Betreff: Re: Ihre Annonce Chiffre #10062011

An: Hans <hans@life-minutes.de>
Von: Gertrude <gertrude@life-minutes.de>
Datum: 30. November 2012 07:03:23 MESZ

Verehrter Herr,

ich habe mich über Ihren Mut, mir zu schreiben, gefreut und trete gerne in Korrespondenz mit Ihnen. Ihre Offenheit hat mich positiv überrascht, war ich selbst doch recht zögerlich, was ich in der Annonce über mich schreiben sollte. Wie Sie selbst gelesen haben, war meine Selbstbeschreibung auf das Wesentliche reduziert, so dass ich Ihnen ergänzend hierzu noch ein paar Zeilen über mich heute schreiben will, die weit weniger faktisch daher kommen sollen.

Wie Sie bereits wissen, bin ich 71 Jahre alt und habe als Journalistin gearbeitet. Meine Liebe zu Sprache, meine Leidenschaft für das Schreiben und meine Neugier bringen es mit sich, dass auch ich sehr gerne lese. Dass Sie just in diesen Tagen den Büchern von Stasiuk den Vorzug geben, hat mich freudig überrascht – ich habe den Autor vor etwa vier Jahren für mich entdeckt und kann ihn mir seitdem nicht mehr aus meiner Bibliothek wegdenken. Auch bin ich bin eine große Freundin des Theaters und mag besonders die Inszenierungen von George Tabori, den Sie vielleicht sogar persönlich kennen. Allerdings will ich an dieser Stelle nicht verschweigen, dass es mir mit dem Theater wie Ihnen mit dem Besuch von klassischen Konzerten geht: Ich komme viel zu selten dazu.

Dass ich die Philharmonie häufiger mit einem Besuch beehre, liegt an einer musikliebenden Freundin von mir, die es sich nicht nehmen ließ, mir ein Abonnement zu schenken. Da fühlt man sich schon verpflichtet. Nun, sollte sich unsere Korrespondenz in gleichem Maße weiterentwickeln, wie sie begonnen hat, dann bin ich zuversichtlich, dass wir einmal das Vergnügen haben werden, das Theater oder die Musik gemeinsam zu genießen.

Ich werde übrigens Ende Dezember für einige Zeit verreist sein. Um genau zu sein, ich werde für etwa sechs Wochen in Tel Aviv und Haifa sein. Jetzt werden Sie vielleicht denken: Israel! In diesen Tagen!* Und ich stimme Ihnen zu: Die Zeiten sind unsicher und ich bin nicht ganz ohne Angst dorthin zu fahren. Aber Israel ist für mich genauso Heimat wie es Berlin seit 20 Jahren wieder für mich ist. Ich kann meine Freunde und Verwandten dort nicht einfach alleine lassen. So würde es sich für mich zumindest anfühlen, wenn ich nicht fahren würde. Können Sie mich verstehen?

Ich freue mich auf Ihren nächsten elektronischen Brief und wünsche Ihnen ein herrliches Wochenende,
herzlichst,
Ihre Gertrude

* Die Situation im nahen Osten war auch schon 2012 sehr angespannt. 12 Jahre später sind wir an einem Punkt angelangt, an dem sich die Frage, ob es einen Krieg geben wird, nicht mehr stellt, sondern die Fragen, wie schlimm dieser Krieg sein und wie viele Verlierer dieser Krieg haben wird.

Betreff: Ihre Annonce Chiffre #10062011

An: Gertrude <gertrude@life-minutes.de>
Von: Hans <hans@life-minutes.de>
Datum: 29. November 2012 09:16:23 MESZ

Verehrte Dame,

mit großem Interesse habe ich Ihre Annonce in der Zeitung* gelesen. Ebenso wie Sie bin ich kulturellen Dingen sehr zugetan und möchte mich gerne kurz vorstellen: Ich heiße Hans und würde ich mich dem durchschnittlichen Rentenalter beugen, wäre ich ein anderer. Ich kann mit meinem 68 Jahren aber nicht davon lassen, meinen Beruf, den ich sehr liebe, auszuüben. So schreibe und inszeniere ich weiterhin Theaterstücke – für die großen, aber gerne auch die kleineren Bühnen in dieser und in anderen Städten.

