Im Moment des Zusammenkommens beginnt die Trennung

Leur séparation commence dès leur rencontre. Im Moment des Zusammenkommens beginnt die Trennung. Diese senegalesische Weisheit hat Patrice mal zitiert. Ich weiß nicht mehr, wann er mir das gesagt hat, aber ich habe oft an den Spruch denken müssen. Wie wahr er ist, dass merke ich gerade.

Meine Mutter hat heute angerufen. Mein Vater liegt im Krankenhaus. Er hatte einen Zusammenbruch und liegt auf der Intensivstation. Die Ärzte wissen noch nicht, ob es ein Herzinfarkt ist. Oder etwas anderes mit dem Herzen. Oder vielleicht auch etwas ganz anderes. Komisch, dass es meinen Vater getroffen hat. Ihn, der immer sportlich gewesen ist, nie geraucht und nur mäßig getrunken hat. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass er jemals krank gewesen wäre. Noch nicht mal ein Schnupfen oder Kopfschmerzen. Er war immer stark, gesund und voller Tatendrang. Ich kann mir absolut nicht vorstellen, wie er da in einem sterilen Zimmer liegt, einen Tropf im Arm, sein Gesicht weiß wie die Zimmerwand und mit müden Augen. Das ist nicht er.

Für meine Mutter ist es besonders schlimm. Sie hat sehr verzweifelt geklungen am Telefon. Und sie hat geweint. Als sie mir erzählt hat, dass mein Vater im Krankenhaus ist, ist mir etwas eingefallen. Ich glaube fast, dass meine Eltern seit dem Tag, an dem sie zusammen gekommen sind, keinen einzigen Tag getrennt gewesen sind. Und meine Eltern sind über 30 Jahren zusammen. Krass. Und dann habe ich an den Spruch denken müssen, den Patrice mir mal gesagt hat.

In dem Moment, wo Du auf einen Menschen triffst, den Du liebst, in diesem Augenblick ist eigentlich schon klar, dass es irgendwann eine Trennung geben muss. Kein Anfang ohne Ende. Kein Leben ohne Tod. Wir denken natürlich nicht daran. Denn würden wir ständig daran denken, an das schreckliche Gefühl, das man hat, wenn man sich trennt oder getrennt wird. Wir würden ja keine Beziehung mehr eingehen oder Kinder bekommen wollen. Dann würde die Welt sehr einsam werden.

Meine Mutter ist gerade alleine zu Hause. Sie darf nicht bei meinem Vater sein, heute zumindest nicht. Und das bricht ihr das Herz. Alleine sein und einsam sein, dass ist nicht unbedingt dasselbe. Wenn aber das Alleinsein unfreiwillig ist, dann ist die Einsamkeit da. Meine Mutter will auf gar keinen Fall ohne meinen Vater sein. Aber jetzt geht es nicht anders. Und sie fühlt sich furchtbar einsam. Es bricht mir das Herz, wenn ich an meine Mutter denke und fühle, wie sehr sie leidet. Ich sollte nach Frankreich fahren. Morgen.

Lieber ein guter Film pro Woche als Fernsehen jeden Tag

Wenn nach ein paar schönen sonnigen Tagen ein Gewitter angekündigt wird, herrscht Weltuntergangsstimmung. Die Leute auf den Straßen sind dann immer leicht durchgedreht, irgendwie neben sich und manchmal aggressiv. Ich liebe das. Es fühlt sich für mich dann genau so an, als ob ich mich durch einen Film bewege. Fehlt nur noch die leise, gefährlich klingende Musik über der Stadt, die in Filmen dann begleitend eingespielt wird. Aber das lässt sich leicht simulieren: Ich setze einfach meine Kopfhörer auf und höre In The House – In A Heartbeat vom 28 Days Later Soundtrack. Dann bin ich mitten drin im Zombie-Endzeit-Getümmel.

Ich liebe Filme – wer nicht? Aber knallen muss es. Liebeskomödien oder dialogschwere Dramen sind nichts für mich. Ich will mein Herz klopfen hören, die kribbelnde Spannung in meinem Körper spüren, von Kopf bis Fuß elektrisiert sein, wenn ich einen Film sehe. So geht es mir nur, wenn es richtig zur Sache geht. Halt so wie in 28 Days Later.

