Jede Gesellschaft ist im Namen der Menschlichkeit verpflichtet

Urplötzlich ist es eiskalt. Nicht nur weil Herbst ist – auch im deutschen Miteinander. Was seit einem Jahr, seit der Aufdeckung der Morde durch die NSU, an die Oberfläche unserer vermeintlich so toleranten und offenen Gesellschaft gespült wird, ist mehr als erschreckend. Es zeigt ganz deutlich: Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind nicht nur ein Problem von extremistischen Randgruppen. Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind allgegenwärtig und werden sogar von staatlichen Organen protegiert.

Dabei wird am Beispiel der NSU ziemlich deutlich, was ein Verbot bewirkt: Solche Vereinigungen können sogar fast noch besser aus dem Untergrund heraus unbehelligt tätig sein. Deshalb halte ich ein Verbot der NPD* für unsinnig. Man drängt die NPD-Anhänger* damit doch nur in eine Märtyrer-Rolle und macht sie erst recht attraktiv für andere dumpfe Nationalisten. Der Staat muss Mitglieder aus dieser Partei mit den Mitteln des Rechtsstaats in den Griff kriegen, dass heißt nichts anderes, als das Strafrecht voll und ganz auszunutzen. Und der Öffentlichkeit damit immer wieder vorführen, wie dumm und gefährlich diese Leute sind. Und dass sie selbst die Kriminellen sind, für die sie auf ihren Plakaten härtere Strafen fordern.

Sicherlich ist Rassismus und die Ablehnung alles vermeintlich Fremden kein deutsches Problem. Aber in Deutschland hat er eine besonders schreckliche Geschichte. Die auf gar keinen Fall in Vergessenheit geraten darf – auch wenn der größte Teil der Täter und der Opfer nicht mehr leben. Jede Gesellschaft ist im Namen der Menschlichkeit verpflichtet, sich gegen rassistische, antisemitische und fremdenfeindliche Tendenzen in ihrer Mitte vehement zu wehren.

Ich bin gespannt, wie die aktuelle Lage in Europa und in Deutschland von der israelischen Öffentlichkeit gesehen wird. Ich fliege ja Ende Dezember nach Tel Aviv. Leider bekomme ich hier in Deutschland viel zu wenig mit, wie das Thema in meiner zweiten Heimat diskutiert wird. Das liegt in der Natur der Medienwelt: In den Nachrichten wird ja nur etwas berichtet, wenn es von weltpolitischer Bedeutung scheint. So beschäftigen sich die deutschen Medien vorzugsweise mit Israel dann, wenn es um politische Konflikte im Nahen Osten oder um Anschläge und extremistische Gruppen in Israel und Gaza geht. Aber ich will nicht überkritisch sein: In Deutschland wird schon relativ viel über das politische Geschehen in der Welt berichtet. Wenn man sich die Berichterstattung in den USA ansieht, fällt es umso mehr auf: In den Vereinigten Staaten wird fast ausschließlich über Themen berichtet, die die USA betreffen. Ich habe ja selbst als Journalistin fast 16 Jahre für amerikanische Zeitungen gearbeitet. Über Themen, die außerhalb des us-amerikanischen Blickwinkels gelegen haben, konnte ich kaum schreiben – sie haben sich einfach nicht verkauft auf dem amerikanischen Nachrichtenmarkt.

Es ist wirklich kalt geworden. Vor einer Woche war es noch fast sommerlich. Damit geht das Kapitel Sommer tatsächlich zu Ende.

* 2012 heißt die AFD noch NPD. Anderer Name, gleiche Gesinnung.

Vor allem wenn dein Gegenüber die Ironie mit Humor verwechselt

Sagt ein Ohrwurm eigentlich etwas über die psychische Verfassung des Ohrwurmgeplagten aus? So frei nach Freud? Immer wenn ich mir die Rubber Soul angehört habe, klingt Nowhere Man noch stundenlang in meinem Kopf nach. Tatsache ist: Manchmal fühle ich mich wie ein Nowhere Man. Ich bin ständig unterwegs, reise in der Welt herum, ohne die Welt zu sehen. Und das alles, um Strategien zu entwickeln und Dinge zu verkaufen, die – wenn man ehrlich ist – niemand braucht. Davon lebt unser kapitalistisches System. Davon lebe ich.