Als Intendant reise ich oft umher. Glücklicherweise nehme ich meistens die Bahn und so bleibt mir auf den Reisen genug Zeit, um zum Buch zu greifen. Lesen gibt mir Kraft und Inspiration, es lenkt mich ab und begleitet gleichzeitig meine Arbeit. Meine literarischen Vorlieben haben sich immer wieder verändert. Ja, ich könnte fast sagen, dass jede Phase meines Lebens einer bestimmten Literatur entsprochen hat. Nun, ich denke, dass dieses durchaus nicht ungewöhnlich ist. Im Moment haben es mir besonders die Bücher von Andrezj Stasiuk angetan. Und ich habe erneut den Ilias zur Hand genommen. Homer kann ich immer wieder lesen. Die griechische Mythologie ist gewissermaßen phasenfrei und beschreibt die Konstante in meinem Leben.

Wenn ich mal nicht unterwegs bin, freue ich mich sehr, in Berlin zu sein. Früher hatte ich in mehr in Berlin zu tun, heute bin ich viel in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs. Eigentlich bin ich Schweizer, in Bern geboren und aufgewachsen. Dennoch ist Berlin in meinem Herzen als Heimat verankert. Ich geniesse das vielfältige, kulturelle Angebot hier, und ich möchte es wirklich nicht missen, auch wenn ich viel seltener die Philharmonie besuche, als ich es mir wünsche.

Mich selbst beschäftigt gerade eine Geschichte aus meiner Vergangenheit, die viel Persönliches in sich trägt. Ich habe noch keine konkrete Vorstellung, in welcher Form ich diese Geschichte erzählen oder auf die Bühne bringen kann. Es ist eine Familiengeschichte, meine jüngste Tochter hat den Stein ins Rollen gebracht. Nun, Sie sehen, es fällt mir schwer, hier konkreter zu werden. Vielleicht ergibt sich aber über eine regelmäßige Korrespondenz mit Ihnen die Gelegenheit, Ihnen mehr dazu zu schreiben.

Ich hoffe auf eine Antwort von Ihnen und schreibe Ihnen jederzeit gerne wieder und mehr über mich, auch wenn ich unterwegs sein sollte – die moderne Technik macht den Briefwechsel um einiges einfacher.

Herzliche Grüße
Ihr Hans

* 2012 gab es zwar schon Online-Anbahnungsplattformen wie Parship, die aber wurden von der älteren Generation als unseriös empfunden. Tinder oder Bumble gab es noch gar nicht, die jungen Leute haben sich noch überwiegend live und in Echtzeit kennengelernt.

Betreff: Die Platten sind super!

An: Hans <hans@life-minutes.de>
Von: Josh <josh@life-minutes.de>
Datum: 27. November 2012 20:02:23 MESZ

Hans,

Thank you so much for the albums. Ich habe es zwischen Tür und Angel (I really like this German expression) tatsächlich geschafft, in alle drei Platten reinzuhören. Ich wusste gar nicht, dass du solche Pop-Perlen in deiner Sammlung hast – du hörst ja sonst sehr viel klassische Musik. Jedenfalls ist mir beim Hören wieder aufgefallen, wie schön es ist, Musik von einer Platte zu hören. Das klingt irgendwie roher, nicht so überproduziert wie der ganze digitale Kram.

Wenn es ok für dich ist, komme ich die Tage vorbei und bringe die Platten zurück. Wäre super, wenn ich noch mal einen Blick auf deine Musiksammlung werfen dürfte, da sind bestimmt noch andere Schmuckstücke dabei. Ich weiß leider noch nicht, wann ich es schaffen werde, ich hoffe aber spätestens zu Lisas Geburtstagsessen. Da bin ich auf jeden Fall in Berlin und du weißt ja, dass ich auf gar keinen Fall auf die Tartes von Patrice verzichten kann … By the way, hast du einen Tipp, was ich Lisa schenken kann? Emma hat schon ein Geschenk und sie meinte Fachbücher für Lisas Studium wären gut. Ich würde ihr aber lieber etwas weniger Vernünftiges schenken – you know what I mean, do you?

Ich fliege morgen ziemlich früh nach Brüssel, du kannst mir aber jederzeit eine E-Mail schicken. The web is everywhere!