Lieber ein guter Film pro Woche als Fernsehen jeden Tag. Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Leute den Fernseher nur deshalb sofort anschalten, wenn sie zu Hause sind, weil ihnen eigentlich langweilig ist. Passiv auf einen Bildschirm zu starren, scheint erst einmal von der eigenen Langeweile abzulenken. Obwohl es eigentlich genau anders herum ist: Vor dem Fernseher zu hängen bedeutet meistens, sich der Langeweile hinzugeben.

Leider muss ich mir hier auch viel zu viel Low TV ansehen, da damit ich die deutschen TV-Sendeformate und Fernsehgewohnheiten analysieren kann. In den USA sind das gängige Fernsehprogramm und die üblichen TV-Sehgewohnheiten sogar noch schlimmer. Es ist es ja bezeichnend, dass in Deutschland viele der billig zu produzierenden Sendeformate aus den USA übernommen werden. Keine sehr schmeichelnde Auszeichnung, die mein Heimatland da hat: Mother of Trash TV.

Und diese ganzen Talk- und Reality Shows sind die Spitze der abgestumpften Unterhaltung. Da wird das langweilige Leben der einen künstlich in ein pseudo-aufregendes Leben umgewandelt, um den anderen zu suggerieren, dass das Leben aufregend sein könnte. Nämlich dann, wenn man ein TV-Star wäre. Und es gibt ziemlich viele Menschen, die als Zurschausteller in diesen Shows auftreten wollen. Weil es offensichtlich genug Zuschauer gibt, die ihrem Exhibitionismus huldigen. Das ist es, was wirklich traurig ist: Diese Formate funktionieren nur deswegen so gut, weil es viele Leute gibt, die diese Berieselung suchen.

Bei dem ganzen Gerede über schlechtes Fernsehen, bekomme ich richtig Lust, mal wieder einen guten Action-Klassiker anzusehen. Ich frage Patrice, ob wir nach dem Essen noch Bullitt ansehen wollen. Erst im L’origine du monde schlemmen, dann mit Steve McQueen eine Runde Muscle Car fahren. Und zum Schluss übereinander herfallen. Könnte ein perfekter Abend werden, heute.

Hab sofort an eine Gazelle denken müssen

Man, man, man, ist die süß. Hab es erst gar nicht glauben können, als Lisa die Lady mitgebracht hat. Dass es so eine Frau gibt auf der Welt! Hab sofort an eine Gazelle denken müssen. Und das beste ist: Sie steht auf mich. Hab ich gleich gemerkt. Wie sie mich angesehen hat, den ganzen Abend lang. Also zumindest so lange, wie ich mich erinnern kann.

Die Party war supercool. Hab das Ende zwar nicht mehr parat, aber was soll’s. Hatte meinen Spaß, echt gut war es. Man wird schließlich nur einmal 30. An die 70 Leute da, volles Haus. Getanzt wurde wie wild, was will man mehr. Meine Mitbewohner hab ich gar nicht gesehen, waren wahrscheinlich nicht da. Selbst schuld.

Pia hat am nächsten Morgen ziemlich genervt. Kam einfach in mein Zimmer, ich voll verkatert, Kopfschmerzen vom feinsten. Und dann Pia am meckern, ich soll die Bude gefälligst aufräumen, wäre alles voll dreckig. Haben uns dann erst mal 5 Minuten angeschrieen – also ich weniger, hat noch zu viel geschädelt. Whatever. Habe die Wohnung dann noch drei Stunden geputzt, meine Mitbewohner waren auch da, haben aber keinen Finger gerührt.

Seitdem ist die Stimmung hier noch schlechter. Elli und Pia reden gar nicht mehr mit mir. Ich verstehe echt nicht, warum die so angepisst sind. Hätten ja zu der Party des Jahrhunderts da sein können, waren ja sowieso eingeladen. Hatte ich ihnen vielleicht nicht direkt gesagt, naja, aber war ja eh klar, also für mich schon. Franz ist wenigstens ein bisschen verständnisvoller und wollte auch schlichten, hat aber nicht so richtig geklappt. Hätte vielleicht die Zimmer der drei abschliessen sollen, als die Party losging. Naja, gibt eigentlich keine Schlüssel hier …