Ehrlich gesagt freue ich mich über jeden Tag, der so ist, wie heute. Wenn die Sonne scheint und so ein Hammerwetter wie an diesem Sonntag im Oktober ist, kann ich richtig abschalten. Wenn ich endlich mal Zeit habe, nichts zu tun, und mein Gesicht in die wärmenden Sonnenstrahlen halte, kann ich ganz gut vergessen, dass ich Teil des Systems bin, das ich selbst so lächerlich finde. Wahrscheinlich bin ich gerade deswegen so erfolgreich in meinem Job. Weil ich mich im Grunde genommen selbst nicht ernst nehmen kann. Ironie verkauft am besten – vor allem wenn dein Gegenüber die Ironie mit Humor verwechselt.

Da fällt mir gerade ein: Ich muss Jenna wegen der Wahl noch Bescheid geben. Wir wollten ja zusammen zur Botschaft gehen und ich kann nur am 6. November ganz früh. Barack Obama steht ja gerade im Kreuzfeuer der Kritik. Selbst eingefleischte Demokraten wenden sich gegen ihn. Was nicht überraschend ist. Die Erwartungen an Obama waren einfach unrealistisch hoch. Man hat ihm fast schon übermenschliche Kräfte nachgesagt damals. Ein Zauberer als Mister President? What a joke! Klar, einen, der Wunder vollbringt, den hätte es wahrscheinlich gebraucht nach acht Jahren Bush-Regierung*. Die hat in 8 Jahren mehr zerstört als man in acht Jahren aufbauen kann. Das jedoch sehen die meisten Leute leider nicht. Weil sie vergesslich sind. Und sich am Nachmittag lieber eine neue Lüge in ihr Ohr säuseln lassen, um nicht mehr daran zu denken, dass die Lüge von gestern ihnen heute morgen noch sauer aufgestossen ist.

Stürmische Zeiten*: vom American Dream zum Nowhere Land.

Ich bin wirklich gespannt auf den Ausgang der Wahl. Ich muss unbedingt meine Stimme abgeben. Denn ich will auf gar keinen Fall, dass Mitt Romney das Rennen macht. Ich weiß nicht, ob Obama der bessere Präsident ist. Aber auf jeden Fall ist er der sozialere Präsident. Und er hat, obwohl seine ersten vier Jahre im Amt nicht gerade leicht waren, seine Menschlichkeit behalten. Einer wie Romney kann sich gut verkaufen, ist aber nur eine republikanische Marionette. So wie Bush Junior.

* 12 Jahre danach gibt es wieder eine Wahl in den USA. Obama hatte damals noch mal gewinnen können und dann kam Trump. Der ist so übel, dass selbst Bush Junior sich gegen ihn positioniert hat. Leider ohne Erfolg. Vier Jahre Trump, vier Jahre Biden und dieses Jahr wieder … Trump? God save America from this disaster.

Ich war absolut privilegiert

Ich sollte vielleicht mal zum Arzt gehen und mich gründlich untersuchen lassen. Als Vincent erzählt hat, dass sein Vater im Krankenhaus liegt, ist es mir eiskalt in die Glieder gefahren. Vincents Vater ist sogar noch 10 Jahre jünger als ich und soll sehr sportlich sein. Im Gegensatz zu mir. Mir fällt nicht ein, wann ich das letzte Mal Sport getrieben habe. Ich fahre ja noch nicht einmal Fahrrad.

Die Zeit vergeht einfach zu schnell. Ehe man es sich versieht, hat man nicht mehr genug davon übrig. Elisabeth hatte auf jeden Fall zu wenig Zeit. Als der Krebs bei ihr diagnostiziert wurde, war sie gerade mal 51 Jahre alt. Und 4 Jahre später, 2006, ist sie dann gestorben. Dabei war auch sie immer ein Mensch, der vor Energie nur so geleuchtet hat. Und dann diese grausame Krankheit.

Als ich Elisabeth von Marlene erzählt habe, war sie ganz still. Sie hat mich mit ihren wasserblauen Augen angesehen, die immer dunkler wurden, je mehr ich erzählte. Diese Stille war mir unerträglich damals. Aber ich konnte ihr ja keinen Vorwurf machen: Schließlich war ich derjenige, der eine zweite Familie im Westen hatte, mit einer anderen Frau und einer anderen Tochter. Sicher, als ich Elisabeth davon erzählt habe, war ich mit Marlene schon nicht mehr zusammen.