All the best,
Josh

Betreff: kontakt aufnehmen

An: Josh <josh@life-minutes.de>
Von: Peter <peter@life-minutes.de>
Datum: 26. November 2012 17:15:23 MESZ

hi josh,

how r u? du erinnerst dich an mich? ich bin mit lisa und vince befreundet. emma hat mir deine e-mail gegeben, ich soll mich direkt an dich wenden. sie hat mir erzählt, dass du hast einen freund hast, der produzent bei einem major ist und vielleicht was für uns tun kann.

uns das sind wir: eine berliner band mit 6 leuten, die deutsch-englisch-französischen pop mit soul und hip hop elementen spielen. einen namen haben wir noch nicht und wir befinden uns gerade noch in der findungsphase. aber wir sind auf einem guten weg. also wir haben schon ein paar songs, für ein album reicht es noch nicht ganz, aber ein kleines konzert könnten wir schon spielen. demo wollen wir demnächst aufnehmen, könnte ich dir also auch bald zuspielen. wir machen auch gerne einen tag der offenen proben, wenn es gewünscht ist ;)

ich bin am samstag bei sebastian block & band und tonbandgerät im comet, wenn du zeit und lust hast, könnten wir uns da treffen und mal drüber reden. wäre auf jeden fall super, wenn du dich bei mir meldest und den kontakt herstellen kannst.

See u around,
peter

Du hast eine neue Nachricht von Sevtap

Peter

26.09.2012 09:14

hey sevtap,

wie geht’s? hat mich gefreut, dass du auf meiner party warst. hast die feier echt zum glänzen gebracht. hab nicht gewusst, dass lisa so ne schöne freundin hat ;) also würd mich echt freuen, wenn wir uns bald mal wiedersehen. hab dir auch gerade eine freundschaftsanfrage geschickt – können ja hier mal in kontakt bleiben.

es grüßt dich: der peter

15.10.2012 00:23

hi du,

bist wohl nicht so aktiv hier unterwegs? hab ja leider deine telnummer nicht und lisa wollte mir die nicht geben. musste schon selbst fragen, hat sie gesagt. dann tu ich das mal ganz unbescheiden und hoffe, du liest das bald mal hier. wollte dich nämlich fragen, ob du bock hast, mit mir mal auszugehen? da gibt’s ein paar nette bars bei mir in der ecke – vielleicht mal ein oder zwei getränke oder so? kino wär auch ne idee, anfang november kommt der neue bond raus. auf den steht ihr mädels doch ziemlich ;) also meld dich!

lg, der peter

10.11.2012 17:23

ehrlich gesagt, fände ich es schon cool, mal eine antwort von dir zu bekommen. langsam glaub ich nicht mehr so dran, dass du einfach nur selten hier bist**. oder doch? auf meiner party hatte ich schon das gefühl, dass du mich auch ganz gut findest. sag doch einfach mal bescheid, ob ja oder nein. dann weiß ich wenigstens, ob sich das lohnt, dich weiter anzuschreiben. wenn dir das mit dem kino zu forsch war, können wir ja auch ganz unverbindlich was trinken gehen. hatte ich dir schon angeboten, ist nichts dabei, oder?

ich kann dich leider nicht zu einem konzert von uns einladen, weil wir noch gar nicht wissen, wann wir auftreten, haha. würd auch ungern so lange warten, dich wiederzusehen, bis es mal soweit ist. also trau dich ruhig. ich beiße bestimmt auch nicht ohne aufforderung ;).

der peter

24.11.2012 13:56

Peter,

Hartnäckigkeit wird nicht immer belohnt. Ich habe gehofft, dass ich es mir sparen kann, dir zu antworten. Schließlich fühle ich mich nicht verpflichtet dazu, ich habe dir ja weder meine Telefonnummer gegeben, noch habe ich deine Anfragen in Facebook beantwortet. Nachdem du aber nicht locker lässt und jetzt sogar mein E-Mail-Postfach nicht verschont bleibt, lass es dir gesagt sein: Ich habe überhaupt gar kein Interesse daran, mich mit dir zu treffen. Lass mich bitte in Ruhe, mich nerven deine Nachrichten.

Danke, Sevtap

Betreff: Lust auf ein Interview?

