Betreff: Wie war das eigentlich in Berlin damals?

An: Hans <hans@life-minutes.de>
Von: Lisa <lisa@life-minutes.de>
Datum: 08. November 2012 10:47:23 MESZ

Hallo Papa,

wie war Berlin eigentlich damals, als du hier angekommen bist? Vor 40 Jahren? Ich kann mir natürlich historische Dokumentationen dazu ansehen oder Bücher lesen, aber ich möchte gerne von dir hören, wie es gewesen ist. Wie die Stadt in deinen Augen ausgesehen hat. Wie es sich für dich im Westteil und im Ostteil der Stadt angefühlt hat. Und welche Leute du dies- und jenseits der Mauer getroffen hast und wie diese ihr Leben gemeistert haben.

Du sprichst ja so selten von damals, was ich wirklich schade finde. Und was mich auch ein wenig verwundert. Als Theaterregisseur erzählst du doch sonst immer Geschichten. Aber wenn es um deine eigene geht, bist du ziemlich wortkarg. Dabei möchte ich noch nicht einmal im Detail wissen, wie es damals mit dir und Mama gelaufen ist. Obwohl, eigentlich wüsste ich das schon gerne. Wie war das mit Mama? Wie war es mit Elisabeth? Wie hast du zwei Frauen gleichzeitig lieben können ohne ständig einen inneren Konflikt zu spüren?

Das sind jetzt natürlich noch ganz andere Fragen als die eingangs gestellten. Aber du siehst schon: Ich weiß nicht viel von dir als du jünger gewesen bist. Den Hans heute kenne ich gut und ich finde, dass du ein toller Papa bist. Gerade deswegen möchte ich den jungen Mann kennenlernen, der ein Jahr nach dem Bau der Mauer von Bern nach West-Berlin gegangen ist, um dort Theaterwissenschaften zu studieren. Ich möchte deine Beweggründe verstehen, warum du dann Anfang der 70er Jahre nach Ost-Berlin gegangen bist. Und ich möchte wissen, wie du jahrelang in zwei Familien leben konntest.

Papa, wir werden jetzt wohl kaum über alles auf einmal sprechen können. Aber ich wollte schon mal vorfühlen, ob ich dich ganz offen nach deiner Geschichte fragen darf. Darf ich?

Ich umarme dich!
Deine Tochter

P.S. Ja ja, ich weiß schon, du bezeichnest es lieber als Inszenierungen.
P.S.S. Und ja, Deine Tochter studiert Psychologie, weil sie gerne viele Fragen stellt.

Betreff: Gemeinsam die Geheimnisse der Psychologie lüften

An: Lisa <lisa@life-minutes.de>
Von: Sevtap <sevtap@life-minutes.de>
Datum: 11. November 2012 18:02:23 MESZ

Hallo Lisa,

hör bitte auf, mich verkuppeln zu wollen. Die Nachrichten über Facebook von diesem Typ nerven mich schon genug. Ich bin wirklich gerne die Frau aus der Bar, von der du immer sprichst. Ich meine die, die dein Fabian trifft und die ihm offen ins Gesicht sagt, dass sie sich zu sehr für das männliche Geschlecht interessiert, anstatt sich an DEN EINEN zu binden. Ich finde auch: Jeder kann so leben, wie er oder sie es für richtig empfindet – meinst du nicht?

Themenwechsel. Was ich dir eigentlich schreiben wollte: Ich habe mir in der letzten Zeit ein paar Gedanken zu meiner (vielleicht sogar unserer?) Masterarbeit gemacht und habe jetzt eine Idee gesponnen, die ich gerne mit dir besprechen würde. In der Arbeit will ich mich mit dem Thema Subjektivität und Einfluss auf Kommunikation und Konflikt unter Berücksichtigung von geschlechtlichen und kulturspezifischen Variablen beschäftigen. Klingt erst mal hochtrabend theoretisch, bietet aber viel Raum für praktische und spannende Experimente! Wie gesagt, ich habe mich schon ein bisschen damit auseinandergesetzt und ein paar Untersuchungsansätze ausgearbeitet, die das Thema aus unterschiedlichen Richtungen beleuchten.