Also, was soll’s. Ich will die unbedingt wiedersehen. Ist echt lange her, dass mich eine Frau so umgehauen hat. Hab Sevtap schon über Facebook* kontaktiert, aber sie hat mir noch nicht geantwortet. Ist vielleicht keine Heavy Userin, soll es ja auch noch geben. Ich könnte gar nicht mehr ohne. Naja, ich brauch das ja auch beruflich. Die Plattensache läuft ganz gut mit Werbung über Facebook* und Twitter**, ist auch einfacher auf dem Laufenden zu halten als eine eigene Website und irgendwie sozialer. Heißt ja auch nicht umsonst Social Media, haha. Sollten wir auch endlich für unsere Band machen, so eine Gesichtsbuch-Seite. Ach je, die Band. Wie viel Uhr ist es? Ich bin zu spät. Die Probe hat schon angefangen, Mist. Vincent hätte mir ja auch mal eine SMS schreiben oder anrufen können. Muss los.

* 2012 war man noch auf Facebook und Twitter unterwegs.

** X hieß damals Twitter und die Posts durften nicht länger als 40 Zeichen lang sein. Das waren noch andere Zeiten :D

Meine Wahrnehmung der Dinge ist nicht deine Wahrnehmung der Dinge

Wie der mich nervt. Spricht zu laut und muss sich ständig durch seine fettigen Haare streichen. Und dann noch dieses überzogene Popstar-Gehabe. Und wenn Lisa nicht endlich aufhört, mir diesen Peter einreden zu wollen, muss ich mal ein ernstes Wort mit ihr reden. Lisa will mir sowieso ständig irgend einen Typen ans Herz legen. In ihren Augen scheine ich es dringend nötig zu haben, endlich in festen Händen zu sein. Dabei will ich gar nicht. Ich bin glücklich als Single. Ich geniesse meine Freiheit zu tun und zu lassen, was ich will. Für Lisa offensichtlich unvorstellbar, dass ich nicht so scharf darauf bin, unter der Haube zu sein. Sie hat mir ja erst vor kurzem gesagt, ich sei wie diese Frau, die ihr Fabian in dieser Bar trifft.

Lisa und Fabian. Lisa und Kästner. Wahrscheinlich eine Verbindung bis ans Ende aller Tage. Das klappt gut, ist ja auch risikoarm. Da die Kommunikation nur in eine Richtung verläuft (Kästner schreibt, Lisa liest), kann es keine Konflikte geben. Was die lebenslange Beziehung erheblich vereinfacht. Aber irgendwie schon rührend, ihre Leidenschaft für diesen Schriftsteller.

Bei Lisa und Vincent ist es anders. Sie streiten sich oft. Was in der Natur des Gegensätzlichen liegt. Die beiden sind wie zwei Pole, die die sich anziehen und dabei gleichzeitig abstossen: Lisa neigt dazu, Dinge zu dramatisieren, Vincent hingegen sieht die Dinge entspannt und beschwichtigt gerne. Meine Freundin geht die Dinge gerne so an, wie sie sie geplant hat, Vincent jedoch ist eher spontan und lässt die Dinge auf sich zukommen.

Die Dinge. Wenn ich darüber nachdenke, ist es vielleicht die Sicht auf die Dinge, die uns unterscheidet, die dazu führt, dass es so viele Auseinandersetzungen gibt – in Beziehungen oder zwischen ganzen Bevölkerungsgruppen. Meine Wahrnehmung der Dinge ist nicht deine Wahrnehmung der Dinge ist nicht eure Wahrnehmung der Dinge usw. Was ich sagen will: Kein Wunder, dass wir uns ständig in die Haare kriegen, sehen wir die Welt doch mit mindestens 14 Milliarden verschiedenen Augen. Natürlich hilft Sprache, sich über gewisse Wahrnehmungen, Einstellungen oder Erfahrungen zu verständigen. Wir sind schließlich sozial und wollen die Welt nicht nur über unser eigenes geschlossenes System erfahren – wir wollen uns darüber auch mit anderen austauschen. Nur, dass der Austausch bzw. die Kommunikation mit einem nicht zu unterschätzenden Konfliktrisiko behaftet ist. Weil wir das, was der andere sagt, immer auch bewerten. Und die Bewertung erfolgt anhand meiner individuellen Sichtweise. Insofern sind wir alle tatsächlich einzigartig: Die Gesamtheit meiner, deiner, eurer Sichtweisen, also die individuelle Kombination derselben, ist einzigartig und kann in Gänze mit niemandem komplett harmonisch geteilt werden.