An: Vincent <vincent@life-minutes.de>
Von: Sevtap <sevtap@life-minutes.de>
Datum: 23. November 2012 14:14:23 MESZ

Hey Sevtap,

wie geht’s? Ich komme gerade von meinem Interview mit Lisas Schwester – hat wirklich Spaß gemacht. Emma arbeitet an einer Reportage über Grenzgänger. Sie befragt dazu Leute, deren Leben durch das Überschreiten von Grenzen erheblich beeinflusst ist. Dabei benutzt Emma reale staatliche Grenzen eher als Metaphern für die Grenzen, die wir in unseren Köpfen haben. Ich finde das Projekt echt spannend und habe sofort zugesagt, als Emma mich gefragt hat, ob ich ihr ein Interview geben mag.

Ich habe ihr erzählt, wie meine algerischen Großeltern nach Frankreich gekommen sind und wie es für meinen Vater gewesen ist, der in Frankreich geboren und aufgewachsen ist. Er kennt Algerien nicht besser als ich, also nur durch wenige kurze Besuche. Ich habe an dich gedacht, weil wir uns vor kurzem länger über unsere Familien unterhalten haben. Deine Großeltern sind ja auch von der Türkei nach Deutschland eingewandert, allerdings sind deine Eltern noch in der Türkei geboren, dann aber in Deutschland aufgewachsen.

Emma sucht genau solche Geschichten und du hast einiges zu erzählen. Vielleicht hast du Lust, dich mit Emma zu treffen? Du kannst dich direkt mit ihr in Verbindung setzen, du kennst sie ja. Überleg es dir, Emma freut sich bestimmt.

A+
Vince

P.S. Lisa und ich gehen heute Abend ins Kino und sehen uns Cloud Atlas an. Sag Bescheid, ob du Zeit und Lust hast, mitzukommen.

Betreff: Wann können wir uns zum Interview treffen?

An: Vincent <vincent@life-minutes.de>
Von: Emma <emma@life-minutes.de>
Datum: 20. November 2012 19:12:23 MESZ

Hallo Vincent,

ich habe mich gefreut, als Lisa mir erzählt hat, dass es deinem Vater besser geht. Ich weiß ja genau wie es sich anfühlt. Als meine Mutter mir damals gesagt hat, dass sie an Krebs erkrankt ist, dachte ich, ich würde durchdrehen. Die Nachricht hat mich tief erschüttert. Ich habe damals die Hoffnung nicht aufgegeben. Leider hat meine Mutter am Ende den Kampf gegen den Krebs verloren.

Ich habe es damals als unglaubliche Ungerechtigkeit empfunden, als Elisabeth mit nur 55 Jahren gestorben ist. Und ich habe meinem Vater bittere Vorwürfe gemacht. Ich habe geglaubt, dass er Mitschuld an dem Tod meiner Mutter hat. Weil sie doch sehr gelitten hat, als Hans ihr von Marlene erzählt hat. Ich habe damals wirklich geglaubt, dass der Kummer den Krebs in sie gepflanzt hat.

Heute weiß ich es besser. Wir sind sterblich, aber der Abschied ist unfassbar schmerzlich, wenn der Mensch noch nicht so alt gewesen ist, wie wir es heutzutage erwarten. Deshalb brauchen wir immer einen nachvollziehbaren Grund, damit wir verstehen können, warum jemand so früh gestorben ist. Meistens ist der Grund ein anderer Mensch, der die Schuld an dem Tod des Verstorbenen auf sich nehmen muss. Deshalb habe ich meinen Vater damals angeklagt und für schuldig befunden und ich habe länger als ein Jahr nicht mehr mit ihm gesprochen.

Heute bin ich unendlich froh, dass ich meinen Vater noch habe. Ich habe verstanden, dass der nicht der Schuldige ist und ich habe mir meine unendliche Härte ihm gegenüber verziehen. Was bringt es, die wichtigsten Menschen aus seinem Leben zu verbannen, wenn sie doch leben und bei dir sein können? Meine Mutter lebt in meinem Herzen weiter, und wenn ich mal nicht weiter weiß, spreche ich in Gedanken mit ihr und sie gibt mir einen guten Rat.

