Eltern zahlen alles) und sind von daher oft in der Wohnung. Ich meine, ich benutze Wohnung ja kaum. Wenn ich hier bin, dann nur um Platten einzupacken und zu schlafen. Ich koche ja noch nicht mal was. Insofern sollten wir die Hausarbeit nach prozentualem Anteil der Anwesenheit staffeln. Dann müsste ich vielleicht zweimal im Jahr abwaschen, einmal staubsaugen und einmal im Quartal den Müll runterbringen. Maximal.
Alleine wohnen wär schon was. Aber dafür reicht leider die Kohle nicht. Die Platten verkaufen sich ganz gut übers Netz, aber der Erlös steht kaum im Verhältnis zur Arbeit, die das macht. Der Imbiss wirft auch nicht viel ab – 6 Euro pro Stunde und kaum Trinkgeld. Und mit der Musik verdien ich ja noch nichts. Also noch nicht. Aber bald. Hoffentlich. Dann könnt ich zumindest den Wurstdreher-Job an den Nagel hängen. Muss mal mit der Band quatschen, was wir mehr tun können, um da voran zu kommen. Kann ja nicht sein, dass wir seit einem 3/4 Jahr proben und weder was aufgenommen haben, noch irgendwo aufgetreten sind.
Nachricht von Lisa. Ich soll nicht vergessen, Gertrude wegen dem Interview zu fragen. Mist, da hab ich gar nicht mehr dran gedacht. Na, dann rufe ich meine Tante gleich mal an. Lisas Schwester will ja diese Geschichte über Grenzgänger schreiben und sucht noch Leute, die sie interviewen kann. Gertrude hat auf jeden Fall viel zum Thema zu erzählen. Für Emma ein echter Glücksgriff, denke ich. Die weiß echt, wie sie ihre Schreiberei an den Mann bringt und treibt das voran. Würde auch gerne mit der Musik mehr machen. Da muss echt was passieren mit der Band! Schließlich will ich auch mal zu meinem eigenen Konzert gehen, heißt: auf der Bühne stehen.
Nett ist nicht gerade ein freundliches Wort im Deutschen. Man sagt auch: „Nett ist der kleine Bruder von Sch***.“ Nach dem Spruch wird hier herzhaft gelacht. Ist das lustig? Ach, die Deutschen und ihr Humor sind manchmal schwer zu verstehen. Hier werden gerne lustige Sprüche geklopft. Wenn also nett nicht nett ist, ist dann der Kommentar auf Facebook* zu einem Profilbild „Na, heute mal wieder fotogeshopt**? Steht dir gut – du siehst wirklich viel besser aus!“ nett? Oder nicht nett? Verwirrend das alles.
Ich bin jetzt schon fünf Jahre in Deutschland, aber ich glaube, dass die Eigenheiten einer anderen Kultur am schwierigsten zu verstehen ist. Selbst wenn man lange in einem anderen Land lebt, fühlt man die kulturellen Unterschiede noch. Die Sprache zu lernen ist eines. Und dass Sprache der Schlüssel zur Integration ist, ist auch kein Geheimnis. Aber trotzdem gibt es im kulturellen Subtext einiges, was nicht verstehbar ist. So ist es auch mit Lisa. Im Allgemeinen verstehen wir uns großartig. Liebe hat ja nichts mit Herkunft oder Kultur zu tun. Aber es gibt immer wieder Situationen, in denen ich merke, wie deutsch Lisa ist und wie französisch ich bin. Das meine ich gar nicht wertend. Aber es ist einfach so.
