Was könnte ich zum Thema der Kolumne machen?

Ich habe den ersten Teil meiner Reportage fertig und fühle mich leicht wie eine Feder. In den letzten Tagen bin ich immer früh aufgewacht, voller Schreibdrang – und das passiert mir nicht oft, wenn es so dunkel und kalt da draußen ist. Das Schreiben ging so gut von der Hand, dass ich eine Woche vor Abgabetermin schon fertig bin mit Teil 1. Ich kann es kaum glauben, es ist jedes Mal ein fast unwirkliches Gefühl, das mich überkommt, wenn ich eine Arbeit abgeschlossen habe. Nun ja, ganz fertig ist es natürlich noch nicht, es fehlt noch der gesamte zweite Teil. Aber trotzdem macht sich Frohsinn in meinem Kopf und in meinem Bauch breit.

Ich werde die Reportage Laurenz in der Redaktion vorbeibringen. Eigentlich könnte ich die Dateien auch über einen FTP-Server* verschicken, aber ich bin ein bisschen abergläubisch. Mir ist die Übergabe auf Papier und von Hand zu Hand sehr wichtig, weil es für mich einen symbolischen Charakter hat. Danach werde ich mir den Tag freinehmen. Ein bisschen durch den Schnee spazieren, mir ein neues Buch kaufen, irgendwo eine heiße Schokolade trinken und das Buch lesen. Das habe ich schon lange nicht mehr gemacht. Morgen kann ich mich dann der Kolumne widmen, die Laurenz auch noch von mir haben wollte. Zwischendrin mal etwas Locker-Flockiges zu schreiben entlastet meine Hirnwindungen und lässt neue Tinte in meinen Federkiel fließen.

| Die Kolumnianerin |

Es war einmal ein König, der sich bei seinem Volke großer Beliebtheit erfreute. Denn der König war lustig und den irdischen Dingen sehr zugetan. Er veranstaltete bunte Feste oder wurde zu fröhlichen Feiern geladen, auf denen er sich gerne zeigte. Auch hatte der Regent stets großartige Ideen, die den Reichtum der Stadt mehren sollten. So sollte das Schloss, das vor Jahren schon bis auf die Grundmauern zerstört worden war, wieder in altem Glanze erstrahlen. Ebenso sollten riesige silbern glänzende Vögel den Himmel durchstreifen und auf ihren Reisen die Bewohner der Stadt mitnehmen, damit sich andere Länder kennenlernen könnten.

Doch eines Tages verlauteten einzelne Stimmen, dass es der schillernden Stadt nur scheinbar gutgehe und dass in den Schatzkammern keine Goldthaler mehr klimperten sondern die Mäuse in den leeren Truhen tanzten. Der König jedoch war ein geschickter Redner und so sprach er von der Stadt, die „arm aber sexy“ sei und ersann damit ein geflügeltes Wort. Die Leute lachten über die Worte, die ihm so leicht über die Lippen gingen. Alsbald sah man an jeder Ecke und an jedem Pfosten die Worte des Königs stehen.

So gingen weitere Jahre ins Land und es gab eine große Not überall, die auch bald in der großen Stadt zu spüren war. Und obwohl die Stadt einst von einem reichen Land umgeben war, so gab es mehr und mehr Menschen hier, die hungern mussten und frieren und die ohne Arbeit und ohne Obdach waren. Doch der König und seine Minister kümmerten sich nicht um die Armut der Menschen in der Stadt, denn sie hatten mit wichtigeren Dingen zu tun. Die Arbeit an dem Schlosse hatte noch immer nicht begonnen. Auch waren die Ställe für die vielen silbernen Vögel nicht fertig geworden und jeden Tag mussten weitere Goldstücke gefunden werden, damit die Ställe vielleicht doch noch errichtet werden konnten. Und so stritten sich der König und die Minister und auch Könige und andere Minister aus anderen Ländern und sie stritten immer weiter darüber, wer hier im Recht und wer im Unrecht sei. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann streiten sie auch heute noch.**