Ein guter Denkansatz! Noch nicht ausgereift, aber ein Anfang. Ich glaube, ich habe gerade den Grundstein für meine Masterarbeit gelegt. Muss mal mit Lisa sprechen. Vielleicht können wir eine gemeinsame Idee für die Arbeit entwickeln.

War also alles schon mal da vor gut einem Jahrhundert

Fahrradfahrer, die telefonieren, während sie Fahrrad fahren, sind einfach superdämlich. Gestern wäre ich fast in eine Tante reingefahren, die gefährlich auf der Straße herum schlingerte, während sie lauthals in ihr Handy brüllte. Insofern fühle ich mich wieder bestätigt: Mobiltelefone sind schrecklich praktisch. Und vor allem schrecklich.

Als ich klein war, habe ich von Kästner Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee gelesen. Da gibt es eine Szene, in der die Leute mit einen Hörer in der Hand telefonieren, während sie auf der Straße herumspazieren. Und die dabei immer schrecklich beschäftigt und hektisch sind (oder so tun). Das Buch wurde 1932 zum ersten Mal veröffentlicht! Welch eine Weitsicht! Überhaupt, der Kästner. Der beschreibt die Welt damals schon, wie sie heute ist. Vielleicht weil sie früher auch schon so war. Oder weil sie sich heute wiederholt?

Weil sie so heute sind, kann ich die Bücher von Kästner wieder und wieder lesen. Nicht nur die Kinderbücher. Auch die für die großen Leute. Zum Beispiel Fabian. In der Geschichte eines Moralisten betrachtet eben dieser – also Fabian – das Berlin in den wilden Zwanziger Jahren an der Schwelle zur Wirtschaftskrise. Das klingt dann so, als sei die Stadt ein einziger Rummelplatz. Hell erleuchtet in knallbunten Farben sind Straßen und Häuser, es herrscht Jubel, Trubel, Heiterkeit. Aber eigentlich geht es nur ums Geschäft. Was zunächst wie ein Geldregen anmutet und Fabian an das Grimmsche Märchen Die Sterntaler denken lässt, stellt sich als plumper Werbegag heraus. Pikante Ironie dabei: Es handelt sich um eine Reklame für ein erotisches Etablissement.

Ist ja heute noch immer so. Berlin ist eine große Amüsiermeile, eine riesige und ständige Werbeveranstaltung. Und natürlich „arm aber sexy“.* War also alles schon mal da vor gut einem Jahrhundert. (Ich hab das Gefühl mich zu wiederholen – hab ich das nicht schon mal gesagt?) Und dazu fühle ich mich manchmal selbst wie Fabian: Ich gehe gerne raus und aus hier. Beobachte die Menschen und Zustände. Und bin genauso eine verzweifelte Zweiflerin.

Früher nicht anders als heute: Berlin ist verrückt nach Amusement.

Ich muss Papa jetzt wirklich mal fragen, wie Berlin in seiner jungen Zeit gewesen ist. Das muss ja eine andere Episode gewesen sein als zu Kästners Zeiten oder heute. Da war nicht nur die Stadt geteilt, auch die Geschichten der Berliner. Glaube ich. Oder nicht?

Apropos Amüsieren: Vor ein paar Tagen habe ich Sevtap mit zu der Geburtstagsfeier von Peter genommen. Das war ein Spaß. Peter sind fast die Augen aus dem Kopf gefallen. Er ist offensichtlich voll verschossen. Hätte ich gar nicht erwartet, dass Sevtap ihn so fasziniert. Sie sind ja grundverschieden die Beiden.

* Die Sterntaler ist eines meiner Lieblingsmärchen. Auch oder gerade weil das Ende so traurig ist. Das Mädchen gibt alles und stirbt zum Schluss. Aus religiöser Sicht mag die Erlösung golden sein – aus weltlicher Sicht ist es eher ernüchternd, so zu sterben. Oder mit Berlin gesagt: Mehr arm, weniger sexy.