Vor ein paar Tagen zum Bespiel: Lisa und ich sind ins Kino gegangen und haben uns Berlin – Die Sinfonie der Grosstadt angesehen. Als wir unsere Fahrräder im Hof an ein Geländer anschließen wollten, kam eine Frau aus dem Laden gegenüber rausgerannt, nur um uns darüber aufzuklären, dass es hier verboten sei, Fahrräder anzuschließen. Warum das so sein sollte, konnte ich nicht verstehen. Das ist nur ein Geländer, die Fahrräder stehen nicht Weg, wenn man sie da anschließt und sie versperren auch den Weg nicht. Ich habe dann angefangen, mit der Frau zu diskutieren und habe ihr schließlich gesagt, dass sie das ja nichts angehe, schließlich sei es nicht ihr Hof und nicht ihr Geländer. Die Frau war ziemlich sauer, dass habe ich schon gemerkt. Und Lisa auch – ihr war es sichtlich unangenehm, dass ich mit der Frau gestritten habe. Schließlich ist die Frau wütend in den Laden zurück und zischte noch, dass wir uns nicht wundern sollten, wenn die Räder nachher nicht mehr da seien. Daraufhin wollte Lisa die Fahrräder partout woanders anschließen. Wir haben uns dann ein bisschen angenervt, am Ende habe ich mein Fahrrad dort am Geländer stehen gelassen und Lisa hat sich einen anderen Platz gesucht.
In Deutschland sind die Leute daran gewöhnt, dass es für alles Vorschriften gibt und dass man sich an diese Vorschriften vorschriftsmäßig hält. Kein Wunder also, dass Deutschland das Land mit den meisten Gesetzen auf dieser Welt ist. Dazu werden die Vorschriften hier auch gerne selbst gemacht und dann ist es plötzlich verboten, dieses oder jenes zu tun. Manchmal habe ich tatsächlich das Gefühl, dass das Wort „verboten“ ein Lieblingsbegriff der Deutschen ist. Ich finde diese Regeltreue schon komisch. In Frankreich würde kein Mensch auf Idee kommen, dir zu sagen, dass du dein Fahrrad nicht an ein Geländer schließen sollst. Hier schon. Und die Leute befolgen es, als sei es gesetzlich festgeschrieben und man könnte bestraft werden, wenn man sich nicht daran hält. Das ist wirklich seltsam.
Sebastian Block und Band, live und mit neuen Songs.
Jetzt muss mich aber beeilen, bin schon wieder zu spät dran. Lisa sagt ja, dass es typisch für mich ist, dass ich immer zu spät komme. Auch so ein Kulturding … Aber los jetzt. In 20 Minuten treffe ich mit Lisa und Peter an der Noisy Stage. Jetzt ist gerade Berlin Music Week und heute spielt Sebastian Block und Band. Ist schon eine Weile her, dass ich die live gesehen habe und somit wieder an der Zeit. Macht immer wieder Spaß auf einem Konzert von Sebastian Block zu sein. Ich mag deutsche Musik, besonders wenn sie poppig-melancholisch daherkommt. Außerdem ist der Bassist Franzose und mag deutschen Pop genau gerne wie ich.
Die Playlist der Band für das heutige Konzert.
Mein Fahrrad stand übrigens noch immer da, als wir aus dem Kino gekommen sind.
Anmerkung der Autorin:
* Ja, 2012 gab es zwar schon Instagram, aber Facebook war der Social Media Place to be.
** Die Bilder wurden übrigens nicht gefiltert, sondern gefotoshopt. Das war ein Programm, richtig teuer und kompliziert zu bedienen, und es hat aber seinen Zweck erfüllt, wenn es darum ging, ein Foto aufzuhübschen.
Es gibt eine Sekunde, an der die Ampel schon grün ist, aber sich nichts bewegt. Diese Sekunde ist eine Ewigkeit der Stille. Die Sekunde in der die Ampel schon rot ist, ist hingegen die bewegte Zeit. Fussgänger, Fahrrad- und Autofahrer versuchen rasend noch über die Straße zu gelangen, bevor der Querverkehr loslegt. Es ist besonders faszinierend zu beobachten, wenn man an einer großen, breit angelegten Kreuzung in Berlin steht und der Stillstand sich von einer Sekunde zur anderen in hektische Betriebsamkeit wandelt.
Eine ewige Nanosekunde Stillstand.
Ich bin jetzt schon 40 Jahre hier und die Karosserien der Autos sehen heute ganz anders aus, es gibt deutlich mehr Fahrzeuge, die durch die Stadt rollen, die Bekleidung der Fußgänger und Radfahrer hat sich der jeweiligen Mode entsprechend angepasst, aber die Halt- und Weiterregeln des Verkehrs haben sich nicht verändert.