Jetzt kommt es natürlich darauf an, was ich damit erreichen will (bzw. kann), sprich: Die Auswahl des geeigneten Experiments wird dem doch recht abstrakten Themenkomplex natürlich eine Richtung geben. Und dafür brauche ich dich: Ich möchte sehr gerne deine fachliche Meinung dazu wissen. Und – nun ja – ich habe natürlich auch schon daran gedacht, ob wir die Arbeit nicht vielleicht gemeinsam angehen wollen? Mein letzter Stand ist, dass du noch kein konkretes Thema vor Augen hast. Es würde sich sogar fast schon anbieten, eine ganze Arbeitsgruppe aufzumachen.

Jetzt muss ich schmunzeln, weil ich gerade an dein Stirnrunzeln denken muss, dass du bestimmt auflegst, während du diese E-Mail liest. Aber genau deswegen brauche ich deinen Rat und würde am Allerliebesten haben, dass du mit einsteigst: Ich habe immer viele Gedanken, die sich zu ausufernden Ideen formen, aber du hast den Kopf, um die Ideen einzugrenzen und zu konkretisieren.

Also, wie sieht es aus? Hast du morgen nach unserem Seminar Zeit für einen Schlachtplan? Alle Einzelheiten gibt es dann inklusive Kaffee und Kuchen.

Gruß + Kuss,
Sevtap

Du hast eine neue Nachricht von Peter*

Sevtap

26.09.2012 09:14

hey sevtap,

wie geht’s? hat mich gefreut, dass du auf meiner party warst. hast die feier echt zum glänzen gebracht. hab nicht gewusst, dass lisa so ne schöne freundin hat ;) also würd mich echt freuen, wenn wir uns bald mal wiedersehen. hab dir auch gerade eine freundschaftsanfrage geschickt – können ja hier mal in kontakt bleiben.

es grüßt dich: der peter

15.10.2012 00:23

hi du,

bist wohl nicht so aktiv hier unterwegs? hab ja leider deine telnummer nicht und lisa wollte mir die nicht geben. musste schon selbst fragen, hat sie gesagt. dann tu ich das mal ganz unbescheiden und hoffe, du liest das bald mal hier. wollte dich nämlich fragen, ob du bock hast, mit mir mal auszugehen? da gibt’s ein paar nette bars bei mir in der ecke – vielleicht mal ein oder zwei getränke oder so? kino wär auch ne idee, anfang november kommt der neue bond raus. auf den steht ihr mädels doch ziemlich ;) also meld dich!

lg, der peter

10.11.2012 17:23

ehrlich gesagt, fände ich es schon cool, mal eine antwort von dir zu bekommen. langsam glaub ich nicht mehr so dran, dass du einfach nur selten hier bist**. oder doch? auf meiner party hatte ich schon das gefühl, dass du mich auch ganz gut findest. sag doch einfach mal bescheid, ob ja oder nein. dann weiß ich wenigstens, ob sich das lohnt, dich weiter anzuschreiben. wenn dir das mit dem kino zu forsch war, können wir ja auch ganz unverbindlich was trinken gehen. hatte ich dir schon angeboten, ist nichts dabei, oder?

ich kann dich leider nicht zu einem konzert von uns einladen, weil wir noch gar nicht wissen, wann wir auftreten, haha. würd auch ungern so lange warten, dich wiederzusehen, bis es mal soweit ist. also trau dich ruhig. ich beiße bestimmt auch nicht ohne aufforderung ;).

der peter

* 2012 wurde Instant-Nachrichten von den U30 über den Instant-Messenger von Facebook geschickt – und zwar über die Website.

** Ghosting gab es auch damals schon, wurde nur nicht so genannt.

Betreff: Bin noch in Frankreich

An: Peter <peter@life-minutes.de>
Von: Vincent <vincent@life-minutes.de>
Datum: 08. November 2012 10:47:23 MESZ

Hallo Peter,

es tut mir leid, aber mit Proben wird es dieses Wochenende nichts. Ich bin noch in Frankreich, aber meinem Vater geht wieder besser. Es hatte zum Glück keinen Herzinfarkt, allerdings können die Ärzte noch nicht genau sagen, was mit ihm los ist.

Es ist komisch, meinen Vater so bleich und kraftlos in einem Krankenhausbett zu sehen. Ich erkenne ihn so fast gar nicht wieder. Als ob dort ein anderer Mensch liegen würde. Vielleicht können wir darüber mal einen Song machen? Ich meine jetzt nicht über den Tod, sondern darüber, was passiert, wenn Menschen krank werden. Ist es nur das Bild, das wir von anderen Personen haben und das dann nicht mehr passt, weshalb sich der Mensch in unseren Augen verändert hat? Oder verändern wir uns selbst, wenn wir geschwächt sind? Nicht nur äußerlich, weil wir bleich oder eingefallen oder müde aussehen. Sondern auch innerlich.