So feige war ich auch damals schon. Konnte es ihr erst sagen, als es mit Marlene vorbei war. Vielleicht habe ich ihr damals ihre gesundes, starkes Ich so geschwächt, dass der Krebs eindringen konnte. Ich weiß es nicht. Was ich aber ziemlich genau weiß, ist, dass ich sie sehr verletzt haben muss, weil ich ihr jahrelang etwas vorgespielt hatte. Ich konnte den Schmerz darüber, dass sie mein zweites Ich erst so spät erkannt hat, in ihren Augen sehen. Wir waren zu dem Zeitpunkt immerhin schon fast 20 Jahre ein Paar. Und ein glückliches dazu.

Ich muss ungefähr eine Stunde ohne Unterbrechung geredet haben, bevor Elisabeth mir plötzlich eine Frage stellte, auf die ich nicht gefasst gewesen bin. Sie fragte mich ganz ruhig, ob es die Freiheit im Westen sei, die die Frauen anziehender mache. Darüber hatte ich mir niemals Gedanken gemacht. Schließlich habe ich freiwillig in der DDR gewohnt, ich war und bin ja immer noch Schweizer. Dementsprechend habe ich mich auch nie wirklich unfrei gefühlt. Ich konnte in den Westen reisen, so oft ich wollte, ich durfte hier wie dort Stücke inszenieren und hatte nie das Gefühl habt, dass es mir an etwas mangelte, weil ich in Ost-Berlin lebte. Ich war absolut privilegiert. Und das ist mir zum ersten Mal richtig bewusst geworden, als Elisabeth mir diese Frage gestellt hat, die eigentlich einen ganz anderen Bezug hatte. Ich habe mich geschämt. Ich habe mich so sehr geschämt wie noch nie zuvor in meinem Leben. Weil ich so ein arrogantes, ignorantes A***loch gewesen bin.

Es wird wärmer, Blumen knospen, Bäume schlagen aus

Ich habe mich mit Lisa gestritten. Sie versteht einfach nicht, dass ich mich gerade nicht auf eine feste Sache einlassen will. Wenigstens hat sie jetzt verstanden, dass sie mir nicht mit diesem Peter zu kommen braucht. Trotzdem will sie für mich unbedingt die „Liebe meines Lebens“ finden. Etwas das „für immer hält“. Dabei verhält es sich mit Beziehungen wie mit der Erdumdrehung um die Sonne und das Auf und Ab im Jahreszeitenkarussell.

Jede Beziehung ist ein in sich geschlossener Zyklus, der mit dem Frühling beginnt, dann wird es stetig heller, lichter, schöner und irgendwann kühlt es ab, bis der Winter die einstige Liebe in Frost gepackt hat. Dabei ist der Frühling manchmal nur kurz, der Sommer verregnet oder sehr, sehr lang oder der Winter ist glücklicherweise mild.

Wie Katz und Vogel: Die Liebe lebt von Spannungen.

Wenn man es genau betrachtet, ist es doch tatsächlich so: Erst erfolgt eine Annäherung. Das ist der Frühling, die Erde schiebt einen Teil ihrer Rundung näher und näher in Richtung Sonne. Es wird wärmer, Blumen knospen, Bäume schlagen aus. Die Natur, sie ist im Wachstum begriffen, so ist es mit dem Verliebtsein auch.

Dann kennt man sich immer besser, verliert Scheu und Scham voreinander und aus dem Verliebtsein wird Liebe. Das ist der Sommer. Die Erde hat einen Teil ihres Gesichts direkt zur Sonne gewandt und lächelt. Die Sonne strahlt zurück, man spürt die Nähe, das Glück. Man kann vertrauen, es ist genug Nahrung da und es gibt keinen Grund zur Sorge.

Scheu und Scham kommen wieder zurück, wenn man auseinandergeht. Das ist der Herbst. Da wird es zunehmend kühler, die Blätter der Liebe verfärben sich von rot und gelb zu braun und die einst so innige Zweisamkeit wird welk. Die Liebe fällt zu Boden, die Erde wendet die Augen von der Sonne ab.

