Betreff: Ich denke an Dich!

An: Vincent <vincent@life-minutes.de>
Von: Lisa <lisa@life-minutes.de>
Datum: 08. November 2012 10:46:23 MESZ

Mein Mann in der Ferne,

ich habe Sehnsucht nach dir und wünschte, du wärest hier. Aber ich weiß, dass du jetzt zu Hause gebraucht wirst. Wie geht es deinem Vater heute? Und wie geht es deiner Mutter? Und dir?

Ich habe gestern Abend, als ich am Alexanderplatz auf die U2 gewartet habe, eine junge Frau gesehen, die bitterlich geweint hat. Sie hielt sich ein Taschentuch vor den Mund, das schon ganz nass von ihren Tränen gewesen ist. Ich hätte sie gerne gefragt, ob ich ihr helfen kann. Aber ich habe mich nicht getraut, sie anzusprechen.

Als ich dann schließlich in der U-Bahn saß, stellte ich mir vor, dass ich sie doch angesprochen habe. Ich habe ihr angeboten, dass sie mir ihren Kummer erzählen kann und ihr gesagt, dass es bestimmt leichter ist für sie, mir ihr Herz auszuschütten, weil ich ja doch eine Fremde für sie bin. Wir sind gemeinsam in ein Café gegangen und ich habe ihr einen Kakao spendiert und sie hat sich mir anvertraut. Worum es gegangen ist, dass weiß ich nicht mehr, allerdings waren ihre Tränen nach einer Stunde versiegt und sie fühlte sich besser. Da habe ich plötzlich gemerkt, dass ich meine Haltestelle verpasst habe. Ich Tagträumerin. Du lachst jetzt bestimmt. Gut so! Lachen hilft.

So schade, dass du nicht hier bist. Morgen gibt’s eine Geburtstagsdoppelparty von Emma und Josh, wird bestimmt exklusiv mit viel Prunk drumherum, so wie ich Josh kenne. Ist eine Überraschung für Emma, sie weiß noch von nichts. Wir werden dich vermissen – vor allem ich!

Ich liebe Dich!

Ta chérie

Betreff: Fwd: Just a quick question // Emmas Geburtstag

An: Lisa <lisa@life-minutes.de>
Von: Patrice <patrice@life-minutes.de>
Datum: 07. November 2012 23:23:23 MESZ

Lisa,

ich bin gerade fertig mit der Arbeit und schreib dir kurz eine E-Mail, weil es schon spät ist. Emma hat ja übermorgen Geburtstag und Josh will eine Überraschungsfeier schmeißen. Kurz vor knapp ist ihm wohl noch eingefallen, dass er mit Emma Bett und Tisch teilt. Und jetzt fragt er mich, ob ich Emma unter einem Vorwand weglocken kann.

Normalerweise würde ich das liebend gerne übernehmen, allerdings muss ich morgen Abend wieder bis spät arbeiten (wir haben eine große Reservierung mit 45 Personen) und am Freitag muss ich auch schon um 11:00 Uhr wieder im Restaurant auf der Matte stehen. Ich komme auch erst später zu der Party. Also Frage ich dich: Kannst du das übernehmen? Vincent ist ja gerade nicht da, vielleicht kannst du Emma vorschlagen, dass ihr einen schwesterlichen Geburtstagstag verbringt am Freitag. Dann könntest du ihr auch anbieten, dass sie bei dir übernachtet – weil du ihr ein Frühstück machen willst.

Ich glaube, das ist ein guter Plan. Für Emma muss man sich immer eine besonders hieb- und stichfeste Geschichte ausdenken, sie merkt immer ziemlich schnell, wenn man ihr was vorflunkert. In diesem Fall handelt es sich sowieso um eine weiße Lüge, da kann Emma also gar nicht böse sein, falls es auffliegen sollte. Und ihr zwei habt einen schönen Tag, bevor die Feier losgeht.

