Manchmal ist es echt anstrengend mit meiner großen Schwester. Ich habe seit langem mal wieder einen Freitagabend frei und dann so was. Erst freut sie sich wie ein kleines Mädchen, als ich ihr eine Bar vorschlage, die sie nicht kennt. Kaum sind wir da, zieht sie eine Schnute und schaut gelangweilt drein. Dann fragt sie mich alle paar Minuten nach der Uhrzeit und scheint verwundert, dass ich genervt bin. Ein Gespräch kommt auch nicht in den Gang, sie will ja nicht reden, sondern ihre “ach ist das alles öde” Show abziehen. Wenn ich ihr dann durch die Blume zu verstehen gebe, dass sie mir mit ihrem Getue “die Suppe versalzen hat”, tut sie so, als verstehe sie nicht. Es ist wirklich selten, dass Emma und ich uns so gar nichts zu sagen haben. Normalerweise haben wir immer Spaß, aber heute Abend klappt es nicht mit uns.
Dann steht plötzlich dieses Mädchen neben mir. Ziemlich hübsch, aber auch ziemlich betrunken, lächelt mich an. Ich lächele zurück, bin halt ein freundlicher Mensch, aber wirklich interessieren tut sie mich nicht, die Kleine. Ist mir viel zu jung. Außerdem habe ich gerade gar keine Augen für andere Frauen. Jenna hat mir ziemlich den Kopf verdreht. Seitdem fallen mir ständig neue Rezeptideen ein. Liebe geht durch den Magen – so sagt man doch? Der Spruch könnte auch von mir sein …
Hab mich aber noch nicht getraut, Emma davon zu erzählen. Jenna ist ja eine gute Freundin von ihr, und es kommt mir ein wenig komisch vor, dass ich mich ausgerechnet in sie verknalle. Fühlt sich fast wie Inzest an, ich kenne sie ja auch schon länger, und wir sind Freunde. Aber da war dieser Tag vor ein paar Wochen.
Wir alle am See, Emma, Jenna, Josh und ich, ist mal richtig heiß an diesem Tag und keine Wolke zu sehen. Die Sommer hier sind wirklich verregnet. Aber ich mag das. Die Stadt ertrinkt im Grün, und es ist wie in einem Aquarium hier, so nass ist die Luft. Lisa klagt oft über Kopfschmerzen, aber ich sage ihr immer wieder, dass das viel besser ist, als diese unerträgliche Hitze, die alles trocken legt. Ich kann Hitze nicht ausstehen und das einzige Nasse an diesem Tag ist der See. Der Himmel ist fast so weiß wie in meiner Heimat. Aber der Wald um den See kühlt die flirrend heiße Sommerluft herrlich ab, und wir genießen eine doppelte Erfrischung.

Wir liegen also im Schatten der Uferbäume am Liepnitzsee herum, es ist ziemlich still, wir lesen, hängen unseren Gedanken nach und ab und zu tauchen wir in das schöne klare Wasser des Sees ein. Irgendwann schaue ich auf und sehe die Silhouette von Jenna, wie sie ins Wasser watet, rechts von ihr Schilf, ihr Profil, die Sonne beleuchtet ihre Nase, sie lacht, lacht mich an. Und in diesem Moment ist es um mich geschehen. Dieses perlende Lachen. Diese Nase. Warum habe ich das erst jetzt bemerkt?