Sie hat mein Leben wieder zum Blühen gebracht

Diese Frau ist wie eine saftige Tarte Normande, sie duftet nach Äpfeln, schmeckt nach Zimt, Zucker und Butter, ihre Haut ist knusprig wie der Tortenboden und ihre Brüste zart wie das Fruchtfleisch. Sie inspiriert mich zu neuen Rezepten, ich könnte von morgens bis abends einfach nur kochen, wenn sie nur daneben sitzt und mit ihr essen, sie lieben und dann wieder kochen, mit ihr essen, sie lieben…

Gut für Gaumen und Inspiration: die Liebe.

Emma scheint mir nicht gerade glücklich darüber zu sein, dass Jenna und ich zueinander gefunden haben. Ich kann gut verstehen, dass sie tief gekränkt ist. Es wäre sicherlich klüger und einfühlsamer gewesen, ihr zu erzählen, dass wir zusammen sind. Sie versucht sich nichts anmerken zu lassen, aber ich kenne meine Schwester zu gut. Ich weiß, dass sie sich alleine gelassen, vielleicht sogar einsam fühlt. In meiner Heimat sagt man „Pauvre est celui qui est seul.“ Wie wahr es ist: Auch wenn die Einsamkeit nur ein Gefühl ist, sie ist da und real für den, der sie spürt.

Ich weiß, wie es ist, sich allein gelassen zu fühlen. Ich war lange Zeit ganz allein auf dieser Welt. Als Emma und ich uns kennen gelernt haben, habe ich gedacht, dass ich der einsamste Junge auf dieser Welt bin. Und dann war Emma plötzlich da und ich war nicht mehr einsam. Gleich als ich sie gesehen habe, wußte ich, dass sie meine Schwester ist. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich einen anderen Menschen getroffen, der mich, mein Innerstes sofort erkennt – obwohl Emma in Deutschland geboren und aufgewachsen ist und ich aus dem Senegal kam, wir damals kaum die gleiche Sprache gesprochen haben und unsere Biographien unterschiedlicher nicht hätten sein können.

Umgekehrt ging es ihr ganz genauso. Es ist mehr als ein großes Glück, dass ich Emma getroffen habe, als ich nach Deutschland kam. Sie hat mein Leben wieder zum Blühen gebracht. Und ich habe ihr das Lachen und die Freude zurück gegeben. Sie hat mir damals alles erzählt, diese widerliche Grausamkeit, die ihr als kleines Mädchen angetan worden ist. Ich bin immer noch der Einzige, dem sie sich anvertraut hat (wenn man mal von dem Therapeuten absieht). Diese Geschichte hat sie zu einer sehr empfindsamen wie auch empfindlichen Frau gemacht. Meine Beziehung zu Emma ist es etwas ganz besonderes und wird es auch immer bleiben. So etwas passiert dir, wenn überhaupt, nur einmal im Leben. Und ich hoffe sehr, dass sie dieses Band immer noch spürt.

Mit den anderen in meiner zweiten Familie ist es anders. Sie sind mir nah, aber sind nicht aus demselben Holz wie Emma und ich geschnitzt. Lisa ist meine kleine Schwester, Hans mein Vater. Und Elisabeth war eine liebende Mutter für mich, ich vermisse sie immer noch so sehr wie ich meine Familie im Senegal vermisse. Auch wenn ich mich an die Zusammensetzung der Familie erst gewöhnen musste. Man sagt hier wohl Patchwork-Familie dazu. Ein dämlicher Begriff ist das. Als wäre eine Familie ein großer Flickenteppich und wir alle ein Fetzen Stoff, der die Familie zusammenhält. Und jetzt noch Jenna, diese wunderbare Frau. Noch mehr Patchwork, wenn man es genau nimmt. Also wenn wir alle Fetzen wären.

Ich frage mich natürlich, wie die anderen das finden

Manchmal ist es einfach nur gut, ein Buch in der Hand zu halten. Gedruckte Worte auf raschelndem Papier wirken beruhigend auf meine TV-müden Augen. Deshalb liebe ich Bücher. Auch des Geruchs wegen, natürlich.

Am Liepnitzsee vor ein paar Wochen habe ich gerade ein neues Buch angefangen. Girl with Curious Hair von David Foster Wallace. Liest sich nicht so einfach weg, aber ich entleere meinen Kopf ja schon fast jeden Tag, indem ich mir billige TV-Shows und Fernsehformate reinziehe. Alles im Namen der Wissenschaft, natürlich. Aber ziemlich zäh, sich diesen Trash permanent anzutun. Das Buch ist schon super, ich mag Wallace ja sehr. Vor allem wusste ich gar nicht, dass Patrice Wallace auch so sehr mag. Habe ihm eine Kurzgeschichte vorgelesen, und er hat ganz ruhig zugehört. Überhaupt mag ich diese ruhige Art von Patrice sehr, und dabei ist er ziemlich anziehend.