Passt es so für dich? Ich hoffe, ich durchkreuze deine Pläne nicht zu sehr mit meiner Anfrage. Aber es wäre wirklich famos, wenn du den „Emma-Ablenkpart“ übernehmen könntest. Ich kümmere mich auch um das Geschenk – versprochen!

Schlaf gut!

Dein Patrice

P.S. Ich merke schon, dass ich ziemlich vorsichtig bin. Das liegt wahrscheinlich gerade daran, dass die Situation zwischen Emma, Jenna und mir etwas angespannt ist. Du hast ja mitbekommen, dass Emma uns zusammen gesehen hat, bevor wir es sagen konnten. Zählt das eigentlich nicht als „weiße Lüge“? Was meinst du? Ach, wahrscheinlich nicht, wir haben ja nicht gelogen, sondern geschwiegen.

P.S.S. Obwohl Schweigen auch Lüge sein kann. Ach Gott, jetzt komme ich ins Philosophieren. Es war ein anstrengender Tag heute, da bin ich immer etwas überdreht am Abend. Aber das kennst du ja, mein Schwesterchen. Gute Nacht jetzt ohne weiteres P.S.

Betreff: just a quick question

An: Patrice <patrice@life-minutes.de>
Von: Josh <josh@life-minutes.de>
Datum: 07. November 2012 07:27:23 MESZ

Hey Patrice,

All good? Ich bin schon wieder auf dem Sprung, heute geht es nach Zürich und morgen dann nach Brüssel. Bin noch etwas zerknittert von der Nacht, hab nicht viel geschlafen, weil ich unbedingt die Wahl verfolgen wollte. Oh happy day! Obama bleibt President. Das freut mich sehr, auch wenn er in den nächsten vier Jahren sicherlich keine Wunder vollbringen kann. Aber wer glaubt schon an Wunder? Obwohl – wir Amerikaner tun das schon, haha. Vielleicht bin ich einfach zu lange in Europa und deshalb so nüchtern geworden.

Aber warum ich dir eigentlich schreibe: Emma hat ja übermorgen Geburtstag und ich würde sie gerne überraschen. Sie denkt, dass ich noch unterwegs bin und erst am Samstag wiederkomme. Habe mir aber extra frei genommen und möchte es am Freitag richtig krachen lassen. Ist ja, wie du weißt, auch mein Geburtstag. So let’s have a Party!

Meine Bitte an dich: Das ganze soll bei Emma und mir stattfinden. Allerdings soll sie nichts davon mitbekommen. Also müssen wir sie aus unserer Wohnung weglocken. Kannst du das irgendwie arrangieren? Ich komme schon morgen Abend spät zurück, wäre super, wenn sie nicht bei uns übernachtet. Sorry, dass ich das so kurzfristig anfrage, hab aber tatsächlich erst gerade eben die Zusage für meinen Urlaub bekommen.

Alles andere habe ich trotzdem schon organisiert: Essen, Getränke, DJ. Und eine besondere Überraschung auch noch. Die verrate ich aber noch nicht – soll für alle noch ein bisschen spannend bleiben ;) Ach so, hab ich fast vergessen: Ich schicke dir gleich noch eine Liste – kannst du allen Bescheid geben, die darauf stehen? Kurze E-Mail oder Text Message sollte reichen. Thanks so much!

Bin ab heute Mittag wieder online, kannst mir also jederzeit schreiben. Stay tuned, man!

Cheers,
Josh

Time for a coffee after the votes?

An: Josh <josh@life-minutes.de>
Von: Jenna <jenna@life-minutes.de>
Datum: 05. November 2012 18:48:23 MESZ

My lovely brother,

How are you? Tomorrow morning would be perfectly fine, should I pick you up at 8:30 for the votes?

