Manchmal geht mir diese Stadt einfach auf die Nerven. Es ist laut, dreckig, voller Autos. Alles muss immer cool sein, dabei ist es nichts als eine Ansammlung von Menschen und Fahrzeugen aller Art. Wirklich schön ist Berlin auch nicht. Außerdem bereitet mir diese ständige Schwüle im Sommer Kopfschmerzen. Kann es nicht einfach mal ein paar Tage am Stück einfach nur angenehm warm und trocken sein? Und dann ist plötzlich Herbst. Ach, ich bin unleidlich. Nichts ist gerade so, wie es mir gefällt. Aber wie es anders besser sein könnte, weiß ich ja auch nicht. Kompliziert das alles.
Ich bin hier geboren und trotzdem gibt es immer wieder diese Momente, in denen ich am liebsten weg möchte von hier. Vielleicht liegt es nicht an der Stadt, ich bin ja woanders auch ich und dort gefällt es mir vielleicht auch nicht.
Auf der anderen Seite ist es schon spannend hier zu sein, mittendrin. Und zu sehen, dass Berlin ist was Berlin schon immer war. Also zumindest in den letzten 100 Jahren. Anfang August war ich mit Vincent im Freiluftkino Central in den Hackeschen Höfen. Da gab es diesen tollen Stummfilm Berlin – Die Sinfonie der Großstadt von Walther Ruttmann zu sehen. Mit Live-Elektro-Musik von Tronthaim. Die Stimmung war fantastisch. Die Stadt war architektonisch natürlich anders, weil vor dem zweiten Weltkrieg. Trotz tonlosem schwarz-weiß Films war es irgendwie doch auch das Berlin von heute. Der typische Charakterzug von Großstädten kommt durch die fahrige Art des Stummfilms noch stärker zur Geltung: Die allgemein hektische Grundstimmung. Alles muss schnell, schneller, am schnellsten gehen.






Ich mag Geschichten aus Berlin, die Anfang bis Mitte des letzten Jahrhunderts spielen. Geschichten, wie Kästner sie schrieb. Ich liebe die Romane von Erich Kästner so sehr, weil sie Berlin zeigen, wie ist war und wie es noch heute ist. Das Berlin von Fabian. Oder das Berlin von Emil und seinen Detektiven. Das Buch habe ich als kleines Mädchen bestimmt 20 Mal gelesen.
Besonders schön ist die Stelle, als Emil Herrn Grundeis im Zug trifft und dieser dubiose Herr Emil von Berlin erzählt: Emil kennt Berlin noch nicht und ist wahrlich erstaunt darüber, dass es dort Häuser geben soll, die gut 100 Stockwerke hoch sind und die man am Himmel festbinden muss, weil sie sonst vom Wind weggeweht werden. Das erinnert mich eher an Hong Kong oder New York – aber Wolkenkratzer scheinen generell ein Symbol für Großstädte zu sein. Immerhin gibt es in Berlin heute ja auch den Versuch moderne, hochgewachsene Gebäude am Potsdamer Platz zu etablieren.
Über die Leute, die in Berlin leben, weiß Herr Grundeis Urkomisches zu berichten: So lassen sich einige, die es besonders eilig haben, per Rohrpost verschicken. Städter, die unter chronischer Geldnot leiden, verpfänden laut Grundeis ihr Gehirn auf der Bank. Was uns Kästner damit sagen will, ist wohl glasklar. Schon damals waren die Banken nicht gerade die Heilsarmee …
Ob es damals auch schon überall Glasscherben gegeben hat? Ich kenne keine andere Stadt, in der die Menschen ihre Glasflaschen so achtlos in der Gegend herumwerfen, dass es knirscht beim Gehen. Also fast. Auf jeden Fall macht mir Fahrradfahren schon lange keinen Spaß mehr. Es nervt, wenn man alle zwei Wochen den Schlauch flicken muss. Oder gleich ganz wechseln. Für die Fahrradläden dieser Stadt auf jeden Fall ein gutes Geschäft.
Ich glaube, ich muss Papa mal fragen, wie das vor 40 Jahren hier war. Er war ja im Westen und im Osten. Ich habe ihn eigentlich noch nie so richtig danach gefragt. Nach seiner Geschichte, wie er nach Berlin gekommen ist und so. Von sich aus erzählt er nicht viel. Ist wahrscheinlich auch kein Wunder. Ich habe Elisabeth ja auch erst 1996 kennengelernt. Da war er mit Mama schon nicht mehr zusammen. Immerhin habe ich mit Emma und Patrice zwei famose Geschwister bekommen. Schade, dass wir uns erst Mitte der 90er Jahre getroffen haben. Ich habe mich früher oft einsam gefühlt. Vielleicht rührt meine melancholische Ader auch daher. Wenn du mit dir selbst die Dinge ausmachst, kommen schnell Zweifel auf.