Es gibt keinen besseren Sommerort auf dieser Welt.

Und der Sex letzte Nacht war wirklich gut. Habe schon lange meinen Körper nicht mehr so gespürt. Vielleicht lag es an dem Hunger, an dem Durst, an der inneren Hitze. Wir kennen uns schon länger und plötzlich war da diese Leidenschaft füreinander. Es hat nur eine Sekunde gebraucht, vielleicht war es das Licht an diesem See, und wir wussten beide, dass wir uns verliebt haben.

Ich frage mich natürlich, wie die anderen das finden. Vor allem Josh und Emma. Josh lässt sich jedenfalls nichts anmerken, auch wenn es ihm komisch vorkommen sollte. Aber so ist er, mein Bruder. Nicht sonderlich gefühlsbetont. Wahrscheinlich findet er es einfach nur funny. Und Emma? Die scheint schon ein bisschen sauer zu sein. War auch nicht gerade glücklich, dass wir sie auf der Straße treffen, bevor wir ihr gesagt haben, was los ist. Allerdings macht sie es einem auch echt schwer damit. Emma will immer die Hauptperson sein. Ich wollte es ihr ja schon längst gesagt haben, hab mich aber nicht getraut. Ich weiß ja, dass es doof von mir ist, sonst erzähle ich immer alles. Aber in diesem Fall ist es mir echt schwer gefallen. Weil ich ihre Freundin bin und Patrice ihr Bruder. Allerdings ist sie ja auch mit meinem Bruder zusammen. Warum sollte sie es umgekehrt nicht akzeptieren können?

Nur weil ich Emma durch Josh kennengelernt habe, muss ich kein schlechtes Gewissen haben. Ich hätte es ihr sowieso bald erzählt. Sollte ja kein Geheimnis sein. Obwohl – spannend war es schon, als nur Patrice und ich davon wussten. Ein bisschen wie eine verbotene Liebe. Aber jetzt ist raus. Und Emma soll sich nicht so anstellen. Ich sollte ihr das mal sagen.

Also bin ich in das Beatles Museum gegangen

Vor kurzem war ich einen Tag lang in Halle. Fantastisch, was man alles entdeckt, wenn man beruflich durch die Welt geschickt wird. Halle gefällt mir. Schöne Altstadt und so unaufgeregt. Zum Glück hatte ich zwischen den zwei Terminen noch ein bisschen Zeit. Also bin ich in das Beatles Museum gegangen. I love THE BEATLES.

Ein Tag in Halle kann nur gut sein, weil es dort das Beatles-Museum gibt.

Das allererste Popmusik-Album meines Lebens war das Album The Beatles. Wenn man es genau nimmt, habe ich mir das Album einfach angeeignet. Es gehörte zu der riesigen Plattensammlung meines Dads. Ich glaube fast, er hat von allen bekannten amerikanischen und britischen Bands der 60er und 70er Jahre alle Alben. Wirklich alle. Meine Eltern schwärmen ja auch heute noch von Woodstock und wie toll es damals war. Happy Hippies, Love and Peace. Das wiederum ist ja nicht so meins.

Aber The Beatles. Auf dem White Album sind großartige Songs drauf. Ich finde immer das passende Lied für meine jeweilige Stimmung. Wenn ich fröhlich bin, mag ich am liebsten Honey Pie oder Savoy Truffle, wenn ich wütend bin, höre ich gern Helter Skelter oder Happiness Is A Warm Gun, wenn ich schlecht drauf bin, läuft Cry Baby Cry und Yer Blues in Endlosschleife. Und Sex ist am besten mit Everybody’s Got Something To Hide Except Me And My Monkey. Zum Glück gibt es heutzutage MP3-Player*. Da kann ich bei meinem ständigen Unterwegssein wenigstens die Musik hören, die mir Spaß macht. Und mich ausklinken.

Zur Entspannung ein Kaffee mit den Beatles im Biergarten.