Nach einer Trennung entfremdet man sich zunehmend. Das ist der Winter. Da ist die Erde am weitesten entfernt von der Sonne, die Köpfe, einst zugeneigt, blicken in verschiedene Richtungen. Die Liebe ist erstarrt, von einem Eismantel umgeben. Da fragt man sich: Wer war der Mensch, dem ich mein Herz geschenkt hatte? Oder die Liebe ist weich bedeckt, die Erinnerungen liegen unter Reif und Schnee. Dann mag man sich, ist vielleicht befreundet, aber die einst so starke Verbindung ist schwächer geworden.

Die Jahreszeiten sind jedes Jahr anders. Kein Frühling der dem letzten Frühling gleicht, kein Sommer, der so wie der letzte Sommer ist, kein Herbst der gleich bunt, kein Winter der gleich kalt ist. Die Erde dreht sich nicht nur ein einziges Mal um die Sonne. Dieses elliptische aufeinander Zustreben und Auseinandergehen, das sich Annähern und wieder Entfernen, das ist es, warum ich nicht an die „einzig wahre Liebe“ glauben kann. Meine Beziehungen waren auch immer anders. Zum Glück. Sonst wäre mein Leben ziemlich monoton. Auch wenn Lisa das nicht glauben will.

Im Moment des Zusammenkommens beginnt die Trennung

Leur séparation commence dès leur rencontre. Im Moment des Zusammenkommens beginnt die Trennung. Diese senegalesische Weisheit hat Patrice mal zitiert. Ich weiß nicht mehr, wann er mir das gesagt hat, aber ich habe oft an den Spruch denken müssen. Wie wahr er ist, dass merke ich gerade.

Meine Mutter hat heute angerufen. Mein Vater liegt im Krankenhaus. Er hatte einen Zusammenbruch und liegt auf der Intensivstation. Die Ärzte wissen noch nicht, ob es ein Herzinfarkt ist. Oder etwas anderes mit dem Herzen. Oder vielleicht auch etwas ganz anderes. Komisch, dass es meinen Vater getroffen hat. Ihn, der immer sportlich gewesen ist, nie geraucht und nur mäßig getrunken hat. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass er jemals krank gewesen wäre. Noch nicht mal ein Schnupfen oder Kopfschmerzen. Er war immer stark, gesund und voller Tatendrang. Ich kann mir absolut nicht vorstellen, wie er da in einem sterilen Zimmer liegt, einen Tropf im Arm, sein Gesicht weiß wie die Zimmerwand und mit müden Augen. Das ist nicht er.

Für meine Mutter ist es besonders schlimm. Sie hat sehr verzweifelt geklungen am Telefon. Und sie hat geweint. Als sie mir erzählt hat, dass mein Vater im Krankenhaus ist, ist mir etwas eingefallen. Ich glaube fast, dass meine Eltern seit dem Tag, an dem sie zusammen gekommen sind, keinen einzigen Tag getrennt gewesen sind. Und meine Eltern sind über 30 Jahren zusammen. Krass. Und dann habe ich an den Spruch denken müssen, den Patrice mir mal gesagt hat.

In dem Moment, wo Du auf einen Menschen triffst, den Du liebst, in diesem Augenblick ist eigentlich schon klar, dass es irgendwann eine Trennung geben muss. Kein Anfang ohne Ende. Kein Leben ohne Tod. Wir denken natürlich nicht daran. Denn würden wir ständig daran denken, an das schreckliche Gefühl, das man hat, wenn man sich trennt oder getrennt wird. Wir würden ja keine Beziehung mehr eingehen oder Kinder bekommen wollen. Dann würde die Welt sehr einsam werden.

Meine Mutter ist gerade alleine zu Hause. Sie darf nicht bei meinem Vater sein, heute zumindest nicht. Und das bricht ihr das Herz. Alleine sein und einsam sein, dass ist nicht unbedingt dasselbe. Wenn aber das Alleinsein unfreiwillig ist, dann ist die Einsamkeit da. Meine Mutter will auf gar keinen Fall ohne meinen Vater sein. Aber jetzt geht es nicht anders. Und sie fühlt sich furchtbar einsam. Es bricht mir das Herz, wenn ich an meine Mutter denke und fühle, wie sehr sie leidet. Ich sollte nach Frankreich fahren. Morgen.