Niemand möchte krank sein. Kranksein bedeutet Schwäche zu zeigen. Verändern wir uns deshalb, wenn wir krank sind, weil wir Angst haben vor den mitleidigen Blicken der Gesunden? Wir ziehen uns zurück, wir verstecken uns, wir werden wortkarg und reden am liebsten mit uns selbst.

Nun ja, du merkst, das Thema beschäftigt mich. Deshalb die Idee für einen Song. Text und Sound müssen ja gar nicht depressiv klingen. Le rire est le meilleur des remèdes. Sagt man im Deutschen glaube ich auch so. Na ja, können wir ja noch drüber reden, wenn ich wieder in Berlin bin. Ich komme übrigens am Dienstag nachmittags an. Wir könnten uns dann Mittwoch oder Donnerstag treffen, passt für dich und die Jungs?

Umarme meine liebste Lisa ganz fest, wenn du sie siehst. Gros bisous, vieux sac !

Vince

Betreff: Ich denke an Dich!

An: Vincent <vincent@life-minutes.de>
Von: Lisa <lisa@life-minutes.de>
Datum: 08. November 2012 10:46:23 MESZ

Mein Mann in der Ferne,

ich habe Sehnsucht nach dir und wünschte, du wärest hier. Aber ich weiß, dass du jetzt zu Hause gebraucht wirst. Wie geht es deinem Vater heute? Und wie geht es deiner Mutter? Und dir?

Ich habe gestern Abend, als ich am Alexanderplatz auf die U2 gewartet habe, eine junge Frau gesehen, die bitterlich geweint hat. Sie hielt sich ein Taschentuch vor den Mund, das schon ganz nass von ihren Tränen gewesen ist. Ich hätte sie gerne gefragt, ob ich ihr helfen kann. Aber ich habe mich nicht getraut, sie anzusprechen.

Als ich dann schließlich in der U-Bahn saß, stellte ich mir vor, dass ich sie doch angesprochen habe. Ich habe ihr angeboten, dass sie mir ihren Kummer erzählen kann und ihr gesagt, dass es bestimmt leichter ist für sie, mir ihr Herz auszuschütten, weil ich ja doch eine Fremde für sie bin. Wir sind gemeinsam in ein Café gegangen und ich habe ihr einen Kakao spendiert und sie hat sich mir anvertraut. Worum es gegangen ist, dass weiß ich nicht mehr, allerdings waren ihre Tränen nach einer Stunde versiegt und sie fühlte sich besser. Da habe ich plötzlich gemerkt, dass ich meine Haltestelle verpasst habe. Ich Tagträumerin. Du lachst jetzt bestimmt. Gut so! Lachen hilft.

So schade, dass du nicht hier bist. Morgen gibt’s eine Geburtstagsdoppelparty von Emma und Josh, wird bestimmt exklusiv mit viel Prunk drumherum, so wie ich Josh kenne. Ist eine Überraschung für Emma, sie weiß noch von nichts. Wir werden dich vermissen – vor allem ich!

Ich liebe Dich!

Ta chérie

Betreff: Fwd: Just a quick question // Emmas Geburtstag

An: Lisa <lisa@life-minutes.de>
Von: Patrice <patrice@life-minutes.de>
Datum: 07. November 2012 23:23:23 MESZ

Lisa,

ich bin gerade fertig mit der Arbeit und schreib dir kurz eine E-Mail, weil es schon spät ist. Emma hat ja übermorgen Geburtstag und Josh will eine Überraschungsfeier schmeißen. Kurz vor knapp ist ihm wohl noch eingefallen, dass er mit Emma Bett und Tisch teilt. Und jetzt fragt er mich, ob ich Emma unter einem Vorwand weglocken kann.

Normalerweise würde ich das liebend gerne übernehmen, allerdings muss ich morgen Abend wieder bis spät arbeiten (wir haben eine große Reservierung mit 45 Personen) und am Freitag muss ich auch schon um 11:00 Uhr wieder im Restaurant auf der Matte stehen. Ich komme auch erst später zu der Party. Also Frage ich dich: Kannst du das übernehmen? Vincent ist ja gerade nicht da, vielleicht kannst du Emma vorschlagen, dass ihr einen schwesterlichen Geburtstagstag verbringt am Freitag. Dann könntest du ihr auch anbieten, dass sie bei dir übernachtet – weil du ihr ein Frühstück machen willst.