Emma interessiert sich leider gar nicht für The Beatles. Liegt vielleicht auch daran, dass sie so gut wie pop-musikfrei aufgewachsen ist. Hans ist ja eher klassisch orientiert. Eigentlich seltsam, da er in Ost und Westdeutschland für seine sehr modernen Theaterinszenierungen ziemlich bekannt gewesen ist. Zum Glück teilt mein Schwesterchen meine Beatles-Leidenschaft. Da kann Patrice noch von ihr lernen. Irgendwie lustig, dass die beiden sich jetzt endlich gefunden haben. Hab eigentlich nur darauf gewartet, dass das endlich passiert.

Ist eine interessante Paar-Konstellation: Ich bin mit der Schwester von Patrice zusammen, der mit meiner Schwester zusammen ist, die die beste Freundin von Emma ist. Und Patrice und ich verstehen uns auch super. Alles easy, außer dass Emma sich ziemlich aufgeregt hat. Ich glaube, sie ist eifersüchtig. Sie denkt, dass Jenna und Patrice sich nicht mehr genug für sie interessieren. Ach Emma, manchmal bist du wirklich wie ein kleines Mädchen. Ihr Drang nach Aufmerksamkeit kann schon echt nerven. Da bin manchmal schon froh, dass ich viel unterwegs bin. Sonst wäre es mir schnell zu viel mit ihr.

* MP3-Player sind auch so ein Ding der 2010-Jahre: Musik-Streaming à la Spotify kam in Deutschland erst ein paar Jahre später richtig in Mode.

Ich weiß nicht genau, wie ich das finden soll

Heute habe ich mit Gertrude telefoniert. Die Großtante von Peter ist zum Glück ganz anders als ihr Großneffe. Sie ist besonnen und hat einen klaren Blick auf das Weltgeschehen. Bei Peter bin ich mir da nicht ganz so sicher. Der ist eher ein In-den-Tag-Träumer. Aber besonders interessiert an Dingen, die außerhalb seines Einzugsbereichs liegen, scheint er nicht zu sein. Nun ja, immerhin hat er mich mit Gertrude bekannt gemacht. Vielleicht ist er doch gar nicht trottelig, wie ich immer denke.

Jedenfalls hat mich das Gespräch mit Gertrude enorm weitergebracht. Wenn das mit dem Interview klappt, dann habe ich genug Stoff für eine abendfüllende Reportage. Gertrude hat so viel erlebt, sie hat mehrmals Grenzen überschreiten müssen, um heute hier leben zu können. Das ist toll. Eine echt mutige Frau. Ich finde, dass ihre Geschichte unbedingt erzählt werden muss. Das ändert zwar die Richtung der Grundidee meiner Reportage – aber ich denke, Laurenz wird mir das Konzept aus den Händen reissen.

Ich sollte vielleicht Jenna fragen, ob sie an TV-Material aus Israel und den USA kommt. Sie hat einen Bekannten, der in einem sehr gut sortierten Archiv über zeitgenössische Dokumentationen arbeitet. Das wäre auf jeden Fall eine große Bereicherung für meine Stoffentwicklung.

Auf der Straße begegnen einem Überraschungen.

Allerdings sollte ich Jenna erst mal wegen der anderen Sache ansprechen. Ich war schon irritiert, als ich Jenna und Patrice zufällig auf der Straße getroffen habe und sie sich innig geküsst haben. Kein Wunder, dass mein Bruder, der sonst der Charme in Person ist, in der letzten Zeit so zurückhaltend mit dem weiblichen Geschlecht umgegangen ist. Ich weiß nicht genau, wie ich das finden soll. Jenna ist eine meiner besten Freundinnen. Und jetzt in meinen Bruder verliebt. Irgendwie fühle ich mich ein bisschen zurückgesetzt von den beiden. Sie haben mir nicht gesagt, dass sie zusammen sind. Ich musste sie erst erwischen, um zu wissen, was los ist. Das verletzt mich schon. Sonst erzählen mir beide alles – also zumindest was die Dinge der Liebe angeht. Aber dieses Mal nicht.

