Also alles super und dann der Wespenstich

Eine Wespe, die sich beim Fahrradfahren im Kragen der Jacke verfängt und mir in den Hals sticht. Ich fasse es nicht. Ich muss wie ein Irrer ausgesehen haben, als ich da mitten auf dem Gehweg lauthals „fuck, fuck, fuck“ geschrien habe und mich dabei verrenkt habe, weil ich das blöde Biest nicht sehen, aber umso mehr spüren konnte. Die gute Nachricht ist: Ich reagiere nicht allergisch auf die Viecher. Aber es tut verdammt weh. Mist.

Dabei hat der Tag so gut angefangen. Cooles Konzert mit Sebastian Block und Band gestern Abend, dann die schnuckelige Freundin von Lisa (hab leider den Namen vergessen) – gute Nacht, guter Morgen. Mit Sonnenschein und drei verkauften Platten. Hammerpreis haben die Typen dafür geboten. Hab mich fast wie ein Lottokönig gefühlt. Dann bin ich sogar einigermaßen pünktlich bei der Arbeit angekommen. Viel los heute Mittag am Stand, da geht die Zeit schnell rum. Also alles super und dann der Wespenstich.

Tische abwischen und das Treiben auf der Straße beobachten.

Natürlich hab ich kein Eis da, Eisfach ist ja auch kaputt. Fühlt sich auch keiner verantwortlich hier. Wär mal wieder an der Zeit, eine WG-Runde mit Pia, Franz und Elli zu drehen. Aber dann bekomm ich wahrscheinlich wieder zu hören, dass ich hier gar nix mache. Die haben gut reden: Mit zwei Jobs und einer Band, wie soll ich da noch Zeit finden, um den Laden zu putzen? Pia und Elli studieren, arbeiten nicht nebenher (die Eltern zahlen alles) und sind von daher oft in der Wohnung. Ich meine, ich benutze Wohnung ja kaum. Wenn ich hier bin, dann nur um Platten einzupacken und zu schlafen. Ich koche ja noch nicht mal was. Insofern sollten wir die Hausarbeit nach prozentualem Anteil der Anwesenheit staffeln. Dann müsste ich vielleicht zweimal im Jahr abwaschen, einmal staubsaugen und einmal im Quartal den Müll runterbringen. Maximal.

Alleine wohnen wär schon was. Aber dafür reicht leider die Kohle nicht. Die Platten verkaufen sich ganz gut übers Netz, aber der Erlös steht kaum im Verhältnis zur Arbeit, die das macht. Der Imbiss wirft auch nicht viel ab – 6 Euro pro Stunde und kaum Trinkgeld. Und mit der Musik verdien ich ja noch nichts. Also noch nicht. Aber bald. Hoffentlich. Dann könnt ich zumindest den Wurstdreher-Job an den Nagel hängen. Muss mal mit der Band quatschen, was wir mehr tun können, um da voran zu kommen. Kann ja nicht sein, dass wir seit einem 3/4 Jahr proben und weder was aufgenommen haben, noch irgendwo aufgetreten sind.

Nachricht von Lisa. Ich soll nicht vergessen, Gertrude wegen dem Interview zu fragen. Mist, da hab ich gar nicht mehr dran gedacht. Na, dann rufe ich meine Tante gleich mal an. Lisas Schwester will ja diese Geschichte über Grenzgänger schreiben und sucht noch Leute, die sie interviewen kann. Gertrude hat auf jeden Fall viel zum Thema zu erzählen. Für Emma ein echter Glücksgriff, denke ich. Die weiß echt, wie sie ihre Schreiberei an den Mann bringt und treibt das voran. Würde auch gerne mit der Musik mehr machen. Da muss echt was passieren mit der Band! Schließlich will ich auch mal zu meinem eigenen Konzert gehen, heißt: auf der Bühne stehen.

Liebe hat ja nichts mit Herkunft oder Kultur zu tun

Nett ist nicht gerade ein freundliches Wort im Deutschen. Man sagt auch: „Nett ist der kleine Bruder von Sch***.“ Nach dem Spruch wird hier herzhaft gelacht. Ist das lustig? Ach, die Deutschen und ihr Humor sind manchmal schwer zu verstehen. Hier werden gerne lustige Sprüche geklopft. Wenn also nett nicht nett ist, ist dann der Kommentar auf Facebook* zu einem Profilbild „Na, heute mal wieder fotogeshopt**? Steht dir gut – du siehst wirklich viel besser aus!“ nett? Oder nicht nett? Verwirrend das alles.