Ich glaube, das ist ein guter Plan. Für Emma muss man sich immer eine besonders hieb- und stichfeste Geschichte ausdenken, sie merkt immer ziemlich schnell, wenn man ihr was vorflunkert. In diesem Fall handelt es sich sowieso um eine weiße Lüge, da kann Emma also gar nicht böse sein, falls es auffliegen sollte. Und ihr zwei habt einen schönen Tag, bevor die Feier losgeht.

Passt es so für dich? Ich hoffe, ich durchkreuze deine Pläne nicht zu sehr mit meiner Anfrage. Aber es wäre wirklich famos, wenn du den „Emma-Ablenkpart“ übernehmen könntest. Ich kümmere mich auch um das Geschenk – versprochen!

Schlaf gut!

Dein Patrice

P.S. Ich merke schon, dass ich ziemlich vorsichtig bin. Das liegt wahrscheinlich gerade daran, dass die Situation zwischen Emma, Jenna und mir etwas angespannt ist. Du hast ja mitbekommen, dass Emma uns zusammen gesehen hat, bevor wir es sagen konnten. Zählt das eigentlich nicht als „weiße Lüge“? Was meinst du? Ach, wahrscheinlich nicht, wir haben ja nicht gelogen, sondern geschwiegen.

P.S.S. Obwohl Schweigen auch Lüge sein kann. Ach Gott, jetzt komme ich ins Philosophieren. Es war ein anstrengender Tag heute, da bin ich immer etwas überdreht am Abend. Aber das kennst du ja, mein Schwesterchen. Gute Nacht jetzt ohne weiteres P.S.

Betreff: just a quick question

An: Patrice <patrice@life-minutes.de>
Von: Josh <josh@life-minutes.de>
Datum: 07. November 2012 07:27:23 MESZ

Hey Patrice,

All good? Ich bin schon wieder auf dem Sprung, heute geht es nach Zürich und morgen dann nach Brüssel. Bin noch etwas zerknittert von der Nacht, hab nicht viel geschlafen, weil ich unbedingt die Wahl verfolgen wollte. Oh happy day! Obama bleibt President. Das freut mich sehr, auch wenn er in den nächsten vier Jahren sicherlich keine Wunder vollbringen kann. Aber wer glaubt schon an Wunder? Obwohl – wir Amerikaner tun das schon, haha. Vielleicht bin ich einfach zu lange in Europa und deshalb so nüchtern geworden.

Aber warum ich dir eigentlich schreibe: Emma hat ja übermorgen Geburtstag und ich würde sie gerne überraschen. Sie denkt, dass ich noch unterwegs bin und erst am Samstag wiederkomme. Habe mir aber extra frei genommen und möchte es am Freitag richtig krachen lassen. Ist ja, wie du weißt, auch mein Geburtstag. So let’s have a Party!

Meine Bitte an dich: Das ganze soll bei Emma und mir stattfinden. Allerdings soll sie nichts davon mitbekommen. Also müssen wir sie aus unserer Wohnung weglocken. Kannst du das irgendwie arrangieren? Ich komme schon morgen Abend spät zurück, wäre super, wenn sie nicht bei uns übernachtet. Sorry, dass ich das so kurzfristig anfrage, hab aber tatsächlich erst gerade eben die Zusage für meinen Urlaub bekommen.

Alles andere habe ich trotzdem schon organisiert: Essen, Getränke, DJ. Und eine besondere Überraschung auch noch. Die verrate ich aber noch nicht – soll für alle noch ein bisschen spannend bleiben ;) Ach so, hab ich fast vergessen: Ich schicke dir gleich noch eine Liste – kannst du allen Bescheid geben, die darauf stehen? Kurze E-Mail oder Text Message sollte reichen. Thanks so much!

Bin ab heute Mittag wieder online, kannst mir also jederzeit schreiben. Stay tuned, man!

Cheers,
Josh

Time for a coffee after the votes?

An: Josh <josh@life-minutes.de>
Von: Jenna <jenna@life-minutes.de>
Datum: 05. November 2012 18:48:23 MESZ

My lovely brother,

How are you? Tomorrow morning would be perfectly fine, should I pick you up at 8:30 for the votes?

Hab mehrfach versucht dich anzurufen. Aber du bist mal wieder unterwegs und schwer zu erreichen. Text messages mag ich nicht so, weißt du ja. Hast du mit Emma mal gesprochen? Sie hat mir gestern eine E-Mail geschickt, die voller Vorwürfe ist. Wegen Patrice. Und mir. Ich weiß ja, dass es nicht gerade glücklich gelaufen ist, dass sie uns auf der Straße getroffen hat, bevor wir es euch sagen konnten. Aber dass sie so beleidigt ist, hätte ich nicht gedacht.