Jetzt habe ich viele Worte gemacht und es klingt fast so, als wollte ich dir mein Beileid aussprechen – was ja zum Glück nicht der Fall ist. Ich wollte dir nur sagen, dass ich wirklich froh bin, dass dein Papa wieder wohlauf ist. Aber das Thema berührt mich sehr, ich hoffe, du verstehst das. Eigentlich wollte ich dich fragen, wann wir uns für das Interview treffen? Deine Familiengeschichte passt hervorragend zum Thema – also zum Thema meiner Reportage über Grenzgänger. Diese Woche sieht gut bei mir aus, sag doch einfach Bescheid, wann es bei dir am besten passt.

Lieber Gruß
Emma

Betreff: Re: Wie ich mich fühle damit

An: Emma <emma@life-minutes.de>
Von: Jenna <jenna@life-minutes.de>
Datum: 19. November 2012 22:18:23 MESZ

Liebe Emma,

ich freue mich sehr, dass wir uns endlich ausgesprochen haben. Für mich war es eine zu lange Zeit, in der wir nicht miteinander gesprochen haben, ich habe dich vermisst. Auch wenn du mir schon auf den Nerv gegangen bist mit deinem Beleidigtsein. Aber darüber haben wir geredet und dass will ich hier auch gar nicht wiederholen. Manchmal muss es einfach knallen. Wenn man sich hinterher wieder vertragen kann, ist es gut. Schön, dass wir an deinem Geburtstag Versöhnung gefeiert haben.

Es ist schon erstaunlich, wie Liebes- und Beziehungsangelegenheiten sich verkomplizieren, wenn wir erwachsen sind. Als ich ein Mädchen war, erschien mir alles so einfach. Meine erste große Liebe war James Dean. Richtig verknallt war ich in den. Jungs in meinem Alter haben mich damals nicht die Bohne interessiert. Aber Jimmy, der sehr wohl. Ich habe ihn das erste Mal in Rebell Without A Cause gesehen, da muss ich wohl 10 Jahre alt gewesen sein. Und war sofort hin und weg. Ich habe mir vorgestellt, wie es wäre, ihn zu treffen. Das habe ich dann nachgespielt und – in Ermangelung seiner Anwesenheit – den Türrahmen abgeknutscht. Meine erste Zungenkuss-Erfahrung war also eher hölzern.

Nach Jimmy kam Morten Harket. Der hing in allen Varianten als Poster in meinem Zimmer. Zum Küssen habe ich dann Türrahmen gegen Postermund ausgetauscht. War ein wirklich tolles Gefühl damals. Wenn ich heute jung wäre, also wieder ein Mädchen, dann würde ich mich wahrscheinlich in Ezra Miller verlieben.

Manchmal bin ich noch das kleine Mädchen. Mit Patrice fühlt es sich genauso an wie damals – nur dass er beim Küssen nicht nach Holz oder Papier schmeckt, haha. Gerade deshalb ist es mir sehr wichtig, dass ich meine Gefühle für ihn vor dir nicht verstecken muss. Ich weiß, dass ich am Anfang meiner Beziehung zu Patrice genau dass getan habe. Und es tut mir wirklich leid, wenn ich dich verletzt habe. Das wollte ich dir einfach noch mal gesagt haben. Denn Du bist wirklich eine tolle Freundin, die ich nicht vermissen will!

Ich umarme dich!
Deine Jenna

Betreff: Eine Torte für meine geliebte Frau

An: Jenna <jenna@life-minutes.de>
Von: Patrice <patrice@life-minutes.de>
Datum: 15. November 2012 16:36:23 MESZ

Geliebte Frau,

kein Eisnebel auf dieser Welt kann so frostig sein, dass er meine heiße Sehnsucht nach dir abkühlen könnte. Ich muss und will es dir immer wieder sagen: Ich liebe dich. Gerade dann, wenn ich nicht bei dir sein kann, was in dieser Zeit saisonbedingt leider recht oft noch passieren wird, will ich, dass du weißt, dass ich dich in meinem Herzen trage.