Ich bin jetzt schon fünf Jahre in Deutschland, aber ich glaube, dass die Eigenheiten einer anderen Kultur am schwierigsten zu verstehen ist. Selbst wenn man lange in einem anderen Land lebt, fühlt man die kulturellen Unterschiede noch. Die Sprache zu lernen ist eines. Und dass Sprache der Schlüssel zur Integration ist, ist auch kein Geheimnis. Aber trotzdem gibt es im kulturellen Subtext einiges, was nicht verstehbar ist. So ist es auch mit Lisa. Im Allgemeinen verstehen wir uns großartig. Liebe hat ja nichts mit Herkunft oder Kultur zu tun. Aber es gibt immer wieder Situationen, in denen ich merke, wie deutsch Lisa ist und wie französisch ich bin. Das meine ich gar nicht wertend. Aber es ist einfach so.

Vor ein paar Tagen zum Bespiel: Lisa und ich sind ins Kino gegangen und haben uns Berlin – Die Sinfonie der Grosstadt angesehen. Als wir unsere Fahrräder im Hof an ein Geländer anschließen wollten, kam eine Frau aus dem Laden gegenüber rausgerannt, nur um uns darüber aufzuklären, dass es hier verboten sei, Fahrräder anzuschließen. Warum das so sein sollte, konnte ich nicht verstehen. Das ist nur ein Geländer, die Fahrräder stehen nicht Weg, wenn man sie da anschließt und sie versperren auch den Weg nicht. Ich habe dann angefangen, mit der Frau zu diskutieren und habe ihr schließlich gesagt, dass sie das ja nichts angehe, schließlich sei es nicht ihr Hof und nicht ihr Geländer. Die Frau war ziemlich sauer, dass habe ich schon gemerkt. Und Lisa auch – ihr war es sichtlich unangenehm, dass ich mit der Frau gestritten habe. Schließlich ist die Frau wütend in den Laden zurück und zischte noch, dass wir uns nicht wundern sollten, wenn die Räder nachher nicht mehr da seien. Daraufhin wollte Lisa die Fahrräder partout woanders anschließen. Wir haben uns dann ein bisschen angenervt, am Ende habe ich mein Fahrrad dort am Geländer stehen gelassen und Lisa hat sich einen anderen Platz gesucht.

In Deutschland sind die Leute daran gewöhnt, dass es für alles Vorschriften gibt und dass man sich an diese Vorschriften vorschriftsmäßig hält. Kein Wunder also, dass Deutschland das Land mit den meisten Gesetzen auf dieser Welt ist. Dazu werden die Vorschriften hier auch gerne selbst gemacht und dann ist es plötzlich verboten, dieses oder jenes zu tun. Manchmal habe ich tatsächlich das Gefühl, dass das Wort „verboten“ ein Lieblingsbegriff der Deutschen ist. Ich finde diese Regeltreue schon komisch. In Frankreich würde kein Mensch auf Idee kommen, dir zu sagen, dass du dein Fahrrad nicht an ein Geländer schließen sollst. Hier schon. Und die Leute befolgen es, als sei es gesetzlich festgeschrieben und man könnte bestraft werden, wenn man sich nicht daran hält. Das ist wirklich seltsam.

Sebastian Block und Band, live und mit neuen Songs.

Jetzt muss mich aber beeilen, bin schon wieder zu spät dran. Lisa sagt ja, dass es typisch für mich ist, dass ich immer zu spät komme. Auch so ein Kulturding … Aber los jetzt. In 20 Minuten treffe ich mit Lisa und Peter an der Noisy Stage. Jetzt ist gerade Berlin Music Week und heute spielt Sebastian Block und Band. Ist schon eine Weile her, dass ich die live gesehen habe und somit wieder an der Zeit. Macht immer wieder Spaß auf einem Konzert von Sebastian Block zu sein. Ich mag deutsche Musik, besonders wenn sie poppig-melancholisch daherkommt. Außerdem ist der Bassist Franzose und mag deutschen Pop genau gerne wie ich.

Die Playlist der Band für das heutige Konzert.

Mein Fahrrad stand übrigens noch immer da, als wir aus dem Kino gekommen sind.