* FTP-Server sind gewissermaßen die Vorläufer von Dropbox, Google Docs oder WeTransfer. Anfang 2013 war ein FTP noch das virtuelle Dateien-Austauschmittel der Wahl und es hat gedauert, bis alles endlich hochgeladen war …

** Emmas Kolumne bezog sich auf die großspurigen Projekte des ehemaligen Bürgermeisters Klaus Wowereit und seinem Filz, die das nicht mehr vorhandene Berliner Schloss wieder haben auferstehen lassen (zumindest von Außen) und den größten deutschen Flughafen BER bauen wollten. Beide Projekte entpuppten sich als veritable Millionengräber und sind – auch wenn beide nun eher weniger als mehr erfolgreich in Betrieb sind – größenwahnsinnige Überbleibsel einer egomanen Politik, deren finanziell desaströse Folgen noch heute zu spüren sind.

Also alles super und dann der Wespenstich

Eine Wespe, die sich beim Fahrradfahren im Kragen der Jacke verfängt und mir in den Hals sticht. Ich fasse es nicht. Ich muss wie ein Irrer ausgesehen haben, als ich da mitten auf dem Gehweg lauthals „fuck, fuck, fuck“ geschrien habe und mich dabei verrenkt habe, weil ich das blöde Biest nicht sehen, aber umso mehr spüren konnte. Die gute Nachricht ist: Ich reagiere nicht allergisch auf die Viecher. Aber es tut verdammt weh. Mist.

Dabei hat der Tag so gut angefangen. Cooles Konzert mit Sebastian Block und Band gestern Abend, dann die schnuckelige Freundin von Lisa (hab leider den Namen vergessen) – gute Nacht, guter Morgen. Mit Sonnenschein und drei verkauften Platten. Hammerpreis haben die Typen dafür geboten. Hab mich fast wie ein Lottokönig gefühlt. Dann bin ich sogar einigermaßen pünktlich bei der Arbeit angekommen. Viel los heute Mittag am Stand, da geht die Zeit schnell rum. Also alles super und dann der Wespenstich.

Tische abwischen und das Treiben auf der Straße beobachten.

Natürlich hab ich kein Eis da, Eisfach ist ja auch kaputt. Fühlt sich auch keiner verantwortlich hier. Wär mal wieder an der Zeit, eine WG-Runde mit Pia, Franz und Elli zu drehen. Aber dann bekomm ich wahrscheinlich wieder zu hören, dass ich hier gar nix mache. Die haben gut reden: Mit zwei Jobs und einer Band, wie soll ich da noch Zeit finden, um den Laden zu putzen? Pia und Elli studieren, arbeiten nicht nebenher (die Eltern zahlen alles) und sind von daher oft in der Wohnung. Ich meine, ich benutze Wohnung ja kaum. Wenn ich hier bin, dann nur um Platten einzupacken und zu schlafen. Ich koche ja noch nicht mal was. Insofern sollten wir die Hausarbeit nach prozentualem Anteil der Anwesenheit staffeln. Dann müsste ich vielleicht zweimal im Jahr abwaschen, einmal staubsaugen und einmal im Quartal den Müll runterbringen. Maximal.

Alleine wohnen wär schon was. Aber dafür reicht leider die Kohle nicht. Die Platten verkaufen sich ganz gut übers Netz, aber der Erlös steht kaum im Verhältnis zur Arbeit, die das macht. Der Imbiss wirft auch nicht viel ab – 6 Euro pro Stunde und kaum Trinkgeld. Und mit der Musik verdien ich ja noch nichts. Also noch nicht. Aber bald. Hoffentlich. Dann könnt ich zumindest den Wurstdreher-Job an den Nagel hängen. Muss mal mit der Band quatschen, was wir mehr tun können, um da voran zu kommen. Kann ja nicht sein, dass wir seit einem 3/4 Jahr proben und weder was aufgenommen haben, noch irgendwo aufgetreten sind.