Hab mehrfach versucht dich anzurufen. Aber du bist mal wieder unterwegs und schwer zu erreichen. Text messages mag ich nicht so, weißt du ja. Hast du mit Emma mal gesprochen? Sie hat mir gestern eine E-Mail geschickt, die voller Vorwürfe ist. Wegen Patrice. Und mir. Ich weiß ja, dass es nicht gerade glücklich gelaufen ist, dass sie uns auf der Straße getroffen hat, bevor wir es euch sagen konnten. Aber dass sie so beleidigt ist, hätte ich nicht gedacht.

BTW, wie geht’s dir denn damit? Wie ist es eigentlich für dich, dass ich mit Patrice zusammen bin? So wie ich dich kenne, freust du dich bestimmt für mich. Und für Patrice auch. Emma ist einfach zu kompliziert mit diesen Herzensangelegenheiten und nimmt alles persönlich. Sie hat mir geschrieben, dass unsere Freundschaft einen Riss hat. Das verstehe ich irgendwie nicht. Es ist ja nicht so, dass Patrice und ich euch monatelang etwas vorgespielt haben. Unsere Liebe ist ja immer noch ganz frisch, wenn man es genau nimmt. Wir wollten es euch ja auch bald gesagt haben, blöder Zufall halt.

Emma hat auch geschrieben, dass sie es selbst dann nicht so toll gefunden hätte, wenn wir ihr das erzählt hätten. Ich finde wirklich, sie reagiert übertrieben. Wir sind schließlich eigene Menschen mit eigenen Gefühlen und können uns nicht nur nach ihr richten. Sie ist gerade eine echte Drama Queen. Oder siehst du das anders? Findest du, dass sie recht hat? Ich muss diese E-Mail von ihr erst mal verdauen.

Ja, es ist schon richtig: Ich bin tatsächlich ein bisschen wütend auf sie. Und ich habe echt keine Lust, mir mein Glück von ihr versauen zu lassen. Nur weil sie sich nicht genug beachtet fühlt. Okay, ich weiß ja auch, dass ihr beide euch selten seht – so oft, wie du unterwegs bist. Sorry, soll kein Vorwurf sein. Aber das macht es für sie bestimmt nicht leichter, weil sie ja jetzt ein Stück mehr von Patrice und ein Stück mehr von mir abgeben muss. Zumindest sieht sie es so. Auf der anderen Seite hat sie auch viel zu tun. Was also verliert sie denn? Ich sehe den Punkt gerade nicht.

Nun ja, du kennst mich ja. In ein paar Tagen bin ich bestimmt schon weniger grumpy. Trotzdem wäre es echt schön, wenn wir beide mal reden könnten. Hast du morgen nach der Wahl noch Zeit auf einen Kaffee?

Lots of kisses and big hug,

Jenna

Betreff: Wie ich mich fühle damit

An: Jenna < jenna@life-minutes.de>
Von: Emma <emma@life-minutes.de>
Datum: 04. November 2012 18:20:23 MESZ

Liebe Jenna,

in den letzten Wochen haben wir uns nicht oft gesehen. Und wenn, dann waren wir nicht alleine, so dass wir hätten miteinander sprechen können. Wir beide gehen sehr vorsichtig miteinander um, seitdem ich dich und Patrice auf der Straße erwischt habe. Und wir haben uns seitdem voneinander entfernt – findest du nicht?

Ich gebe zu, dass es mir immer noch schwer fällt, über meinen Schatten zu springen. Es ist schon seltsam: Zwei Menschen, die mir sehr am Herzen liegen, haben zusammen gefunden. Meine beste Freundin und mein Bruder, ein Paar. Eigentlich sollte ich mich freuen, denn ich wünsche euch beiden ja nur das Beste. Aber die Freude will nicht wirklich aufkommen, ich bin da ganz ehrlich. Ich fühle mich ein wenig so, als hättet Ihr mich einfach zur Seite gestellt, als würde ich nicht mehr dazu gehören. Mag sein, dass es nur mein Gefühl ist und dass du das ganz anders empfindest als ich. Aber ich muss es dir jetzt endlich mitteilen, wie es mir damit geht – denn es belastet mich sehr.