Lieber ein guter Film pro Woche als Fernsehen jeden Tag

Wenn nach ein paar schönen sonnigen Tagen ein Gewitter angekündigt wird, herrscht Weltuntergangsstimmung. Die Leute auf den Straßen sind dann immer leicht durchgedreht, irgendwie neben sich und manchmal aggressiv. Ich liebe das. Es fühlt sich für mich dann genau so an, als ob ich mich durch einen Film bewege. Fehlt nur noch die leise, gefährlich klingende Musik über der Stadt, die in Filmen dann begleitend eingespielt wird. Aber das lässt sich leicht simulieren: Ich setze einfach meine Kopfhörer auf und höre In The House – In A Heartbeat vom 28 Days Later Soundtrack. Dann bin ich mitten drin im Zombie-Endzeit-Getümmel.

Ich liebe Filme – wer nicht? Aber knallen muss es. Liebeskomödien oder dialogschwere Dramen sind nichts für mich. Ich will mein Herz klopfen hören, die kribbelnde Spannung in meinem Körper spüren, von Kopf bis Fuß elektrisiert sein, wenn ich einen Film sehe. So geht es mir nur, wenn es richtig zur Sache geht. Halt so wie in 28 Days Later.

Lieber ein guter Film pro Woche als Fernsehen jeden Tag. Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Leute den Fernseher nur deshalb sofort anschalten, wenn sie zu Hause sind, weil ihnen eigentlich langweilig ist. Passiv auf einen Bildschirm zu starren, scheint erst einmal von der eigenen Langeweile abzulenken. Obwohl es eigentlich genau anders herum ist: Vor dem Fernseher zu hängen bedeutet meistens, sich der Langeweile hinzugeben.

Leider muss ich mir hier auch viel zu viel Low TV ansehen, da damit ich die deutschen TV-Sendeformate und Fernsehgewohnheiten analysieren kann. In den USA sind das gängige Fernsehprogramm und die üblichen TV-Sehgewohnheiten sogar noch schlimmer. Es ist es ja bezeichnend, dass in Deutschland viele der billig zu produzierenden Sendeformate aus den USA übernommen werden. Keine sehr schmeichelnde Auszeichnung, die mein Heimatland da hat: Mother of Trash TV.

Und diese ganzen Talk- und Reality Shows sind die Spitze der abgestumpften Unterhaltung. Da wird das langweilige Leben der einen künstlich in ein pseudo-aufregendes Leben umgewandelt, um den anderen zu suggerieren, dass das Leben aufregend sein könnte. Nämlich dann, wenn man ein TV-Star wäre. Und es gibt ziemlich viele Menschen, die als Zurschausteller in diesen Shows auftreten wollen. Weil es offensichtlich genug Zuschauer gibt, die ihrem Exhibitionismus huldigen. Das ist es, was wirklich traurig ist: Diese Formate funktionieren nur deswegen so gut, weil es viele Leute gibt, die diese Berieselung suchen.

Bei dem ganzen Gerede über schlechtes Fernsehen, bekomme ich richtig Lust, mal wieder einen guten Action-Klassiker anzusehen. Ich frage Patrice, ob wir nach dem Essen noch Bullitt ansehen wollen. Erst im L’origine du monde schlemmen, dann mit Steve McQueen eine Runde Muscle Car fahren. Und zum Schluss übereinander herfallen. Könnte ein perfekter Abend werden, heute.

Hab sofort an eine Gazelle denken müssen

Man, man, man, ist die süß. Hab es erst gar nicht glauben können, als Lisa die Lady mitgebracht hat. Dass es so eine Frau gibt auf der Welt! Hab sofort an eine Gazelle denken müssen. Und das beste ist: Sie steht auf mich. Hab ich gleich gemerkt. Wie sie mich angesehen hat, den ganzen Abend lang. Also zumindest so lange, wie ich mich erinnern kann.

Die Party war supercool. Hab das Ende zwar nicht mehr parat, aber was soll’s. Hatte meinen Spaß, echt gut war es. Man wird schließlich nur einmal 30. An die 70 Leute da, volles Haus. Getanzt wurde wie wild, was will man mehr. Meine Mitbewohner hab ich gar nicht gesehen, waren wahrscheinlich nicht da. Selbst schuld.

Pia hat am nächsten Morgen ziemlich genervt. Kam einfach in mein Zimmer, ich voll verkatert, Kopfschmerzen vom feinsten. Und dann Pia am meckern, ich soll die Bude gefälligst aufräumen, wäre alles voll dreckig. Haben uns dann erst mal 5 Minuten angeschrieen – also ich weniger, hat noch zu viel geschädelt. Whatever. Habe die Wohnung dann noch drei Stunden geputzt, meine Mitbewohner waren auch da, haben aber keinen Finger gerührt.