Anmerkung der Autorin:

* Ja, 2012 gab es zwar schon Instagram, aber Facebook war der Social Media Place to be.

** Die Bilder wurden übrigens nicht gefiltert, sondern gefotoshopt. Das war ein Programm, richtig teuer und kompliziert zu bedienen, und es hat aber seinen Zweck erfüllt, wenn es darum ging, ein Foto aufzuhübschen.

Ich hätte es vielleicht besser machen können

Es gibt eine Sekunde, an der die Ampel schon grün ist, aber sich nichts bewegt. Diese Sekunde ist eine Ewigkeit der Stille. Die Sekunde in der die Ampel schon rot ist, ist hingegen die bewegte Zeit. Fussgänger, Fahrrad- und Autofahrer versuchen rasend noch über die Straße zu gelangen, bevor der Querverkehr loslegt. Es ist besonders faszinierend zu beobachten, wenn man an einer großen, breit angelegten Kreuzung in Berlin steht und der Stillstand sich von einer Sekunde zur anderen in hektische Betriebsamkeit wandelt.

Eine ewige Nanosekunde Stillstand.

Ich bin jetzt schon 40 Jahre hier und die Karosserien der Autos sehen heute ganz anders aus, es gibt deutlich mehr Fahrzeuge, die durch die Stadt rollen, die Bekleidung der Fußgänger und Radfahrer hat sich der jeweiligen Mode entsprechend angepasst, aber die Halt- und Weiterregeln des Verkehrs haben sich nicht verändert.

Als ich vor dem Fall der Mauer zwischen Ost- nach West-Berlin hin- und hergefahren bin, waren die Autos schon auf den ersten Blick unterschiedlich: Trabant und Wartburg hier, Mercedes, BMW und VW dort. Heute gibt es von allem etwas, auch alte Ost-Autos fahren noch herum, aber meistens sind die Autos neueren Datums und sehen alle gleich aus, egal aus welchem Teil dieser Welt sie kommen.

Die Frauen allerdings, die ich geliebt habe, hätten unterschiedlicher nicht sein können. Elisabeth war groß gewachsen, hatte wallendes rotes Haar und eine kräftige Stimme. Sie war immer so pragmatisch und hat den Dingen ihre Farben gegeben. Vielleicht war sie deswegen Maskenbildnerin. Sie hat mir einmal gesagt, dass sie ein Gesicht nicht bemalt, um es zu maskieren. Sie wollte jedem Gesicht sein wirkliches Gesicht geben, das Charakteristische herausstellen. Und das ist ihr auch immer hervorragend gelungen. Am Theater haben sich die Schauspieler darum gerissen, von ihr geschminkt zu werden. Am liebsten wollten alle immer hässlich gemacht werden und waren dann selbst erschrocken, wie viel von der geschminkten Hässlichkeit ihr wahres Ich zeigte. Aber Elisabeth war keinesfalls bösartig. Sie hat die Dinge, die Gesichter nur in all ihren Facetten begriffen. Und gezeigt, dass Schönheit ohne Hässlichkeit nicht sein kann.

Marlene hingegen ist ganz zierlich, hat blondes, feines Haar und einen elfengleichen Gang. Sie baut Welten, die es so nicht gibt und die immer etwas Befremdliches an sich haben. Ihre Bühnenbilder sind entweder extrem kalt, oder extrem laut, oder extrem überdreht. Auf jeden Fall immer extrem unwirklich. Marlene hat mir erklärt, dass sie die Kulissen aus ihren Träumen holt. Jedes Mal, wenn ein neues Stück ansteht, träumt sie sich regelrecht in dieses Stück hinein. Sie schreibt alles akribisch auf, sofort nachdem sie aufgewacht ist, damit sie später das Bühnenbild aus ihren Träumen zusammenbauen kann. Dieses traumhaft Unechte hat seinen Reiz, es irritiert die Zuschauer und bringt selbst die Schauspieler manchmal ordentlich durcheinander.