Vor allem kann ich immer noch nicht verstehen, warum ihr mir nichts gesagt habt. Ja, ich war schockiert, als ich euch küssend auf der Straße angetroffen habe. Es hat mich verletzt, aber wundert euch das? Wie hattet ihr euch das eigentlich gedacht, du und Patrice, wann wolltet ihr es mir sagen? Wenn ihr euch vorher unsicher gewesen seid, ob ich es verkraften würde, dass ihr zusammen seid, so könnt ihr euch jetzt sicher sein: So wie es gelaufen ist, kann ich bestimmt keine Räder schlagen vor Freude über euer Glück. Für mich ist es schon ein Vertrauensbruch, was natürlich dazu beiträgt, dass ich mich gerade so distanziert verhalte. Kannst du das verstehen?

Ich vermisse dich als Freundin, Jenna. Wirklich. Aber gerade weiß ich nicht so richtig, wie ich mich dir wieder nähern kann. Da ist ein Riss in unserer Freundschaft. Ich hätte mir wirklich gewünscht, dass du mit mir gesprochen hättest. Du und Patrice. Es hätte mich vielleicht auch erstmal nicht in euphorische Hochstimmung versetzt, aber ich hätte mich nicht so hintergangen gefühlt. Vielleicht können wir die Tage einfach mal darüber sprechen.

Du weißt, dass ich gerade an einer neuen Reportage über Grenzgänger arbeite. Die Arbeit lenkt mich ab, ich habe viel zu tun. Aber ein Gespräch mit dir ist mir wichtig. Und ich möchte mich gerne mit dir alleine treffen. Ohne Josh oder Patrice. Damit wir beide ehrlich sein können. Bitte lass mich wissen, wann du Zeit hast.

Wünscht sich von dir: Emma

Betreff: Ihre Anfrage zu einem Interview

An: Emma <emma@life-minutes.de>
Von: Gertrude <gertrude@life-minutes.de>
Datum: 03. November 2012 14:42:23 MESZ

Liebe Emma,

ich habe mich über Ihren freundlichen Anruf letzte Woche gefreut und schicke Ihnen gerne meine biographischen Eckdaten zur Vorbereitung auf das anstehende Interview.

Ich bin am 23. Februar 1941 als Tochter jüdischer Deutscher in Berlin geboren und wurde von meinen Eltern fast unmittelbar nach meiner Geburt bei einer deutschen Familie versteckt. Kurz nachdem sie mich verstecken konnten, wurden meine Eltern in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert und später im KZ Auschwitz-Birkenau umgebracht. Nach dem Ende der Nationalsozialistischen Herrschaft wurde ich von der Familie offiziell adoptiert, da meine Verwandten entweder in Konzentrationslagern von den Nazis umgebracht worden oder nach Israel und den USA ausgewandert waren.

Ich bin in Berlin mit zwei Schwestern, die die leiblichen Kinder der Familie sind, aufgewachsen und habe zunächst eine Ausbildung zur Goldschmiedin gemacht. Nach der Ausbildung wollte ich unbedingt meine noch lebende Verwandtschaft kennenlernen. Also bin ich 1962 nach Israel gegangen, um den Wurzeln meiner Vergangenheit nachzuspüren und meine Verwandten aufzusuchen. Ich bin dann für ganze 15 Jahre in Israel geblieben und habe in Tel Aviv und Haifa gelebt. Ich habe in dieser Zeit Hebräisch gelernt, dann an der Universität in Tel Aviv Politikwissenschaften und Journalismus studiert und schließlich als Journalistin in Israel gearbeitet.