Seitdem ist die Stimmung hier noch schlechter. Elli und Pia reden gar nicht mehr mit mir. Ich verstehe echt nicht, warum die so angepisst sind. Hätten ja zu der Party des Jahrhunderts da sein können, waren ja sowieso eingeladen. Hatte ich ihnen vielleicht nicht direkt gesagt, naja, aber war ja eh klar, also für mich schon. Franz ist wenigstens ein bisschen verständnisvoller und wollte auch schlichten, hat aber nicht so richtig geklappt. Hätte vielleicht die Zimmer der drei abschliessen sollen, als die Party losging. Naja, gibt eigentlich keine Schlüssel hier …

Also, was soll’s. Ich will die unbedingt wiedersehen. Ist echt lange her, dass mich eine Frau so umgehauen hat. Hab Sevtap schon über Facebook* kontaktiert, aber sie hat mir noch nicht geantwortet. Ist vielleicht keine Heavy Userin, soll es ja auch noch geben. Ich könnte gar nicht mehr ohne. Naja, ich brauch das ja auch beruflich. Die Plattensache läuft ganz gut mit Werbung über Facebook* und Twitter**, ist auch einfacher auf dem Laufenden zu halten als eine eigene Website und irgendwie sozialer. Heißt ja auch nicht umsonst Social Media, haha. Sollten wir auch endlich für unsere Band machen, so eine Gesichtsbuch-Seite. Ach je, die Band. Wie viel Uhr ist es? Ich bin zu spät. Die Probe hat schon angefangen, Mist. Vincent hätte mir ja auch mal eine SMS schreiben oder anrufen können. Muss los.

* 2012 war man noch auf Facebook und Twitter unterwegs.

** X hieß damals Twitter und die Posts durften nicht länger als 40 Zeichen lang sein. Das waren noch andere Zeiten :D

Meine Wahrnehmung der Dinge ist nicht deine Wahrnehmung der Dinge

Wie der mich nervt. Spricht zu laut und muss sich ständig durch seine fettigen Haare streichen. Und dann noch dieses überzogene Popstar-Gehabe. Und wenn Lisa nicht endlich aufhört, mir diesen Peter einreden zu wollen, muss ich mal ein ernstes Wort mit ihr reden. Lisa will mir sowieso ständig irgend einen Typen ans Herz legen. In ihren Augen scheine ich es dringend nötig zu haben, endlich in festen Händen zu sein. Dabei will ich gar nicht. Ich bin glücklich als Single. Ich geniesse meine Freiheit zu tun und zu lassen, was ich will. Für Lisa offensichtlich unvorstellbar, dass ich nicht so scharf darauf bin, unter der Haube zu sein. Sie hat mir ja erst vor kurzem gesagt, ich sei wie diese Frau, die ihr Fabian in dieser Bar trifft.

Lisa und Fabian. Lisa und Kästner. Wahrscheinlich eine Verbindung bis ans Ende aller Tage. Das klappt gut, ist ja auch risikoarm. Da die Kommunikation nur in eine Richtung verläuft (Kästner schreibt, Lisa liest), kann es keine Konflikte geben. Was die lebenslange Beziehung erheblich vereinfacht. Aber irgendwie schon rührend, ihre Leidenschaft für diesen Schriftsteller.

Bei Lisa und Vincent ist es anders. Sie streiten sich oft. Was in der Natur des Gegensätzlichen liegt. Die beiden sind wie zwei Pole, die die sich anziehen und dabei gleichzeitig abstossen: Lisa neigt dazu, Dinge zu dramatisieren, Vincent hingegen sieht die Dinge entspannt und beschwichtigt gerne. Meine Freundin geht die Dinge gerne so an, wie sie sie geplant hat, Vincent jedoch ist eher spontan und lässt die Dinge auf sich zukommen.