BTW, wie geht’s dir denn damit? Wie ist es eigentlich für dich, dass ich mit Patrice zusammen bin? So wie ich dich kenne, freust du dich bestimmt für mich. Und für Patrice auch. Emma ist einfach zu kompliziert mit diesen Herzensangelegenheiten und nimmt alles persönlich. Sie hat mir geschrieben, dass unsere Freundschaft einen Riss hat. Das verstehe ich irgendwie nicht. Es ist ja nicht so, dass Patrice und ich euch monatelang etwas vorgespielt haben. Unsere Liebe ist ja immer noch ganz frisch, wenn man es genau nimmt. Wir wollten es euch ja auch bald gesagt haben, blöder Zufall halt.

Emma hat auch geschrieben, dass sie es selbst dann nicht so toll gefunden hätte, wenn wir ihr das erzählt hätten. Ich finde wirklich, sie reagiert übertrieben. Wir sind schließlich eigene Menschen mit eigenen Gefühlen und können uns nicht nur nach ihr richten. Sie ist gerade eine echte Drama Queen. Oder siehst du das anders? Findest du, dass sie recht hat? Ich muss diese E-Mail von ihr erst mal verdauen.

Ja, es ist schon richtig: Ich bin tatsächlich ein bisschen wütend auf sie. Und ich habe echt keine Lust, mir mein Glück von ihr versauen zu lassen. Nur weil sie sich nicht genug beachtet fühlt. Okay, ich weiß ja auch, dass ihr beide euch selten seht – so oft, wie du unterwegs bist. Sorry, soll kein Vorwurf sein. Aber das macht es für sie bestimmt nicht leichter, weil sie ja jetzt ein Stück mehr von Patrice und ein Stück mehr von mir abgeben muss. Zumindest sieht sie es so. Auf der anderen Seite hat sie auch viel zu tun. Was also verliert sie denn? Ich sehe den Punkt gerade nicht.

Nun ja, du kennst mich ja. In ein paar Tagen bin ich bestimmt schon weniger grumpy. Trotzdem wäre es echt schön, wenn wir beide mal reden könnten. Hast du morgen nach der Wahl noch Zeit auf einen Kaffee?

Lots of kisses and big hug,

Jenna

Betreff: Wie ich mich fühle damit

An: Jenna < jenna@life-minutes.de>
Von: Emma <emma@life-minutes.de>
Datum: 04. November 2012 18:20:23 MESZ

Liebe Jenna,

in den letzten Wochen haben wir uns nicht oft gesehen. Und wenn, dann waren wir nicht alleine, so dass wir hätten miteinander sprechen können. Wir beide gehen sehr vorsichtig miteinander um, seitdem ich dich und Patrice auf der Straße erwischt habe. Und wir haben uns seitdem voneinander entfernt – findest du nicht?

Ich gebe zu, dass es mir immer noch schwer fällt, über meinen Schatten zu springen. Es ist schon seltsam: Zwei Menschen, die mir sehr am Herzen liegen, haben zusammen gefunden. Meine beste Freundin und mein Bruder, ein Paar. Eigentlich sollte ich mich freuen, denn ich wünsche euch beiden ja nur das Beste. Aber die Freude will nicht wirklich aufkommen, ich bin da ganz ehrlich. Ich fühle mich ein wenig so, als hättet Ihr mich einfach zur Seite gestellt, als würde ich nicht mehr dazu gehören. Mag sein, dass es nur mein Gefühl ist und dass du das ganz anders empfindest als ich. Aber ich muss es dir jetzt endlich mitteilen, wie es mir damit geht – denn es belastet mich sehr.

Vor allem kann ich immer noch nicht verstehen, warum ihr mir nichts gesagt habt. Ja, ich war schockiert, als ich euch küssend auf der Straße angetroffen habe. Es hat mich verletzt, aber wundert euch das? Wie hattet ihr euch das eigentlich gedacht, du und Patrice, wann wolltet ihr es mir sagen? Wenn ihr euch vorher unsicher gewesen seid, ob ich es verkraften würde, dass ihr zusammen seid, so könnt ihr euch jetzt sicher sein: So wie es gelaufen ist, kann ich bestimmt keine Räder schlagen vor Freude über euer Glück. Für mich ist es schon ein Vertrauensbruch, was natürlich dazu beiträgt, dass ich mich gerade so distanziert verhalte. Kannst du das verstehen?