1977 bin ich in die USA gegangen und habe mehrere Jahre in Boston und Philadelphia gelebt. In den Vereinigten Staaten habe ich als freie Journalistin für verschiedene Zeitungen und Fernsehsender gearbeitet. Ich bin erst 1993 nach Berlin zurückgekehrt und lebe seitdem – wie Sie bereits wissen – im Westteil der Stadt und zwar dort, wo ich auch aufgewachsen bin. Ich war tatsächlich von 1962 bis 1993 nicht einmal in Berlin oder Deutschland. Trotzdem habe ich per Brief und Telefon stets Kontakt zu meiner zweiten Familie in Berlin gehalten.

Mein Adoptivvater ist bereits verstorben, meine Adoptivmutter lebt bei mir um die Ecke und wir sehen uns mindestens einmal wöchentlich. Meine eine Schwester, die Mutter von Peter, lebt in Frankfurt, meine andere Schwester ist leider schon früh bei einem Autounfall gestorben. Ich war nie verheiratet und habe auch keine Kinder.

Ich denke, dass Ihnen diese Eckdaten zur Vorbereitung des Interviews ausreichen dürften. Ich werde am 20. Dezember für 6 Wochen nach Israel reisen. Wir sollten uns also bald möglich zu dem Gespräch treffen, damit ich Ihnen bei der Überarbeitung des Interviews noch für Fragen zur Verfügung stehen kann.

Ich freue mich, Sie bald persönlich kennenzulernen.

Herzliche Grüße,

Ihre Gertrude

Jede Gesellschaft ist im Namen der Menschlichkeit verpflichtet

Urplötzlich ist es eiskalt. Nicht nur weil Herbst ist – auch im deutschen Miteinander. Was seit einem Jahr, seit der Aufdeckung der Morde durch die NSU, an die Oberfläche unserer vermeintlich so toleranten und offenen Gesellschaft gespült wird, ist mehr als erschreckend. Es zeigt ganz deutlich: Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind nicht nur ein Problem von extremistischen Randgruppen. Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind allgegenwärtig und werden sogar von staatlichen Organen protegiert.

Dabei wird am Beispiel der NSU ziemlich deutlich, was ein Verbot bewirkt: Solche Vereinigungen können sogar fast noch besser aus dem Untergrund heraus unbehelligt tätig sein. Deshalb halte ich ein Verbot der NPD* für unsinnig. Man drängt die NPD-Anhänger* damit doch nur in eine Märtyrer-Rolle und macht sie erst recht attraktiv für andere dumpfe Nationalisten. Der Staat muss Mitglieder aus dieser Partei mit den Mitteln des Rechtsstaats in den Griff kriegen, dass heißt nichts anderes, als das Strafrecht voll und ganz auszunutzen. Und der Öffentlichkeit damit immer wieder vorführen, wie dumm und gefährlich diese Leute sind. Und dass sie selbst die Kriminellen sind, für die sie auf ihren Plakaten härtere Strafen fordern.

Sicherlich ist Rassismus und die Ablehnung alles vermeintlich Fremden kein deutsches Problem. Aber in Deutschland hat er eine besonders schreckliche Geschichte. Die auf gar keinen Fall in Vergessenheit geraten darf – auch wenn der größte Teil der Täter und der Opfer nicht mehr leben. Jede Gesellschaft ist im Namen der Menschlichkeit verpflichtet, sich gegen rassistische, antisemitische und fremdenfeindliche Tendenzen in ihrer Mitte vehement zu wehren.