Die Dinge. Wenn ich darüber nachdenke, ist es vielleicht die Sicht auf die Dinge, die uns unterscheidet, die dazu führt, dass es so viele Auseinandersetzungen gibt – in Beziehungen oder zwischen ganzen Bevölkerungsgruppen. Meine Wahrnehmung der Dinge ist nicht deine Wahrnehmung der Dinge ist nicht eure Wahrnehmung der Dinge usw. Was ich sagen will: Kein Wunder, dass wir uns ständig in die Haare kriegen, sehen wir die Welt doch mit mindestens 14 Milliarden verschiedenen Augen. Natürlich hilft Sprache, sich über gewisse Wahrnehmungen, Einstellungen oder Erfahrungen zu verständigen. Wir sind schließlich sozial und wollen die Welt nicht nur über unser eigenes geschlossenes System erfahren – wir wollen uns darüber auch mit anderen austauschen. Nur, dass der Austausch bzw. die Kommunikation mit einem nicht zu unterschätzenden Konfliktrisiko behaftet ist. Weil wir das, was der andere sagt, immer auch bewerten. Und die Bewertung erfolgt anhand meiner individuellen Sichtweise. Insofern sind wir alle tatsächlich einzigartig: Die Gesamtheit meiner, deiner, eurer Sichtweisen, also die individuelle Kombination derselben, ist einzigartig und kann in Gänze mit niemandem komplett harmonisch geteilt werden.

Ein guter Denkansatz! Noch nicht ausgereift, aber ein Anfang. Ich glaube, ich habe gerade den Grundstein für meine Masterarbeit gelegt. Muss mal mit Lisa sprechen. Vielleicht können wir eine gemeinsame Idee für die Arbeit entwickeln.

War also alles schon mal da vor gut einem Jahrhundert

Fahrradfahrer, die telefonieren, während sie Fahrrad fahren, sind einfach superdämlich. Gestern wäre ich fast in eine Tante reingefahren, die gefährlich auf der Straße herum schlingerte, während sie lauthals in ihr Handy brüllte. Insofern fühle ich mich wieder bestätigt: Mobiltelefone sind schrecklich praktisch. Und vor allem schrecklich.

Als ich klein war, habe ich von Kästner Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee gelesen. Da gibt es eine Szene, in der die Leute mit einen Hörer in der Hand telefonieren, während sie auf der Straße herumspazieren. Und die dabei immer schrecklich beschäftigt und hektisch sind (oder so tun). Das Buch wurde 1932 zum ersten Mal veröffentlicht! Welch eine Weitsicht! Überhaupt, der Kästner. Der beschreibt die Welt damals schon, wie sie heute ist. Vielleicht weil sie früher auch schon so war. Oder weil sie sich heute wiederholt?

Weil sie so heute sind, kann ich die Bücher von Kästner wieder und wieder lesen. Nicht nur die Kinderbücher. Auch die für die großen Leute. Zum Beispiel Fabian. In der Geschichte eines Moralisten betrachtet eben dieser – also Fabian – das Berlin in den wilden Zwanziger Jahren an der Schwelle zur Wirtschaftskrise. Das klingt dann so, als sei die Stadt ein einziger Rummelplatz. Hell erleuchtet in knallbunten Farben sind Straßen und Häuser, es herrscht Jubel, Trubel, Heiterkeit. Aber eigentlich geht es nur ums Geschäft. Was zunächst wie ein Geldregen anmutet und Fabian an das Grimmsche Märchen Die Sterntaler denken lässt, stellt sich als plumper Werbegag heraus. Pikante Ironie dabei: Es handelt sich um eine Reklame für ein erotisches Etablissement.

Ist ja heute noch immer so. Berlin ist eine große Amüsiermeile, eine riesige und ständige Werbeveranstaltung. Und natürlich „arm aber sexy“.* War also alles schon mal da vor gut einem Jahrhundert. (Ich hab das Gefühl mich zu wiederholen – hab ich das nicht schon mal gesagt?) Und dazu fühle ich mich manchmal selbst wie Fabian: Ich gehe gerne raus und aus hier. Beobachte die Menschen und Zustände. Und bin genauso eine verzweifelte Zweiflerin.

Früher nicht anders als heute: Berlin ist verrückt nach Amusement.

Ich muss Papa jetzt wirklich mal fragen, wie Berlin in seiner jungen Zeit gewesen ist. Das muss ja eine andere Episode gewesen sein als zu Kästners Zeiten oder heute. Da war nicht nur die Stadt geteilt, auch die Geschichten der Berliner. Glaube ich. Oder nicht?

Apropos Amüsieren: Vor ein paar Tagen habe ich Sevtap mit zu der Geburtstagsfeier von Peter genommen. Das war ein Spaß. Peter sind fast die Augen aus dem Kopf gefallen. Er ist offensichtlich voll verschossen. Hätte ich gar nicht erwartet, dass Sevtap ihn so fasziniert. Sie sind ja grundverschieden die Beiden.