Wenn ich darüber nachdenke, ist es schon erstaunlich. Auf den ersten Blick würde man denken, dass Elisabeth wie Marlene und Marlene wie Elisabeth sein müsste. Aber hier täuschen die Äußerlichkeiten den Betrachter. Wenn ich Emma und Lisa zusammen sehe, dann sehe ich Elisabeth und Marlene vor mir. Meine beiden Frauen haben sich nie kennen gelernt. Ich hätte es vielleicht besser machen können. Vincent hat mich vor kurzem gefragt, ob ich nie den Wunsch gehabt habe, die beiden einander vorzustellen. Er ist ziemlich direkt, der junge Mann. Aber einen gesunden Menschenverstand hat er, der Freund meiner Tochter. Damals war das alles nicht so einfach. Zwei Frauen, eine in Ost-, die andere in West-Berlin. Zwei Töchter, von jeder eine. Und dann die Krankheit von Elisabeth. Ach, Ausreden. Ich war feige und egoistisch. Ich habe es genossen, meinen Kopf in zwei Schösse legen zu dürfen und zwei Frauen lieben zu können, die mich mit ihrer Verschiedenheit erst zu einen ganzen Mann haben werden lassen. Zu groß war meine Angst, die eine oder andere könnte mich verlassen, wenn sie von der Zweigleisigkeit meines Tuns erfährt. Ich habe sie unterschätzt. Vor allem Elisabeth.

Manchmal geht mir diese Stadt einfach auf die Nerven

Manchmal geht mir diese Stadt einfach auf die Nerven. Es ist laut, dreckig, voller Autos. Alles muss immer cool sein, dabei ist es nichts als eine Ansammlung von Menschen und Fahrzeugen aller Art. Wirklich schön ist Berlin auch nicht. Außerdem bereitet mir diese ständige Schwüle im Sommer Kopfschmerzen. Kann es nicht einfach mal ein paar Tage am Stück einfach nur angenehm warm und trocken sein? Und dann ist plötzlich Herbst. Ach, ich bin unleidlich. Nichts ist gerade so, wie es mir gefällt. Aber wie es anders besser sein könnte, weiß ich ja auch nicht. Kompliziert das alles.

Ich bin hier geboren und trotzdem gibt es immer wieder diese Momente, in denen ich am liebsten weg möchte von hier. Vielleicht liegt es nicht an der Stadt, ich bin ja woanders auch ich und dort gefällt es mir vielleicht auch nicht.

Auf der anderen Seite ist es schon spannend hier zu sein, mittendrin. Und zu sehen, dass Berlin ist was Berlin schon immer war. Also zumindest in den letzten 100 Jahren. Anfang August war ich mit Vincent im Freiluftkino Central in den Hackeschen Höfen. Da gab es diesen tollen Stummfilm Berlin – Die Sinfonie der Großstadt von Walther Ruttmann zu sehen. Mit Live-Elektro-Musik von Tronthaim. Die Stimmung war fantastisch. Die Stadt war architektonisch natürlich anders, weil vor dem zweiten Weltkrieg. Trotz tonlosem schwarz-weiß Films war es irgendwie doch auch das Berlin von heute. Der typische Charakterzug von Großstädten kommt durch die fahrige Art des Stummfilms noch stärker zur Geltung: Die allgemein hektische Grundstimmung. Alles muss schnell, schneller, am schnellsten gehen.

Ich mag Geschichten aus Berlin, die Anfang bis Mitte des letzten Jahrhunderts spielen. Geschichten, wie Kästner sie schrieb. Ich liebe die Romane von Erich Kästner so sehr, weil sie Berlin zeigen, wie ist war und wie es noch heute ist. Das Berlin von Fabian. Oder das Berlin von Emil und seinen Detektiven. Das Buch habe ich als kleines Mädchen bestimmt 20 Mal gelesen.

Besonders schön ist die Stelle, als Emil Herrn Grundeis im Zug trifft und dieser dubiose Herr Emil von Berlin erzählt: Emil kennt Berlin noch nicht und ist wahrlich erstaunt darüber, dass es dort Häuser geben soll, die gut 100 Stockwerke hoch sind und die man am Himmel festbinden muss, weil sie sonst vom Wind weggeweht werden. Das erinnert mich eher an Hong Kong oder New York – aber Wolkenkratzer scheinen generell ein Symbol für Großstädte zu sein. Immerhin gibt es in Berlin heute ja auch den Versuch moderne, hochgewachsene Gebäude am Potsdamer Platz zu etablieren.