Ich bin gespannt, wie die aktuelle Lage in Europa und in Deutschland von der israelischen Öffentlichkeit gesehen wird. Ich fliege ja Ende Dezember nach Tel Aviv. Leider bekomme ich hier in Deutschland viel zu wenig mit, wie das Thema in meiner zweiten Heimat diskutiert wird. Das liegt in der Natur der Medienwelt: In den Nachrichten wird ja nur etwas berichtet, wenn es von weltpolitischer Bedeutung scheint. So beschäftigen sich die deutschen Medien vorzugsweise mit Israel dann, wenn es um politische Konflikte im Nahen Osten oder um Anschläge und extremistische Gruppen in Israel und Gaza geht. Aber ich will nicht überkritisch sein: In Deutschland wird schon relativ viel über das politische Geschehen in der Welt berichtet. Wenn man sich die Berichterstattung in den USA ansieht, fällt es umso mehr auf: In den Vereinigten Staaten wird fast ausschließlich über Themen berichtet, die die USA betreffen. Ich habe ja selbst als Journalistin fast 16 Jahre für amerikanische Zeitungen gearbeitet. Über Themen, die außerhalb des us-amerikanischen Blickwinkels gelegen haben, konnte ich kaum schreiben – sie haben sich einfach nicht verkauft auf dem amerikanischen Nachrichtenmarkt.

Es ist wirklich kalt geworden. Vor einer Woche war es noch fast sommerlich. Damit geht das Kapitel Sommer tatsächlich zu Ende.

* 2012 heißt die AFD noch NPD. Anderer Name, gleiche Gesinnung.

Vor allem wenn dein Gegenüber die Ironie mit Humor verwechselt

Sagt ein Ohrwurm eigentlich etwas über die psychische Verfassung des Ohrwurmgeplagten aus? So frei nach Freud? Immer wenn ich mir die Rubber Soul angehört habe, klingt Nowhere Man noch stundenlang in meinem Kopf nach. Tatsache ist: Manchmal fühle ich mich wie ein Nowhere Man. Ich bin ständig unterwegs, reise in der Welt herum, ohne die Welt zu sehen. Und das alles, um Strategien zu entwickeln und Dinge zu verkaufen, die – wenn man ehrlich ist – niemand braucht. Davon lebt unser kapitalistisches System. Davon lebe ich.

Ehrlich gesagt freue ich mich über jeden Tag, der so ist, wie heute. Wenn die Sonne scheint und so ein Hammerwetter wie an diesem Sonntag im Oktober ist, kann ich richtig abschalten. Wenn ich endlich mal Zeit habe, nichts zu tun, und mein Gesicht in die wärmenden Sonnenstrahlen halte, kann ich ganz gut vergessen, dass ich Teil des Systems bin, das ich selbst so lächerlich finde. Wahrscheinlich bin ich gerade deswegen so erfolgreich in meinem Job. Weil ich mich im Grunde genommen selbst nicht ernst nehmen kann. Ironie verkauft am besten – vor allem wenn dein Gegenüber die Ironie mit Humor verwechselt.

Da fällt mir gerade ein: Ich muss Jenna wegen der Wahl noch Bescheid geben. Wir wollten ja zusammen zur Botschaft gehen und ich kann nur am 6. November ganz früh. Barack Obama steht ja gerade im Kreuzfeuer der Kritik. Selbst eingefleischte Demokraten wenden sich gegen ihn. Was nicht überraschend ist. Die Erwartungen an Obama waren einfach unrealistisch hoch. Man hat ihm fast schon übermenschliche Kräfte nachgesagt damals. Ein Zauberer als Mister President? What a joke! Klar, einen, der Wunder vollbringt, den hätte es wahrscheinlich gebraucht nach acht Jahren Bush-Regierung*. Die hat in 8 Jahren mehr zerstört als man in acht Jahren aufbauen kann. Das jedoch sehen die meisten Leute leider nicht. Weil sie vergesslich sind. Und sich am Nachmittag lieber eine neue Lüge in ihr Ohr säuseln lassen, um nicht mehr daran zu denken, dass die Lüge von gestern ihnen heute morgen noch sauer aufgestossen ist.

Stürmische Zeiten*: vom American Dream zum Nowhere Land.