Nachricht von Lisa. Ich soll nicht vergessen, Gertrude wegen dem Interview zu fragen. Mist, da hab ich gar nicht mehr dran gedacht. Na, dann rufe ich meine Tante gleich mal an. Lisas Schwester will ja diese Geschichte über Grenzgänger schreiben und sucht noch Leute, die sie interviewen kann. Gertrude hat auf jeden Fall viel zum Thema zu erzählen. Für Emma ein echter Glücksgriff, denke ich. Die weiß echt, wie sie ihre Schreiberei an den Mann bringt und treibt das voran. Würde auch gerne mit der Musik mehr machen. Da muss echt was passieren mit der Band! Schließlich will ich auch mal zu meinem eigenen Konzert gehen, heißt: auf der Bühne stehen.

Ich habe den ganzen Sommer gebraucht

Wir sind vermutlich nicht die ersten, die daran gedacht haben, zu gehen. Wir bleiben aber dennoch hier, es ist öde, Trendgewichse, aber eine Alternative gibt es nicht, ist ja sowieso alles dasselbe hier. Oder das Gleiche? Egal, ich kann mir den Unterschied nicht merken, habe es bestimmt schon 1.001 mal gegoogelt und im Zwiebelfisch nachgelesen.

Also kippen wir Cola mit billigem Whisky herunter, als ob es kein Morgen gäbe, und rauchen eine Zigarette nach der anderen. Um uns herum ist es so verqualmt, dass wir die anderen Gäste, die lediglich ein paar Meter entfernt stehen, nur noch schemenhaft erkennen können. Ich frage Patrice alle paar Minuten nach der Uhrzeit, mir scheint es eine Ewigkeit, die wir hier herumstehen und nichts tun außer trinken, rauchen und uns langweilen.

Plötzlich fällt mir Josh ein, und er fehlt mir sehr. Er ist schon ein paar Tage weg, also nicht in B gerade. Solange ich viel zu tun habe, denke ich nicht so sehr an ihn. Aber jetzt, hier auf dieser unerträglich einfallslosen Veranstaltung, vermisse ich ihn. Josh ist ein ziemlich smarter Kerl, auf jeden Fall bringt er mich fast immer zum Lachen. Und Lachen hilft gut gegen Eintönigkeit. Patrice ist heute außerdem nicht so gut drauf, das macht den Abend nicht besser.

Wir gehen an die Bar, da ist die Musik nicht ganz so laut und ich frage Patrice, was los ist. Er rollt nur mit den Augen, irgendwas mit Suppe versalzen, murmelt er noch. Das soll ich nun verstehen, könnte ihm ja tatsächlich heute passiert sein. Patrice ist schließlich Koch und Perfektionist, wenn es um die Zubereitung von Speisen geht. Könnte aber auch eine Umschreibung für irgendwas sein, mein Bruderherz spricht gerne in kulinarischen Metaphern, wenn es um das Leben geht.

Ich habe den ganzen Sommer gebraucht, um zu verstehen, wohin die Reise geht. War eine lange Durststrecke, Schreibblockade sozusagen, die ich zurücklegen musste. Aber jetzt kann ich es kaum erwarten, mit meiner neuen Reportage loszulegen. Vielleicht hab ich deshalb auf den ganzen Kram hier nicht so Recht Lust. Mir kribbelt es in den Fingern, der Stoff will fließen. Das Reportagen-Konzept zum umreissen, ist noch der geringste Aufwand. Ich muss vor allem viel Recherchieren und ein paar geeignete Interviewpartner finden. Zeitzeugen. Wenn es denn noch welche gibt, die sich erinnern können. Und wollen. Ich muss mal Laurenz fragen, der hat seine Kontakte und kennt einen, der einen kennt, der einen kennt. Außerdem ist er mir noch einen Gefallen schuldig. Ich hab ihm ja letztes Jahr ein paar heiße Tipps für seine Story gegeben. Hat bei der Veröffentlichung auch für einigen Wirbel gesorgt, und der gute Laurenz hat ordentlich Lob dafür bekommen.

Neben uns steht plötzlich so ein junges Ding, mittelkurzer Rock, hübsche Beine, Schmollmund mit sympathischem Lächeln und strahlt Patrice mit ihren großen blauen Augen an. Mein Bruder lächelt zurück, na also, Laune besser, vielleicht wird es doch noch ein cooler Abend.