Über die Leute, die in Berlin leben, weiß Herr Grundeis Urkomisches zu berichten: So lassen sich einige, die es besonders eilig haben, per Rohrpost verschicken. Städter, die unter chronischer Geldnot leiden, verpfänden laut Grundeis ihr Gehirn auf der Bank. Was uns Kästner damit sagen will, ist wohl glasklar. Schon damals waren die Banken nicht gerade die Heilsarmee …

Ob es damals auch schon überall Glasscherben gegeben hat? Ich kenne keine andere Stadt, in der die Menschen ihre Glasflaschen so achtlos in der Gegend herumwerfen, dass es knirscht beim Gehen. Also fast. Auf jeden Fall macht mir Fahrradfahren schon lange keinen Spaß mehr. Es nervt, wenn man alle zwei Wochen den Schlauch flicken muss. Oder gleich ganz wechseln. Für die Fahrradläden dieser Stadt auf jeden Fall ein gutes Geschäft.

Ich glaube, ich muss Papa mal fragen, wie das vor 40 Jahren hier war. Er war ja im Westen und im Osten. Ich habe ihn eigentlich noch nie so richtig danach gefragt. Nach seiner Geschichte, wie er nach Berlin gekommen ist und so. Von sich aus erzählt er nicht viel. Ist wahrscheinlich auch kein Wunder. Ich habe Elisabeth ja auch erst 1996 kennengelernt. Da war er mit Mama schon nicht mehr zusammen. Immerhin habe ich mit Emma und Patrice zwei famose Geschwister bekommen. Schade, dass wir uns erst Mitte der 90er Jahre getroffen haben. Ich habe mich früher oft einsam gefühlt. Vielleicht rührt meine melancholische Ader auch daher. Wenn du mit dir selbst die Dinge ausmachst, kommen schnell Zweifel auf.

Normalerweise haben wir immer Spaß

Manchmal ist es echt anstrengend mit meiner großen Schwester. Ich habe seit langem mal wieder einen Freitagabend frei und dann so was. Erst freut sie sich wie ein kleines Mädchen, als ich ihr eine Bar vorschlage, die sie nicht kennt. Kaum sind wir da, zieht sie eine Schnute und schaut gelangweilt drein. Dann fragt sie mich alle paar Minuten nach der Uhrzeit und scheint verwundert, dass ich genervt bin. Ein Gespräch kommt auch nicht in den Gang, sie will ja nicht reden, sondern ihre “ach ist das alles öde” Show abziehen. Wenn ich ihr dann durch die Blume zu verstehen gebe, dass sie mir mit ihrem Getue “die Suppe versalzen hat”, tut sie so, als verstehe sie nicht. Es ist wirklich selten, dass Emma und ich uns so gar nichts zu sagen haben. Normalerweise haben wir immer Spaß, aber heute Abend klappt es nicht mit uns.

Dann steht plötzlich dieses Mädchen neben mir. Ziemlich hübsch, aber auch ziemlich betrunken, lächelt mich an. Ich lächele zurück, bin halt ein freundlicher Mensch, aber wirklich interessieren tut sie mich nicht, die Kleine. Ist mir viel zu jung. Außerdem habe ich gerade gar keine Augen für andere Frauen. Jenna hat mir ziemlich den Kopf verdreht. Seitdem fallen mir ständig neue Rezeptideen ein. Liebe geht durch den Magen – so sagt man doch? Der Spruch könnte auch von mir sein …

Hab mich aber noch nicht getraut, Emma davon zu erzählen. Jenna ist ja eine gute Freundin von ihr, und es kommt mir ein wenig komisch vor, dass ich mich ausgerechnet in sie verknalle. Fühlt sich fast wie Inzest an, ich kenne sie ja auch schon länger, und wir sind Freunde. Aber da war dieser Tag vor ein paar Wochen.

Wir alle am See, Emma, Jenna, Josh und ich, ist mal richtig heiß an diesem Tag und keine Wolke zu sehen. Die Sommer hier sind wirklich verregnet. Aber ich mag das. Die Stadt ertrinkt im Grün, und es ist wie in einem Aquarium hier, so nass ist die Luft. Lisa klagt oft über Kopfschmerzen, aber ich sage ihr immer wieder, dass das viel besser ist, als diese unerträgliche Hitze, die alles trocken legt. Ich kann Hitze nicht ausstehen und das einzige Nasse an diesem Tag ist der See. Der Himmel ist fast so weiß wie in meiner Heimat. Aber der Wald um den See kühlt die flirrend heiße Sommerluft herrlich ab, und wir genießen eine doppelte Erfrischung.