Ich bin wirklich gespannt auf den Ausgang der Wahl. Ich muss unbedingt meine Stimme abgeben. Denn ich will auf gar keinen Fall, dass Mitt Romney das Rennen macht. Ich weiß nicht, ob Obama der bessere Präsident ist. Aber auf jeden Fall ist er der sozialere Präsident. Und er hat, obwohl seine ersten vier Jahre im Amt nicht gerade leicht waren, seine Menschlichkeit behalten. Einer wie Romney kann sich gut verkaufen, ist aber nur eine republikanische Marionette. So wie Bush Junior.

* 12 Jahre danach gibt es wieder eine Wahl in den USA. Obama hatte damals noch mal gewinnen können und dann kam Trump. Der ist so übel, dass selbst Bush Junior sich gegen ihn positioniert hat. Leider ohne Erfolg. Vier Jahre Trump, vier Jahre Biden und dieses Jahr wieder … Trump? God save America from this disaster.

Ich war absolut privilegiert

Ich sollte vielleicht mal zum Arzt gehen und mich gründlich untersuchen lassen. Als Vincent erzählt hat, dass sein Vater im Krankenhaus liegt, ist es mir eiskalt in die Glieder gefahren. Vincents Vater ist sogar noch 10 Jahre jünger als ich und soll sehr sportlich sein. Im Gegensatz zu mir. Mir fällt nicht ein, wann ich das letzte Mal Sport getrieben habe. Ich fahre ja noch nicht einmal Fahrrad.

Die Zeit vergeht einfach zu schnell. Ehe man es sich versieht, hat man nicht mehr genug davon übrig. Elisabeth hatte auf jeden Fall zu wenig Zeit. Als der Krebs bei ihr diagnostiziert wurde, war sie gerade mal 51 Jahre alt. Und 4 Jahre später, 2006, ist sie dann gestorben. Dabei war auch sie immer ein Mensch, der vor Energie nur so geleuchtet hat. Und dann diese grausame Krankheit.

Als ich Elisabeth von Marlene erzählt habe, war sie ganz still. Sie hat mich mit ihren wasserblauen Augen angesehen, die immer dunkler wurden, je mehr ich erzählte. Diese Stille war mir unerträglich damals. Aber ich konnte ihr ja keinen Vorwurf machen: Schließlich war ich derjenige, der eine zweite Familie im Westen hatte, mit einer anderen Frau und einer anderen Tochter. Sicher, als ich Elisabeth davon erzählt habe, war ich mit Marlene schon nicht mehr zusammen.

So feige war ich auch damals schon. Konnte es ihr erst sagen, als es mit Marlene vorbei war. Vielleicht habe ich ihr damals ihre gesundes, starkes Ich so geschwächt, dass der Krebs eindringen konnte. Ich weiß es nicht. Was ich aber ziemlich genau weiß, ist, dass ich sie sehr verletzt haben muss, weil ich ihr jahrelang etwas vorgespielt hatte. Ich konnte den Schmerz darüber, dass sie mein zweites Ich erst so spät erkannt hat, in ihren Augen sehen. Wir waren zu dem Zeitpunkt immerhin schon fast 20 Jahre ein Paar. Und ein glückliches dazu.

Ich muss ungefähr eine Stunde ohne Unterbrechung geredet haben, bevor Elisabeth mir plötzlich eine Frage stellte, auf die ich nicht gefasst gewesen bin. Sie fragte mich ganz ruhig, ob es die Freiheit im Westen sei, die die Frauen anziehender mache. Darüber hatte ich mir niemals Gedanken gemacht. Schließlich habe ich freiwillig in der DDR gewohnt, ich war und bin ja immer noch Schweizer. Dementsprechend habe ich mich auch nie wirklich unfrei gefühlt. Ich konnte in den Westen reisen, so oft ich wollte, ich durfte hier wie dort Stücke inszenieren und hatte nie das Gefühl habt, dass es mir an etwas mangelte, weil ich in Ost-Berlin lebte. Ich war absolut privilegiert. Und das ist mir zum ersten Mal richtig bewusst geworden, als Elisabeth mir diese Frage gestellt hat, die eigentlich einen ganz anderen Bezug hatte. Ich habe mich geschämt. Ich habe mich so sehr geschämt wie noch nie zuvor in meinem Leben. Weil ich so ein arrogantes, ignorantes A***loch gewesen bin.