Ich vermisse dich als Freundin, Jenna. Wirklich. Aber gerade weiß ich nicht so richtig, wie ich mich dir wieder nähern kann. Da ist ein Riss in unserer Freundschaft. Ich hätte mir wirklich gewünscht, dass du mit mir gesprochen hättest. Du und Patrice. Es hätte mich vielleicht auch erstmal nicht in euphorische Hochstimmung versetzt, aber ich hätte mich nicht so hintergangen gefühlt. Vielleicht können wir die Tage einfach mal darüber sprechen.

Du weißt, dass ich gerade an einer neuen Reportage über Grenzgänger arbeite. Die Arbeit lenkt mich ab, ich habe viel zu tun. Aber ein Gespräch mit dir ist mir wichtig. Und ich möchte mich gerne mit dir alleine treffen. Ohne Josh oder Patrice. Damit wir beide ehrlich sein können. Bitte lass mich wissen, wann du Zeit hast.

Wünscht sich von dir: Emma

Betreff: Ihre Anfrage zu einem Interview

An: Emma <emma@life-minutes.de>
Von: Gertrude <gertrude@life-minutes.de>
Datum: 03. November 2012 14:42:23 MESZ

Liebe Emma,

ich habe mich über Ihren freundlichen Anruf letzte Woche gefreut und schicke Ihnen gerne meine biographischen Eckdaten zur Vorbereitung auf das anstehende Interview.

Ich bin am 23. Februar 1941 als Tochter jüdischer Deutscher in Berlin geboren und wurde von meinen Eltern fast unmittelbar nach meiner Geburt bei einer deutschen Familie versteckt. Kurz nachdem sie mich verstecken konnten, wurden meine Eltern in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert und später im KZ Auschwitz-Birkenau umgebracht. Nach dem Ende der Nationalsozialistischen Herrschaft wurde ich von der Familie offiziell adoptiert, da meine Verwandten entweder in Konzentrationslagern von den Nazis umgebracht worden oder nach Israel und den USA ausgewandert waren.

Ich bin in Berlin mit zwei Schwestern, die die leiblichen Kinder der Familie sind, aufgewachsen und habe zunächst eine Ausbildung zur Goldschmiedin gemacht. Nach der Ausbildung wollte ich unbedingt meine noch lebende Verwandtschaft kennenlernen. Also bin ich 1962 nach Israel gegangen, um den Wurzeln meiner Vergangenheit nachzuspüren und meine Verwandten aufzusuchen. Ich bin dann für ganze 15 Jahre in Israel geblieben und habe in Tel Aviv und Haifa gelebt. Ich habe in dieser Zeit Hebräisch gelernt, dann an der Universität in Tel Aviv Politikwissenschaften und Journalismus studiert und schließlich als Journalistin in Israel gearbeitet.

1977 bin ich in die USA gegangen und habe mehrere Jahre in Boston und Philadelphia gelebt. In den Vereinigten Staaten habe ich als freie Journalistin für verschiedene Zeitungen und Fernsehsender gearbeitet. Ich bin erst 1993 nach Berlin zurückgekehrt und lebe seitdem – wie Sie bereits wissen – im Westteil der Stadt und zwar dort, wo ich auch aufgewachsen bin. Ich war tatsächlich von 1962 bis 1993 nicht einmal in Berlin oder Deutschland. Trotzdem habe ich per Brief und Telefon stets Kontakt zu meiner zweiten Familie in Berlin gehalten.

Mein Adoptivvater ist bereits verstorben, meine Adoptivmutter lebt bei mir um die Ecke und wir sehen uns mindestens einmal wöchentlich. Meine eine Schwester, die Mutter von Peter, lebt in Frankfurt, meine andere Schwester ist leider schon früh bei einem Autounfall gestorben. Ich war nie verheiratet und habe auch keine Kinder.

Ich denke, dass Ihnen diese Eckdaten zur Vorbereitung des Interviews ausreichen dürften. Ich werde am 20. Dezember für 6 Wochen nach Israel reisen. Wir sollten uns also bald möglich zu dem Gespräch treffen, damit ich Ihnen bei der Überarbeitung des Interviews noch für Fragen zur Verfügung stehen kann.

Ich freue mich, Sie bald persönlich kennenzulernen.

Herzliche Grüße,

Ihre Gertrude