* Die Sterntaler ist eines meiner Lieblingsmärchen. Auch oder gerade weil das Ende so traurig ist. Das Mädchen gibt alles und stirbt zum Schluss. Aus religiöser Sicht mag die Erlösung golden sein – aus weltlicher Sicht ist es eher ernüchternd, so zu sterben. Oder mit Berlin gesagt: Mehr arm, weniger sexy.

Sie hat mein Leben wieder zum Blühen gebracht

Diese Frau ist wie eine saftige Tarte Normande, sie duftet nach Äpfeln, schmeckt nach Zimt, Zucker und Butter, ihre Haut ist knusprig wie der Tortenboden und ihre Brüste zart wie das Fruchtfleisch. Sie inspiriert mich zu neuen Rezepten, ich könnte von morgens bis abends einfach nur kochen, wenn sie nur daneben sitzt und mit ihr essen, sie lieben und dann wieder kochen, mit ihr essen, sie lieben…

Gut für Gaumen und Inspiration: die Liebe.

Emma scheint mir nicht gerade glücklich darüber zu sein, dass Jenna und ich zueinander gefunden haben. Ich kann gut verstehen, dass sie tief gekränkt ist. Es wäre sicherlich klüger und einfühlsamer gewesen, ihr zu erzählen, dass wir zusammen sind. Sie versucht sich nichts anmerken zu lassen, aber ich kenne meine Schwester zu gut. Ich weiß, dass sie sich alleine gelassen, vielleicht sogar einsam fühlt. In meiner Heimat sagt man „Pauvre est celui qui est seul.“ Wie wahr es ist: Auch wenn die Einsamkeit nur ein Gefühl ist, sie ist da und real für den, der sie spürt.

Ich weiß, wie es ist, sich allein gelassen zu fühlen. Ich war lange Zeit ganz allein auf dieser Welt. Als Emma und ich uns kennen gelernt haben, habe ich gedacht, dass ich der einsamste Junge auf dieser Welt bin. Und dann war Emma plötzlich da und ich war nicht mehr einsam. Gleich als ich sie gesehen habe, wußte ich, dass sie meine Schwester ist. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich einen anderen Menschen getroffen, der mich, mein Innerstes sofort erkennt – obwohl Emma in Deutschland geboren und aufgewachsen ist und ich aus dem Senegal kam, wir damals kaum die gleiche Sprache gesprochen haben und unsere Biographien unterschiedlicher nicht hätten sein können.

Umgekehrt ging es ihr ganz genauso. Es ist mehr als ein großes Glück, dass ich Emma getroffen habe, als ich nach Deutschland kam. Sie hat mein Leben wieder zum Blühen gebracht. Und ich habe ihr das Lachen und die Freude zurück gegeben. Sie hat mir damals alles erzählt, diese widerliche Grausamkeit, die ihr als kleines Mädchen angetan worden ist. Ich bin immer noch der Einzige, dem sie sich anvertraut hat (wenn man mal von dem Therapeuten absieht). Diese Geschichte hat sie zu einer sehr empfindsamen wie auch empfindlichen Frau gemacht. Meine Beziehung zu Emma ist es etwas ganz besonderes und wird es auch immer bleiben. So etwas passiert dir, wenn überhaupt, nur einmal im Leben. Und ich hoffe sehr, dass sie dieses Band immer noch spürt.

Mit den anderen in meiner zweiten Familie ist es anders. Sie sind mir nah, aber sind nicht aus demselben Holz wie Emma und ich geschnitzt. Lisa ist meine kleine Schwester, Hans mein Vater. Und Elisabeth war eine liebende Mutter für mich, ich vermisse sie immer noch so sehr wie ich meine Familie im Senegal vermisse. Auch wenn ich mich an die Zusammensetzung der Familie erst gewöhnen musste. Man sagt hier wohl Patchwork-Familie dazu. Ein dämlicher Begriff ist das. Als wäre eine Familie ein großer Flickenteppich und wir alle ein Fetzen Stoff, der die Familie zusammenhält. Und jetzt noch Jenna, diese wunderbare Frau. Noch mehr Patchwork, wenn man es genau nimmt. Also wenn wir alle Fetzen wären.