Der Sommer bringt die Liebe.

Wir liegen also im Schatten der Uferbäume am Liepnitzsee herum, es ist ziemlich still, wir lesen, hängen unseren Gedanken nach und ab und zu tauchen wir in das schöne klare Wasser des Sees ein. Irgendwann schaue ich auf und sehe die Silhouette von Jenna, wie sie ins Wasser watet, rechts von ihr Schilf, ihr Profil, die Sonne beleuchtet ihre Nase, sie lacht, lacht mich an. Und in diesem Moment ist es um mich geschehen. Dieses perlende Lachen. Diese Nase. Warum habe ich das erst jetzt bemerkt?

Ich habe den ganzen Sommer gebraucht

Wir sind vermutlich nicht die ersten, die daran gedacht haben, zu gehen. Wir bleiben aber dennoch hier, es ist öde, Trendgewichse, aber eine Alternative gibt es nicht, ist ja sowieso alles dasselbe hier. Oder das Gleiche? Egal, ich kann mir den Unterschied nicht merken, habe es bestimmt schon 1.001 mal gegoogelt und im Zwiebelfisch nachgelesen.

Also kippen wir Cola mit billigem Whisky herunter, als ob es kein Morgen gäbe, und rauchen eine Zigarette nach der anderen. Um uns herum ist es so verqualmt, dass wir die anderen Gäste, die lediglich ein paar Meter entfernt stehen, nur noch schemenhaft erkennen können. Ich frage Patrice alle paar Minuten nach der Uhrzeit, mir scheint es eine Ewigkeit, die wir hier herumstehen und nichts tun außer trinken, rauchen und uns langweilen.

Plötzlich fällt mir Josh ein, und er fehlt mir sehr. Er ist schon ein paar Tage weg, also nicht in B gerade. Solange ich viel zu tun habe, denke ich nicht so sehr an ihn. Aber jetzt, hier auf dieser unerträglich einfallslosen Veranstaltung, vermisse ich ihn. Josh ist ein ziemlich smarter Kerl, auf jeden Fall bringt er mich fast immer zum Lachen. Und Lachen hilft gut gegen Eintönigkeit. Patrice ist heute außerdem nicht so gut drauf, das macht den Abend nicht besser.

Wir gehen an die Bar, da ist die Musik nicht ganz so laut und ich frage Patrice, was los ist. Er rollt nur mit den Augen, irgendwas mit Suppe versalzen, murmelt er noch. Das soll ich nun verstehen, könnte ihm ja tatsächlich heute passiert sein. Patrice ist schließlich Koch und Perfektionist, wenn es um die Zubereitung von Speisen geht. Könnte aber auch eine Umschreibung für irgendwas sein, mein Bruderherz spricht gerne in kulinarischen Metaphern, wenn es um das Leben geht.

Ich habe den ganzen Sommer gebraucht, um zu verstehen, wohin die Reise geht. War eine lange Durststrecke, Schreibblockade sozusagen, die ich zurücklegen musste. Aber jetzt kann ich es kaum erwarten, mit meiner neuen Reportage loszulegen. Vielleicht hab ich deshalb auf den ganzen Kram hier nicht so Recht Lust. Mir kribbelt es in den Fingern, der Stoff will fließen. Das Reportagen-Konzept zum umreissen, ist noch der geringste Aufwand. Ich muss vor allem viel Recherchieren und ein paar geeignete Interviewpartner finden. Zeitzeugen. Wenn es denn noch welche gibt, die sich erinnern können. Und wollen. Ich muss mal Laurenz fragen, der hat seine Kontakte und kennt einen, der einen kennt, der einen kennt. Außerdem ist er mir noch einen Gefallen schuldig. Ich hab ihm ja letztes Jahr ein paar heiße Tipps für seine Story gegeben. Hat bei der Veröffentlichung auch für einigen Wirbel gesorgt, und der gute Laurenz hat ordentlich Lob dafür bekommen.

Neben uns steht plötzlich so ein junges Ding, mittelkurzer Rock, hübsche Beine, Schmollmund mit sympathischem Lächeln und strahlt Patrice mit ihren großen blauen Augen an. Mein Bruder lächelt zurück, na also, Laune besser, vielleicht wird es doch noch ein cooler Abend.