Es wird wärmer, Blumen knospen, Bäume schlagen aus

Ich habe mich mit Lisa gestritten. Sie versteht einfach nicht, dass ich mich gerade nicht auf eine feste Sache einlassen will. Wenigstens hat sie jetzt verstanden, dass sie mir nicht mit diesem Peter zu kommen braucht. Trotzdem will sie für mich unbedingt die „Liebe meines Lebens“ finden. Etwas das „für immer hält“. Dabei verhält es sich mit Beziehungen wie mit der Erdumdrehung um die Sonne und das Auf und Ab im Jahreszeitenkarussell.

Jede Beziehung ist ein in sich geschlossener Zyklus, der mit dem Frühling beginnt, dann wird es stetig heller, lichter, schöner und irgendwann kühlt es ab, bis der Winter die einstige Liebe in Frost gepackt hat. Dabei ist der Frühling manchmal nur kurz, der Sommer verregnet oder sehr, sehr lang oder der Winter ist glücklicherweise mild.

Wie Katz und Vogel: Die Liebe lebt von Spannungen.

Wenn man es genau betrachtet, ist es doch tatsächlich so: Erst erfolgt eine Annäherung. Das ist der Frühling, die Erde schiebt einen Teil ihrer Rundung näher und näher in Richtung Sonne. Es wird wärmer, Blumen knospen, Bäume schlagen aus. Die Natur, sie ist im Wachstum begriffen, so ist es mit dem Verliebtsein auch.

Dann kennt man sich immer besser, verliert Scheu und Scham voreinander und aus dem Verliebtsein wird Liebe. Das ist der Sommer. Die Erde hat einen Teil ihres Gesichts direkt zur Sonne gewandt und lächelt. Die Sonne strahlt zurück, man spürt die Nähe, das Glück. Man kann vertrauen, es ist genug Nahrung da und es gibt keinen Grund zur Sorge.

Scheu und Scham kommen wieder zurück, wenn man auseinandergeht. Das ist der Herbst. Da wird es zunehmend kühler, die Blätter der Liebe verfärben sich von rot und gelb zu braun und die einst so innige Zweisamkeit wird welk. Die Liebe fällt zu Boden, die Erde wendet die Augen von der Sonne ab.

Nach einer Trennung entfremdet man sich zunehmend. Das ist der Winter. Da ist die Erde am weitesten entfernt von der Sonne, die Köpfe, einst zugeneigt, blicken in verschiedene Richtungen. Die Liebe ist erstarrt, von einem Eismantel umgeben. Da fragt man sich: Wer war der Mensch, dem ich mein Herz geschenkt hatte? Oder die Liebe ist weich bedeckt, die Erinnerungen liegen unter Reif und Schnee. Dann mag man sich, ist vielleicht befreundet, aber die einst so starke Verbindung ist schwächer geworden.

Die Jahreszeiten sind jedes Jahr anders. Kein Frühling der dem letzten Frühling gleicht, kein Sommer, der so wie der letzte Sommer ist, kein Herbst der gleich bunt, kein Winter der gleich kalt ist. Die Erde dreht sich nicht nur ein einziges Mal um die Sonne. Dieses elliptische aufeinander Zustreben und Auseinandergehen, das sich Annähern und wieder Entfernen, das ist es, warum ich nicht an die „einzig wahre Liebe“ glauben kann. Meine Beziehungen waren auch immer anders. Zum Glück. Sonst wäre mein Leben ziemlich monoton. Auch wenn Lisa das nicht glauben will.