Als ich vor dem Fall der Mauer zwischen Ost- nach West-Berlin hin- und hergefahren bin, waren die Autos schon auf den ersten Blick unterschiedlich: Trabant und Wartburg hier, Mercedes, BMW und VW dort. Heute gibt es von allem etwas, auch alte Ost-Autos fahren noch herum, aber meistens sind die Autos neueren Datums und sehen alle gleich aus, egal aus welchem Teil dieser Welt sie kommen.
Die Frauen allerdings, die ich geliebt habe, hätten unterschiedlicher nicht sein können. Elisabeth war groß gewachsen, hatte wallendes rotes Haar und eine kräftige Stimme. Sie war immer so pragmatisch und hat den Dingen ihre Farben gegeben. Vielleicht war sie deswegen Maskenbildnerin. Sie hat mir einmal gesagt, dass sie ein Gesicht nicht bemalt, um es zu maskieren. Sie wollte jedem Gesicht sein wirkliches Gesicht geben, das Charakteristische herausstellen. Und das ist ihr auch immer hervorragend gelungen. Am Theater haben sich die Schauspieler darum gerissen, von ihr geschminkt zu werden. Am liebsten wollten alle immer hässlich gemacht werden und waren dann selbst erschrocken, wie viel von der geschminkten Hässlichkeit ihr wahres Ich zeigte. Aber Elisabeth war keinesfalls bösartig. Sie hat die Dinge, die Gesichter nur in all ihren Facetten begriffen. Und gezeigt, dass Schönheit ohne Hässlichkeit nicht sein kann.
Marlene hingegen ist ganz zierlich, hat blondes, feines Haar und einen elfengleichen Gang. Sie baut Welten, die es so nicht gibt und die immer etwas Befremdliches an sich haben. Ihre Bühnenbilder sind entweder extrem kalt, oder extrem laut, oder extrem überdreht. Auf jeden Fall immer extrem unwirklich. Marlene hat mir erklärt, dass sie die Kulissen aus ihren Träumen holt. Jedes Mal, wenn ein neues Stück ansteht, träumt sie sich regelrecht in dieses Stück hinein. Sie schreibt alles akribisch auf, sofort nachdem sie aufgewacht ist, damit sie später das Bühnenbild aus ihren Träumen zusammenbauen kann. Dieses traumhaft Unechte hat seinen Reiz, es irritiert die Zuschauer und bringt selbst die Schauspieler manchmal ordentlich durcheinander.
Wenn ich darüber nachdenke, ist es schon erstaunlich. Auf den ersten Blick würde man denken, dass Elisabeth wie Marlene und Marlene wie Elisabeth sein müsste. Aber hier täuschen die Äußerlichkeiten den Betrachter. Wenn ich Emma und Lisa zusammen sehe, dann sehe ich Elisabeth und Marlene vor mir. Meine beiden Frauen haben sich nie kennen gelernt. Ich hätte es vielleicht besser machen können. Vincent hat mich vor kurzem gefragt, ob ich nie den Wunsch gehabt habe, die beiden einander vorzustellen. Er ist ziemlich direkt, der junge Mann. Aber einen gesunden Menschenverstand hat er, der Freund meiner Tochter. Damals war das alles nicht so einfach. Zwei Frauen, eine in Ost-, die andere in West-Berlin. Zwei Töchter, von jeder eine. Und dann die Krankheit von Elisabeth. Ach, Ausreden. Ich war feige und egoistisch. Ich habe es genossen, meinen Kopf in zwei Schösse legen zu dürfen und zwei Frauen lieben zu können, die mich mit ihrer Verschiedenheit erst zu einen ganzen Mann haben werden lassen. Zu groß war meine Angst, die eine oder andere könnte mich verlassen, wenn sie von der Zweigleisigkeit meines Tuns erfährt. Ich habe sie unterschätzt. Vor allem Elisabeth.