Was machst du gerade? Ich stelle mir vor, dass du in eine Decke gehüllt an deinem Schreibtisch sitzt. Das Licht ist wie immer gedimmt, du magst es dunkel und etwas kühler, obwohl du ein Sommerkind bist. Jetzt streichst du eine Strähne, die sich aus deinem Zopf gelöst hat, aus deinem Haar und legst sie gedankenversunken hinter dein zartes Ohr. Ach Jenna, ich sehe dich genau vor mir. Ich mag es so sehr, wenn du voll konzentriert an deiner Arbeit sitzt und immer dann deine Stirn hochziehst, wenn dir eine neue Idee gekommen ist. Ich bewundere ich dich dafür. Ich könnte mich niemals stundenlang durch das Internet wühlen, dabei Gedanken zu Worten werden lassen, dann wieder einen Video-Ausschnitt ansehen und diesen mit klaren, analytischen Sätzen bewerten. Du schmunzelst, wenn ich dir das sage. Dir fällt es leicht zu forschen und den Dingen auf den Grund zu gehen.

Ich bin mehr für das Praktische, muss etwas mit meinen Händen tun. Deshalb habe ich dir noch eine herrlich duftende Tarte Normande gebacken, bevor ich heute zur Arbeit gehe. Du kannst sie dir sehr gerne bei mir abholen, sie steht auf dem Küchentresen bereit zum Verzehr. Wenn du magst, bleibst du bei mir und wärmst das Bett. Ich werde zwar nicht vor 1 Uhr zu Hause sein, aber du machst mich zum glücklichsten Mann auf dieser Erde, wenn ich deinen warmen, weichen Körper heute Nacht neben mir spüren darf.

Geliebte Frau, fühle dich geküsst von mir!
Dein Patrice

Betreff: Familiengeschichten

An: Patrice <patrice@life-minutes.de>
Von: Hans <hans@life-minutes.de>
Datum: 13. November 2012 13:13:23 MESZ

Lieber Patrice,

kannst du deinem alten Vater helfen? Lisa hat mir eine Reihe von Fragen gestellt, von denen ich wußte, dass sie irgendwann einmal ausgesprochen werden. Einen Teil ihrer Fragen kann ich Lisa auch direkt beantworten: d´Diese Fragen beziehen sich nur auf mein junges Leben in Berlin. Aber einige ihrer Fragen gehen viel tiefer. Sie will genau wissen, wie es damals zwischen Elisabeth, Marlene und mir abgelaufen ist. Meine kluge Tochter hat ihre Fragen so formuliert, dass ich gezwungen bin, mich damit auseinander zu setzen: „Wie hast Du zwei Frauen gleichzeitig lieben können ohne ständig einen inneren Konflikt zu spüren?“

Es mag dir jetzt wie ein Blitz aus heiterem Himmel vorkommen, dass ich dich so unvermittelt mit diesem Thema konfrontiere. Ich weiß, ich habe noch nie mit dir, Emma oder Lisa darüber gesprochen, wie es dazu kam und wie die Geschichte sich entwickelt hat. Ich schreibe dir, weil du in meinen Augen den meisten Abstand dazu hast. Das Verhältnis von Lisa zu Elisabeth war ja bis zum Tod von Elisabeth eher unterkühlt. Und Emma hat im Gegensatz zu dir Marlene nie kennenlernen wollen. Es ist in meinem Augen schon erstaunlich, dass Emma und Lisa sich so gut verstehen.

Ich kann Lisa die Antwort auf ihre Frage nicht geben. Noch nicht. Vielleicht hältst du mich jetzt für einen Feigling, und ja, du hast recht damit. Ich habe Angst davor, Lisa zu verletzen. Oder Emma. Oder beide. Sicher – sie sind nicht ihre Mütter. Aber beiden lieben ihre Mütter. Mehr vielleicht, als ich selbst ihre Mütter geliebt habe. Deshalb meine Bitte an dich: Ich möchte Lisa vorschlagen, dass ich dir die Geschichte zuerst erzähle. Ich schreibe sie dir sogar auf. Bevor Lisa und Emma meine Aufzeichnungen lesen, möchte ich gerne, dass wir darüber sprechen. Ich konnte schon immer gut mit dir reden, mein Sohn. Sogar schon als wir dich mit 14 Jahren adoptiert haben und du noch kaum Deutsch und ich nur gebrochen Französisch gesprochen habe. Das ist das Besondere an dir: Du hörst anderen mit dem Herzen zu. Darf ich Lisa das vorschlagen?

Dein ratloser Vater