Josh findet das nicht weiter tragisch. Ist natürlich klar. Er hält sich sowieso lieber aus allem heraus, selbst wenn es seine Schwester betrifft. Er hat mir gesagt, dass ich mich doch einfach für die beiden freuen soll, anstatt verstimmt zu sein. Dann meinte er noch, dass ihn das gar nicht so erstaunt mit den beiden. Typisch für Josh, er wusste es mal wieder besser. Alles in allem komme ich mir ziemlich doof vor. Und sagen kann ich natürlich nichts, sonst bin ich die Zicke. Das nervt mich fast am meisten.

Vor allem für mich, die ich wieder hier lebe

Ich fühle mich nicht mehr wohl in Europa. Damit meine ich weniger die Diskussion um Krise und Euro. Mein ungutes Gefühl betrifft mehr die Entwicklung unserer Gesellschaft, die sicherlich nicht ganz von der wirtschaftlichen Entwicklung zu entkoppeln ist. Die Tendenz, dass rechtes Gedankengut wieder Zugang findet bei der Bevölkerung, ist nicht nur in Deutschland zu beobachten, aber gerade hier ist es ein besonders sensibles Thema. Vor allem für mich, die ich wieder hier lebe.

Nun ist es natürlich so, dass Themen rund um Rassismus, Rechtsextremismus, Antisemitismus oder Islam-Feindlichkeit gerade Saison in den Medien haben und deshalb so augenfällig sind. Medien haben einen großen Einfluss darauf, wie wir die Dinge sehen und beurteilen. Als Journalistin ist mir bestens bekannt, welche Macht Wort und Bild haben. Schlagzeilen zu NSU, die Nähe des Verfassungsschutzes zu rechtsextremistischen Gruppen oder der Mohammed-Schmähfilm sind natürlich allgegenwärtig. Hier werden extreme Beispiele hervorgehoben, während die leiseren Töne fast kaum als tendenziell rechte Denkweisen wahrgenommen werden. Aber genau das ist es, was mir wirklich Sorge bereitet.

Menschenverachtende und vorurteilsbeladene Ansichten werden wieder salonfähig. Schön verpackt mit wohl gewählten Worten von Leuten, von denen man solche Gedanken nicht erwarten würde. Von Verfechtern der europäischen Idee zum Beispiel. Wenn der ehemalige französische Staatspräsident davon spricht, dass „kriminelle Energie“ anhand des Erbgutes eines Menschen erkannt werden kann und wenn die deutsche Bundeskanzlerin davon spricht, dass Südeuropäer wie z.B. die Griechen zu wenig arbeiteten (durch die Blume gesagt: faul seien), dann ist das mehr als bedenklich. Auch wenn es den benannten Personen in erster Linie um Stimmenfang gehen mag. Die Annahme, dass große Teile der Bevölkerung dieses Gedankengut teilt, bedeutet auch: Es ist nur ein kleiner Schritt, bis es wieder en vogue ist, dumpfe und unreflektierte Sprüche über alle, die „anders“ sind, reissen zu dürfen. Und es gibt wieder eine Akzeptanz dafür, ganz offen diskriminierende Meinungen kund zu tun und sogar Zustimmung dafür zu bekommen. Und zwar nicht nur von NPD-Mitgliedern*, von denen man so etwas ja erwartet, sondern von einer breiten Öffentlichkeit. Das ist wirklich schlimm.

Wir können uns gar nicht laut und oft genug gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Rechtspopulismus aussprechen. Deswegen habe ich mich gefreut, als Peter mich vor Kurzem gefragt hat, ob ich einer jungen Journalistin ein Interview geben will. Emma, so heißt die Dame, macht einen sehr patenten Eindruck auf mich. Wir haben nur kurz telefoniert, aber sie hat eine klare Vorstellung davon, was sie mit ihrer Reportage vermitteln will. Ich bin mehr als bereit dazu, ihr meine Geschichte zu erzählen. Auch wenn meine Geschichte keine neue Geschichte ist und wir diese schon tausende Male erzählt und gehört haben. Die Geschichte von Verfolgung und Vernichtung, die Geschichte des Holocausts geht uns alle an. Gerade heute ist es wieder sehr wichtig, die Erinnerungen an eine andere Zeit ins kollektive Gedächtnis zu rufen – auch wenn die Zeitzeugen langsam alle wegsterben.

* 2012 gab es die AFD noch nicht. Man kann auch sagen, sie hieß damals NPD. Aber eigentlich ist es auch ganz gleich, wie diese braune Suppe sich nennt, es eint sie ihr Gedankengut und die üblen Taten.